Im Kino

Erkoren, um die Welt zu retten

Serienkritik zu "La Mesías" Von Alice Fischer
26.11.2024. Als Kinder waren Irene und Enric Teil eines sektenartigen Familienlebens, abgeschnitten von der Außenwelt. Nun sind sie erwachsen und frei, doch die Vergangenheit holt sie wieder ein. Die hervorragende spanische Serie "La Mesías" erzählt von toxischen Familienverhältnissen und religiösem Fanatismus, aber auch von Befreiung und Heilung - und von schräger katholischer Popmusik.

Das erste Mal als Enric die langen Finger eines Aliens über die Schulter greifen, hat er gerade Sex mit einer älteren Frau in ihrem Auto. Man erschrickt beim Zuschauen fast genauso wie Enric, der in Panik gerät und Hals über Kopf aus dem Auto flieht, die verblüffte Frau zurücklassend. Wer das Alien wirklich ist, das Enric verfolgt, ihm Angst macht, manchmal aber auch tröstend den Arm umlegt, darüber lässt uns die spanische Serie "La Mesìas" lange im Dunkeln. Sehr bald wird jedoch eines klar: es gibt da eine verdrängte Vergangenheit, die ihre Finger nach ihm ausstreckt, und die ihn nicht zur Ruhe kommen lassen wird, bis er ihr ins Auge geblickt hat.

Um extraterrestrische Begegnungen geht es hier denn auch nur im weitesten Sinne, wenngleich das Überirdische eine wichtige Rolle spielt. Die Serie nimmt sich in den ersten Folgen genau die Zeit, die es braucht, um die Vergangenheit von Enric (Roger Casamajor)und seiner Schwester Irene als dunkles Rätsel vor uns auszubreiten, auf dessen Lösung wir dann fieberhaft warten. Was hat es mit den trashigen Videos auf sich, die Enric im Fernseher der Hotelbar zufällig sieht? Während sich die übrigen Gäste über die katholische Mädchenband lustig machen, die da singend und tanzend und jenseits allen guten Geschmacks auf dem Bildschirm den Herrn preist, versetzt sie Enric in Angst und Schrecken. Enric schlägt betrunken bei Irene auf, Macarena García verkörpert sie bravourös mit einer kühlen Kontrolliertheit, verzweifelt darauf bedacht, den Sturm im Inneren zu unterdrücken. Sie schickt den Bruder mit harschen Worten weg.

Die Serie führt uns in langen Rückblenden in die achtziger Jahre: Die Mutter von Enric und Irene ist Montserrat Puig Baró, die, obwohl sie ihren Kindern einmal verkündet, am gleichen Tag wie Madonna zur Welt gekommen zu sein, nicht unter einem guten Stern geboren ist. Zwar ist sie zum Sterben schön (Ana Rujas), ihren Weg im Leben kann sie aber nicht finden. Ihre Kinder, die sie viel zu früh bekommen hat, liebt sie sehr, ist aber viel zu instabil und verloren, um ihnen das zu geben, was sie brauchen. Nachdem sie die Kleinen (sehr süß: Carla Moral und Bruno Núñez) von einer prekären Lebenssituation in die andere mitgezerrt hat, sich prostituieren muss, um über die Runden zu kommen und ihre Kinder auch mal drei Tage alleine lässt, um bei einem ihrer vielen Lover zu sein, bekommt sie das Sorgerecht entzogen. Sie flieht und findet Zuflucht bei Pep, einem mindestens reaktionären Katholiken, der Montserrat und ihre Kinder, nur zu ihrem Besten natürlich, in einem feuchten dunklen Haus im Wald einsperrt. Wer jetzt denkt, hier wird erzählt, wie ein Mann eine Frau und ihre Kinder in ein religiöses Korsett einschnürt und unterdrückt, hat sich geirrt, es läuft nämlich immer alles ganz anders in dieser Serie, als man es erwartet.  

Dreh- und Angelpunkt von "La Mesías" ist die hochproblematische Mutterfigur: Drei verschiedene Schauspielerinnen verkörpern Montserrat in unterschiedlichen Momenten ihres Lebens, und alle sind hervorragend. "Deine Mutter hatte viele Männer", sagt Enrics Tante zu ihm, als der sich auf die Suche nach der Vergangenheit und seiner Mutter macht, "gute, schlechte und normale. Aber als sie Gott kennengelernt hat, ist sie völlig durchgedreht." Denn auch wenn sich Montserrat über vieles nicht im Klaren ist, vor allem nicht über sich selbst, so wusste sie doch schon immer eines: Sie ist zu Großem bestimmt. Eines Tages also, da sind Enric und Irene schon Teenager und die Familie Puig Baró hat sich um Einiges vergrößert, kommt ihr die Erleuchtung: Sie ist "die Auserwählte", von Gott erkoren, um die Welt zu retten, zusammen mit ihren Kindern.

Javier Ambrossi und Javier Calvo gelingt es in ihrer Serie, dass das Schreckliche und das Absurd-Lustige eine perfekte Symbiose eingehen. Die ältere Montserrat (erst Lola Dueñas, dann Carmen Machi) herrscht über ihr kleines, von der Welt abgeschnittenes Reich als vom Leben enttäuschte Tyrannin, unberechenbar und launenhaft, auch Pep wird ganz kleinlaut, wenn ihre Wut auf ihn und ihre Kinder hinabgeht. Subtil schlüsselt die Serie psychologische Dynamiken auf und zeigt, dass sich die Abhängigkeitsverhältnisse, die in einem toxischen Familienverhältnis herrschen und jene Machtmechanismen, die sich in religiösen Sekten etablieren, durchaus ähneln können. Montserrat und Pep wollen die Kinder von der bösen Welt draußen fernhalten, sie "rein" halten. Dafür brauchen sie gar keine Gewalt oder Bestrafungen, denn die Kinder glauben ja selber daran, dass sie draußen vom Teufel geholt werden. Gleichzeitig hat es aber etwas sehr Komisches, wenn Montserrat, die Hand erhoben in einer Segnungsgeste, das Wort des Herrn empfängt und hektisch runterkritzelt, was sie hört. Als sich ihre Gabe herumspricht, kommen die Leute aus der Umgebung und holen Rat bei der Messias, der auch ziemlich skurril ausfallen kann: Er solle Vivaldi laufen lassen, teilt Gott dem Mann zur Lösung seines Problems durch Montserrat mit: "Den ganzen Tag?", fragt dieser verdutzt. "Ja, den ganzen Tag."


Der Anfang vom Ende kommt, als Enric doch einmal mit Pep das Haus verlässt, um ihm bei seiner Arbeit zu helfen. Im Haus der Familie, für die Pep als eine Art Hausmeister arbeitet, erhascht Enric einen Blick auf den Fernseher, es läuft das Musical "Singing in the Rain." Eine Hommage an das Kino als Kunstform, denn der Film wird in der Folge zum Mittel des geheimen Widerstandes gegen das Regime von Montserrat.

Stark ist auch, wie Ambrossi und Calvo mit surrealen Elementen arbeiten, mühelos gleitet hier die Realität über in Traum - und Wahnhaftes, zum Beispiel bei einer fantastischen Tanzszene, in der der junge Enric, von Montserrat im Keller eingesperrt, die Regeln der Schwerkraft überwindet. Kurzum: Optisch, schauspielerisch, drehbuchtechnisch ist "La Mesías" fabelhaft. Sie erzählt von religiösem Fanatismus, von emotionaler Vernachlässigung und davon, wie leicht man Wunden bei Kindern schlagen kann, auch ganz ohne physische Gewalt. Gleichzeitig erzählt sie aber auch von Befreiung und Heilung, davon wie nah das Gute und das Böse manchmal zusammenliegen und, nicht zuletzt, von schräger, christlicher Popmusik.

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