Am Mittwoch übergibt
Angela Merkel die Regierungsgeschäfte an Olaf Scholz. Was bleibt nach 16 Jahren Kanzlerschaft? Angela Merkel war eine gesamtdeutsche Kanzlerin, gewiss, aber sie hat auch - wie Nina Hagen - den Osten "
gesamtdeutsch emanzipiert", meint in der
SZ Cerstin Gammelin. "Vom Ende her betrachtet, also Dezember 2021, hat sie es mit ihrem Regierungsstil ermöglicht, dass in das wiedervereinigte Land Dinge diffundieren konnten, die einst in der DDR funktioniert hatten. Die Selbstverständlichkeit, dass Frauen arbeiten gehen. Das Feministisch-Selbstbestimmte, ein
modernes Frauenbild. Flächendeckende Angebote an Krippen, Kindergärten, Ganztagsschulen.
Ärztehäuser, die im Osten Polikliniken hießen. Mobile Gemeindeschwestern, die übers Land fahren, wo der Arzt eingespart wurde. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Nur dass das bis heute kaum jemand hören will."
In der
Welt zieht Thomas Schmid Bilanz und ist kritischer: "Das ist vielleicht das größte Manko von Angela Merkels politischem Werk: Sie hat die Deutschen beruhigt, in Sicherheit gewiegt - und vor allem
sehr unterfordert. Das Freiheitspathos, das am Ende der DDR kurz aufbrandete, hat sie nicht in das vereinte Deutschland getragen ... Wollte man böse sein, könnte man sagen, sie hat ihre Deutschen
wie eine Gouvernante behandelt. Man kann es aber auch netter formulieren. Angela Merkel konnte mit ihren Erfahrungen keine allzu große Achtung vor dem Freiheits- und Selbstverwaltungswunsch der Deutschen entwickeln. Daher hat sie sie eher
wie eine Schulklasse durch die Fährnisse einer ins Schwanken geratenen Welt zu führen versucht. Das ist ihr ganz gut gelungen."
Richard Herzinger
fragt sich in seinem Blog, ob sich die Nato der drohenden
russischen Invasion in die Ukraine entschieden genug entgegenstellt. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat zwar betont, dass die Nato die Ukraine unterstüzen werde, jedoch nicht wie ein Mitgliedsstaat. Herzinger dazu: "Diese Einschränkung trifft zwar unzweifelhaft zu, doch müsste die Nato Moskau
umso nachdrücklicher klar machen, dass sie unterhalb dieser Schwelle eines direkten Eingreifens alles tun wird, um die Ukraine militärisch zu unterstützen und zu stärken - mittels
Bewaffnung,
Ausbildung und
strategischer Beratung. Bleibt dieses unmissverständliche Signal aus, wird sich der Kreml in seinem Kalkül bestätigt sehen, die westliche Allianz werde seiner kriegerischen Aggression letzten Endes passiv zusehen."
Ein Casus Belli ist im Bedarfsfall schnell konstruiert, schreibt der Moskau-Korrespondent der
FAZ, Friedrich Schmidt, der annimmt, dass Putin mit seinem Aufmarsch an der ukrainischen Grenze vor allem
Joe Biden, mit dem er morgen spricht, aber auch die
neue deutsche Regierung testet. Dafür spreche, dass er seine "
roten Linien" immer weiter ausdehne: "Verstand Moskau darunter früher die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine, stellt Putin jetzt schon
gemeinsame Manöver, tatsächliche, aber bisher bescheidene sowie alle künftigen Rüstungslieferungen als substanzielle Bedrohungen dar. Vor acht Jahren wurde gar das geplante, von dem damaligen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch dann nicht unterzeichnete
Assoziierungsabkommen mit der EU plötzlich zur 'roten Linie' Moskaus."
Wie das
Leben mit Inflation funktioniert (beziehungsweise nicht funktioniert), schildert Bülent Mumay in seiner
FAZ-Kolumne am Beispiel der
Türkei, wo sich die Devisenkurse versechsfacht haben: "Klicken Sie auf den Websites von Automobilfirmen auf eine Preisliste, ploppt häufig der Hinweis auf: 'Die Seite wird aktualisiert.' Die Firmen können keine Preise festlegen, solange sie nicht wissen, wie es mit den Devisenkursen weitergeht, weshalb sie ihre Wagen lieber
in der Garage behalten.
Apple stoppte den Verkauf für zwei Tage, als die Kurse explodierten. Anschließend startete der Verkauf mit einer Preiserhöhung von
25 Prozent erneut."
Während sich die Dresdner Polizei auf die nächsten Corona-Proteste vorbereitet und gleichzeitig die Sieben-Tage-Inzidenz wieder
auf über 400 steigt,
blickt Ulrich Ladurner bei
Zeit online neidisch auf
Italien, das unter Mario Draghi "
ein Comeback erlebt wie seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr". Gewiss, Draghi regiert
per Dekret und konnte so schon im März eine Impfpflicht durchsetzen. Auch Europa hat mit seinem
milliardenschweren Aufbaufond geholfen. Aber vor allem haben die Italiener es selbst geschafft: die italienischen Institutionen haben
dem Populismus widerstanden, man bekämpft erfolgreich die Pandemie und baut das Land um. Und das ist nicht alles, so Ladurner: "Es ist kein Geheimnis, dass der ehemalige EZB-Präsident die
Integration europäischer Finanz-
und Wirtschaftspolitik vorantreiben will. ... Er schmiedet eine Koalition mit einem Mann, der ebenfalls ein vehementer Verfechter der vertieften europäischen Integration ist:
Emmanuel Macron. Vergangene Woche empfing Draghi den französischen Präsidenten in Rom. Die beiden unterzeichneten einen Vertrag nach dem Muster des 1963 geschlossenen deutsch-französischen Freundschaftsvertrages. Damit ist eine
neue Achse Paris-
Rom entstanden. Der neue Bund soll nicht als Konkurrenz zur traditionellen deutsch-französischen Freundschaft verstanden werden, sondern als Ergänzung."
Außerdem: In einem langen Essay für die
NZZ erklärt der Historiker
Oliver Zimmer die entscheidenden Unterschiede zwischen einem
zentralistischen Nation-
Building à la française, das auch die EU präge, und dem eher
anarchischen Nation-
Building der Schweiz.