Von jeher gilt in den Zirkeln russischer Macht die Devise, die Freunde nah bei sich zu halten und die Feinde noch näher,
weiß Masha Gessen im
New Yorker. Was sollten die Russen nun davon halten, dass Putin dies bei seinem Heerführer
Jewgeni Prigoschin nicht gelungen ist? "Im Allgemeinen zielt das Putin-Regime wie alle totalitären Regimes darauf, die Menschen
am Denken zu hindern. Aber am vergangenen Wochenende sahen die Russen - nicht nur die Russen, die unabhängige Medien konsumieren, sondern alle Russen, die fernsehen oder etwas im Internet lesen oder sehen - etwas Außergewöhnliches. Sie sahen
echten politischen Konflikt. Sie sahen, dass jemand anderes als Putin politisch handelte und - was noch wichtiger ist -
Gewalt ausübte. Können all die Propagandisten und Zensoren das
ungesehen machen? Sie werden es versuchen. Die Russen sollten sich auf einige extreme Maßnahmen einstellen... Wenn Putins Regime endet, bevor Putin stirbt, wird dieses Ende ähnlich aussehen wie die Ereignisse des vergangenen Wochenendes: plötzlich, blutig und zunächst lächerlich."
Auch der stets gut informierte Nikolaj Mitrokhin kann sich in
Osteuropa keinen Reim auf die Rebellion der Wagner-Truppen machen. Bemerkenswert erscheint ihm allerdings, dass es zwar zu Zusammenstößen mit der Luftwaffe kam, die vom Kreml losgeschickt worden war, dass Prigoschins Privatarmee aber auf lokaler oder regionaler Ebene
keinerlei Widerstand erfuhr: "Der Aufstand zeigt, wie
schwach die staatlichen Befehlsketten sind, wie wenig Unterstützung Putin und sein Regime im 'Volk' hat. Nirgendwo gab es einen Versuch, dem Kreml zu helfen und die Wagner-Kolonne aufzuhalten. Als diese umkehrte, brach nirgendwo Jubel aus. Im Gegenteil, zumindest in Rostov wurden die Wagner-Soldaten mit Blumen empfangen. Gezeigt hat sich auch, wie schwach die Sicherheitsorgane sind, wenn sie es mit einer großen bewaffneten Einheit zu tun bekommen."
Richard Herzinger
warnt in seinem Blog vor allzu optimistischen Interpretationen der von außen schwer lesbaren Eintagesrevolte: "Es ist davon auszugehen, dass die putinistische Militärhierarchie mit der Entfernung des überambitionierten Quertreibers von der russischen Bühne
erst einmal gestrafft und damit eher gestärkt aus dieser obskuren Episode hervorgegangen ist."
"Wenn das heutige Russland kein
faschistisches Regime ist, dann ist es wirklich schwer zu sagen, welches Regime faschistisch wäre", schreibt
Timothy Snyder in einem von der
NZZ übernommenen
Artikel auf seinem
Substack-Blog, in dem er
zehn Lehren aus der Meuterei zieht - und Hoffnung auf ein
Ende des Krieges macht: "Die Wagner-Revolte war ein Vorgeschmack darauf, wie der Krieg in der Ukraine enden wird. Wenn in Russland ein bedeutender
innerer Konflikt ausbricht, werden die Russen die Ukraine vergessen und sich auf ihr eigenes Land konzentrieren. Das ist nicht nur einmal passiert, und es kann wieder passieren. Wenn ein solcher Konflikt sich hinzieht, werden die russischen Truppen aus der Ukraine abgezogen. In diesem Fall hat sich die Wagner-Gruppe selbst aus der Ukraine zurückgezogen, und dann haben die
Truppen von Ramsan Kadyrow (Achmat) die Ukraine verlassen, um die Wagner-Truppen zu bekämpfen (was ihnen nicht gelang). In einem tiefgreifenden inneren Konflikt würden auch die regulären russischen Soldaten aus der Ukraine abziehen... So enden Kriege: wenn der Druck innerhalb des politischen Systems übergroß wird. "

"Putins Russland ist weder eine
dynastische Monarchie noch verfügt es über eine kollektive Führung wie die poststalinsche Sowjetunion", erklärt der Historiker
Martin Aust, der mit weiteren Autoren den Band
"Osteuropa zwischen Mauerfall und Ukrainekrieg Besichtigung einer Epoche" verfasst hat, im
FR-Gespräch mit Michael Hesse. Vergleiche mit der Geschichte Russlands und der Sowjetunion helfen nicht weiter, meint er: Putin "verfügt auch über keine Ideologie. Die Orientierung an der beanspruchten historischen Größe Russlands und den aus ihr abgeleiteten Ansprüchen der russischen Nation sind für Menschen außerhalb Russlands uninteressant. Die innere Logik des Systems ist
kleptokratisch und korrupt. Das ist auch der zentrale Grund, warum es bislang zu
keinem Widerstand in den Eliten Russlands gegen den Krieg gekommen ist. Alle Gruppierungen verdanken ihre Positionen und ihren Reichtum Putin."
Prigoschin wird in Belarus nicht die Möglichkeit haben, eine Privatarmee zu kontrollieren, glaubt im
Tagesspiegel-Gespräch der Politologe und ehemalige Belarus-Dipomat
Pavel Slunkin: "Lukaschenko ist ein Alleinherrscher, niemand hat neben ihm etwas zu sagen. Alle, die sich in Belarus politisch betätigen wollten, wurden verfolgt, sind im Gefängnis,
tot oder im Exil." Und auch vor Putin ist Prigoschin in Belarus nicht sicher, meint er: "Wenn er sich dort alleine aufhält, ist er in großer Gefahr. Und selbst wenn er mit Soldaten kommt, ist seine Lage alles andere als sicher. Man hat quasi schon die Schlagzeile vor Augen, dass er
vom Balkon gefallen ist. Putin ist ein ehemaliger KGB-Offizier. Er wird sich für die Demütigung rächen. Er hat mehrfach wiederholt, dass er alles entschuldigen kann außer Verrat. Seine Rache wird vielleicht nicht unmittelbar geschehen, nicht in den nächsten Tagen oder Monaten. Aber dass sie kommen wird, das steht für mich fest."
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Polen und Ungarn beobachtet haben, ist ein
Menetekel, man sollte sich frühzeitig auf solche Szenarien vorbereiten", warnt im
FR-
Gespräch mit Ursula Rüssmann auch der Verfassungsrechtler
Franz C.
Mayer nach dem AfD-Wahlsieg in Sonneberg: "Wir haben in der Bundesrepublik ein föderales Gefüge, das den Ländern eine gewisse Autonomie gibt: Sie haben die Regelzuständigkeit, es sei denn, das Grundgesetz sagt etwas anderes. Die Länder sind etwa zuständig für das
Polizei-
und Ordnungsrecht, ebenso beim Landesverfassungsschutz. Eine Landesregierung könnte außerdem in das Kommunalrecht oder das
Rundfunk- und
Presserecht eingreifen - und vor allem ist der Kultusbereich mit Kultur und Bildung Ländersache. So könnte eine rechtsorientierte Landesregierung etwa Vorstellungen einer
völkischen Kultur in den Schulen platzieren. (…) Auch bei Richter- und Staatsanwaltsämtern ist der Einfluss der Landesregierungen größer, als man denkt." Zugleich entwarnt Mayer: "Es gibt den
Bundeszwang nach Artikel 37 Grundgesetz, und es gibt
Weisungsmöglichkeiten. In letzter Konsequenz könnte das sogar dazu führen, dass der Bund eine
Landesregierung absetzt und das Land durch einen Bundeskommissar regieren lässt."
Empörte "Nazi-Rufe" helfen nicht gegen den Versuch der
AfD die "Demokratie
mit demokratischen Mitteln auszuhöhlen", schreibt Thomas Schmid in der
Welt (und in seinem
Blog). Wichtiger wäre es "auf
institutionellem Wege Vorkehrungen zu treffen", meint er.

Eine Diskursverschiebung nach rechts, wie sie etwa
Friedrich Merz mit seinem "Kulturkampf" gegen die Grünen versucht, hilft hingegen nicht weiter, davon profitiert am Ende nur die AfD, schreibt Nils Markwardt auf
ZeitOnline, auch mit Blick auf das Buch
"Mitte/Rechts - Die internationale Krise des Konservatismus" von
Thomas Biebricher: "Darin untersucht der Politikwissenschaftler die Entwicklung der konservativen Kräfte in Italien, Frankreich und Großbritannien innerhalb der letzten 20 Jahre. Eine Quintessenz lautet: Als Reaktion auf das Erstarken rechtspopulistischer Parteien (Lega und Fratelli d'Italia in Italien, Rassemblement National in Frankreich, Ukip in Großbritannien) haben die klassisch konservativen Kräfte mit einer
Kulturalisierung gesellschaftlicher Konflikte sowie einer verschärften Rechtsrhetorik reagiert. Sprich: Auf Kulturkämpfe gegen Wokeness und Klimaschutz sowie nationalistische Töne gesetzt. Das hat langfristig aber nur zu Stärkung der Rechtspopulistischen geführt, wie man derzeit an den Wahlergebnissen von Marine Le Pen, Giorgia Meloni oder den innerparteilich teils radikalisierten Torys erkennen kann"