Im Kino
Fast alles passiert über Blicke
Die Filmkolumne. Von Alice Fischer
05.02.2026. Junge koreanische Frau trifft älteren französischen Fremden. Regisseur Koya Kamura macht aus dieser Ausgangssituation in "Winter in Sokcho" keinen Kitsch, sondern eine subtile Studie über das Erwachsenwerden, die nicht viele Worte benötigt.
Der Winter in Sokcho ist klirrend kalt, auf dem Strand liegt Schnee, an dem sich die Wellen brechen, die Verkäufer auf dem Fischmarkt frieren. Allgemein scheint alles ein wenig still zu stehen in der südkoreanischen Stadt am Japanischen Meer. Viele Touristen verlaufen sich nicht in die kleine Pension von Herrn Park, in der die junge Sooha jobbt. Um so interessanter ist die Ankunft von Yan Kerrand, einem französischen Zeichner, der sich zwecks Inspiration in die Einsamkeit des koreanischen Winters zurückziehen will. Für Sooha ist der etwas ruppige, direkte Mann eine in doppelter Hinsicht faszinierende Figur. Sohaas Vater war nämlich ein französischer Gastarbeiter, der irgendwann vor ihrer Geburt ein Schiff bestieg und nie mehr wiederkam. Kerrand könnte ungefähr in seinem Alter sein. Gleichzeitig beginnt dieser kuriose Fremde, der nachts in seinem kleinen Zimmerchen wild mit Tusche und Papier hantiert, auch Soohas noch nicht ganz entdeckte Sexualität aus dem Winterschlaf zu wecken.
Das könnte der Ausgangspunkt für eine kitschige Geschichte à la mysteriöser älterer Fremder und faszinierte junge Frau sein, aber nicht bei Koya Kamura. Sein Film, der auf dem gleichnamigen Roman der franko-schweizerischen Autorin Elisa Shua Dusapin basiert, ist genau das Gegenteil: Eine subtile, minimalistische und dabei sehr charmante Studie über das Erwachsenwerden und den Schmerz des Verlassenwerdens. Die Annäherung zwischen dem knorrigen Franzosen aus der Normandie und der nach Antworten und Leben hungernden Sooha passiert fast nur im französischen Dialog zwischen den beiden, ein langsames sprachliches Herantasten mit kleinen Missverständnissen, weil Sooha fast perfekt Französisch spricht, aber eben nur fast. Selten gelingt es übrigens einem Film, das Sprechen in einer fremden Sprache so authentisch darzustellen, mit leichtem aber niemals aufgesetztem Akzent und kleinen, subtilen Fehlern, die zu ebenso kleinen Missverständnissen führen. Die Geschichte zwischen den beiden verläuft nicht so, wie es das sensationslüsterne Publikum vielleicht kurzzeitig erwartet, vielmehr so, wie das Leben eben läuft.
Politischen Kontext lässt Kamura ganz nebenbei einfließen, die DMZ, die demilitarisierte Zone, also das Niemandsland zwischen Süd- und Nordkorea, ist natürlicher Bestandteil der Welt des Films, genauso in den Alltag eingelassen wie die Verwandten, die durch die Grenzziehung verloren gegangen sind und die ihre Familie vielleicht nie wiedersehen werden. Es gibt dort ein Museum, das Kerrand und Sooha besuchen, wo Geschichte erzählt wird, die gar nicht vergangen ist.

Wichtige Themen des Films sind außerdem die Frage des Frauseins und des weiblichen Körpers sowie die Ansprüche, die die südkoreanische Gesellschaft an diesen stellt. Soohas Mutter wünscht sich sehnlichst, dass ihre Tochter endlich ihren Freund heiratet. Und warum lässt sie sich nicht ein wenig operieren, das machen doch alle, so halten Frauen ihre Ehemänner, sagt die Mutter. Die Nase sei ein guter Anfang. Einmal versucht Sooha, bevor sie sich für einen Ausflug mit Kerrand trifft, Kontaktlinsen einzusetzen, damit sie ihre große Brille nicht mehr braucht - aber ihre Augen sind schmal, widersetzen sich den runden Linsen, Sohaa bleibt bei der Brille. Immer wieder sieht man bandagierte Gesichter in Herrn Parks Pension sitzen, junge Frauen, aber auch Männer, die sich einem sinnlosen Schönheitsideal unterwerfen, dem dieser Film nicht mit Empörung, sondern mit Fantasie und unaufgeregter Überzeugungskraft entgegenarbeitet. In gezeichneten Animationen blühen die Linien von Soohas Körper auf, transformieren sich in ältere, in dickere Silhouetten, in Brüste und Fische oder auch in einen stummen Schrei.
Die Schauspieler sind durchweg großartig, fast alles passiert über Blicke, über unsichere Gesten, kleine erzählte Geschichten und ausgehaltene Stille. Bella Kim feiert als Sooha ein beeindruckendes Debüt, der alte Hase Roschdy Zem überzeugt als leicht verlebter, zurückgezogener Künstler ebenfalls. Aber einen großen Anteil an der Gesamtwirkung haben auch die Nebendarsteller, der kleine, empathische Herr Park (Ryu Tae-Ho) und Soohas Mutter (Park Mi-hyun), die trotz großem Schmerz nicht hart geworden ist, aber auch nicht ganz über den Tellerrand ihrer engen Ideenwelt hinausschauen kann.
Am Ende wird es Frühling in Sokcho und auch für Sohaa beginnt etwas Neues, was, das verrät uns Kamura nicht, stattdessen können wir dankbar sein, dass wir an dieser Winterepisode ihres Lebens teilhaben durften.
Alice Fischer
Winter in Sokcho - Frankreich, Südkorea 2024 - OT: Hiver à Sokcho - Regie: Koya Kamura - Darsteller: Bella Kim, Roschdy Zem, Park Mi-hyeon, Ryu Tae-ho u.a. - Laufzeit: 104 Minuten.
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