Im Kino

Stets ein Quäntchen Wahnwitz

Die Filmkolumne. Von Robert Wagner
18.06.2025. Dass er auch mit 61 Jahren noch keineswegs zum alten Eisen gehört, beweist Kampfkunstlegende Donnie Yen in seinem neuen Film, in dem er auch als Hauptdarsteller auftritt. Nicht zuletzt, weil er in "The Prosecutor" neben seinen Fäusten auch sein Lächeln als Waffe einzusetzen versteht.

Gleich zu Beginn von "The Prosecutor" tritt Inspektor Fok (Donnie Yen) vor ein Gerichtsgebäude. Er trägt eine Halskrause, Krücken und sieht überhaupt aus, als sollte er lieber im Bett liegen. Einerseits hatte er gerade miterleben müssen, wie ein gefährlicher, eindeutig schuldiger Verbrecher freigesprochen wurde. Seiner körperlichen Versehrtheit entspricht nach dieser herben Niederlage also auch seine geistige. Andererseits teilt uns Regisseur und Hauptdarsteller Yen dergestalt deutlich mit, dass er nun doch ein wenig zu alt für den Scheiß ist. Seit den 1980er Jahren prügelt sich der inzwischen 61-Jährige auf der Leinwand, ist eine Legende des Hongkongkinos und hat auch in Hollywood Fuß fassen können. Er muss nicht mehr die ganze Zeit an die körperlichen Grenzen gehen. Also verlässt Inspektor Fok den aktiven Polizeidienst, studiert Jura und wird Staatsanwalt, um die Welt vor Gericht zu einer besseren zu machen.

Der erste Fall des frischgebackenen Anklägers dominiert den Film. Er entspinnt sich als ein Gerichtsdrama über einen Unschuldigen, der durch Korruption und legale Schludrigkeit zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt wird. Statt mit der harten Hand der Gerechtigkeit für Schuldsprüche zu sorgen, geht es Fok ganz im Gegenteil darum, jemandem zu helfen, der es dringend nötig hat. Nicht nur ist fraglich, ob der nette, junge Mann das Gefängnis überstehen würde, sondern auch, ob er seinen Opa, den einzigen Menschen, den er hat, nach der Haftstrafe noch lebend antreffen würde.

Zwei Eigenschaften machen Donnie Yen auf der Leinwand aus: seine Kampfkunst und sein Lächeln. Und selbst wenn sich "The Prosecutor" oft dialogreich in Büros und Gerichtssäle zurückzieht, so bleibt er doch zu einem entscheidenden Teil ein Actionthriller, in dem Yen als Schauspieler und Actionchoreograph das macht, wofür er geschätzt, respektiert und geliebt wird. Er kloppt sich in Unterzahl mit Heerscharen von Feinden, er kloppt sich mit unüberwindlich scheinenden, agilen Muskelbergen in einer U-Bahn, er rennt Gegnern und Autos hinterher, um auch ja niemand entkommen zu lassen. Glas zersplittert allenthalben, schneidet Haut auf. Fäuste und Körper schlagen gegen Metall und Beton - selten sind es die Menschen, die in diesen Karambolagen den Kürzeren ziehen. Mal gibt es Kugelhagel, mal fliegen einzelne Präzisionsgeschosse durch die Luft, die kurzen Prozess machen.


Kurz: Wo Donnie Yen draufsteht, ist auch Donnie Yen drin. Wenn er loslegt, dann ist er vor wie hinter der Kamera trotz des Alters immer noch einer der besten seines Fachs. Vielleicht ist sein neuer Film nicht das Innovativste oder Atemberaubendste, was er in seiner Karriere hingelegt hat, aber doch ist er sichtlich noch weit davon entfernt, zum alten Eisen zu gehören. Der Druck der Action, der Wille und das Können, Körper und Orte wuchtig zu verwüsten, verorten sein Kino weiterhin an der Speerspitze dessen, was im Actionkino möglich ist.

Nur legt er hier eben nur dosiert los - was uns zu seinem Lächeln bringt. Zwar schaltet er sich hin und wieder in die Polizeiarbeit ein und muss Zeugen beschützen, mehr noch muss er aber Überzeugungsarbeit leisten, vor Gericht und in dessen Peripherie. Überall herrscht nämlich Lethargie. Seine Kollegen schieben leblos Dienst nach Vorschrift. Sein Chef achtet nur auf Erfolgsstatistiken und Außenwirkung. Dem Richter ist nicht an Gerechtigkeit gelegen, sondern daran, dass jeder seine Rolle im Saal spielt. Ihnen allen muss Yen mit seinem Lächeln wieder etwas Idealismus einhauchen. Sie davon überzeugen, dass es sich lohnt, für die Unterdrückten der Welt zu kämpfen, statt Champagner zu trinken, der mehr kostet, als einem Normalsterblichen in Hongkong pro Monat zur Verfügung steht. Luxus inszeniert dieser Film als ein Zeichen des Bösen oder bestenfalls Indifferenten.

Staatsanwalt Fok ist mit seinem Lächeln genauso überzeugend wie mit seinen Fäusten und Tritten. Nur ergibt sich daraus eine andere Art von Film. Statt einfach körperlich für klare Tatsachen zu sorgen, muss er Geduld beweisen und zum Menschenfänger werden. Oder einfach: lächeln. Tatsächlich benötigt der Film nicht mehr als dieses sympathische Gimmick, um uns zu zeigen, warum Polizisten nach 48 Stunden Dienst eben doch weitermachen und nicht ruhen, bis jeder Unschuldige frei ist, dass abgeklärte Anwälte und Richter all ihre eingeübten Routinen und Überzeugungen fahren lassen. Staatsanwalt Fok braucht nicht viel, um die Menschen zu inspirieren und die Welt wie geplant zu verbessern.
 
Das ist vielleicht grenzenlos naiv und ein klein wenig lächerlich, aber Yen lässt kein bisschen Ironie an die Sache herankommen. Das Ergebnis vielleicht nicht weltbewegend, aber gerade in einer Zeit, in der die Superhelden dieser Welt alle ihre düsteren Rucksäcke zu tragen haben, ist es erfrischend, einen Strahlemann zu sehen, der das Beste aus den Menschen heraus lockt. Selbst wenn dieses Beste auf Selbstausbeutung hinausläuft. Es findet sich doch stets ein Quäntchen Wahnwitz in diesem Film, und es ist dieser Wahnwitz, der Donnie Yen stets noch etwas besser macht, als wenn er einfach nur professionell seinen Job tut und seinen Gegnern halsbrecherisch das Handwerk legt.

Robert Wagner

The Prosecutor - Hongkong, China 2024 - OT: Ng poon - Regie: Donnie Yen - Darsteller: Donnie Yen, Julian Cheung, Francis Ng, Kent Cheng, Michael Hui - Laufzeit: 117 Minuten.