"Europa lässt sich am besten definieren, wenn man in einer Diktatur lebt", meint in der
Tagesspiegel-Serie "Letters on Democracy" heute der algerische
Schriftsteller Kamel Daoud, der, wie er schreibt, die Demokratie aus der arabischen Welt heraus als "
Voyeur" betrachtet: "Wichtig ist sie aufgrund des Gesetzes der Konsequenzen: Wenn die Demokratie in Europa schwächer wird, durch Exzesse infrage gestellt wird, aufgrund der internen
barbarischen Invasionen der Populisten nachlässt, dann stärkt das für mich die Diktatur, den Autoritarismus und entwertet das Ideal der Demokratie. Unsere Diktatoren haben diese Abkürzung zum Spektakel Europas gut genährt: 'Demokratie? Das ist Chaos, seid vorsichtig mit euren unvorsichtigen Wünschen', wiederholen sie ständig. (…) Deshalb sollten wir für die liberale europäische Demokratie plädieren. Für uns Menschen aus dem 'Süden', aus den Diktaturen, ist sie der einzige Ort,
zu dem wir schwimmen können, wenn unsere Länder zusammenbrechen. Und es ist der einzige Ort, an dem wir lautstark verkünden können, dass es keine Demokratie gibt, ohne von der Diktatur verhaftet zu werden, die sich selbst gerne als Demokratie ausgibt."
In
Russland dient die Geschichtsschreibung in erster Linie dazu, eine patriotisch-glorreiche Vergangenheit herbeizuzaubern, schreibt der russische
Autor Michail Schischkin (gestern schon) in der
NZZ. Das hat Tradition seit dem 18. Jahrhundert und sieht heute so aus: "Im September 2020 richtete der Untersuchungsausschuss der Russischen Föderation (um es krass zu sagen, Putins 'Gestapo') eine Abteilung zur
Bekämpfung der Geschichtsfälschung ein.
Memorial, die mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete russische Organisation für historische Aufklärung und Aufarbeitung politischer Gewaltherrschaft, wurde zerschlagen, ihre Mitglieder wurden verhaftet oder sind seither auf der Flucht. Darüber hinaus wurde der russische Geschichtswettbewerb für Jugendliche eingestellt. In Moskau begannen die '
Letzte Adresse'-
Tafeln zum Gedenken an die Opfer politischer Repression unter der Sowjetherrschaft von den Fassaden der Gebäude zu verschwinden", schreibt Schischkin, der auch darauf hinweist, dass letzten Samstag "als Zeichen der Solidarität der Verein
Memorial Schweiz gegründet" wurde.
Bernard-Henri Lévy greift in seinem Blog nochmal die erstaunlich maue internationale Reaktion auf die Sprengung des
Krachowka-Staudamms auf, die er schlicht "widerlich" nennt. Widerlich seien die Äußerungen sogenannter Experten und kluger Menschen, die mal eben zu bedenken gaben, "die Ukrainer hätten diese Explosion, die den südlichen Teil ihres Landes verwüstete, durchaus selbst verursachen können... Die gleiche Masche wurde bereits
in Sarajevo angewandt, als einige 'nachwiesen', dass die beiden serbischen Mörsergranaten, die 1994 und 1995 auf dem Markt von Markalé 105 Bosnier töteten, von den Bosniern selbst abgefeuert worden waren. Der gleiche wurde uns auch beim Völkermord in Ruanda aufgetischt, eine
Realtime-Leugnung des Völkermords, betrieben von Leuten, die meinten, die hinterhältigen Tutsi hätten die Hutu zu sehr provoziert, um nicht teilweise für ihr eigene Massakrierung verantwortlich zu sein."
In einem
Welt-Artikel, der selbst für seine Verhältnisse ein beachtliches Ausmaß des Mäanderns erreicht, denkt
Slavoj Zizek nach Lukaschenkos Behauptung, dass "Nationen, die bereit sind, 'dem Unionsstaat Russland und Weißrussland beizutreten', Atomwaffen erhalten werden" über
Atomwaffen für die Ukraine nach: "Also hat die russisch-belarussische Allianz wieder einmal das Recht, jedem auf ihrer Seite Atomwaffen zu geben, während der bloße Verdacht, dass die Ukraine durch westliche Atomwaffen geschützt sein könnte, als Schritt in Richtung eines neuen globalen Atomkonflikts angeprangert wird! Man sollte nicht vergessen, dass die Ukraine beim
Zerfall der Sowjetunion alle Atomwaffen an Russland abgegeben hat, mit dem Versprechen, dass ihre Grenzen von Russland anerkannt werden - hätte sie jetzt nicht das Recht, (wieder) Atomwaffen zu bekommen? Warum wird diese offensichtliche Lösung selbst von denen, die
Lippenbekenntnisse zur Verteidigung der Ukraine abgeben, mit Entsetzen abgetan?"
Der
Wiederaufbau der Ukraine dürfte mehr als
411 Milliarden Dollar kosten, entnimmt der Wirtschaftswissenschaftler
Anders Aslund (
NZZ) einem Bericht der Weltbank, der Kyiv School of Economics und dem ukrainischen Regional- und Infrastrukturministerium. "Angesichts der Tatsache, dass
Russland diesen Krieg angefangen hat, muss es
Reparationen zur Finanzierung des Wiederaufbaus der Ukraine zahlen. Das steht im Einklang mit früheren Angriffskriegen wie der
irakischen Invasion Kuwaits im Jahr 1990, die dazu führte, dass der Irak 52 Milliarden Dollar an Reparationen zahlte. Angesichts des gewaltigen Ausmaßes der durch Russlands wahllose Gewalt angerichteten Verheerungen wären die Reparationen, die es schuldet, deutlich höher. Die Uno-Generalversammlung hat zu diesem Zweck im November eine Resolution verabschiedet, die Russland für die Kosten des Wiederaufbaus der Ukraine
haftbar macht."
Nach dem Schiffsunglück vor Pylos an der griechischen Küste fordert Ronen Steinke im Feuilleton der
SZ unabhängige Ermittlungen, und zwar nicht nur gegen die Fluchthelfer, sondern auch
gegen die griechische Küstenwache, die das offenbar manövrierunfähige Boot beobachtet hat, bevor es sank: "Ein Sprecher der griechischen Regierung wiegelt jetzt zwar ab und sagt: Die Migranten wollten gar keine Hilfe; sie wollten lieber weiter, nach Italien! - Aber selbst, wenn das stimmen sollte, würde es
rechtlich nichts entschuldigen. Wer Menschen, die sich in Seenot befinden, ihrem Schicksal überlässt, der begeht nicht nur nach deutschem Recht eine unterlassene Hilfeleistung, strafbar nach Paragraf 323c des Strafgesetzbuchs mit bis zu einem Jahr Gefängnis. So steht es auch im griechischen Strafrecht, in Artikel 288, Absatz 2."
Außerdem: Die
FAZ druckt die
Predigt, die
Robert Menasse im Auftrag der Europäischen Stiftung
Aachener Dom ebendort hielt