Vor dreißig Jahren kollabierte die Sowjetunion.
Viktor Jerofejew blickt in einem tieftraurigen
FAZ-Artikel nochmal zurück auf die nicht zu stoppende
Machtherrlichkeit Wladimir Putins in einem an sich maroden Land, das allein von seiner Öl- und Gasrente zehrt. Es ist sein
Populismus, der ihn unangreifbar macht: "Das Volk erkannte Putin als einen der Seinen. Er wurde zu '
unserem'
Präsidenten, orientiert an 'unseren' Werten, an von den Russen innig geliebten Aktivitäten wie
Jagen und Fischen, an den knallharten Ansichten eines Machos, der sich gerne mit nacktem Oberkörper auf einem Pferderücken präsentiert. All das wird bei uns geschätzt. Von Männern wie von Frauen." Das paradoxe Ergebnis von dreißig Jahren Eiserner Hand ist aber
Unberechenbarkeit, so Jerofejew: "Die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen sind heute aufs Äußerste gespannt. Alles kann jeden Moment
buchstäblich explodieren. Der kleine Krieg in der Ukraine kann zum großen werden, der große zu einem Atomkrieg."
Putin hat den Fall der Sowjetunion kürzlich in einer Dokumentation des russischen Staatsfernsehen als "
Auflösung des historischen Russlands" bezeichnet, die Politik der Ukraine erinnere ihn überdies an einen
Genozid,
hatte Radio Free Europe schon vor ein paar Tagen berichtet.
Der Schlüssel zur Bewältigung der Krise mit Moskau liegt
in Deutschland, schreibt
Constanze Stelzenmüller von der Brookings Institution in der
Financial Times (
der Artikel findet sich auch auf der Homepage der Brookings Institution). Nur "wäre jede mögliche Maßnahme - Sanktionen gegen russische Unternehmen, Ausschluss Russlands aus dem elektronischen Zahlungssystem Swift, Streichung der Nord Stream 2-Pipeline - für die neue Regierung von Bundeskanzler Olaf Scholz finanziell und politisch kostspielig. Aber was ist die Alternative? Laut Putin:
Krieg in Europa, geführt von einer nuklearen Großmacht."
In der
NZZ denkt der Schriftsteller
Nikolai Klimeniouk darüber nach, was ein
russischer Einfall in die Ukraine bedeuten würde: Er "würde einen großen und höchstwahrscheinlich langanhaltenden Krieg auslösen, in den unausweichlich mehrere Parteien involviert werden würden. Zugeständnisse an Putin auf Kosten der Ukraine und ohne Einbeziehung der östlichen EU-Mitgliedsstaaten könnten möglicherweise einen großen Krieg
aufschieben. Dafür würden sie die Integrität der westlichen Bündnisse, sei es die Nato, die Europäische Union oder auch nur die gefühlte 'Wertegemeinschaft', sofort und nachhaltig beschädigen. Sollte es gelingen, Russland mit glaubhafter Abschreckung vom Krieg abzuhalten, entlüde sich Putins Wut
gegen die eigene Bevölkerung. Dabei dürfte der Druck nicht nachlassen, sonst kämen wir sofort wieder an die Ausgangsposition."
FAZ-Korrespondent Friedrich Schmidt beschreibt die brutale Repression des
Lukaschenko-Regimes, das inzwischen
fast tausend politische Gefangene in Lager und Gefängnisse gesteckt hat. Es kann jeden treffen: "Ausweislich der jüngsten Veröffentlichungen hat es die Sondereinheit derzeit besonders auf junge Leute aus dem IT-Sektor abgesehen, die festgenommen wurden, weil sie '
extremistische Telegram-Kanäle' abonniert hätten. Als solche gelten in Belarus längst nicht mehr nur Oppositionsmedien wie das in Polen beheimatete
Nexta, sondern auch unabhängige Medien wie das im Frühsommer zerschlagene
Tut.by - das nun allein 15 politische Gefangene stellt - und seit Kurzem auch der Telegram-Kanal von
Artjom Schrajbman, einem renommierten Belarus-Beobachter, der im Sommer ins Ausland fliehen musste."
In der
NZZ analysiert Paul Jandl die "Slim-Fit-Moral" der
Österreicher, die sich so gut in Haider und Kurz verkörpert hat: "Österreich: Eine Hand wäscht die andere, aber wenn das an die Öffentlichkeit kommt, dann werden alle ihre Hände wieder nur in Unschuld gewaschen haben wollen. Der Begriff der '
Unschuldsvermutung' hat in diesem Land eine triumphale Karriere hingelegt. Die Unschuldsvermutung ist ein juristischer Begriff, der dann angewandt wird, wenn man jemanden aus guten Gründen für schuldig hält, aber Definitives dazu noch nicht sagen kann. Bis tatsächlich etwas bewiesen ist, gilt die Unschuldsvermutung. Die vielen österreichischen Korruptionsprozesse haben das Wort so inflationär werden lassen, dass der 'Unschuldsvermutete' 2012 zum
österreichischen Unwort des Jahres gewählt wurde."