Im Kino

Surrealer Ur-Schrei

Die Filmkolumne. Von Alice Fischer
04.06.2024. Amir, der Held in Ali Ahmadzadehs "Critical Zone", ist als Drogendealer unterwegs zu den Nachtschattengewächsen der iranischen Gegenwart. In seinem heimlich gedrehten Film sucht der iranische Regisseur im Dunkel Teherans nach kleinen Gesten von Wärme inmitten einer abgestumpften Gesellschaft.

In Ali Ahmadzadehs "Critical Zone" ist es fast immer dunkel. Der Protagonist Amir (Amir Pousti) lebt in der Nacht und schläft am Tag. Über Amir wissen wir bis zum Ende kaum etwas, weder, wo er her kommt, noch, warum er tut, was er tut. Nicht, was er gerne zum Frühstück isst oder welche Musik er gerne hört. Allerdings scheint er selbst das auch nicht zu wissen, oder zumindest irgendwann vergessen zu haben. Ahmadzadeh lässt seine Hauptfigur auf unendlichen Straßen durch endlose Nächte fahren und Drogen verticken. Dabei raucht der Mann mit den Locken und dem wilden Bart quasi permanent Haschisch, die vorgedrehten Joints fummelt er beim Fahren aus einer kleinen Metalldose mit der berühmten Magritte-Pfeife und der Aufschrift "Ceci n'est pas une pipe". In der Tat.

Amir ist ziemlich allein auf der Welt, eigentlich hat er nur Mr. Fred, eine hässlich-niedliche Bulldogge, die auf ihn wartet, wenn er nach Hause kommt und die, während Amir schläft, auch mal dessen Bein begattet. In seinen gemusterten Socken steckt ein Klappmesser, das allerdings nur zum Einsatz kommt, um das Haschisch kleinzuschneiden. Mit den langen Autofahrten greift Ali Ahmadzadehs ein typisches Motiv iranischer Filme auf und verkehrt es ins Dunkle, denn Amirs Taxi fährt mit seiner besonderen Fracht zu den Nachtschattengewächsen der Gesellschaft - verzweifelte Opiumsüchtige, Prostituierte, depressive Jugendliche. Einmal bringt er zwei Kartons mit selbstgebackenen Hasch-Cookies zu einer Pflegerin ins Altenheim, die den "Schokoladenkuchen" an die BewohnerInnen verteilt, die so ruhiger schlafen und kurz vergessen, dass sie gerne woanders wären. 

Immer scheinen durch das Dunkel der Nacht die bunten Lichter Teherans - allerdings transportieren sie keinen Hoffnungsschimmer, halten keine Erlösung bereit für die existenzielle Einsamkeit, an denen die Figuren des Films leiden. Diese Stadt und dieses Land, regiert von Fanatikern, haben den Menschen nichts mehr zu bieten. Sie fliehen, bewegen sich unter dem Radar und suchen nach der kleinen Freiheit im Rausch. Die Verzweiflung schlummert unterschwellig und bricht sich nur ganz selten Bahn, vielmehr hat sich Abgestumpftheit und Sprachlosigkeit breit gemacht. Der Höhepunkt des Films ist der einzige Moment, in dem der bärtige Drogenkurier kurz der Schwere entkommen kann. Eine Flugbegleiterin bringt ihm, im Austausch für Opium, Koks mit und, darüber freut sich Amir fast noch mehr, zwei Tuborg-Bier, ein kostbares Gut im Iran. Das Stöhnen der zierlichen Frau, als sie mit Amir intim wird, steigert sich zu einem surreal anmutenden Ur-Schrei, in dem solch enorme Kräfte stecken, dass den Mullahs in Teheran das Herz in die Hose rutschen müsste. 


Angst hat das iranische Regime vor Filmen wie diesem. "Critical Zone" ist ein echter Underground-Film: Weil Ahmadzadehs im Iran keine Dreherlaubnis hat, mussten er und seine Crew im Geheimen arbeiten und ständig auf der Hut sein. Eigenen Angaben zufolge drehte er den Film mit drei Mini-Kameras, die sich im Zweifelsfall leicht verstecken ließen. "Fuck you", schreit Amirs Bekannte später den ewigen Lichtern der Stadt entgegen, als sie ihren Oberkörper aus dem Autofenster hievt und ihre Haare im Wind flattern lässt: "Yes! Fuck you!" immer und immer wieder.

Der Film mutet seinen Zuschauern lange Einstellungen zu: ganz alltägliche Vorgänge im Detail, dann wieder faszinierende meditiative Bilder, in denen Amir vor Lichtprojektionen steht oder daran entlang schlendert. Und immer wieder Kamerafahrten auf den Straßen Teherans, der Blick in Amirs grimmiges Gesicht. Zwischendurch sehen wir Referenzen an die großen Drogenfilme, wie etwa "Fear an Loathing in Las Vegas": beschleunigte Zick-Zack-Autofahren, eine gefährlich hin und her schwankende Kamera - Zeichen dafür, dass die Wirklichkeit langsam, aber sicher entgleitet und der Wahnsinn näher rückt.

Soweit ist es aber noch nicht, denn noch gibt es die Wärme zwischenmenschlicher Begegnungen, auch wenn sie nur flüchtig sind, kleine Gesten, beruhigende Worte, eine Hand, die übers Gesicht streicht. Als die Autoritäten von Ahmadzadehs klandestinen Aktivitäten Wind bekamen, wurde ihm das Visa für die Ausreise entzogen. Nach Locarno, wo "Critical Zone" mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet wurde, durfte er nicht reisen und steht seitdem unter ständiger Überwachung. Derweil fährt sein Protagonist weiter durch die Nacht, geleitet nur von der beruhigend-gleichgültigen Stimme seines GPS-Systems, das ihn vor drohenden Gefahren, Radarfallen und Polizeikontrollen warnt, bis er vielleicht irgendwann sein Ziel erreicht.

Alice Fischer

Critical Zone - Iran 2023 - Regie: Ali Ahmadzadeh - Darsteller: Amir Pousti, Shirin Abedinirad, Maryam Sadeghiyan, Alireza Keymanesh, Saghar Saharkhiz, Mina Hasanlou - Laufzeit: 99 Minuten.

"Critical Zone" ist am 09.06.2024 im Filmforum im Museum Ludwig, Köln, zu sehen, als Teil des Filmfestivals "Visions of Iran". Der reguläre Kinostart folgt im Laufe des Jahres.