Auf
Zeit online denkt der Politikwissenschaftler
Peter Pomerantsev darüber nach, wie sehr sich die Bedeutung von
Meinungsfreiheit geändert hat: In der Sowjetunion konnten seine Eltern nur unter größter Gefahr kritische Medien hören oder lesen. Heute nutzen Propagandisten die sozialen Medien, die mehr Meinungsfreiheit erlauben als je möglich war auf der Welt, um die Wahrheit zu untergraben. Dennoch will er Onlinekommentare nicht regulieren. Statt dessen müsse das
Internet transparenter werden - das heißt, wir müssen wissen,
warum wir bestimmte Inhalte sehen, andere nicht. Und wir "müssen wissen, ob ein Account auf Twitter der
eines Bots oder einer echten Person ist; ob ein Inhalt sich organisch verbreitet oder von Trollen verstärkt wird; wer hinter einer vorgeblichen 'Nachrichten'-Website steckt.
Anonymität im Netz ist für Individuen eine gute und oft aus Sicherheitsgründen notwendige Sache. Verboten werden sollten jedoch
massenhafte,
koordinierte Aktivitäten von anonymisierten Trollfabriken. Wir sollten Desinformation darum auch nicht primär als Inhalt verstehen, sondern als
desinformierende Taktik. Die Inhalte, die Trollfabriken lancieren, sind oftmals gar nicht faktisch falsch. Ihr Einsatz zur Emotionalisierung ist das eigentliche Problem. Desinformierend an diesen Aktivitäten ist also das
auf Täuschen abzielende Verhalten - und das lässt sich regulieren. ... Das Netz muss ähnlich wie ein Restaurant funktionieren, in dem wir durch eine Glasscheibe hindurch
die Küche sehen können und wer dort welche Speisen zubereitet. Eine Regulierung, die auf Transparenz beruht, ist immer noch von den Grundsätzen der Meinungsfreiheit und des Rechts auf Information erfüllt, aktualisiert sie aber für eine neue Welt."
Die Mbembe-Debatte ist immer noch nicht zu Ende. Nun
melden sich die Germanistin
Irit Dekel und die Anthropologin
Esra Özyürek in
Zeit online zu Wort, die im Antisemitismusvorwurf gegen Mbembe ein "
perfides Ablenkungsmanöver" sehen: "Wir gehen davon aus, dass in Deutschland der Vorwurf des Antisemitismus zu einem Instrument geworden ist, um linke und marginalisierte Positionen, gerade wenn sie von People of Color, Juden, Afrikanern, Muslimen, Nichtdeutschen und gerade auch Frauen vertreten werden,
zum Schweigen zu bringen. Dies geschieht, indem die Definition von Antisemitismus zugleich eingeengt wie auch ausgeweitet wird. So wird der historische und aktuelle Rassismus gegen andere Minderheiten nicht mehr oder nur noch viel schwieriger sagbar."
Mbembe wurde alles andere als zum Schweigen gebracht, im Gegenteil, er bekam durch die Debatte
mehr Publizität als je zuvor,
antwortet Stefan Laurin in den
Ruhrbaronen: "Mbembe veröffentlichte
Gastbeiträge, unter anderem in der
Zeit, gab
zahlreiche Interviews und erreichte so wesentlich mehr Menschen, als es bei einem Vortrag in einer ehemaligen Industriehalle in Bochum der Fall gewesen wäre.
Kein Kritiker Mbembes nahm übrigens an der Präsenz Mbembes in den Medien Anstoß, im Gegenteil: Seine Beiträge wurden aufgegriffen und diskutiert."
Die Freiheitsforscherin
Ulrike Ackermann ist in der
NZZ bestürzt über die
Geschichtspolitik der AntirassistInnen, die nicht nur Statuen von Sklavenhändlern, sondern auch von Philosophen der Aufklärung stürzen und die Überbleibsel der Geschichte
nach ihrer Idee umgestalten wollen: "Der Wunsch nach Eindeutigkeit und Einheitlichkeit, nach
Reinheit und Reinigung hat sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern ausgebreitet. Verletzte Gefühle einer Gruppe wiegen plötzlich schwerer als die Prinzipien und die Ausübung der Kunst-, Wissenschafts- und Meinungsfreiheit. (...) Das ursprüngliche Ansinnen ist totalitär geworden und wäre letztlich eine Entsorgung der Vergangenheit."
Nick Cohen
porträtiert im
Observer die Publizistin und Historikerin
Anne Applebaum, die aus dem republikanischen Adel der USA kommt und nun zugeben muss, dass all ihre
ehemaligen Freunde in Polen, England und den USA es sind, die
Brexit,
Populismus und
Trump ermöglichten: "Sie schnaubt so laut, dass es meilenweit um ihr polnisches Heim zu hören sein muss, als ich die Formulierung des pro-Brexit-Journalisten und Autors David Goodhart erwähne, dass dass wir einen Aufstand der '
Menschen von irgendwo' gegen die '
Menschen von nirgendwo' erleben - übrigens eine moderne Variante der alten kommunistischen Verurteilung der 'wurzellosen Kosmopoliten'. Nein, hier kämpft
ein Teil der Elite gegen einen anderen Teil der Elite. Brexit war ein Elitenprojekt. 'Das Spiel bestand darin,
alle anderen dazu zu bringen mitzumachen.' Sollen all die Tories aus dem Süden zu den unterdrückten Massen gehören? 'Und wer, glauben Sie, hat die Kampagne finanziert?'"
Außerdem: Die Netz- und Popkulturredakteurin der
taz Carolina Schwarz
spottet über den Aufruf der 150 englischen und amerikanischen Intellektuellen für ein
zivileres Debattenklima ("A Letter on Justice and Open Debate", unser
Resümee).