Im Kino
Men go mad with watching them
Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
19.06.2025. Den ihnen eigenen Hang zum prätentiösen Pomp bekommen Regisseur Danny Boyle und Drehbuchautor Alex Garland zwar auch in ihrem neuen Film, der Fortsetzung eines Hits aus den frühen Nullerjahren nicht ganz in den Griff; dennoch ist der Zombie-Schocker "28 Years Later" für Fans des Genres ein großer Spaß.
"Boots, boots, boots, boots", intoniert rhythmisch eine Stimme, die zunehmend panisch überzukippen droht. "Moving up and down again. Men go mad with watching them, and there's no discharge in the war." Zum klackernd verrauschten Sound einer alten Aufnahme von Rudyard Kiplings Gedicht "Boots" stolzieren in Danny Boyles "28 Years Later" ein Junge, Spike, (Alfie Williams) und sein Vater Jaimie (Aaron Taylor-Johnson) über einen lediglich bei Ebbe freigelegten Damm, der eine winzige, abgelegene Insel mit dem britischen Festland verbindet. Das Gedicht schrieb Kipling einst unter dem Eindruck marschierender Infanteriesoldaten während des Zweiten Burenkrieges in Südafrika. Später benutzte die amerikanische Armee den enervierenden Singsang als Trainingsmaterial, um die psychische Belastbarkeit ihrer Auszubildenden zu testen.
Erwähnenswert ist die vielgestaltige Geschichte dieser Aufnahme deswegen, weil ihr Einsatz in "28 Years Later" (und dessen innerhalb weniger Monate ikonisch gewordenem Trailer) kurz und bündig illustriert, wie der Drehbuchschreiber des Films, Alex Garland, und sein Regisseur Danny Boyle seit jeher in ihren Arbeiten Songs und (pop-)kulturelles Material benutzen: als offen liegende Allusionen, teils überdeterminiert und manchmal auch etwas arg aufdringlich im Vordergrund.
Für Spike, praktisch noch ein Kind, ist der Weg über den Damm ein Initiationsritual. Er verlässt zum ersten Mal die Geborgenheit seiner engmaschig verknüpften Inselcommunity, die in der selbst gewählten Abgeschiedenheit ihr Heil vor einem Virus sucht, das 28 Jahre früher die Bevölkerung des UKs infizierte und binnen kurzer Zeit in wild tobende Zombies mit enorm hoher Ansteckungsgefahr verwandelte. Die kleine Gemeinschaft ist atavistisch organisiert, mit Rollen- und Berufsangeboten wie Näherin und Fischer. Technische Neuerungen wie Smartphones müssen den Bewohnern schon in Begriffen nahegebracht werden, die sie kennen - als eine Art Radio mit Bildauslöser also. Mit Pfeil und Bogen bewaffnet soll Spike in die Funktion eingewiesen werden, die er, seinem Vater gleich, zukünftig in der Gesellschaft übernehmen soll: als ein Jäger, der zum Schutz seiner Gemeinschaft Jagd auf jene infizierten Untoten macht, die trotz aller vorsorgenden Quarantäneregeln immer noch durch England wandeln.

Mit dieser Geschichte kehren Boyle und Garland nach gut zwei Jahrzehnten zu ihrem bis heute erfolg- und einflussreichsten Stoff zurück: 2002 sorgte der mit geringen finanziellen Mitteln gedrehte "28 Days Later" für ein bis heute andauerndes Revival von medialen Bearbeitungen des seitdem wieder weitflächig grassierenden Zombiemotivs. Als eine der ersten Kinoproduktionen mit der um die Jahrtausendwende noch neuen Technologie digitaler Bildaufnahme gedreht, wagte sich der Film darüber hinaus in bis dato ungesehene Bilderwelten zwischen schlierigem Digicam-Abfall und pointillistischem Gemälde vor und bot nach der postmodernen Pop-Party der 90er-Jahre-Kultur in seiner betont desperaten Gestimmtheit einen vorgegriffenen Abgesang auf die Utopienlosigkeit des gerade erst begonnenen 21. Jahrhunderts. Nach einem 2007 von Juan Carlos Fresnadillo gedrehten Sequel ("28 Weeks Later", der noch seiner verdienten Wiederentdeckung harrt) kursierten jahrelang Gerüchte und Konzepte für eine erneute Wiederaufnahme der Reihe, immer wieder unterbrochen durch andere mal mehr, mal weniger großformatige und ambitionierte Projekte ihrer Schöpfer.
Dass Danny Boyle sich insbesondere der visuellen Wirkung seines Filmes bewusst gewesen sein muss, macht er nun in "28 Years Later" bereits in der ersten Sequenz klar: Gedreht ist die Fortsetzung wiederum von Kameramann Anthony Dod Mantle, diesmal mit einer ganz Armada von iPhones, die auf leicht beweglichen Kamerastativen montiert aus unterschiedlichen Blickwinkeln gleichzeitig bedient wurden. Das Eindringen einer Horde Infizierter in ein Wohnzimmer, in dem Kinder eine Folge "Teletubbies" schauen, wird als ein irritierend schneller Wechsel von Kamerapositionen inszeniert, bei dem jeder Punkt des Raums zugleich von den tobenden Berserkern in Beschlag genommen wird.
Und doch mag sich nicht derselbe Effekt wie einst einstellen. Zu sauber scheint die Emulation vermeintlich grober digitaler Bildtexturen, zu schnell zeigt sich eine manieriert daherkommende Meisterschaft im wohl gesetzten Schnitt und Einsatz festfrierender Einstellungen. Mit einem großzügigen Budget von 60 Millionen Dollar gefällt sich der Film bisweilen arg in einem visuell experimentellen Flair, den sich ein längst arrivierter Regisseur bei einem solchen Blockbuster-Projekt erlauben kann, ohne dass es allzu störrisch wirken könnte. Hang zum prätentiöseren Pomp zeigt sich auch, siehe Rudyard Kiplings Gedichtintonation, in den zahlreichen politischen Verweisen: Spiegelt sich in der zwangsweise autark funktionierenden Gemeinschaft nicht England nach dem Brexit? Sollen die europäischen Quarantänepatrouillen an die Flüchtlingspolitik der EU erinnern? Wie so oft in den Drehbucharbeiten Alex Garlands werden solche Subtexte als gut sichtbare Ideen in den Raum gestellt und kaum weiterentwickelt.
Dem enormen Spaß, der man dennoch aus "28 Years Later" ziehen kann, steht das trotzdem kaum im Weg. Wie die allerbesten Vertreter des Zombiehorror beweist der Film seine größte Fantasie im Ausgestalten seiner Untoten: Die sogenannten Slow-lows sind beispielsweise eine nackt auf dem Boden kriechende Spezies, die selbstgenügsam Würmer schlürft und deren behäbiges Tempo Vögel anlockt, die sich auf ihrem Rücken niederlassen. Auf die Alphas wiederum wirkt der Virus wie eine gehörige Injektion von Steroiden. Mit großer Statur gesegnet (die überdimensioniert sichtbaren Penisse dürften einer der Hauptgründe für die FSK-18-Einstufung sein) paradieren sie durch Wälder und über Felder und werden in der schönsten Szene des Films, begleitet von Richard Wagners "Rheingold"-Ouvertüre, als gottähnliche Figuren fetischisiert, vor denen sich selbst der bunt schillernde Nachthimmel verbeugt.
Am schönsten und freisten ist "28 Years Later" immer dann, wenn er sich versponnen und geradezu leichtsinnig von seiner arg ernstelnden Geschichte, in der auch noch die spirituelle Errettung einer Mutter (Jodie Comer) eine allzu gewichtige Rolle spielt, löst. Insbesondere Ralph Fiennes als ein in Jod eingeschmierter Arzt, der inmitten von Infizierten lebend seinen Verstand, aber nicht seinen Sanftmut verloren hat, rückt den Film im letzten Drittel entschieden in eine Richtung, die sich ihrer Ableitung aus schamloseren Grindhouse-Stoffen wohl bewusst ist. Dafür, dass Danny Boyle und Alex Garland solche Impulse in einen aktuellen Mainstreamfilm geschmuggelt haben, kann man ihnen nicht genug dankbar sein.
Kamil Moll
28 Years Later - GB 2025 - Regie: Danny Boyle - Darsteller: Jodie Comer, Aaron Taylor-Johnson, Ralph Fiennes, Rocco Haynes - Laufzeit: 115 Minuten.
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