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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.05.2006. In der FAZ kommt Walter Laqueur auf die Auseinandersetzung zwischen Bernard Lewis und Edward Said zurück - und sieht Lewis als Sieger. In der Welt meint der Springer-Vorstand Mathias Döpfner zur Zukunft der Zeitungen: Das Internet ändert weniger als wir denken. Und Hubertus Knabe wehrt sich gegen einen "Akzentwechsel" in der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. Der Berliner Zeitung fehlt noch ein Mahnmal in Berlin: das für die sowjetischen Kriegsgefangenen. In der SZ unternimmt Matthias Politycki einen lyrischen Spaziergang durch das italienische Städtchen Arpino. Die taz staunt über die Erfolge der südkoreanischen Popkultur.

Welt, 08.05.2006

In einem Text zur Zukunft des Journalismus zeigt Springer-Chef Mathias Döpfner auf den Forumsseiten Beharrungsvermögen: "Wir werden nicht untergehen, denn es ändert sich weniger, als wir denken." Den Unterschied zwischen Zeitungen und Internet fasst er so: "Im Internet führt der Nutzer den Journalisten. In der Zeitung wird der Leser geführt. Das Internet hat das Hierarchieverhältnis verkehrt. Es hat einen selbstlos antiautoritären, basisdemokratischen Gestus. Die Zeitung hingegen einen selbstbewusst autoritären Gestus." (Hier noch einmal die Rede von Medienunternehmer Rupert Murdoch, der glaubt, dass die Leser vom autoritären Gestus die Nase voll haben.)
Im Kulturteil ist Hubertus Knabe, Historiker und Leiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, entsetzt über die Vorschläge, die eine von der rot-grünen Regierung eingesetzte Expertenkommission zur künftigen Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit erarbeitet hat. "Den Experten wird die DDR offensichtlich zu grau dargestellt. Sie beklagen eine 'Vorrangstellung der öffentlichen Dokumentation staatlicher Repression'. Die Zeit ist ihrer Meinung nach reif für einen 'Akzentwechsel' und eine 'Perspektivendifferenzierung'. Mit ihren Empfehlungen wollen sie jedenfalls 'der deutlich übergewichtigen Konzentration auf Orte der Repression und der Teilung entgegenwirken'... Noch bedenklicher als die staatlich geförderte Ostalgie ist der Wunsch der Experten, die Erinnerung an die DDR in Zukunft zentralistisch zu organisieren. Schon der Auftrag, einen 'Geschichtsverbund' zu schaffen, erinnert an die Planwirtschaft der SED, die jeden Kleinstbetrieb in ein Großkombinat presste."

Iris Dahl erzählt in einem sehr lustigen Artikel von dem Fußballspiel, zu dem gestern im Berliner Wilmersdorf christliche Pfarrer gegen muslimische Imame angetreten sind. Dabei haben die Pfarrer offenbar echten Killerinstinkt bewiesen: "12:1 für die Christen steht es nach zweimal 30 Minuten. 'Unsere Tore sind so offen wie unsere Herzen' fasst Imam Taha von der Neuköllner Al-Nur-Moschee ironisch zusammen."

Weitere Artikel: Für Uwe Wittstock war relativ absehbar, was Marcel Bozonnet, der Intendant der Comedie Francaise, mit der Absetzung von Peter Handkes Stück "Spiel vom Fragen" erreicht hat: "Der wegen seines Serbien-Engagements vielgescholtene Handke hat mit einem Mal alle Sympathien auf seiner Seite." Michael Tschernek unterhält sich mit Musiker Scott Walker. Stefan Kister gibt Eindrücke vom Theater-Festival "Radikal jung" in München wieder: "Kino, Trash, Rock und Pop, das ist der Stoff, der in diesen Münchner Tagen kräftig zum Schäumen gebracht wurde." Hellmuth Karasek erinnert an John Carpenters Film "Die Klapperschlange".

Besprochen werden die Uraufführung von Philippe Hersants Tschechow-Oper "Der schwarze Mönch" in Leipzig, eine zu Roberto Rossellinis hundertstem Geburtstag erscheinende DVD-Box sowie eine weitere DVD-Box mit Science-Fiction-Filmen der Defa.

FR, 08.05.2006

Harry Nutt resümiert die Auftaktveranstaltung in Berlin zum 150. Geburtstag Sigmund Freuds: "Drei Begrüßungen, drei Festreden, der Verdacht auf Disproportionalität wurde tunlichst vermieden." Daniel Kothenschulte schreibt zum 100. Geburtstag Roberto Rossellinis. In Times Mager staunt Harry Nutt über den friedlichen 1. Mai in Kreuzberg: "Barrikaden in Paris, Maiglöckchen in Berlin." Auf der Medienseite wundert sich Martin Dahm über die Verleihung des Montaigne-Preises der Alfred-Toepfer-Stiftung an den "spanischen Krawalljournalisten" Pedro J. Ramirez, Chefredakteur von El Mundo, denn der sei doch nur damit beschäftigt, den Wahlsieg Zapateros in ein schiefes Licht zu rücken.

Besprochen werden die Aufführung von Liu Solas Kammeroper "Fantasy of the Red Queen" im Berliner Haus der Kulturen der Welt und eine enzyklopädische Arbeit für sechs Musiker und sechs Schauspieler - Ruedi Häusermanns "Gewähltes Profil: Lautlos" am Schauspiel Hannover.

FAZ, 08.05.2006

In einem Artikel zum neunzigsten Geburtstag des Islamwissenschaftlers Bernard Lewis kommt Walter Laqueur noch einmal auf dessen Auseinandersetzung mit Edward Saids "Orientalismus"-Buch zurück - und sieht Lewis letztlich als Sieger: "Als sich in den siebziger Jahren der große Aufschwung des Fundamentalismus abzeichnete, war Lewis einer der ganz wenigen, die darauf hinwiesen: in seinem Essay 'The Return of Islam' von 1976. Als Bin Ladin 1998 den Heiligen Krieg gegen den Westen ausrief, war Lewis der einzige, der darüber berichtete. Die Schüler von Said hielten diese Entwicklungen dagegen für unwichtig. Viele von ihnen haben Lewis bis heute nicht verziehen, dass er klarer sah, als sie es taten."

Den umstrittenen Plan eines Moscheeneubaus im Berliner Außenbezirk Berlin-Heinersdorf analysiert Regina Mönch in einem längeren Hintergrundartikel als Symptom einer in Deutschland immer noch verbreiteten Verdrängung: "Nicht nur die Kirche im Dorf ist ein Symbol für Heimat, für Tradition, eine Moschee ist es auch. Sie ist der unübersehbare Beweis dafür, dass die Einwanderer bleiben und dass sie in ihrer Mehrheit Muslime sind."

Weitere Artikel: Im Aufmacher berichtet Mark Siemons über eine kulturindustrielle Offensive Chinas. Gastrokritiker Jürgen Dollase kommt nach längeren Erwägungen über den Erfolg der Fernsehköchin Sarah Wiener zum Ergebnis, dass ihm doch keine Bedeutung beizumessen sei. Verena Lueken kommentiert in der Leitglosse den Erfolg des Film "United 93" über die Geschehnisse in einem der Flugzeuge des 11. Septembers. Paul Ingendaay schildert den Kampf der Baronin Thyssen-Bornemisza gegen die geplante Fällung von Bäumen vor dem von ihrer Familie gestifteten Museum in Madrid. Kerstin Holm meldet, dass der Architekt Norman Foster in Moskau das höchste Hochhaus der Welt errichten soll. Tilman Lahme verfolgte in Marbach eine Diskussion über Kafka. Andreas Eckert gratuliert dem Historiker William Roger Louis zum Siebzigsten. Joseph Hanimann stellt das erste deutsch-französische Schulbuch für den Geschichtsunterricht vor.

Auf der Medienseite schreibt Rainer Hermann über eine angebliche Spaltung in der Spitze von Al Qaida. Und Vincenzo Velella gratuliert dem Tierfilmer David Attenborough zum Achtzigsten. Auf der letzten Seite porträtiert Tilman Lahme den deutschen Kaiser Heinrich IV., dessen 900. Todestag in diesem Jahr begangen wird. Und Katja Gelinsky berichtet über einen Vortrag des Verfassungshistorikers Manfred Berg in Washington.

Besprochen weden Aufführungen chinesischer Musiktheaterwerke in Frankfurt und Berlin, ein Kleinkunstabend der Geschwister Pfister in Berlin, Christoph Staudes Oper "Wir" in der Münchner Musiktheaterbiennale, die Ausstellung "Sexy Mythos" über "Selbst- und Fremdbilder von KünstlerInnen" in Berlin, Philippe Hersants Oper "Der schwarze Mönch" nach Tschechow, Christiane Pohles Bearbeitung der "Räuber" in München und Sachbücher, darunter Petra Gehrings Recherche "Was ist Biomacht?" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 08.05.2006

Südkoreas Popkultur erobert ganz Asien, berichtet Tilman Baumgärtel. "Begonnen hat das Korea-Fieber 2002 mit der Fernsehserie 'Winter Sonata'. Das Melodrama um unerfüllte Liebe und Unfalltote rührte Teenagerinnen, Mädchen und Hausfrauen in ganz Asien zu Tränen. In Japan, Hongkong, Taiwan, China und den Philippinen, aber auch in Teilen Russlands erreichte die Serie Rekordquoten. Oh Su Yeon, der Autor der 'Koreanovela', ließ auf 'Winter Sonata' umgehend 'Autumn Story' and 'Summer Scent' folgen. Die Serie machte den koreanische Schauspieler Bae Yong Joon, der in 'Winter Sonata' und einigen anderen Soaps und Liebesfilmen die Hauptrolle spielte, zum gesamtasiatischen Superstar ... Aber es sind nicht nur die südkoreanischen Soap Operas, die in ganzen Asien erfolgreich sind. Auch Kino-Melodramen und Komödien wie 'My Wife is a Gangster' sind im Kino und auf DVD Riesenerfolge."

Weiteres: Detlef Kuhlbrodt erklärt seine Werte mit Achternbusch. Besprochen werden ein deutsch-französisches Geschichtsbuch und Norbert Bolz' Abrechnung mit dem Feminismus "Die Helden der Familie" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.

Berliner Zeitung, 08.05.2006

Unter all den gebauten und geplanten Mahnmalen in der Nähe des Brandenburger Tors fehlt noch eines, meint Nikolaus Bernau, das für die sowjetischen Kriegsgefangenen: "3,5 Millionen Menschen sind in den Lagern der Wehrmacht vor den Augen der deutschen Bevölkerung umgekommen. Sie stellen nach den Juden die zweitgrößte Opfergruppe dar. (...) Vielen Deutschen sind sie peinlich, weil diese Opfer belegen, dass eine 'saubere' Wehrmacht nicht existierte, dass die Großväter das Völkerrecht systematisch brachen, dass 'man' 'es' hätte wissen können, dass Rassismus damalige nationale Identität war. Und in Russland erinnern sie an ein Trauma: Die wenigen überlebenden Kriegsgefangenen wurden auf Stalins Befehl als 'Vaterlandsverräter' ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der Sieger."

NZZ, 08.05.2006

Entzückt ist Peter Hagmann aus der Pariser Bastille Oper getaumelt, wo Verdis "Simon Boccanegra" spannend wie nie zu sehen sei. "Wie diese Kämpfe musikalisch geschildert werden, das arbeitet der Dirigent Sylvain Cambreling mit dem außerordentlich präzis agierenden, ganz durchsichtig klingenden Pariser Opernorchester großartig heraus. Alles, was an das gewohnte Verdi-Bild mit eingängigen Melodielinien und fetzigem Hum-Ta-Ta erinnert, ist in den Hintergrund gerückt zugunsten der freien Formverläufe, die der Komponist hier erprobt, und eines unglaublich reichhaltigen Farbenreichtums. Das Orchester erzählt, was in den Seelen dieser ebenso verletzlichen wie stolzen Menschen vorgeht, und es tut es mit geradezu impressionistisch anmutender Zartheit."

Weiteres: Paul Jandl resümiert den den 8. Meraner Lyrikpreis. Der Ägyptologe Jan Assmann verknüpft in der Reihe "Was ist eine gute Religion" die Auswirkungen ägyptischer Schriftzeichen auf den griechischen Dualismus und die französische Aufklärung. Die Kulturhistorikerin Ursula Seibold-Bultmann diskutiert neue Bauten in der Weltkulturstätte Edinburg. Besprochen wird Cristina Comencinis Filmdrama "La bestia nel cuore".

SZ, 08.05.2006

Der Schriftsteller Matthias Politycki berichtet aus dem italienischen Städtchen Arpino, das jedes Jahr um ein lyrisches Monument anwächst. "Der verwunderte Spaziergänger trifft in den Gassen Arpinos, nun ja, zwar nicht gerade an jeder Ecke, jedoch an besonders prominenten Stellen auf Gedichte, in mannshohe Marmortafeln geschlagen, davor nicht selten eine Bank, so dass er die Gedichte in Ruhe lesen und bedenken kann. Nicht zu vergessen die Fahnen - die italienische, die europäische sowie diejenige des Landes, aus dem der jeweils verewigte Lyriker stammt. Denn das Projekt ist nicht auf Italiener beschränkt, man entdeckt in Arpino französische, spanische, englische, tschechische, russische, schwedische Verse, stets in Originalsprache sowie, nicht selten auf einer zweiten Marmortafel, in italienischer Übersetzung, auch Gedichte in arabischer und chinesischer Schrift sind zu bestaunen. Der lyrische Stadtplan Arpinos führt auf seine Weise in die ganze Welt."

Christian Seidl stellt den brasilianischen Pop-Veteran Sergio Mendes vor, der mit einem neuen Album 'Timeless' den Nerv der Zeit und der SZ-Musikkritik getroffen zu haben scheint: "Mendes sagt, er glaube nicht an Mode. Er glaube an Schönheit. Daran, dass es ein paar universelle und unvergängliche Chiffren dafür gebe. Und dass die Brasilianer, denen es an so vielem fehlt, gelernt hätten, die Schönheit in den Dingen zu erkennen und für sich zu kultivieren."

Weiteres: Französische Schwarze beklagen sich immer lauter gegen die Benachteiligung bei Jobs und im öffentlichem Leben, berichtet Johannes Willms. Die 557 Multiple-Arbeiten von Joseph Beuys aus der Sammlung des Berliner Unternehmers Reinhard Michael Schlegel gehören nun dem amerikanischen Milliardär Eli Broad, meldet Stefan Koldehoff. Anke Hilbrenner resümiert eine Kölner Tagung über das "Spektakel der Normalisierung", wo es hauptsächlich um Abnormalitäten ging. Fritz Göttler skizziert Leben und Werk von Filmregisseur Roberto Rossellini. Karl Bruckmaier schreibt zum Tod des Popmusikers Grant McLennans, der in den Achtzigern bei den "Go-Betweens" wirkte. Alexander Menden erinnert an John Osbornes provozierendes Stück "Blick zurück im Zorn", das vor fünfzig Jahren die englische Theaterlandschaft umkrempelte.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Olafur Eliasson, Marjetica Potrc und Tomas Saraceno im neuen spitzgiebeligen Portikus in Frankfurt am Main, Christiane Pohles "einschläfernde" "Räuber"-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen, die "nur ansatzweise" überzeugende Uraufführung der von Hans-Georg Wegner und Christoph Staude besorgten musikdramatischen Umsetzung von Jewgenij Samjatins Zukunftsroman "Wir" auf der Musikbiennale in München, die 13-teilige DVD-Kollektion "Masters of Horror" und Literatur wie die Hörbuchfassung von Jeremias Gotthelfs Novelle "Die Schwarze Spinne" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).