Im Kino
Kein neuer Quantensprung
Die Filmkolumne. Von Jochen Werner
17.12.2025. Die "Avatar"-Filme James Camerons waren einst ein Versprechen auf eine glorreiche Zukunft des stereoskopischen Kinos. Mit "Fire and Ash", dem dritten Teil, ist die kolonialismuskritische Blockbusterserie endgültig in den Mühen der Ebene angekommen.Als James Camerons "Avatar" 2009 ins Kino kam, verband sich damit ein Versprechen. Seit wenigen Monaten hatte sich die neue, digitale 3D-Projektionstechnik in den Multiplexen etabliert, die Cameron federführend über viele Jahre mitentwickelt hatte, mit sich bringen sollte sie einen Epochenbruch im Kino, vergleichbar vielleicht dem Übergang vom Schwarzweiß- zum Tonfilm. Mindestens jedoch ein neues Instrument im Werkzeugkasten des Kinos, das die Möglichkeiten der filmischen Bildsprache noch einmal erweiterte und neue Erzählweisen im dreidimensionalen Raum ermöglichte wie erforderte. Eine spannende Umbruchzeit, so schien es damals jedenfalls, und "Avatar" war der erste große Blockbuster des digitalen 3D-Kinos.
Der Rezensent schrieb damals zum Kinostart eine einigermaßen euphorische Kritik zu "Avatar", und hat auch heute nicht das Gefühl, viel davon zurücknehmen zu müssen. Denn nicht das, was Cameron in seinem Ethno-Blockbuster erzählt hat, stand damals im Fokus des Interesses, sondern wie dieser die Möglichkeiten des dreidimensionalen Worldbuildings nutzte, um auf dem fremden Planeten Pandora einen funkelnden Zauberwald als Schauplatz seiner so ökologisch bewegten wie kolonialismuskritischen Science-Fiction-Fabel zu kreieren. Auch beim heutigen Wiedersehen sieht "Avatar" in vieler Hinsicht noch wie ein Film aus der Zukunft aus, was sicherlich auch daran liegt, dass seine ästhetischen Vorschläge für ein neues 3D-Kino danach kaum je wieder aufgegriffen wurden. Stattdessen betrieben die großen Hollywood-Studios bald sehenden Auges Meuchelmord an der durchaus faszinierenden neuen Technologie, indem sie sich für die visuell defizitäre, aber deutlich kostengünstigere digitale Postkonvertierung entschieden, anstatt teuer und aufwendig in 3D zu drehen - und auch tatsächlich weiter an einer eigene Bildsprache des 3D-Kinos zu arbeiten.
Heute, anderthalb Jahrzehnte später, erscheint der dritte Teil der Filmreihe, "Avatar: Fire and Ash", in einer komplett anderen Kinolandschaft. Das 3D-Kino ist nicht tot, aber ziemlich untot, ist hier und da in den Multiplexen noch präsent, spielt aber im Kinodiskurs keinerlei Rolle mehr und wird auch von den Filmstudios kaum beworben. Der letzte, der noch an 3D im Kino glaubt, ist James Cameron, und sein "Avatar: Fire and Ash" ist der erste wahrnehmbare 3D-Kinostart seit, nun ja, "Avatar: The Way of Water" vor drei Jahren. Schon damals fragte man sich, ob es noch ein nennenswertes Publikum gebe, das dreizehn Jahre nach dem ersten Teil sehnsüchtig auf ein Sequel wartet. Am Ende lief es wie praktisch immer bei James Cameron und der oftmals als Blockbuster-Maverick skeptisch beäugte, notorisch an megalomanischen Projekten werkelnde Filmemacher legte einen weiteren Welthit hin. Mehr als das: "Avatar: The Way of Water" wurde zum dritterfolgreichsten Film der Kinogeschichte. Gerade weil, so darf man jedenfalls vermuten, alle im Jahr 2022 neugierig darauf waren, mal wieder einen echten 3D-Film auf dem Höchststand der Technik zu sehen.
Funktioniert das Ende 2025 noch einmal? Man darf, auch das wird für Cameron nichts Neues sein, skeptisch sein. Denn einerseits ist die Erinnerung an "The Way of Water" noch frisch, die (durchaus feststellbaren) technischen Fortschritte ereignen sich nicht mehr in Quantensprüngen, sondern eher im Detailbereich. Man darf feststellen: die digitale 3D-Technik funktioniert relativ makellos, jedenfalls wenn sie in den Händen eines Perfektionisten wie Cameron liegt. Man darf es durchaus für einen Verlust halten, dass sie aus dem Hollywood-Kino so gut wie verschwunden ist. Dass "Avatar: Fire and Ash" eine so frustrierende Seherfahrung ist, hat jedenfalls nichts mit technischen oder visuellen Mängeln zu tun.
Denn auch wenn die Welt von Pandora nach wie vor eine glitzernde, funkelnde Augenweide ist, nimmt sich dieser dritte und mit knapp 200 Minuten (bis dato) längste Film der Reihe geradezu obszön viel Zeit, um fast nichts zu zeigen, was man nicht schon einmal gesehen zu haben meint. Das wird allmählich doch zu einem Problem, jedenfalls wenn man davon ausgeht, dass der geringere Teil der Zuschauer von der Erzählung über esoterisch verbrämte Naturvölker und ihren heldenhaften Kampf gegen interplanetare menschliche Kolonialisten ins Kino gelockt wurde - und dass die wenigsten dieses verlassen haben mit dem dringenden Bedürfnis, möglichst bald zu erfahren, was als nächstes passiert auf Pandora.
Wenn auch dieser dritte Teil der "Avatar"-Reihe ein Versprechen ist, dann bleibt dieses weitgehend uneingelöst. Das beginnt schon beim Titel, der nach dem Schwelgen in Wasser und Meer des zweiten Teils eine ganz neue Bildwelt rund um das Feuer in Aussicht stellt. Tatsächlich wird ein neuer Stamm der indigenen Na'vi etabliert, ein Kriegervolk, das dem Feuer huldigt und das, vom reinen Zerstörungsfuror getrieben, mit den menschlichen Aggressoren paktiert. Visuell entflammt "Avatar: Fire and Ash" allerdings ersts auf den allerletzten Metern, im finalen Showdown, der viel zu lange und mitunter quälend langweilige zweieinhalb Kinostunden auf sich warten lässt: Über weite Strecken spielt sich, wie bereits im zweiten Teil, alles Relevante im oder unter Wasser ab, was den Eindruck verstärkt, hier nur einer Verlängerung des weiß Gott nicht kurzen "The Way of Water" beizuwohnen.
So entsteht der seltsam zwiespältige Eindruck, dass es in "Avatar: Fire and Ash" von allem viel und doch zu wenig zu sehen gibt. Fast dreieinhalb Stunden Wassertreten rund um einen Plot, in dem ständig etwas geschieht, der dabei jedoch kaum von der Stelle kommt - und den Regisseur und Mastermind James Cameron offensichtlich sehr, sehr ernst nimmt. Man darf gespannt sein, ob ihm das Kinopublikum noch ein drittes Mal in Scharen in die Wälder und Meere von Pandora folgt - wundern würde man sich allerdings auch nicht mehr, wenn es das Versprechen nicht länger für bare Münze nimmt. Dafür wirkt das alles viel zu auserzählt, und die Aussicht auf zwei weitere, womöglich noch längere "Avatar"-Sequels beginnt allmählich wie eine Drohung zu klingen.
Jochen Werner
Avatar: Fire and Ash - USA 2025 - Regie: James Cameron - Darsteller: Sam Worthington, Zoe Saldaña, Sigourney Weaver, Stephen Lang, Oona Chaplin u.a. - Laufzeit: 197 Minuten.
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