Jetzt fordert auch
Jürgen Habermas in der
SZ erneut
Verhandlungen der Ukraine mit Russland. Oder besser noch: der USA mit Russland, "gerade weil der Satz richtig ist: Die
Ukraine darf den Krieg nicht verlieren! Mir geht es um den vorbeugenden Charakter von rechtzeitigen Verhandlungen, die verhindern, dass ein langer Krieg noch mehr Menschenleben und Zerstörungen fordert und uns am Ende vor eine ausweglose Wahl stellt: entweder
aktiv in den Krieg einzugreifen oder, um nicht den ersten Weltkrieg unter nuklear bewaffneten Mächten auszulösen, die
Ukraine ihrem Schicksal zu überlassen." Habermas' Vorschlag: Erst mal eine "Wiederherstellung des status quo ante vom 23. Februar 2022" in der Ukraine. Doch wie soll das gehen? Es gibt "kein Anzeichen dafür, dass sich Putin auf Verhandlungen einlassen würde", erkennt auch Habermas. Er hofft, ihn mit
globalen Abrüstungsverhandlungen zu locken, wie es der Osteuropa-Experte
Hans-
Henning Schröder am 24. Januar in der
FAZ vorschlug.
Schröder hatte in seinem Artikel tatsächlich sehr komplexe Abrüstungsverhandlungen vorgeschlagen. Aber Habermas ignoriert bequemerweise den zweiten Teil des Artikels, in dem Schröder klar macht, dass die russische Führung "gegenwärtig
keinerlei Bereitschaft zeigt, sich ernsthaft auf Verhandlungen einzulassen. Außenminister Lawrow erklärte am 27. Dezember 2022, dem 'Feinde' seien die Bedingungen für die Beendigung des Krieges -
Demilitarisierung und Denazifizierung - gut bekannt. Er könne sie 'im Guten' erfüllen. Andernfalls werde die russische Armee diese Angelegenheit klären. Ein Verhandlungsangebot ist das nicht. ... Die russische Seite wird nur bereit sein, sich auf ernsthafte Verhandlungen einzulassen, wenn die Ukraine in die Lage versetzt wird, die
Frühjahrsoffensive 2023 zurückzuschlagen und dann fortgesetzt Druck auf die russischen Streitkräfte auszuüben. Dazu müssen die USA und die übrigen NATO-Staaten die ukrainischen Streitkräfte noch vor dem Frühjahr 2023 durch
Lieferungen von Munition und schweren Waffen - Artillerie und Kampfpanzern - in den Stand versetzen, sich gegen die russische Übermacht zu behaupten." Womit Jürgen Habermas dann doch leider die
Antwort auf die Frage schuldig bleibt, wie man Russland zu Verhandlungen bewegen soll, ohne die Ukraine einfach auszuliefern.
In der
FR unterscheidet die Philosophin
Olivia Mitscherlich-
Schönherr indes zwischen dem "einfachen
Gesinnungspazifismus" von Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht und "politisch
klugem Pazifismus", den sie offenbar für sich in Anspruch nimmt. Und danach gilt es erst einmal anzuerkennen, dass
Deutschland längst selbst "
Kriegspartei", somit
mitverantwortlich für "Zerstörung, Tod und Leid" ist und
nicht mehr als Vermittler agieren kann: "In dieser Situation täte der globale Norden gut daran, endlich seine
Arroganz gegenüber den Ländern des
globalen Südens aufzugeben. Wir brauchen ihre Hilfe: als wirkliche Schlichter jenseits der eingespielten Konfliktlinien. Hier hätte der Bundeskanzler etwas zu leisten. Geschickt hat er im vergangenen Jahr immer aufs Neue westliche Koalitionen geschmiedet, um der Ukraine deutsche Waffen im Konzert der westlichen Partner zu liefern. Jetzt sollte er
globalen Allianzen den Boden ebnen, um die deutschen
Waffenlieferungen zu
beenden. Dabei könnte der Bundeskanzler den Ball aufnehmen, den der brasilianische Präsident Lula ihm kürzlich zugespielt hat. Weitere neutrale Mächte wären dazuzubitten: Indien, Südafrika, Israel."
Zwei fundamentale Probleme macht Nils Markwardt in Schwarzers und Wagenknechts "
Manifest für Frieden" in einem "
Kalte Kriegerinnen" überschriebenen Text auf
ZeitOnline aus: An keiner Stelle wird konkretisiert, wie die geforderten Kompromisse aussehen könnten - und: "Die Unterzeichnerinnen scheinen den Krieg in der Ukraine auf der Folie des Kalten Kriegs zu betrachten. Demnach gäbe es hier Konfliktparteien, die geopolitische Interessen verfolgen, die zwar diametral gegensätzlich sein mögen, aber durch Kompromisse austariert werden können. Doch wie der Politikwissenschaftler
Ivan Krastev bemerkt hat, ist diese Annahme falsch. Vielmehr haben wir es hier mit einem '
Krieg um Identität' zu tun. Denn im Kern, so Krastev, geht es Putin darum, dass die Ukraine Russland so sehen soll, wie Russland sich selbst sieht: als Herrscher über das kleine Brudervolk, als
Führungsmacht gegen den satanisch-dekadenten Westen. Doch wenn man es im Fall des Ukraine-Kriegs nicht 'nur' mit einem Interessenkonflikt zu tun hat, sondern Putin von einer derartigen
Identitätspanik befallen ist, dass der Kreml sogar massenweise ukrainische Kinder zur 'Russifizierung' zwangsdeportieren lässt, verändert sich auch der Möglichkeitsraum potenzieller Verhandlungen."
Es ist höchste Zeit, auch
westliche Russlandstudien und Fachkompetenz zu "dekolonisieren",
schreiben der Historiker
Artem Shaipov und die ukrainische Politikberaterin
Yuliia Shaipova in
Foreign Policy. Dass Russland eine jahrhundertelange Geschichte als
imperialistische Macht hatte, die sich allerdings weniger durch Kolonisierung externer Gebiete als Eroberung benachbarter Regionen auszeichnete, haben westliche Russlandstudien jahrzehntelang sträflich missachtet, so die Autoren. Das liegt daran, dass die meisten Institute zu Zeiten des
Kalten Krieges gegründet wurden und dadurch eine Fixierung auf die
Moskauer Perspektive beibehielten. "Heute haben die meisten dieser Programme, auch wenn sie
das Wort '
sowjetisch' aus ihrem Namen gestrichen haben, diese alte, Moskau-zentrierte Sichtweise übernommen, die Russland mit der Sowjetunion gleichsetzt und die reiche Geschichte, die
vielfältigen Kulturen und die einzigartigen nationalen Identitäten Osteuropas, der baltischen Staaten, des Kaukasus und Zentralasiens herunterspielt - ganz zu schweigen von den vielen eroberten und kolonisierten nicht-russischen Völkern, die weite Teile der Russischen Föderation bewohnen."
"Ich habe unser Volk noch nie so
wütend gesehen", schreibt der türkische Schriftsteller
Orhan Pamuk in einer Reportage in der
SZ, in der er berichtet, wie die Menschen, wenn sie nicht gerade zwischen den Trümmern nach Überlebenden suchen, in den sozialen Medien verzweifelt nach Hilfe rufen: "Die Hilfslieferungen sind unterwegs, aber die mit Hilfsgütern beladenen Lastwagen stecken stundenlang auf
verstopften Straßen fest, Hunderte Kilometer von den betroffenen Gebieten entfernt. Die Menschen, die ihre Häuser, ihre Familien, ihre Lieben und alles, was sie besaßen, verloren haben, stellen fest, dass niemand etwas gegen die Brände unternimmt, die nun in ihren Städten ausbrechen. Und so
blockieren sie den Weg jedes offiziellen Fahrzeugs, jedes Polizisten oder Politikers, den sie finden können, und beginnen zu protestieren."
"Eine
Amnestie für Gebäude ohne Genehmigungen hat wohl zu den mittlerweile fast 32.000 Toten infolge des
Erdbebens in der Südosttürkei beigetragen",
berichtet in der
taz Ali Çelikkan. "Im ebenfalls betroffenen Nordwesten Syriens starben über 3.500 Menschen.
294.
000 Gebäude im türkischen Teil des Erdbebengebiets, die zuvor
ohne Genehmigung gebaut wurden, wurden im Rahmen einer Amnestie der regierenden Partei AKP
anerkannt - alleine im Jahr 2018. Dies war damals die
neunte Amnestie, die die AKP in ihrer zwanzigjährigen Regierungszeit durchführte. Gegen eine Geldsumme wurden dabei auch mangelhaft gebaute Gebäude für bewohnbar erklärt. Wenn es das Erdbeben nicht gegeben hätte, würde jetzt wohl eine zehnte Amnestie im Parlament diskutiert werden."
Den von der
Bundesregierung veröffentlichten Plan zur "
Bekämpfung des Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Lebens in Deutschland" begrüßt
Amir Avivi, Vorsitzender der NGO "Israel Defense and Security Forum" in der
Welt zwar. Beunruhigend aber findet er, dass "zwei der abscheulichsten modernen
Befürworter von Judenhass und Gewalt gegen Juden auf deutschem Boden und in der ganzen Welt in dem Bericht nicht ein einziges Mal genannt werden: die
Palästinensische Autonomiebehörde und die Islamische Republik
Iran. Beide fördern offiziell die institutionalisierte
Holocaust-
Leugnung auf allen Regierungsebenen, vergiften ihre Schüler mit hasserfüllter Hetze gegen Juden und den jüdischen Staat, und ihre führenden Köpfe rufen offen zur Vernichtung Israels auf. (…) In Anbetracht seiner einzigartigen historischen Rolle sollte Deutschland seine großzügige
Finanzhilfe für die Palästinensische Autonomiebehörde sowie seinen umfangreichen Handel mit der Islamischen Republik Iran an die Bedingung knüpfen, dass beide ihre Politik in Bezug auf Judenhass und Aufwiegelung gegen Israel unverzüglich ändern."