Im Kino

Heldin mit kaputten Füßen

Die Filmkolumne. Von Robert Wagner
29.05.2024. Das Golda-Meir-Biopic "Golda" rekonstruiert den Jom-Kippur-Krieg aus dezidiert proisraelischer Perspektive. Gleichzeitig freilich hat Regisseur Guy Nattiv einen sehr effektiven Politthriller über die Einsamkeit einer Kettenraucherin in einer weltpolitischen Drucksituation inszeniert.

Jom Kippur 1973: Der Mossad bekommt Hinweise, dass Ägypten und Syrien einen Angriff planen. Die Regierung zögert. Die Indizien sind schlüssig, aber sicherlich handelt es sich nur um Säbelrasseln. Überhaupt: Was können die beiden Staaten schon ausrichten. Vor allem aber: Eine israelische Mobilmachung würde als Akt der Aggression interpretiert werden. Sie könnte etwas auslösen - und Israel die Schuld zugewiesen bekommen. Kurz darauf sind arabische Armeen im Land und das unzureichend vorbereitete Israel kämpft ums Überleben. Erst nach und nach gewinnt es wieder die Oberhand, bis am Ende ein bahnbrechender Frieden wartet.

In "Golda" wird dies aus der Perspektive der damaligen Ministerpräsidentin Golda Meir (Helen Mirren) erzählt, die an einer mannigfaltigen Gemengelage zu scheitern droht. Hier der Kriegsheld und Verteidigungsminister Moshe Dayan (Rami Heuberger), der den Kopf verliert und das Ende kommen sieht. Dort der General Ariel Sharon (Ohad Knoller), ein geltungssüchtiger Draufgänger, der ohne Rücksicht auf Verluste lospreschen möchte. Hier der Schmerz, Individuum um Individuum an der Front zu verlieren, dort die Möglichkeit von Frieden, der nur mit (der Androhung von) Unmenschlichkeit errungen werden kann.

Da Israel mitten im Kalten Krieg zudem noch zwischen den USA und den UdSSR steht, umgeben von Staaten der Arabischen Liga, deren Ziel die Auslöschung des jüdischen Staates ist, herrscht bei Golda Meir zwar Einsicht in die Notwendigkeit entschiedenen Handelns, der Korridor ihrer politischen Möglichkeiten ist jedoch äußerst eng. Die Sowjetunion steht inzwischen offen auf der Seite der arabischen Staaten. Die USA berufen sich zuvorderst in Form ihres Außenministers Henry Kissinger (Liev Schreiber) auf Neutralität und wollen niemand bevorteilen - weil die OPEC-Staaten sonst den Öl-Hahn abdrehen.


Der Druck ist enorm, die Situation zuweilen aussichtslos. Und "Golda" erzählt die Heldengeschichte der einen Person, die vor allen anderen die Gefahr begreift, die als einzige einen kühlen Kopf behält und resilient trotz endloser Anstrengung durchhält. Die zum Sieg führt. Der Blick des Films ist dezidiert auf ihren Blick begrenzt. Der ägyptische Staatspräsident Anwar as-Sadat oder US-Präsident Nixon sind nur per Archivaufnahmen im Fernsehen zu sehen, Syriens Präsident Hafiz al-Assad oder KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew tauchen nur in Dialogen auf. Weder sehen wir das Sterben auf Sinai, noch bei den Golanhöhen. Nur, was in ihrem unmittelbaren Umfeld geschieht, sehen wir. Die Einseitigkeit der Perspektive ist tief in den Film eingeschrieben.

Das Ergebnis ist hochgradig persönlich. Statt einer weitgefassten Perspektive bekommen wir nur eine alte, kranke Frau, die von Offizieren, aalglatten Politikern, Feinden, dem Tod und Ausweglosigkeit umkreist ist. Für ihre Strahlenbehandlung muss sie ein ums andere Mal durch eine prallgefüllte Leichenhalle laufen. Jedes bisschen Unterstützung muss den Verbündeten aus dem Leib gedreht werden, wie Kissinger selbst zu seinem Teller Borscht genötigt werden muss. Die Handlungsorte sind fast ausschließlich anonyme Besprechungsräume, militärische Zentralen, Krankenzimmer, Büros. Klaustrophobische Orte, die von der Realität des Kriegs abgeschnitten sind und in denen Golda von den Handlungen anderer abhängig ist.

Mehr als alles andere ist "Golda" eine Geschichte über Einsamkeit und Isolation, Gewissensbisse und die verzweifelte Unsicherheit, ob denn auch das Richtige getan wird. Hauptausdruck des Ganzen sind Zigaretten. Unablässig öffnet Golda Zigarettenpackungen, den nächsten Glimmstängel steckt sie sich am vorherigen an. Sie raucht bei Besprechungen, im Bett, wenn sie im Krankenhaus aus dem Operationstisch liegt. Wir sehen den Rauch in Großaufnahme oder als stetige Randnotiz in den Einstellungen. Mal nimmt er alles ein und verdeckt alles andere. Der zwanghafte Drang nach tabakinduzierter Beruhigung ist so omnipräsent, dass es nicht überraschen würde, wenn dieser Film Lungenkrebs verursacht. Unablässig verweist er auf das Nagen in der Hauptperson.

Diese persönliche Perspektive ist jedoch ohne große assoziative Anstrengung auch als nationale zu erkennen. Israels Existenz spiegelt sich nicht nur 1973, sondern auch heute in Golda Meirs Isolation und ihrem Zerriebenwerden zwischen internen und externen Problemlagen. Premiere feierte der Film 2023 bei der Berlinale, in Britannien startet er am 6. Oktober letzten Jahres. Auch wenn der Gedanke naheliegt, handelt es sich bei dem Projekt nicht um eine Reaktion auf den 7. Oktober.

"Golda" spielt mit offenen Karten. Für die Erkenntnis, dass er auf der Seite Israels steht, reicht ein Blick auf den Trailer oder auf die Synopse - dass es sich außerdem um einen bildgewandten, effektiven und mitreißenden Politthriller über eine unablässige Drucksituation handelt, lässt sich nicht so ohne Weiteres vorhersehen. Was (leider) nicht überrascht, ist, dass sich die beiden mit Abstand populärsten Kommentare der Filmcommunity letterboxd sicher sind, dass "Golda" Propaganda sei, mit der Aktuelles in Gaza vertuscht und Israel legitimiert werden soll, einen Genozid zu begehen - entsprechend der gebetsmühlenartigen Vorwürfe der pro-palästinensischen Fraktion. Allein dadurch, dass der Film die Perspektive eines wehrhaften Israels einnimmt, wird er schon zum Politikum, bei dem vor der Sichtung oft alles entschieden ist, egal, was er dann wirklich zeigt.

In einer Rahmenhandlung muss Golda in Folge des Jom-Kippur-Kriegs einem Ausschuss bezüglich möglicher Verfehlungen Rede und Antwort stehen. Anstatt eines Kreuzverhörs ist "Golda" aber schlicht das Plädoyer dafür, dass Meir tat, was sie tun musste. Es geht gerade nicht darum, zu beweisen, dass die Handlungen Israels "alternativlos" seien, sondern darum, was Golda Meir aus einem militärischen Fehler Sadats macht. Sie setzt ihm die Pistole auf die Brust und zwingt ihn zu Verhandlungen und dazu, Israel als Staat anzuerkennen. Sie öffnet den Weg zu einem Frieden, der bis heute hält. Der Film von Regisseur Guy Nattiv endet mit geradezu surrealen, nichtsdestotrotz realen Fernsehbildern Golda Meirs und Anwar Sadats, die miteinander lachen. Die Propaganda des Films besagt, dass ein Ende mit Frieden möglich ist. Offenen Auges sieht er aber auch, dass der Weg dahin einem Wunder gleicht und einen unwahrscheinlichen Helden mit kaputten Füßen braucht, der den Stier im richtigen Moment bei den Hörnern zu fassen weiß.

Robert Wagner

Golda - Israel 2023 - Regie: Guy Nattiv - Darsteller: Helen Mirren, Rami Heuberger, Ohad Knoller, Live Schreiber, Mark Fleischmann - Laufzeit: 100 Minuten.