Spätaffäre - Archiv

Für Sinn und Verstand

95 Presseschau-Absätze - Seite 9 von 10

Spätaffäre vom 10.02.2014 - Für Sinn und Verstand

Dina Mohammad (Pseudonym) erzählt im New Humanist, warum es ihr so schwer fiel, den Islam zu verlassen, nachdem sie den Glauben verloren hatte: "Ich gehörte nicht zur Kultur meiner Eltern, und ich schien nicht in das Mainstream-Amerika zu passen. Aber zum Islam schien ich ganz und gar zu gehören. Min zunehmenden Alter fand ich meine Stimme, ich lernte den muslimischen Feminismus kennen, der gegen Frauenfeindlichkeit im Islam kämpft. Eine gläubige Muslimin in Amerika zu sein, war vor allem nach dem 11. September die einzige Identität, die ich kannte, auch wenn Meditation und Gebet nie wichtig für mich waren. Bei der Vorstellung, diese Identität aufzugeben, fühlte ich mich nackt und verloren. Ich wusste nicht, wer ich ohne diese Identität sein würde."

In The New Republic stellt Jonathan Galassi Lucy Hughes-Halletts Biografie des italienischen Dichters Gabriele D'Annunzio vor. Im großen und ganzen, meint er, schließt sie sich dem Urteil von Henry James an, der 1902 schrieb, dass "D'Annunzios Forderung nach 'Schönheit um jeden Preis, Schönheit, die den Verstand und die Sinne gleichermaßen anspricht" geschmacklos und enervierend sei - wie so viele mediterane Produkte: 'eine sonderbare, geschmacksintensive Frucht aus Übersee ... nicht wirklich zu uns passend.' ... D'Annunzio predigte in seiner Literatur, was er lebte. Wie James an anderer Stelle beobachtete: 'Obwohl sein Werk nichts als literarisch ist, kann man nie erkennen, wo die Literatur oder das Leben beginnen oder enden.' Er benutzte häufig Briefe an seine Geliebten mit detaillierten Beschreibungen ihrer intimen Begegnungen als Erinnerungshilfe für die Komposition seiner Liebesszenen: 'Pentella [sein Kosename für die Vagina einer Geliebten] war nie so weich und heiß und samten wie während der vier Orgasmen vor dem Mittagessen Samstags', schrieb er einer seiner wechselnden Partnerinnen in seinen späten Jahren."

Spätaffäre vom 07.02.2014 - Für Sinn und Verstand

In The New Republic nimmt Philip Kennicott den britischen Komponisten Benjamin Britten aufs Korn. Liest man den Text zu Ende, stellt man fest, dass er durchaus einiges Schätzenswerte und sogar "Dorniges" in seiner Musik findet. Aber der Mittelteil über diese "Genie aus der Mittelklasse", das in seinen jungen Jahren Rachmaninows Musik als sentimentalen "Papp" verabscheute und Berg und Schönberg verehrte, ist ein Schlachtfest: "Egal, was der junge Komponist über sentimentalen 'Papp' sagte, Britten schwelgte darin, wie die meisten Menschen in Braten und Schnaps. Und er ist nie so genial wie bei den raren Gelegenheiten, - 'Albert Hering' zum Beispiel - wo er sich einen zweiten Martini genehmigte."

Wes Anderson, dessen neuer Film "Grand Budapest Hotel" gestern die Berlinale eröffnete, erzählt in einem sehr amüsanten Gespräch mit Sven Michaelsen im SZ-Magazin von seinen persönlichen Vorlieben, Abneigungen und Erfahrungen mit Hotels: "Ich habe in Japan mal in einem Ryokan übernachtet. Zur Tradition dieser Gasthäuser gehört es, dass der Gast am späten Nachmittag eincheckt, ein ausführliches Bad nimmt und dann ein Abendessen mit vielen Gängen serviert bekommt. Bedauerlicherweise wusste ich von alldem nichts. Als wir abends um halb elf ankamen, hatten die Angestellten seit Stunden auf uns gewartet. Wir konnten also unmöglich Nein sagen. Was normalerweise dreieinhalb Stunden dauert, absolvierten wir in fünfundvierzig Minuten."

Spätaffäre vom 06.02.2014 - Für Sinn und Verstand

Als die "verborgenen Schätze der größten Kloake des Internets" beschreibt Mark Slutsky in Buzzfeed die raren Kommentare unter Youtube-Clips, die in wenigen Worten bewegende Geschichten erzählen. "Wenn man sich tief in die Kommentare, vor allem denen zu Popsongs, eingräbt, stellt man fest, dass unter all den Hasstiraden, schlecht formulierten Beleidigungen und Obama-Verschwörungen zahllose Goldklumpen tiefster Menschlichkeit verborgen liegen. Man findet Geschichten von Liebe und Verlust, perfekt kristallisierte Momente von Nostalgie und saudade (ein portugiesisches Wort, das die unaussprechliche Sehnsucht nach etwas Vergangenem beschreibt). Ein Endlager für Erinnerungen, Geschichten und Träume, eine zufällige mündliche Überlieferung des amerikanischen Lebens der letzten fünfzig Jahre, geschrieben von den täglichen Millionen von Besuchern der Seite." Slutsky hat dem Phänomen mittlerweile ein Blog gewidmet, in dem er seine Entdeckungen dokumentiert.

"Deutschland braucht die Filmförderung", so viel steht für Knut Boeser, Geschäftsführender Vorstand im Verband Deutscher Drehbuchautoren, fest. Dass es allerdings reichlich Raum für Verbesserungen gäbe, macht er in einem engagierten Beitrag im Cicero deutlich. Darin rechnet er beispielsweise vor, dass man für die Rettungssumme der keineswegs systemrelevanten Hypo Real Estate "Filme für die nächsten 440 Jahre" hätte finanzieren können. "Was folgt aus alledem? Ihr, die ihr das Geld verwaltet und verteilt, legt die Gießkanne weg und lasst die wenigen wirklich Kreativen, die Autoren und Regisseure, die Produzenten und Schauspieler, die das Handwerk verstehen, ihre Geschichten erzählen, hindert sie nicht, bevormundet sie nicht, gebt ihnen Raum, mischt euch in die kreativen Prozesse nur maieutisch ein - so wie die Hebamme der Mutter hilft, ihr Kind zur Welt zu bringen. Keine Hebamme glaubt, es sei ihr Kind, das sie da zur Welt gebracht hat. Aber ohne sie, das weiß sie und daraus schöpft sie zu Recht ihr Selbstbewusstsein, würden viele Kinder nicht auf die Welt kommen. Probieren wir es doch aus: Lasst die Kreativen machen. Es kann nur besser werden."

Spätaffäre vom 05.02.2014 - Für Sinn und Verstand

(via Dietrich Brüggemann) Seit Jahren besteht weitgehend Einigkeit, dass in Fernsehserien aus den USA, aus England, Skandinavien und Frankreich eine Qualität und Komplexität zu finden ist, von der das deutsche Fernsehpublikum nur träumen kann. Warum das so ist und sich auch nicht ändern wird, erörtert ein anonymer Autor aus der Fernsehbranche in der fundierten Studie "Die ausbleibende Revolution", die der Regisseur Dietrich Brüggemann auf seinem Blog zur Diskussion stellt: "Nicht nur sind die Öffentlich-Rechtlichen nicht in der Lage, qualitativ hochwertige Serien zu drehen, sie haben der deutschen Fernsehkultur auch mit den teilweise erbärmlichen Versuchen, Qualitätsware aus den USA an das deutschen Publikum heranzuführen, einen echten Bärendienst erwiesen... Die Generation unter 35 und die höheren Bildungsschichten haben sich vom Fernsehen als Medium schon so weitgehend verabschiedet (die neue Quotenauswertung in Milieus zeigt praktisch alle deutschen Programme im 'linken unteren Eck', wo sich relativ geringes Einkommen und relativ geringer Bildungsstand treffen), daß selbst eine öffentliche Empörung über das schlechte Programm nicht mehr den Ärger wert scheint." (32 Seiten.)

Die Ärztin und Menschenrechtlerin Annie Sparrow berichtet in der New York Review of Books mit Entsetzen, dass sich in Syrien wieder die Kinderlähmung ausbreitet: "Seit Mai haben syrische Ärzte und internationale Gesundheitsorganisationen mehr als 90 Polio-Fälle in sieben von vierzehn Verwaltungsbezirken festgestellt, in Deir Ezzor, Aleppo, Idlib, Hama, Damaskus, al-Hasakeh und Ar-Raqqa. Mit einem durchschnittlichen Alter von unter zwei sind - oder waren - die meisten Opfer buchstäblich Krabbelkinder. Nur wenige wurden geimpft. Kein Kind bekam eine Behandlung, um zu verhindern, dass die Lähmung eine permanente wird. Alle stammen aus Gegenden, die lange in Opposition zum Assad-Regime standen, was die politische Dimension des Ausbruchs widerspiegelt. In dem von der Regierung kontrollierten Gebiet ist kein einziger Fall aufgetreten." Und falls neunzig nicht viel erscheinen, erklärt Sparrow: "Auf jedes verkrüppelte Kind kommen eintausend Infizierte. Polio ist so ansteckend, dass jeder einzelne Fall als Katastrophenfall betrachtet wird. Neunzig Fälle könnten 90.000 Infizierte bedeuten, jeder von ihnen ein Träger, der die Krankheit weiter ausbreitet."

Außerdem erinnert Avishai Margalit in einem Nachruf in der NY Review an Ariel Sharon, seinen "dunklen Charme", seine Verachtung für Araber und seinen Abscheu gegenüber abstraktem Denken.

Spätaffäre vom 04.02.2014 - Für Sinn und Verstand

Der politische Kolumnist Ezra Klein pusht den Online-Journalismus weiter in neue Sphären. Als Klein 2007 zur Washington Post kam, startete die Zeitung online richtig durch. Mit dem Claim "Daten und Analysen statt Meinung" wurde Kleins Wonkblog ("Streberblog") zum meistgelesenen Angebot der Netzausgabe. Jetzt verlässt Klein das Blatt (angeblich, weil Jeff Bezos seine Expansionspläne nicht gefielen) und visiert in Zusammenarbeit mit Vox Media Neues an, Enzyklopädie und Nachrichtenseite in einem. Benjamin Wallace erklärt im New York Magazine Kleins Konzept politischer Berichterstattung aus dem Geist der Frustration über den dauernden Aktualitätswahn: "Weil die Medien stets dem Neuen hinterherhecheln, kann es passieren, dass ein Bericht über die jüngsten Entwicklungen in Syrien den wichtigsten Umstand für das Verständnis der Sachlage gar nicht erwähnt: die historische Feindschaft zwischen Alawiten und Sunniten. Stattdessen wird davon ausgegangen, dass der Leser die relevanten Kontextinformationen parat hat … Klein geht es um den Umgang mit notorischen Inhalten, die das ausdrücklich Neue mit Sinn versehen. Das Netz hat für ihn dieses Potenzial. Die traditionellen Medien nutzen zwar das Tempo des Internets, aber nicht seine Langlebigkeit … Auch der digitale Journalismus unterscheidet zwischen 'Bestandsinhalten' und 'beweglichem Content'. Klein möchte das ändern, indem er etwa sehr kurze Meldungen an Hintergrundartikel anbindet, die ständig auf den neuesten Stand gebracht werden. Ein bisschen wie professionelle Wikis."

Dieter Lamping ist der wohl beste Alfred Andersch-Kenner. Hier seine Würdigung des Autors aus Anlass seines heutigen 100. Geburtstags auf literaturkritik.de. Der Text basiert auf der Einleitung zu seiner Andersch-Ausgabe und benennt gleich eines der Hauptprobleme mit dem Autor: "Dezidiert politische Autoren können nicht unbedingt ein gerechtes literarisches Urteil erwarten. Meist begegnen sie entweder begeisterter Zustimmung oder erbitterter Ablehnung - und fast immer aufgrund ihrer Meinungen, seltener aufgrund ihrer Kunst. Das gilt auch für Andersch, der sich selbst gern als Dissidenten sah."

Spätaffäre vom 03.02.2014 - Für Sinn und Verstand

Deutsche Zeitungen sollten ihre Übersetzer mobilisieren! Slavenka Drakulic hat für Eurozine einen großartigen Essay über ein überraschendes Thema geschrieben: Warum gibt es eigentlich so wenige Bücher von Schriftstellerinnen, die sich mit dem Thema des eigenen Alterns befassen? Von männlichen Autoren wie Philip Roth oder J.M. Coetzee findet sie solche Bücher, aber dort geht es neben dem Thema des Verfalls auch stets um Sex. Autorinnen dagegen scheinen das Thema ängstlich zu meiden. Am Ende erinnert sich Drakulic an Susan Sontags berühmten Essay "Krankheit als Metapher" und findet keine Antwort, aber eine Erklärung für ihr Problem: "Die moderne Gesellschaft ist beherrscht von der Vorstellung, das die Leute für ihr eigene Gesundheit und die Dauer ihres Lebens verantwortlich seien, obwohl die Realität dieser Idee kaum entspricht. Da ist es ein wesentlich eleganterer Weg, mit Tod und Sterben zurechtzukommen, indem man über eine neue Krankheit schreibt - vor allem in einer Kultur, die nach Susan Sontag den Tod als ein 'beleidigend sinnloses' Ereignis ansieht." Und welche Krankheit findet Drakulic nach intensiven Recherchen bei Amazon? "Alzheimer ist die neue Krankheit, die alle Anforderungen erfüllt, eine Metapher zu sein."

Der irisch-britische Dichter Nick Laird spricht im Interview mit Guernica über seinen neuen Gedichtband "Go Giants" und die Frage, welche Rolle Humor, Politik und Zorn in seinen Gedichten spielen: "Ich bin immer noch wütend über Nordirland. Ich bin wütend über das, was dort geschah und immer noch geschieht. Wütend darüber, dass Freunde getötet wurden und über diesen langwierigen Prozess, der uns viel eher größeren Frieden hätte bringen sollen. Die Menschen in Nordirland wurden von vielen Seiten im Stich gelassen und natürlich haben wir uns auch selbst im Stich gelassen. In meinen Gedichten versuche ich diese Wut - und die Trauer und die Hoffnung - auszudrücken. Ich glaube jedes Schreiben ist ein Versuch, den herrschenden Konsens zu verkomplizieren und zu untergraben. Schreiben personalisiert Statistiken. Es gibt einer Nummer einen Namen und ein Gesicht. In diesem Sinne ist es immer politisch."

Spätaffäre vom 31.01.2014 - Für Sinn und Verstand

Muss man heute noch Johann Georg Hamann lesen? Sarah Schuster versucht auf faust-kultur eine Antwort. Sie verweist auf die grundlegenden Forschungen des dänischen Germanisten Sven-Aage Jørgensen, die auf Deutsch in dem Band "Querdenker der Aufklärung - Studien zu Johann Georg Hamann" vorliegen: "Der Kern, der dem Denken Johann Georg Hamanns zugrunde liegt und in Hamanns Schriften seine Fruchtbarkeit offenbart, ist die Liebe, und zwar die Liebe zu Gottes Schöpfung. Diese Liebe ist sowohl eine Liebe zum Wort Gottes als auch eine Liebe zu Gott als Wort, denn das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort (Joh. 1,1). Sie ist als philia zum logos oder in Friedrich Schlegels Worten als logischer Affekt (Athenäums-Fragment 404) Philologie in ihrer ursprünglichsten Bedeutung." Nett gemeint ist das nicht unbedingt, wie aus Schusters letztem Satz hervorgeht: "Im Gegensatz zum grausamen Weib Jael, die um der Grausamkeit willen freundlich ist, spricht Johann Georg Hamann um der Freundschaft willen eine mörderische Sprache."

Stefan Niggemeier beleuchtet im SZ-Magazin die harten Bedingungen, denen das Live-Publikum von Fernsehshows ausgesetzt ist. Bis spät in die Nacht müssen die Zuschauer - oft ohne Getränke und Toilette - manchmal ausharren: "Bei der RTL-Geburtstagsshow beschließt eine Gruppe, sich das große Finale und damit auch den Stau an der Garderobe zu sparen, und nutzt die letzte Werbepause zur Flucht. So was löst hektische Betriebsamkeit im Studio aus. Leere Reihen gehen gar nicht. Helferinnen weisen die Leute an, die in ihren Reihen sitzen, rüberzurutschen und sich jeweils mittig auf zwei Stühle zu setzen, sodass man die Lücken nicht sieht. Die verbliebenen leeren Plätze füllen sie selbst. Im Fernsehen wird es später fast so aussehen, als gäbe es ganz zum Schluss, zum Gruppenbild mit Thomas Gottschalk und allen Gästen, noch einmal begeisterte Standing Ovations."

In einem Blog des New Yorker lernt Benjamin Moser, der gerade an einer Biografie Susan Sontags arbeitet, von der Bibliothekarin Gloria Gonzalez in Los Angeles, wie man künftig Mails archiviert. Und er stellt fest, dass es nicht nur beim Archivieren einen großen Unterschied gibt zwischen Mails und Briefen, sondern auch beim Lesen: "Eins der faszinierendsten Tools, die Gonzalez anwendet, ist ein Programm namens MUSE, das hilft, email-Datenbanken zu durchsuchen und die Gefühle des Autors mit unheimlicher Akuratesse abzubilden. Man kann Kategorien wie 'medizinisch', 'wütend' und 'Glückwünsche' durchforsten, man kann an einer Grafik ablesen, wie oft Sontag zum Beispiel im Mai 2001 prozentual gesehen glücklich oder traurig oder aufgeregt war. Während ich diese Technik bestaunte, fragte ich mich, wie ich mich fühlen würde, wenn jemand meine Mails durchsuchen und enthüllen würde, dass ich im Durchschnitt 321 bissige Kommentare im Monat abgebe und dass mein wöchentlicher Geilheits-Index von 34,492 Prozent bis 56,297 reicht."

Spätaffäre vom 30.01.2014 - Für Sinn und Verstand

Im soeben erschienenen Merkur präsentiert der Hamburger Jurist Horst Meier eine Pleiten-Pech-und-Pannen-Parade des Verfassungsschutzes und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: "Ein Geheimdienst, der von Anbeginn keine sinnvolle Aufgabe hatte und regelmäßig Skandale hervorbringt, der notorisch die Bürgerrechte sogenannter Extremisten beeinträchtigt und der, wenn es darauf ankommt, als 'Frühwarnsystem' versagt - ein solcher Geheimdienst ist überflüssig."

Online lesen kann man außerdem im aktuellen Merkur Ute Sackofskys Kolumne "Das Märchen vom Untergang der Familie".

Warum werden manche Fotos und Videos im Internet millionenfach angeklickt und weiterverbreitet? Und warum geschieht das so gut wie nie mit Audiodateien? Diesen Fragen geht Stan Alcorn in einem (auch dank zahlreicher Beispiellinks) sehr unterhaltsamen Artikel auf digg.com nach und kommt zu dem Ergebnis, dass die "abgelenkte, ungeduldige Menge" der Netznutzer mit Tondateien nichts Rechtes anzufangen weiß: "Vielleicht optimiert Facebook seine Algorithmen zugunsten von Audio. Vielleicht erschaffen SoundCloud oder PRZ oder Apple eine soziale Alternative zum Podcasting. 'Vielleicht erfindet ja jemand eine App, mit der man Audio sharen kann wie Fotos mit Snapchat', schlägt Seth Lind von der Radiosendung This American Life vor. 'Das wird aber ganz sicher nicht passieren', fügt er schnell hinzu, um sicherzustellen, dass ich verstehe, dass er scherzt. 'Wenn es sich nicht für Pornografie eignet, wird es nie die beliebteste Sache im Netz."

Spätaffäre vom 29.01.2014 - Für Sinn und Verstand

Dune Lawrence blickt für die so empfehlenswerte Bloomberg Businessweek hinter die Kulissen von Tor - jenes Netzwerks zur Verschlüsselung digitaler Kommunikation, das selbst die NSA zu ihrer Verzweiflung nicht knacken kann (man weiß über die Verzweiflung dank einiger von Edgar Snowden geleakter Dokumente): "Das Hauptquartier von Tor belegt einen Raum in einem Heim des Vereins christlicher junger Frauen (YWCA) in Cambridge, Massachusetts. Nachbar ist ein Frauenhaus, das Opfern häuslicher Gewalt hilft. Die 33 'Kernpersonen', die auf der Website von Tor benannt werden, sind neun Vollzeitangestellte. die meisten arbeiten von zu Hause aus mit. Das Projekt lebt zum größten Teil vom Crowdsourcing: Hunderte Freiwilliger auf der ganzen Welt arbeiten an der Verbesserung der Tor-Software und versuchen Zensoren wie jenen aus China stets einen Schritt voraus zu bleiben - China hat enorme Mittel eingesetzt, um Tools gegen Zensur - inklusive Tor - zu bekämpfen."

Südafrika erlebt ein Revival der boeremusiek, einer traditionellen Musikform, die bislang als Schöpfung der weißen Afrikaner galt. Die Musikwissenschaftlerin Willemien Froneman fordert diesen Konsens heraus und beschreibt boeremusiek als eine "Gattung von historisch apolitischem Charakter und ethnisch hybriden Anfängen." In n+1 beleuchtet Trevor Sacks diese Anfänge und findet Fronemans Befund plausibel: "Wenn man ein weißer Farmer in der Kapkolonie des 18. oder 19. Jahrhunderts war und eine Party schmeißen wollte, dann musste man mit großer Wahrscheinlichkeit eine Band aus Sklaven oder Dienern mit eher dunklerer Farbpigmentierung als der eigenen zusammenstellen. Diese Band spielte dann dieselben Walzer und Polkas, nach denen die Leute in Europa verrückt waren, aber sie filterten die Musik mit der Empfindsamkeit der Sklaven, der Khoisan, Indonesier, Inder, Malagasy und vielleicht Xhosa, die sie aufführte und ihre eigene musikalische Tradition und Ästhetik mitbrachten."

Spätaffäre vom 28.01.2014 - Für Sinn und Verstand

Stephen Lee Myers schreibt gerade an einer Putin-Biografie. Wer bei den Olympischen Winterspielen gewinnt, findet er bei seinen Recherchen für das New York Times Magazine in Sotschi heraus. Demnach sind die bisher teuersten Spiele die Ausgeburt sowjetischer Großmannssucht eines gewissen Putin. Ökonomisch stimulierend sei der 51-Milliarden-Wahnsinn (300 neue Straßenkilometer, 24.000 Hotelbetten, die weltgrößte Kunstschneeanlage etc.) bei realistischer Betrachtung nur für Putins Oligarchen. Der Demokrat Boris Nemtsov nennt die Spiele darum ein "Fest der Korruption". Alles, von der Ortswahl bis zur Architektur, sei unter Ausschluss der Öffentlichkeit entschieden worden. Auch das genau Ausmaß der arbeitsrechtlichen und der Umweltvergehen wird wohl unbekannt bleiben, gibt Myers zu verstehen. NGOs, wie der "Environmental Watch on the North Caucasus" werden systematisch in ihrer Arbeit behindert und eingeschüchtert: "Dennoch werden die Spiele wohl ein Erfolg für Putin werden. Außer, der Terror sucht Sotschi heim."

Wer Antworten wie die unten zitierte aushält, der kann auch ein langes Interview lesen, das Steve McQueen für Interview mit Kanye West geführt hat. McQueens Frage: Wie hältst du es mit der visuellen Seite Deiner Kunst? Antwort: "Nun, ich bin ein ausgebildeter bildender Künstler. Seit ich fünf Jahre alt bin, gehe ich auf Kunstschulen. Ich war so etwas wie ein Wunderkind in Chicago. Mit 14 Jahren habe ich landesweite Wettbewerbe mitgemacht. Ich habe drei Stipendien für Kunstschulen gewonnen: in St. Xavier, in der American Academy of Art und im Art Institute of Chicago - schließlich ging ich zur American Academy of Art."

In Eurozine nimmt Jason Wilson das bei den TED Talks vorherrschende unpolitische Denken auseinander, nach dem es für jedes Problem eine Lösung gibt, wenn wir nur den richtigen Algorithmus finden: "Alle teilen eine gemeinsames Narrativ: Ein Problem, das in seiner derzeitigen Form schon seit Urzeiten besteht, wird gelöst, wenn jemand gegen die eigene Intuition und über den eigenen Tellerrand hinaus denkt, oder wenn ein cleverer Computerfreak einen neuen Blick auf die Daten wirft. Als Struktur entfesselt das die politische Fantasie: Dass Individuen komplexe Ereignisse beherrschen und verändern können, ohne sich über Werte und Ressourcen ernsthaft auseinandersetzen zu müssen. Aber wie die meisten Erwachsenen wissen, ist die Welt selten so für den Willen einzelner empfänglich. Historisch gesehen kamen die größten Veränderungen durch gesellschaftliche Bewegungen und ein gemeinsames abgestimmtes Handeln - das heißt auch, durch Konflikte und Verhandlungen."