9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2020 - Ideen

In der NZZ plädiert der Schriftsteller und Philosoph Philipp Tingler angesichts der Pandemie und ihrer Folgen Orwells "Über Nationalismus" zu lesen, um sich gegen Übertreibungen und Hysterie zu wappnen, die oft aus Angst vor dem Uneindeutigen entstünden: "Orwell entwickelt einen unkonventionellen Nationalismus-Begriff; er spricht von Nationalismus in allen Fällen, in denen sich ein Kollektiv imaginiert, das relativ deutliche Zugehörigkeitskriterien formuliert und sich vermittels dieser nach außen abgrenzt. Genau das ist heute Identitätspolitik. Identitätspolitik, von rechts oder links, ist die Idiotenantwort auf die Störung einer eingebildeten Eindeutigkeit, das ausgrenzende Abstellen und Fixieren auf vermeintlich eindeutige, fixe Besonderheiten statt auf die Universalität des Menschseins. Orwell empfiehlt in seinem Essay: Selbstreflexion, Selbsthinterfragung, Selbstaufklärung. Also nicht das Abstreifen der Denkschwächen und Kurzschlüsse, das vermöge der Mensch nicht, aber Bewusstmachung der eigenen Befangenheiten und Irrationalitäten. Das ist etwas ganz anderes als die Bewusstmachung der möglichen ethischen Aufladungen jedes zu tuenden Schritts. Es setzt bei den eigenen Grenzen an, nicht bei denen der Welt. Es ist machbarer. Es ist Selbstaufklärung aus selbstverschuldeter Unmündigkeit."

Im Interview mit der FR versucht der Philosoph Markus Gabriel zu erklären, was es mit seinem neuen Buch "Fiktionen" auf sich hat. So viel wird immerhin klar: Philosophen sollen künftig mehr mitreden, wenn es um das Leben mit Corona geht. "Wir haben geglaubt, dass das gute Leben in Wirtschaftswachstum besteht. Das war das ökonomische Welt- und Menschenbild, das nun einmal mehr durch die Tatsachen zertrümmert wurde. Wir müssen jetzt eine neuartige Vision eines guten Lebens entwickeln, und im Zentrum der Vision kann philosophisch nur der Geist stehen, das heißt die Erkenntnis unserer Selbst, dass wir freie, geistige, autonome Lebewesen sind, die durch keine Prognose und keine Statistik hinreichend kontrolliert und manipuliert werden können."

Nochmal in der NZZ wendet sich die Sprachwissenschaftlerin Ewa Trutkowski gegen eine gegenderte Sprache. Das sei erstens unpraktikabel und zweitens: "Was in den Köpfen ist, muss nicht unbedingt in der Sprache sein, und andersherum - sonst könnten nur Sprecher des Deutschen verstehen, was 'Schadenfreude' bedeutet, weil anderen das Wort dafür fehlt, und Länder mit genuslosen Sprachen, wie zum Beispiel die Türkei oder Ungarn, wären bei der Geschlechtergerechtigkeit am weitesten vorgedrungen - beides ist nicht zutreffend."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.07.2020 - Ideen

Im ehrgeizigen Feuilletonblog 54books versteht Simon Sahner nicht, dass die Argumente der kulturalistischen Linken nicht überall so glatt durch gehen wie in den Hauptseminaren an den Unis und erkennt in Gegenargumenten in Feuilletons (wo durchaus auch die andere Seite gut vertreten ist) ein Muster: "Das Muster ist und bleibt bei jedem Thema und seiner Wiederholung das gleiche: Aufgrund von gesellschaftlichen Veränderungen und kulturellen Verschiebungen sehen sich Vertreter*innen einer etablierten Haltung bedroht und unternehmen den Versuch, die Veränderung zu diskreditieren. Dabei werden Strohmann-Thesen und Popanze entworfen, die oft entweder auf unbegründeten Vermutungen, Generalisierungen oder auf Vorurteilen beruhen und eine Drohkulisse entwerfen, die einer differenzierten Betrachtung selten standhält." Sahner streitet heute auch an einer anderen Front, mehr in efeu.

Aber nicht nur im Blog 54books, auch in der FAZ erscheint heute ein Artikel gegen den intellektuellen Mainstream: Simon Strauss singt in der FAZ ein Loblied auf auf das "Intellectual Dark Web", das sich, wie der Name schon sagt, eher im Internet organisiert. Dazu zählen auch Autoren, die als "rechts" gelten, aber auch Leute wie Steven Pinker oder Ayaan Hirsi Ali: "Es geht um die sozialen Konsequenzen der Identitätspolitik, um die kulturelle Hegemonie des Dekonstruktivismus an Universitäten und ganz generell um das Aushalten von Unterschieden im Politischen, Geschlechtlichen oder Religiösen. Ein robustes Verständnis von Öffentlichkeit, ein tiefes Vertrauen in den Markt - sowohl den ökonomischen wie den diskursiven - mischen sich mit dem heroischen Widerstandsgefühl, aus dem Mainstream ausgeschert zu sein."

Gegen Kants systematisches Denken, das die Menschen in "Racen" einteilte, setzte der große Reisende Georg Forster auf die eigene Erfahrung - ebenfalls ein Prinzip der Aufklärung, insistiert Wolf Lepenies in der Welt: "In der ethnografischen Darstellung versuchte Forster dem Leser stets deutlich zu machen, 'wie das Glas gefärbt ist, durch welches ich gesehen habe'. Er hat die Wahrnehmungsverzerrungen, denen jeder Fremdbeobachter unterliegt, sorgfältig notiert. Werturteile, die er formuliert, insbesondere negative Einschätzungen fremder Sitten, die er nicht unterdrücken kann, werden von ihm stets durch Kennzeichnungen wie 'nach unseren Begriffen', 'in unseren Augen' oder 'unseren vaterländischen Begriffen nach' relativiert."

Linker Antisemitismus? Antisemitismus der 68er? Unmöglich, ruft Gretchen Dutschke-Klotz in Antwort auf einen Essay von Alan Posener im Blog starke-meinungen.de: "Menschen als antisemitisch zu beschimpfen, ist eine beliebte Form der Denunziation geworden, die übermäßig von Israel-Lobby-Organisationen durchgeführt wird, um alle Kritik an der israelischen Apartheid-Politik zum Schweigen zu bringen. Sie wird vor allem gegen Juden benutzt, die Israel kritisieren, und in Deutschland funktioniert das wegen der anhaltenden Schuldgefühle auch besonders gut."

Außerdem: In der SZ sucht Joseph Croituru nach Formfehlern bei der Definition des Begriffs "Antisemitismus" durch die Bundesregierung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2020 - Ideen

Auf Zeit online kritisiert Literaturwissenschaftler Jan Freyn vehement eine Linke, die den öffentlichen Diskurs beaufsichtigen und wenn nötig "canceln" wollen: "Wie der Philosoph E.M. Cioran einmal hellsichtig bemerkt hat, kann es geschehen, 'dass die Linke, die in die Mechanik der Macht verstrickt … ist, ihre Tugenden verliert, daß sie erstarrt und die Übel erbt, die gewöhnlich der Rechten eignen'. Diese Beschreibung trifft unsere kulturelle Situation sehr genau. Eine erstarrte und ins Pädagogische abgedriftete Linke, die sich durch ihre Weigerung bestimmt, 'ihr eigenes Machtstreben zu reflektieren, ihren Aufstieg in den akademischen und kulturellen Institutionen' (Michael Hampe), ein dergestalt zur Karikatur verkommener Linksliberalismus, der vergessen hat, dass er nicht mehr unter allen Umständen subversiver Underdog ist, sondern sich an Universitäten oder in Social-Media-Kontexten explizite Machtzentren geschaffen hat, bringt einen epochalen Menschenschlag hervor: den digitalen linken Spießer."

Die Linke hat vergessen, dass Zensur vor allem den Machtlosen schadet, schreibt Kenan Malik im Guardian und erinnert an die Reaktionen auf die Ermordung der Mitarbeiter von Charlie Hebdo, als im Westen viele Linke das Magazin nicht verteidigen wollten: "Vergleichen Sie das mit der Reaktion in der arabischen Welt. Schriftsteller und Künstler, selbst diejenigen, die dem Magazin kritisch gegenüberstanden, waren, wie die in Beirut lebende Kritikerin Kaelen Wilson-Goldie bemerkte, in ihrer Unterstützung eindeutig, weil sie die Morde als Teil einer umfassenderen Bedrohung sahen. Bei einer Mahnwache für Charlie Hebdo in Beirut 'fügte man dem Je suis Charlie-Hashtag hinzu: Je suis Samir Kassir, Je suis Gebran Tueni, Je suis Riad Taha, Je suis Kamel Mroue'. Alle waren Schriftsteller, Karikaturisten oder Intellektuelle, die wegen ihrer Arbeit ermordet wurden... Würden viele der Witze oder Karikaturen, für die Araber ihr Leben riskieren, im Westen veröffentlicht werden, ohne von den Liberalen zurückgewiesen zu werden? Das bezweifle ich."

Entnervt antwortet Aleida Assmann in der Berliner Zeitung auf Angriffe gegen ihren Begriff des "kulturellen Gedächtnisses", die inzwischen häufig mit Antisemitismusvorwürfen einhergingen. In Deutschland ist für sie das Klima vor allem durch einen Faktor vergiftet worden: "Seit es einen Antisemitismus-Beauftragten gibt, ist das Bedürfnis sprunghaft gewachsen, Menschen in Deutschland als Antisemiten zu identifizieren. Allein der Versuch, einen Kollegen gegen diesen Vorwurf zu verteidigen, kann bereits dazu führen, dass die verteidigende Person selbst ins Fadenkreuz des Antisemitismusvorwurfs gerät. Die Strategien dafür sind unerschöpflich. Ein einfacher Vergleich kann bereits den Vorwurf der 'Holocaust-Relativierung' nach sich ziehen."

Kai Spanke referiert in der FAZ die Positionen einige Denker, die sich für Tierrechte einsetzen und besonders Bernd Ladwigs, dessen jüngste "Politische Philosophie der Tierrechte" viel von sich reden macht. Er "behauptet gegen jede Intuition, die Menschenrechte seien strenggenommen Tierrechte. Bei genauerer Betrachtung ist das so abwegig allerdings nicht, immerhin sind wir das Ergebnis derselben Naturgeschichte, welche Amphibien, Fische und Vögel hervorgebracht hat. Von vielen vermeintlichen Alleinstellungsmerkmalen, etwa Werkzeuggebrauch oder Intentionalität, mussten wir uns ohnehin längst verabschieden."

Im Interview mit Zeit online besteht die Philosophin Susan Neiman auf dem Prinzip Hoffnung, auch oder gerade in Zeiten von Corona: "Ich fange mit einem Hinweis auf meinen geliebten Kant an: Er hat auch klar gesagt, dass wir manchmal doch empirische, historische Zeichen brauchen, um weiter hoffen zu können. Für ihn war ein solches Zeichen zwar nicht die Französische Revolution selbst, denn dafür war deren Ausgang zu ungewiss. Doch die weltweit verbreitete Freude über die Revolution war für Kant damals solch ein reales Zeichen der Geschichte, das Anlass gab zu hoffen. Und als ein solches Zeichen verstehe ich heute, dass die Gesellschaften seit Corona gegen den Rassismus aufstehen. Eine Mehrheit der weißen US-Amerikaner unterstützt heute Black Lives Matter. Fast zwei Drittel von ihnen sprechen heute von systemischem Rassismus. Ein Wort, das noch Hillary Clinton nicht gewagt hat zu verwenden, als sie vor vier Jahren kandidierte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2020 - Ideen

Amerikaner mögen die USA für den rassistischsten Staat der Welt halten. Aber da fehlt ihnen vielleicht die Außenperspektive, meint Ayaan Hirsi Ali, die in der NZZ einige der Forderungen von BLM für überzogen hält: "Amerika sieht anders aus, wenn man, wie ich, in Afrika und im Mittleren Osten aufgewachsen ist. Dort konnte ich dreierlei Erfahrungen aus erster Hand sammeln. Erstens: blutige und zerstörerische Kriege zwischen Afrikanern - ganz ohne Präsenz von Weißen. Zweitens: die Anarchie, die entsteht, wenn es an Sicherheitskräften, Recht und Ordnung fehlt. Drittens: der massive Rassismus (und Sexismus) von Gesellschaften wie der saudiarabischen, wo es nach wie vor sklavereiähnliche Verhältnisse gibt." Sie fragt sich, wo der zupackende amerikanische Pragmatismus hin verschwunden ist und fürchtet: "Das Problem liegt nicht zuletzt darin, dass unter uns auch Leute sind, die es gar nicht schaffen wollen - weil sie keinerlei Interesse daran haben, dass praktikable Lösungen auf den Tisch kommen. Der Grund dafür ist offensichtlich politisch: Ungelöste soziale Probleme sind die Grundlage ihrer Macht. Wann immer ein Wissenschafter wie Roland Fryer neue Daten erhebt, aus denen ersichtlich wird, dass die Zahl der von Polizisten getöteten Schwarzen nicht unverhältnismäßig hoch ist, dann diskreditiert man lieber den Autor, als die Studie zu lesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2020 - Ideen

"Entweder du akzeptierst deinen Rassismus, oder du zeigst deinen Rassismus, indem du ihn nicht akzeptierst", so in etwa lautet für Kenan Malik in seiner Observer-Kolumne die Moral von Robin DiAngelos Bestseller über "White Fragility". Malik hält es eher mit dem Autor Ambalavaner Sivanandan, der schon in den Achtzigern vor einer Therapeutisierung des Rassismusproblems warnte. Wer den Fokus vom sozialen Wandel auf persönliche Therapie verlege, wolle keinen Wandel in der Gesellschaft: "Die Bedeutung von Gesetzen und sozialen Strukturen wird herabgesetzt zugunsten des Unbewussten. Der therapeutische Ansatz, so Sivanandans prophetische Beobachtung, verwandelt Rassismus in eine 'Kombination von Geisteskrankheit, Erbsünde und biologischem Determinismus', in eine 'Wesenseigenschaft, die die Geschichte in die Seele des Weißen gesenkt' hätte. Da es daraus kein Entweichen gibt - alle Weißen sind bewusst oder unbewusst rassistisch - ist diese Perspektive negativ und spaltend."

Im britischen Spectator findet Lionel Shriver die Rassismusvorwürfe, mit denen sich Weiße derzeit gern selbst belegen, vor allem eins: wahnsinnig eitel.

Kant war sehr wohl ein Rassist, insistiert in der FAZ Marcus Willaschek in Antwort auf Michael Wolff (unser Resümee), der den ursprünglichen Artikel Willascheks (unser Resümee) attackiert hatte: "Zwar gesteht Kant allen Menschen, auch 'Negern' und 'Indianern', gleiche Rechte zu und kritisiert Sklaverei und Kolonialismus; das ist ein historisches Verdienst. Doch wer wie Kant allen Menschen die gleiche Würde zuspricht, kann nicht ohne Widerspruch behaupten, den 'Bewohnern Amerikas' fehle die Fähigkeit zu 'aller Cultur', zumal die 'Kultivierung' für Kant ein Schritt auf dem Weg zu jener 'Moralisierung' ist, zu der unsere Menschenwürde uns befähigt und verpflichtet."

Otfried Höffe dagegen schränkt in der NZZ ein. Es gebe zweifellos rassistische Passagen bei Kant: "Trotzdem bleibt der Befund richtig, dass die Frage im Œuvre Kants keine primäre, recht gesehen nicht einmal eine sekundäre Bedeutung hat. Denn zu den Gegenständen, über die Kant Neues, revolutionär Neues geschrieben hat, gehört die Frage zweifellos nicht. Sie spielt weder in der Erkenntnistheorie in Form jener transzendentalen Kritik irgendeine Rolle, die unter anderem alle Gottesbeweise für unmöglich erklärt, noch in der Moralphilosophie mit dem weltweit einflussreichen kategorischen Imperativ und der Selbstgesetzgebung - der Autonomie des Willens." Ihn wie Michael Zeuske (mehr hier) als einen "Begründer" des Rassismus darzustellen, erscheint Höffe völlig abwegig.

Außerdem: René Aguigah unterhält sich bei Dlf Kultur mit Hélène Cixous über Jacques Derrida, der in diesen Tagen neunzig Jahre alt geworden wäre. In der NZZ schreibt Hans Ulrich Gumbrecht zum Geburtstag des französischen Philosophen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2020 - Ideen

Für das Blog starke-meinungen.de liest Alan Posener Achille Mbembes Aufsatz "Nekropolitik" (hier auf Englisch als pdf-Dokument) und entdeckt, dass Mbembes Antisemitismus der Tat (Verhindern des Auftritts einer israelischen Forscherin im Namen von BDS) auf einem Antisemitismus des Denkens beruht - Israel sei für Mbembe der ultimative Ausdruck jener Nekropolitik, die man zur Not auch mit Selbstmordattentaten bekämpft. Dahinter dämmert für Posener ein Geschichtsbild, das bestreitet, "dass der NS-Staat einmalig sei. Vielmehr sei das Zusammenfallen von Krieg und Politik, Rassismus, Mord und Selbstmord, die Sicht auf den Anderen als tödliche Bedrohung, die 'biophysisch eliminiert' werden muss, 'charakteristisch für die frühe und späte Moderne selbst'. Das NS-Regime ist also kein 'Zivilisationsbruch', sondern bringt nur die moderne Zivilisation auf den Begriff. Als weitere Beispiele zitiert Mbembe die Französische Revolution, den Marxismus, die Sklaverei und die Kolonie. Und im weiteren Text die Apartheid und natürlich vor allem 'Palästina'."

Der Philosoph Bernd Ladwig, Autor einer "Politischen Philosophie der Tierrechte", schlägt im Gespräch mit Björn Hayer von der taz vor, dass wir eine "gerechte Form der Kooperation" mit Tieren suchen. "Das bezieht sich auf jene, die durch ihre Domestikation - ich nenne zum Beispiel Hunde - schon auf ein Zusammenleben mit Menschen eingestellt sind. Außerdem müsste man als eine Minimalbedingung die Klausel des vernünftigen Grundes im Tierschutzrecht moralisch engführen. Ein bloßes Geschmackserlebnis kann kein hinreichender Grund für die Tötung eines Tieres sein. Dieser könnte allenfalls noch vorliegen, wenn es zum Beispiel um die menschliche Gesundheit ginge."

Mark Lilla gehört zu den 150 amerikanischen und britischen Intellektuellen, die den "Letter on Justice and Open Debate" (unser Resümee) lanciert haben. Im Gespräch mit Mara Delius von der Welt scheint er auch das Phänomen, gegen das sich der Aufruf wendet, den Tugendterror der neumodischen Linken, für ein vorwiegend amerikanisches Phänomen zu halten: "Amerikaner denken moralisch - das heißt, sie denken nicht nur in moralischen Kategorien oder ob das Ergebnis einer Handlung moralisch ist, sondern sie rechnen immer mit der Moralität eines Individuums, andere zu bekehren - auf dass sie ihre Sünden beichten und sich zu einem neuen Evangelium bekennen. Für mich zeigt diese Zeit heute eine Rückkehr ins 19. Jahrhundert. Die amerikanische Gesellschaft ist am Ende des 20. Jahrhunderts ins 19. Jahrhundert zurückgekehrt - denken Sie an die neue Klasse der Plutokraten, korrupte Populisten, moralisch-religiösen Fanatismus und den Druck, der auf Denkern und Künstlern lastet, sich konform zu verhalten."

Sehr spöttisch schreibt dagegen die schwarze (ist ihr wichtig) Journalistin Hannah Giorgis in Atlantic über den Aufruf der Intellektuellen: "Dass die Unterzeichner eines Briefes, in dem eine vermeintliche Verengung der Meinungsfreiheit angeprangert wird, zu den bestbezahlten und am häufigsten veröffentlichten Personen ihrer Branche gehören, ist eine große und offensichtliche Ironie. Viele der unterzeichnenden Schriftsteller, waren bei Verlagen wie dem New Yorker, der New York Times, Vox, Der Washington Post und dieser Zeitschrift angestellt oder wurden von ihnen beauftragt. Einige haben lukrative Buchverträge erhalten; andere - wie Rowling, Salman Rushdie und Wynton Marsalis - sind weltweite Ikonen." Äh, und muss man nicht konzedieren, dass Salman Rushdie beim Thema Redefreiheit eine gewisse Qualifikation mitbringt?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2020 - Ideen

Auf Zeit online denkt der Politikwissenschaftler Peter Pomerantsev darüber nach, wie sehr sich die Bedeutung von Meinungsfreiheit geändert hat: In der Sowjetunion konnten seine Eltern nur unter größter Gefahr kritische Medien hören oder lesen. Heute nutzen Propagandisten die sozialen Medien, die mehr Meinungsfreiheit erlauben als je möglich war auf der Welt, um die Wahrheit zu untergraben. Dennoch will er Onlinekommentare nicht regulieren. Statt dessen müsse das Internet transparenter werden - das heißt, wir müssen wissen, warum wir bestimmte Inhalte sehen, andere nicht. Und wir "müssen wissen, ob ein Account auf Twitter der eines Bots oder einer echten Person ist; ob ein Inhalt sich organisch verbreitet oder von Trollen verstärkt wird; wer hinter einer vorgeblichen 'Nachrichten'-Website steckt. Anonymität im Netz ist für Individuen eine gute und oft aus Sicherheitsgründen notwendige Sache. Verboten werden sollten jedoch massenhafte, koordinierte Aktivitäten von anonymisierten Trollfabriken. Wir sollten Desinformation darum auch nicht primär als Inhalt verstehen, sondern als desinformierende Taktik. Die Inhalte, die Trollfabriken lancieren, sind oftmals gar nicht faktisch falsch. Ihr Einsatz zur Emotionalisierung ist das eigentliche Problem. Desinformierend an diesen Aktivitäten ist also das auf Täuschen abzielende Verhalten - und das lässt sich regulieren. ... Das Netz muss ähnlich wie ein Restaurant funktionieren, in dem wir durch eine Glasscheibe hindurch die Küche sehen können und wer dort welche Speisen zubereitet. Eine Regulierung, die auf Transparenz beruht, ist immer noch von den Grundsätzen der Meinungsfreiheit und des Rechts auf Information erfüllt, aktualisiert sie aber für eine neue Welt."

Die Mbembe-Debatte ist immer noch nicht zu Ende. Nun melden sich die Germanistin Irit Dekel und die Anthropologin Esra Özyürek in Zeit online zu Wort, die im Antisemitismusvorwurf gegen Mbembe ein "perfides Ablenkungsmanöver" sehen: "Wir gehen davon aus, dass in Deutschland der Vorwurf des Antisemitismus zu einem Instrument geworden ist, um linke und marginalisierte Positionen, gerade wenn sie von People of Color, Juden, Afrikanern, Muslimen, Nichtdeutschen und gerade auch Frauen vertreten werden, zum Schweigen zu bringen. Dies geschieht, indem die Definition von Antisemitismus zugleich eingeengt wie auch ausgeweitet wird. So wird der historische und aktuelle Rassismus gegen andere Minderheiten nicht mehr oder nur noch viel schwieriger sagbar."

Mbembe wurde alles andere als zum Schweigen gebracht, im Gegenteil, er bekam durch die Debatte mehr Publizität als je zuvor, antwortet Stefan Laurin in den Ruhrbaronen: "Mbembe veröffentlichte Gastbeiträge, unter anderem in der Zeit, gab zahlreiche Interviews und erreichte so wesentlich mehr Menschen, als es bei einem Vortrag in einer ehemaligen Industriehalle in Bochum der Fall gewesen wäre. Kein Kritiker Mbembes nahm übrigens an der Präsenz Mbembes in den Medien Anstoß, im Gegenteil: Seine Beiträge wurden aufgegriffen und diskutiert."

Die Freiheitsforscherin Ulrike Ackermann ist in der NZZ bestürzt über die Geschichtspolitik der AntirassistInnen, die nicht nur Statuen von Sklavenhändlern, sondern auch von Philosophen der Aufklärung stürzen und die Überbleibsel der Geschichte nach ihrer Idee umgestalten wollen: "Der Wunsch nach Eindeutigkeit und Einheitlichkeit, nach Reinheit und Reinigung hat sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern ausgebreitet. Verletzte Gefühle einer Gruppe wiegen plötzlich schwerer als die Prinzipien und die Ausübung der Kunst-, Wissenschafts- und Meinungsfreiheit. (...) Das ursprüngliche Ansinnen ist totalitär geworden und wäre letztlich eine Entsorgung der Vergangenheit."

Nick Cohen porträtiert im Observer die Publizistin und Historikerin Anne Applebaum, die aus dem republikanischen Adel der USA kommt und nun zugeben muss, dass all ihre ehemaligen Freunde in Polen, England und den USA es sind, die Brexit, Populismus und Trump ermöglichten: "Sie schnaubt so laut, dass es meilenweit um ihr polnisches Heim zu hören sein muss, als ich die Formulierung des pro-Brexit-Journalisten und Autors David Goodhart erwähne, dass dass wir einen Aufstand der 'Menschen von irgendwo' gegen die 'Menschen von nirgendwo' erleben - übrigens eine moderne Variante der alten kommunistischen Verurteilung der 'wurzellosen Kosmopoliten'. Nein, hier kämpft ein Teil der Elite gegen einen anderen Teil der Elite. Brexit war ein Elitenprojekt. 'Das Spiel bestand darin, alle anderen dazu zu bringen mitzumachen.' Sollen all die Tories aus dem Süden zu den unterdrückten Massen gehören?  'Und wer, glauben Sie, hat die Kampagne finanziert?'"

Außerdem: Die Netz- und Popkulturredakteurin der taz Carolina Schwarz spottet über den Aufruf der 150 englischen und amerikanischen Intellektuellen für ein zivileres Debattenklima ("A Letter on Justice and Open Debate", unser Resümee).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2020 - Ideen

Im Interview mit der Welt spricht der israelische Philosoph Omri Boehm über den Zionismus, Israel als Apartheidsstaat (was er als Beschreibung ablehnt), Identitätspolitik und den Universalismus: "Ich denke, die deutsche Diskussion um Kants Rassismus geht am eigentlichen Punkt vorbei. Ich kenne die Debatte aus den USA. Viele meiner Studenten denken, Kant sei ein Kolonialist und ein chauvinistisches Schwein. Natürlich hat er manch Schreckliches in Bezug auf Schwarze geschrieben, ebenso über Frauen und Juden. Er war ein Mann seiner Zeit. Aber will man jetzt die Grundidee der Aufklärung auflösen? Die eigentliche Frage ist nicht, ob Kant Rassist war, sondern ob der Universalismus selbst rassistisch ist, wie jetzt die Identitätspolitiker von links und rechts behaupten. Wenn Universalismus rassistisch ist, war Kant Rassist. Wenn Universalismus aber die einzige Antwort auf Rassismus ist, dann ist Kant die beste Waffe gegen Rassismus, die wir haben. Zu viele auf der Linken haben argumentiert, Universalismus sei Rassismus, weil er nur für weiße Männer gedacht sei. Wenn Sie so argumentieren, sind Sie bald bei einer AfD-Position. Die angeblich Linke und die Rechte haben dieselben anti-universalistischen Annahmen; dann geht es am Ende nur noch darum, wer als Erstes schießt."

Unsere technischen Fortschritte wachsen uns langsam über den Kopf, unser Denken kann da nicht mithalten, meint Nathan Gardels, leitender Berater des Think-Tanks Berggruen Institute, in der NZZ. "Die Wissenschaft hat - jedenfalls aus der Sicht unserer Philosophen und Theologen - derzeit kein Verständnis des Seins. Sie kann lediglich berichten, dass wir eine Ansammlung von Zellen sind; ein Bündel Nerven; ein Immunsystem; Wirt für ein Universum von Mikroben. Das Sein, die Person, die Menschenwürde - all das sind Konzepte, die ihren Ursprung in der religiösen Vorstellungswelt haben." Und das sei mit ein Grund, warum Religion plötzlich wieder gefragt sei: Auf der Suche nach einer "neuen moralischen Sprache", die mit der Wissenschaft Schritt halten könne, müsse man "aus allen verfügbaren Quellen der Weisheit schöpfen, auch aus den frühen religiösen und ethischen Schriften sämtlicher Kulturen".

Überbevölkerung ist nicht das Problem der Erde, sondern Überkonsum, meint im Interview mit der SZ die Soziologin Shalini Randeria. Dennoch werde vor allem über ersteres gestritten, aus Angst, den "demografischen Wettlauf" zu verlieren: "Zwar wird diese Angst oft in Diskursen über die scheinbare kulturelle Unvereinbarkeit vom Islam mit abendländischen Werten in Europa ausgedrückt, aber das demografische Argument schwingt stets mit. In vielen osteuropäischen Gesellschaften wird vor der Entvölkerung des Landes aufgrund der hohen Auswanderung, gepaart mit den niedrigen Geburtenraten, gewarnt. Der Trend hin zu einem Diskurs von 'demographischer Sicherheit' wird von immer stärker werdenden ethno-nationalistischen und populistischen Tendenzen genährt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2020 - Ideen

Die vereinzelte Kritik an den amerikanischen Künstlern und Intellektuellen, die in einem Aufruf vor einem Klima der Zensur und Intoleranz warnten (Unser Resümee), kann Hannes Soltau im Tagesspiegel durchaus nachvollziehen: "In der Tat verweist die Debatte auf einen Grundkonflikt in liberalen Gesellschaften. Denn jene Eliten, die heute die bürgerliche Errungenschaft der Meinungsfreiheit anpreisen, haben sich über Jahrhunderte geweigert, marginalisierten Menschen eine Stimme zu geben. Trotzdem galt die Meinungsfreiheit als Grundlage für den Austausch zwischen freien und gleichen Menschen - aber eben nur auf dem Papier. Die verbrieften Rechte - und mit ihr die Partizipation an der Gestaltung der Gesellschaft - waren für Frauen, People of Color und Homosexuelle stets eingeschränkt. 'Cancel Culture' war über Jahrhunderte eine Realität für sie. Die Verschleierung von Machtverhältnissen aufzuheben, ist die Voraussetzung dafür, dass man auf Augenhöhe miteinander sprechen kann. Die Unterzeichner des Briefes scheinen hingegen davon auszugehen, dass dies bereits erfüllt ist." (Wenn man jetzt selbst so leicht andere canceln kann, ist es eben schwer, sich selbst noch als marginalisiertes Opfer zu beschreiben.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2020 - Ideen

Bei hpd.de schildert Gunnar Schedel vom Alibri-Verlag, wie Religionskritik, die einst in die Toolbox der Linken gehörte, von der postmodernen Linken im Zeichen von Multikulturalismus und Identitätspolitik kassiert wurde: "Die beiden kritischen Perspektiven auf Religion - trifft sie richtige Aussagen über die Welt? Stützt sie die herrschenden Verhältnisse? - 'funktionieren' plötzlich nicht mehr. Denn in postmodernen Vorstellungen ist intersubjektiv vermittelbare Wahrheit kein Kriterium. Wissenschaft und Religion stehen als unterschiedliche Erzählungen gleichwertig nebeneinander. Der Vorwurf, die Welt nicht richtig zu beschreiben, wird unerheblich - und damit auch die Emanzipation von einem solchen falschen Bewusstsein."

Ein für alle Mal: Kant war kein Rassist, ruft der Philosoph Michael Wolff in der FAZ in Antwort auf einige Kritiker Kants: "Zu Kants Universalismus gehört der Grundsatz, dass es ein 'ursprüngliches, jedem Menschen kraft seiner Menschheit zustehendes Recht gibt'. Es bestehe in der 'Freiheit' eines jeden, sofern sie mit der Freiheit 'jedes Anderen' nach einem 'allgemeinen Gesetz' zusammen bestehen könne. Dieser Grundsatz schließt Rassendiskriminierung aus."

Der Brief von 150 angloamerikanischen Intellektuellen (Kamel Daoud war auch dabei) gegen die hysterisierte und oft zensorische Debatte über Rassismus und Antirassismus (hier in der Zeit und unser Resümee) hat sofort nach Erscheinen für Diskussionen und Erregung in den sozialen Netzen gesorgt, die Jennifer Schuessler and Elizabeth A. Harris in der New York Times resümieren: "Eine besonders starke Reaktion gab es wegen der Einbeziehung von J.K. Rowling, die nach weithin als 'anti-transgender' empfundenen Kommentaren in der Kritik stand." Über die Debatte berichten auch Vice (wo schon von reuigen Rückzügen und anderen Peinlichkeiten berichtet wird) und hier der Guardian.