Im Kino

Verwinkelte Unendlichkeit

Die Filmkolumne. Von Rajko Burchardt
11.09.2024. Der legendäre titelgebende Lottergeist treibt in "Beetlejuice Beetlejuice" ein weiteres Mal sein ranzig-charmantes Unwesen. Tim Burton entfesselt in der Fortsetzung seines eigenen Erfolgshits das kreative Chaos und schließt vor allem in Sachen Besetzung endlich wieder an die Tugenden seines Frühwerks an.

Wer oder was Betelgeuse, gesprochen "Beetlejuice", genau ist, bleibt in Tim Burtons 36 Jahre alten Horrorkomödienklassiker relativ unklar. Charakterisiert durch Nicht-Begriffe wie "Bio-Exorzist" oder "Lottergeist" (eine bezaubernde Erfindung der deutschen Titelschmiede), tritt die Titelfigur als jenseitige Landplage auf den Plan, um mit ranzigem Charme und derben Witzchen sowohl Lebenden als auch Toten die Nerven zu rauben. Selbst innerhalb der randvoll gepackten fantastischen Handlung des Originalfilms ist Betelgeuse, der sich durch dreimalige Nennung seines Namens heraufbeschwören und dann kaum noch loswerden lässt, eine herrlich unplausible Erscheinung - was dem seinerzeit jungen Burton und dessen experimentierfreudigen Hauptdarsteller Michael Keaton vor allem Gelegenheit gab, ihre liebenswerte Leinwandschöpfung so unberechenbar und schräg wie möglich den Ton des Films angeben zu lassen.

Der mit dem Stoff einhergehende Freiraum dürfte auch ein ausschlaggebender Grund für diese reichlich verspätete und angenehm unnötige Fortsetzung gewesen sein. Als Versprechen auf Leichtsinn wie anno dazumal will "Beetlejuice Beetlejuice", der fünfte gemeinsame Film des Gespanns, spürbar dort anschließen, wo Burton und Keaton ihre, nachfolgend mit "Batman" in ungeahnte Höhen katapultierte, Zusammenarbeit einst unbekümmert begonnen hatten. Dafür wurde etwa das erinnerungswürdigste Set des Originals neu errichtet, die bürokratische Welt der Verstorbenen: Eine verwinkelte Unendlichkeit aus skurrilen Sachbearbeitern und verwesendem Beamtentum, in der jeder Tote seine zugewiesene Rolle hat und trotzdem niemand weiß, was er tut. Auch Betelgeuse schlägt sich dort mit Verwaltungsaufgaben herum, tatkräftig unterstützt von Schrumpfkopf Bob (Kenner des Originals erinnern sich), bevor zwei turbulente Ereignisse seinen Arbeitsalltag durcheinanderbringen.

Zum einen versetzt die auferstandene "Seelensaugerin" Delores (Monica Bellucci) das Reich der Toten in Aufruhr, weil sie ihren früheren Gemahlen Betelgeuse gewaltsam zurückerobern will (in diesem Film sind auch Geister nicht vor Heimsuchung sicher). Zum anderen wird der "ghost with the most" von einem Wiedersehen mit Lydia Deetz (Winona Ryder) überrascht, die für die Beerdigung ihres Vaters in jenes Landhaus zurückkehrt, das sie einstmals mit dem Jenseits in Kontakt brachte. "Beetlejuice" erzählte hier 1988 eine Haunted-House-Geschichte unter umgekehrten Vorzeichen: Als die Familie der jugendlichen Lydia einzog, fühlten die dahingeschiedenen Eigentümer der Villa sich in ihrer (Un-)Ruhe gestört und riefen den professionellen Menschenaustreiber Betelgeuse zur Hilfe. Der erste Film begriff friedliche Geister als Identifikationsfiguren und eindringende Neubewohner als Störenfriede - eine amüsante Inversion von Genreklischees, die Burton nach Herzenslust ausbeutete.


Im Schlepptau hat Lydia nun selbst eine Tochter, die sich für ihre Mutter schämt. Weder kann Astrid (Jenna Ortega) tote Menschen sehen noch Verständnis für die Eigenheiten der unglücklich als TV-Medium arbeitenden Lydia aufbringen. Zur überdrehten Großmutter Delia (gespielt von Catherine O'Hara, die erneut allen heimlich die Show stiehlt) findet das Mädchen ebenfalls keinen Draht und nutzt den Trip ins beschauliche Nest lieber für Annäherungsversuche an einen retrophilen Dorfjungen. Tim Burton zielt mit diesem Handlungsstrang zwar überdeutlich auf die Zielgruppe seiner Netflix-Erfolgsserie "Wednesday" ab, in der Ortega als mit adoleszenten und übernatürlichen Herausforderungen kämpfende Titelfigur ihren Durchbruch feierte. Die Szenen mit der empfindsamen, vom familiären Ballast sich erdrückt fühlenden Astrid Deetz gehören dennoch zu den schönsten in "Beetlejuice Beetlejuice", weil sie an Motive der frühen, von ewigem Unverstandensein erzählenden Filme Burtons anknüpfen.

Was die Besetzung angeht, ist der zuletzt etwas uninspiriert wirkende, in leblosem Bockbuster-Handwerk ("Die Insel der besonderen Kinder") oder gar Disney-Markenpflege ("Dumbo") versumpfte Filmemacher ohnehin nicht um sentimentale Rückkopplungen verlegen. Während er in Jenna Ortega die Sensibilitäten der jungen Winona Ryder ("Edward mit den Scherenhänden") und den schlagfertigen Trotz Christina Riccis ("Sleepy Hollow") wiederzuerkennen scheint, nimmt Burtons aktuelle Lebensgefährtin Monica Bellucci die Art von Auteur-Musenrolle ein, in der man sich früher problemlos Lisa Marie oder Helena Bonham Carter hätte vorstellen können. Die als tragende Antagonistin eingeführte Delores bleibt vom Drehbuch allerdings seltsam ungenutzt. In der zweiten Hälfte des Films verschwindet sie fast komplett aus der Handlung, ehe sie zum eher einfallslos geratenen Schlussteil noch einmal buchstäblich mit der Tür ins Haus fallen darf.

Dass Tim Burton sich aus Stringenz und Figurenentwicklung nicht viel macht, ist dem kreativen Chaos von "Beetlejuice Beetlejuice" andererseits zuträglich. Die spielerische Sorglosigkeit, in der Burton und seine langjährigen Weggefährten vor der Kamera aufgehen (sogar Danny DeVito schaut für einen Kurzauftritt vorbei), kommt nicht nur dem anarchischen Humor und der hübsch aus der Zeit gefallenen Genreästhetik zugute - die Fülle an hemmungslosem Slapstick, albernen Zoten und garstigen Puppentricks kann durchaus mit dem Original mithalten. Sondern sie ist auch als Heimkehr im programmatischen Sinne zu verstehen, als feuere der seinerseits etwas untote, sich häufig nur noch selbst verwaltende Burton-Stil einen Moment lang die eigene Wiederauferstehung. Am Ende wird wieder gesungen und getanzt, versöhnen sich Lebende mit Toten und junge mit alten Generationen. So nahe waren sich Normatives und Entrücktes bei Tim Burton schon lange nicht mehr.

Rajko Burchardt

Beetlejuice Beetlejuice - USA 2024 - Regie: Tim Burton - Darsteller: Michael Keaton, Winona Ryder, Jenna Ortega, Monica Belluccio, Arthur Conti, Willem Dafoe, Justin Theroux u.a. - Laufzeit: 104 Minuten.