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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.03.2006. Die FR fragt: "Was ist los mit Suhrkamp?" Die FAZ fragt: "Was ist los mit dem deutschen Fußball?". Die Zeit fragt: "Was ist los mit Frank Schirrmacher?" In der taz macht sich Christian Semler Sorgen wegen einer allgemein um sich greifenden Lebensplanlosigkeit. Die Welt veröffentlicht ein Manifest von Autoren gegen den "kulturellen Relativismus".

Zeit, 02.03.2006

Im Literaturteil versucht Jakob Augstein, sich dem Phänomen Frank Schirrmacher zu nähern, dessen neues Buch "Minimum" demnächst mit maximalem Medienaufwand erscheint: "Er schreibt mit der Fähigkeit zur Bosheit und der Neigung zur Sehnsucht. Aber immer manieriert. Man stellt ihn sich verspielt vor und vielleicht einsam, ein bisschen zickig und womöglich liebevoll. Ein Kind. Ein Junge. Schirrmacher hat das Feuilleton ein 'großartiges intellektuelles Spielzeug' genannt. So handhabt er es auch. Manche hassen das. Manche lieben es. In seinen Jahren hat sich Schirrmachers Personal mehr oder weniger freiwillig ganz und gar ausgetauscht. Aber es spielt bekanntlich für die Bedeutung eines Mannes keine Rolle, wie er seine Kinder behandelt oder sein Gesinde oder seine Hunde."

Der serbische Schriftsteller Bora Cosic schreibt über den Kriegsverbrecher Radko Mladic, der sich Gerüchten zufolge in einem orthodoxen Nonnenkloster verstecken soll: "Die Serben sind ein ungezügeltes, robustes, begabtes, aber gefährliches Volk... Ich weiß nicht, in welchem seelischen Zustand der versteckte General ist. Ich weiß, dass sich seine Tochter während des Krieges umbrachte, ich meine aus Scham über das, was ihr Vater getan hat. Das war ebenfalls ein Akt, ein antiker, reiner, der Akt einer Antigone. Aber das ist nicht alles. So viele Bestialitäten begangen zu haben muss aus einem Menschen einen zusätzlichen Bruder Karamasow machen, mit dem schlechtesten Gewissen, dem finstersten Herzen, einen Mann ohne Ruhe und ohne Schlaf."

Weiteres: Die Reporterin Susanne Fischer, die im Nordirak für das britische Institute for War and Peace Reporting irakische Journalisten ausbildet, berichtet von der Arbeit einheimischer Reporter, die noch viel gefährlicher ist als die ihrer ausländischen Kollegen. Katja Nicodemus beobachtet spöttelnd die Qualen, die Hollywoods konservatives Establishment bei den Oscar-Verleihungen in diesem Jahr aushalten muss. Nicht nur, dass fast alle nominierten Filme unabhängig produziert wurden, es geht in ihnen auch durch die Bank um schwule Cowboys, schwule Schriftsteller, Transvestiten, Kettenraucher oder alkoholabhängige Countrysänger. Im Interview mit Petra Reski spricht Roberto Benigni über seinen neuen Film "Der Tiger und der Schnee", seinen deutschen Lieblingsdichter Angelus Silesius und natürlich Silvio Berlusconi. Michael Mönniger preist die Arbeit des Deutschen Forums für Kunstgeschichte. Georg Diez bewundert Felicity Huffman für ihre Rolle in "Transamerica". Der Architekturhistoriker Gert Kähler erklärt, warum er Flensburger "Stadtdenker" wurde.

Besprochen werden die große Rembrandt-Caravaggio-Schau in Amsterdam (die Hanno Rauterberg "Unerwartetes und Wunderbares" bescherte), Hans-Christian Schmids bereits auf der Berlinale ausgezeichneter Film "Requiem", Matthias Hartmanns Zürcher "Othello"-Inszenierung, Robert Altmans "MASH" auf DVD, akustisch-skulpturale Musik von Benedict Mason und Elvis Presleys Album-Klassiker "The Sun Session".

NZZ, 02.03.2006

Franz Haas erzählt von dem bizarren Streit in Italien um Giovanni Rabonis Berlusconi-kritische "Ultimi versi": Nachdem sie der Berlusconi-eigene Enaudi Verlag abgelehnt hat, druckt sie jetzt der Berlusconi-eigene Verlag Mondadori in einer Prachtausgabe. George Waser berichtet von den Querelen um das Royal Hospital von Chelsea, das der Architekt Quinlan Terry - "ein Günstling von Prinz Charles" - erweitern wird. Joachim Güntner gibt vorsichtig Entwarnung für das Historische Kolleg in München. Zwar bleibe die bayrische Regierung bei ihrem Beschluss, die Fördermittel einzustellen, doch die Münchner Universität hat Rettung angeboten.

Besprochen werden Terrence Malicks Film zur Pocahontas-Legende " The New World", Neueinspielungen von Schostakowitsch-Sinfonien, neue CDs mit thematischen Konzepten und Bücher, darunter Erhard Schüttpelz' Untersuchung "Die Moderne im Spiegel des Primitiven" und Edward P. Jones' Roman "Die bekannte Welt" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

Welt, 02.03.2006

Abgedruckt wird ein kurzes Manifest gegen den "neuen Totalitarismus" des Islamismus, das gestern in dem französischen satirischen Wochenmagazin Charlie Hebdo veröffentlicht und unter anderem von Salman Rushdie und Ayaan Hirsi Ali unterzeichnet wurde (Originaltext). "Wir lehnen den 'kulturellen Relativismus' ab, der im Namen der Achtung der Kulturen und der Traditionen hinnimmt, dass den Frauen und Männern der muslimischen Kultur das Recht auf Gleichheit, Freiheit und Laizität vorenthalten wird. Wir weigern uns, wegen der Befürchtung, die 'Islamophobie' zu fördern, auf den kritischen Geist zu verzichten. Dies ist ein verhängnisvolles Konzept, das die Kritik am Islam als Religion und die Stigmatisierung der Gläubigen durcheinanderbringt." Mehr dazu in unserem Link des Tages.

Hat Dan Brown für seinen Bestseller "The Da Vinci Code" vom 1982 erschienenen Enthüllungsbuch "The Holy Blood and the Holy Grail" abgeschrieben? Thomas Kielinger berichtet, wie Richter Peter Smith Im Saal 61 des High Court in London um die Wahrheit kämpft. Die erste Ausstellung im neuen Willi-Sitte-Museum in Merseburg ist eher eine Hommage als ein Angebot zur Diskussion über den umstrittenen DDR-Künstler, meint Uta Baier. Gerhard Gnauck meldet die Restaurierung eines bisher unbekannten Gebäudeensembles des Jugendstilkünstlers Henry van de Velde im polnischen Trzebiechow. "wen." empfiehlt den heimlichen Mitschnitt einer inoffiziellen musikalisch-literarischen Nachtveranstaltung im Großen Haus der Dresdner Staatstheater 1980. "bru." stellt die "unglaublich vielseitige" Mezzosopranistin Joyce DiDonato vor.

Besprochen werden Terrence Malicks Film "The New World" ("Vielleicht kommen wir Malicks Intention erst mit der dreistündigen DVD-Version nahe", seufzt Hanns-Georg Rodek), eine Ausstellung über den Kunsthändler und Verleger Paul Cassirer im Berliner Liebermann-Haus, sowie die deutsche Premiere von Maria Goos' Komödie "Alte Freunde" im Berliner Renaissancetheater.
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SZ, 02.03.2006

Staunend steht Manfred Schwarz vor dem frisch sanierten Brüsseler Atomium, diesem "stählern-strahlenden Fossil der Moderne. Die neue Außenhaut aus korrosionsbeständigem Edelstahl glänzt so hell im Tageslicht, als wäre dieses Raumschiff aus einer anderen Zeit gerade erst gelandet. Nur kommt es jetzt eben nicht mehr aus einer verlockenden Zukunft, sondern aus der hochgestimmten Vergangenheit: aus den kühnen, unwiderstehlich eleganten und unerschrocken futuristischen späten fünfziger Jahren. Die Zeitreise, zu der das Atomium einlädt, verläuft jetzt gerade in die andere Richtung."

Für den Zürcher Historiker Philipp Sarasin ("Anthrax") ist die gegenwärtige "phantasmagorische Angst" vor einer Pandemie zwar nicht ganz unbegründet. Dennoch sieht er dabei auch die Struktur des globalen Informationsnetzes eine wichtige Rolle spielen. "Jeder tote Schwan ist sofort in der Weltpresse, und zwar online und in Realtime weltweit."

Weiteres Artikel: Harald Eggebrecht freut sich mit der Juilliard School in New York, der der Milliardär Bruce Kovner seine einzigartige Partiturensammlung geschenkt hat. Gleichzeitig rückt Kovners Erwerb einiger sensationeller Blätter aus deutschen Verlagsbeständen für Eggebrecht aber auch die Tatsache ins Licht, dass Notenmanuskripte und andere Musikalia kaum auf den Schutzverzeichnissen der Länder von "national wertvollem Kulturgut" auftauchen und daher relativ leicht aus Deutschland "abwandern" können.

Alexander Kissler erläutert angesichts des Komapatienten Ariel Scharon das israelische Sterbehilfegesetzt und die "Halacha", das jüdische Religiongesetz. Günter Kowa war in Merseburg, wo eine Willi-Sitte-Galerie eröffnet wurde. Christopher Schmidt meldet, dass Marie Zimmermann neue Chefin der Ruhrtriennale wird ("Ihre Art sich auszudrücken, wirkt wie ein Medley aus Suhrkamp Wissenschaft und Fußballplatz"). Jens-Christian Rabe meditiert über die Frage, ob das Golfspiel statt von den Schotten (mehr hier) in Wahrheit von den Chinesen erfunden wurde. Johannes Willms schließlich macht Werbung in eigener Sache und stellt Band 25 der SZ-Kinderbuchedition, Erich Kästners "Pünktchen und Anton", vor - mit den Zeichnungen von Walter Trier, die aus seiner Sicht manche Verfilmung des Stoffs in den Schatten stellen.

Besprochen werden Gore Verbinskis Film "Weather Man" mit Nicolas Cage, eine Ernst-Lubitsch-Retrospektive im Münchner Filmmuseum, Teil drei von Joachim Masanneks Jugendfilm "Die wilden Kerle", Franz X. Gernstls Deutschlandreisedokumentation "Gernstls Reisen", Hans-Christian Schmids Film "Requiem", Robert Altmans Inszenierung von Arthur Millers vorletztem Drama "Resurrection Blues" am Londoner Old Vic Theatre (die Alexander Menden "einfach nur schlampig und lieblos gemacht" fand) und Bücher, darunter Oksana Sabuschkos "hingebungsvolle" Feldstudien zu ukrainischem Sex (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FR, 02.03.2006

"Was ist los bei Suhrkamp?" fragt Ina Hartwig und betreibt auf der Suche nach Antworten kremlastrologische Studien von Äußerungen einiger Verlagsmitarbeiter. "Gerade letzte Woche wurde die Hauptstadt-Repräsentanz des Verlags in der Wilmersdorfer Fasanenstraße feierlich eingeweiht, tout Berlin war gekommen, inklusive Bürgermeister, die Stimmung soll ausgelassen gewesen sein, und jetzt lesen wir: Ulla Unseld-Berkewicz habe es 'wahnsinnig schwer'. Das klingt schon etwas schräg, wenn es aus dem inner circle des Hauses kommt."

Weiteres: "Man wird diese Szene noch in hundert Jahren bewundern," kontert Daniel Kothenschulte Klaus Theweleits Kitsch-Vorwürfe gegen eine Schlüsselstelle aus Terrence Malicks Siedlerdrama "The New World" über die unglückliche Liebe der Häuptlingstochter Pocahontas mit dem britischen Soldaten John Smith. In der FR-Serie über Bürgersinn erzählt der Frankfurter Philosophieprofessor Martin Seel, wie er in den USA in den Genuss spontanen Bügersinns kam.

Besprochen werden Bennett Millers Film "Capote", Hans-Christian Schmids Film "Requiem", Armin Holz' Inszenierung von Oscar Wildes "Ein idealer Gatte" am Schauspielhaus Bochum, das Album "Creative Outlaws" mit amerikanischer Undergroundmusik aus den 60er Jahren und eine Schau mit einer begehbaren Rauminstallation des polnischen Künstlers Robert Kusmirowski im Hamburger Kunstverein.

TAZ, 02.03.2006

"An den Grenzübergängen zwischen Gut und Böse, zwischen Cowboys und Indianern ist es unübersichtlich geworden", stellt Uh Young-Kim nach Sichtung neuerer amerikanischer Western wie "Brokeback Mountain" fest: "Haben einst Rezession, Kommunistenjagd und Vietnam ihre Spuren im Western hinterlassen, schlagen nun der 11. September 2001, die Doppelmoral des 'mitfühlenden Konservatismus' der Bush-Regierung sowie die Auseinandersetzung mit der Bedrohung aus dem Nahen Osten Funken im filmischen Schaffen. Das uramerikanische Filmgenre hält einen reichen Fundus an Materialien und Diskursen bereit, um die politischen Konflikte zu kommentieren, die damals wie heute aus dem Fundamentalismus von Nation und Religion hervorgehen. Die Skepsis gegenüber den Ordnungsmächten ist noch gewachsen und äußert sich in Verunsicherung, aber auch Wut."

In der tazzwei beobachtet Christian Semler besorgt eine um sich greifende Lebensplanlosigkeit und stellt fest: "Wenn der Staat systematisch die Pfeiler untergräbt, auf denen Lebensplanung ruhte, wird er nicht neuen individuellen Wagemut ernten - sondern Verzweiflung."

Weiteres: "Für einen Regisseur, der seine Filmprojekte derart handverliest, ist ein mythopoetischer Schmarrn wie "The New World" maßlos enttäuschend", schreibt Andreas Busche über Terrence Malicks neuen Film. Uwe Rada betrauert einen todgeweihten Stadtplatz in Berlin, Friedrichstraße/Ecke Unter den Linden. Auf der Tagesthemenseite hat Dirk Knipphals mit Roger Willemsen über sein Buch "Hier spricht Guantanamo" gesprochen.

Besprochen werden Hans-Christian Schmids Film "Requiem", Jorinde Dröses Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" am Thalia Theater Hamburg und die neue Ausgabe der Zeitschrift "Fantomas", die dem Thema "Aneignung" gewidmet ist.

Und Tom.

FAZ, 02.03.2006

Hendrik Leber, seines Zeichens Geschäftsführer der Acatis Anlageberatung für Investmentfonds (wie wir aus einer Google-Recherche, aber nicht in der heutigen FAZ erfahren) analysiert den deutschen Fußball aus streng wirtschaftlicher Sicht und zeigt sich eher skeptisch über die die deutsche "Kernkompetenz Fußball": "Wie sieht es für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 aus? Der durchschnittliche Marktwert eines deutschen Spielers der Nationalmannschaft liegt bei 7,1 Millionen Euro. Italien, England, Brasilien und Frankreich haben durchschnittliche Spielermarktwerte zwischen 11 und 15 Millionen Euro. Also keine Finalteilnahme für Deutschland? Zum Glück für Deutschland gibt es Mannschaften mit noch niedrigeren Marktwerten. Togo etwa hat einen durchschnittlichen Marktwert pro Spieler von 0,8 Millionen und Saudi-Arabien sogar einen von Null."

Weitere Artikel: R. W. glossiert den Tod einer Rügener Katze und seine Folgen für die Katzenhalterschaft. Dieter Bartetzko schreibt einen Nachruf auf das ehemalige Haus der Frankfurter Rundschau, das der unermüdlichen Abrisspolitik in der Stadt Frankfurt zum Opfer fällt. Hubert Spiegel freut sich über die Herausgabe der 77 "Literarischen Quartette" in Buchform. Jürg Altwegg eröffnet eine Reihe über "Leitsprachen" mit einem Blick auf Schweizer Entwicklungen - man spricht fast nur noch Mundart, und nicht mehr Hochdeutsch und statt der anderen Landessprachen lernt man englisch. Auf einer mit Heine-Porträts illustrierten Seite denkt Hans-Ulrich Treichel über sein eigenes Bild vom Dichter nach. Daniela Gregori berichtet über einen neuen Wiener Bilderstreit, diesmal geht es um ein Munch-Gemälde, auf das eine Erbin Alma Mahler-Werfels Anspruch erhebt.

Auf der Kinoseite bespricht Andreas Kilb eine Filmreihe über "Metropolis" und die Folgen im Berliner Zeughaus. Verena Lueken führte ein Interview mit Philip Seymour Hoffman. Und Hans-Jörg Rother erlebte neue Rechtfertigungsversuche Istvan Szabos für seine ehemalige Stasi-Mitarbeit auf der Filmwoche Budapest.

Auf der Medienseite beschreibt Michael Hanfeld den Stand der Auseinandersetzungen zwischen Belegschaft und neuem Besitzer des Berliner Verlags. Und Robert von Lucius berichtet über einen neuen Karikaturenstreit in Finnland - dort wurde der Chefredakteur der Zeitschrift Kaltio aber nicht gefeuert, weil er Mohammed, sondern die seiner Meinung nach feige Reaktion der finnischen Regierung auf den Streit karikieren ließ.

Auf der letzten Seite annonciert Martin Schlögel neue Entwicklungen auf dem Markt für Computerspiele, wo man jetzt auch versucht, die Frauen zu erobern. Camilla Blechen bringt die Meldung von der Eröffnung eines Willi-Sitte-Museums in Merseburg. Und Joseph Hanimann porträtiert Dalil Boubakeur, den Vorsitzenden des "Conseil francais du culte musulman".

Besprochen werden Terrence Malicks Film "The New World", Rebekka Kricheldorfs Theaterstück "Landors Phantomtod" in Mannheim, und Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Ben Jonsons satirischer Komödie "Volpone" im Deutschen Theater Berlin.