
Die
Brandmauer gegen die AfD wird schwächer, glaubt der Politologe
Daniel Ziblatt, dessen gemeinsam mit
Steven Levitsky verfasstes Buch
"Tyranny of the Minority" kommende Woche in englischer Sprache erscheint. Die demokratischen Parteien sollten koalieren, auch mit der Linkspartei, rät er im
Tagesspiegel-Gespräch und warnt, "die Themen und die Sprache der Rechtsextremen zu imitieren. Das geht nach hinten los. Das zeigt die Geschichte der 1920er- und 1930er-Jahre in Europa und den USA.
Dadurch legitimiert man die Rechtsextremen, und am Ende entscheiden sich die Wählerinnen und Wähler für das Original. In der Endphase der Weimarer Republik war es die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), die das probierte und damit nur die NSDAP stärkte." Stattdessen müssen demokratische Parteien eigene Themen stark machen, etwa in der Migrationsdebatte: "Zu den sensiblen Themen im Bereich Migration gehören Sozialleistungen, öffentliche Sicherheit, vermeintlich verhinderte Aufstiegschancen oder die angebliche Zurücksetzung gegenüber Migranten. Seit die CDU ihre Zurückhaltung in der Rhetorik beim Reden darüber aufgeben hat und eine härtere Sprache wählt, hat
die AfD kontinuierlich gewonnen."
"Wer in Deutschland heute suggeriert, dass in einer Situation, in der neun von zehn aufgenommenen Flüchtlingen 2022 aus der Ukraine kamen, mehr Abschiebungen die Kommunen spürbar entlasten würden, weckt Erwartungen, die unerfüllbar sind", schreibt der Migrationsexperte
Gerald Knaus, der in der
SZ für
zügige Migrationsabkommen plädiert - allerdings nur mit sicheren Drittstaaten: "Gelingen solche Abkommen nicht, droht hingegen eine gefährliche Idee an Unterstützung zu gewinnen: dass es auch in der EU nötig ist, gültige Konventionen, Gesetze und Gerichtsurteile an EU-Außengrenzen zu ignorieren. Dass die
Menschenwürde von Migranten und Asylsuchenden nicht mehr unantastbar ist. Strategische Abschiebungen ab Stichtagen sind der Schlüssel für humane Grenzen."
"Wenn
Putin ein militärisch rationaler Mensch wäre, hätte er längst eingesehen, dass er
den Krieg nicht mehr gewinnen kann", meint der Militärökonom
Marcus Keupp im
ZeitOnline-Interview, in dem er trotz schleppender ukrainischer Gegenoffensive davon ausgeht, dass bald die
Niederlage der russischen Streitkräfte feststeht: "Russland hat dreimal so viel militärisches Gerät verloren wie die Ukraine und die russische Armee ist nicht in der Lage, diese Verluste adäquat auszugleichen. Deshalb wird immer älteres Material an die Front geschickt. Bei der schweren Artillerie, die eine bedeutende Rolle im Krieg spielt, haben die Russen sehr große
Nachschubprobleme. Sie müssen bereits alte Geschütze ausschlachten, um notwendige Ersatzteile an die Front zu schicken. Aktuell versuchen die russischen Streitkräfte zudem
Gastarbeiter aus Zentralasien als Kämpfer anzuwerben. So gut scheint es um die eigene Reserve an Soldaten also auch nicht zu stehen."
Für die "Bilder- und Zeiten"-Seiten der
FAZ hat Svitlana Chernetska mit der ukrainischen
Drohnenpilotin Lesja Hanzha über den Arbeitsalltag im Krieg, Sexismus in der Armee und die Frage, wie man
Frauen für die Armee gewinnen kann, gesprochen: "Die Armee muss lernen, wie sie Frauen für sich begeistern kann. Wir haben nicht so viele Menschen, die bereit und in der Lage sind, zu kämpfen. Und Frauen machen eben fünfzig Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Deshalb muss sich die Armee von der bisherigen Männerzentriertheit verabschieden und lernen, Frauen anzuziehen, indem sie deren Stärken nutzt, statt ihre Schwächen zu betonen. Fast alle Einheiten, die ich kenne, leiden unter
Personalmangel. Wenn wir darüber sprechen, ob und wie Frauen in die Armee eintreten werden, sprechen wir eigentlich über den
Sieg der Ukraine in diesem Krieg."
Die Flucht der Armenier aus
Bergkarabach ist nichts anderes als eine "
ethnische Säuberung", schreibt die armenische Schriftstellerin
Anna Davtyan in der
FAS: "Aserbaidschanische Soldaten drangen in die Dörfer ein,
vergewaltigten und ermordeten Menschen, die nicht fliehen konnten. Nach dem Gemetzel wurde der Latschin-Korridor geöffnet. Die Menschen setzten sich in Bewegung, mit Privatautos, in Bussen, zu Fuß kommen sie jetzt nach Armenien. 'Evakuierung' ist nicht das Wort, das hier angebracht ist, richtiger müsste es 'gewaltsame Vertreibung' heißen. Die Menschen sind furchtbarer Gewalt und Erniedrigung ausgesetzt. Wenn ein Bürger von Arzach sich dem Grenzkontrollpunkt Hakari nähert, dann richtet ein aserbaidschanischer Soldat
seine Waffe auf ihn - absichtlich oder zum Hohn - und sagt: 'Du gehst doch freiwillig, nicht wahr?' 'Ja', sagt der Bürger von Arzach, der seit dreitausend Jahren und neun Monaten in seinem Land lebt. Und die Medien wiederholen: Die Armenier verlassen Arzach, damit sie keinen ethnischen Säuberungen ausgesetzt werden. Dabei ist diese Umsiedlung bereits eine ethnische Säuberung; Menschen von ihrem Land zu trennen ist eine ethnische Säuberung, das 'Ja' aus dem Munde eines Armeniers, der vertrieben wird, ist ein erzwungenes 'Ja'."