Im Kino
Lieber wieder Till Eulenspiegel
Die Filmkolumne. Von Stefanie Diekmann
24.09.2025. Martina Priessners "Die Möllner Briefe" erzählt eine sehr deutsche Geschichte über die unwürdige Behandlungen der Hinterbliebenen von Opfern eines rassistischen Anschlags. Eine Geschichte, die unbedingt erzählt werden muss - leider vertraut der Film zu wenig auf die Ungeheuerlichkeit der Ereignisse.
"Die Möllner Briefe" ist ein einfacher Film; zugleich ist es nicht ganz einfach, ihn zu rezensieren. Tatsächlich gehört er zu den Filmen, für die sich eine Rezension im Sinne von Kritik zu verbieten scheint, da sein Sujet so beklemmend, sein affektiver Impact so groß ist, dass jeder Kommentar, der etwa auf Konzept, Dramaturgie, Musikeinsatz bezogen wäre, zwangsläufig kleinlich anmutet. Filme, die sich auf die Seite der Opfer stellen, werden nicht schlechtgeschrieben. Ums Schlechtschreiben geht es auch im Folgenden nicht, sondern um die Frage, wie mit einem Film umzugehen ist, der eine Geschichte, die unbedingt erzählt werden muss, auf etwas problematische Weise erzählt.
Die Geschichte ist hässlich und sie ist ziemlich deutsch. Ihr Schauplatz ist die Kleinstadt Mölln in Schleswig-Holstein, Selbstbezeichnung "Eulenspiegelstadt", in den 1920ern NSDAP-Hochburg. Am 23. November 1992 verübten dort zwei Neonazis Brandanschläge auf Wohnhäuser, in denen vor allem Familien aus der Türkei lebten. Die 51-jährige Bahide Arslan, ihre 10-jährige Enkelin Yeliz Arslan und ihre 14-jährige Nichte Ayse Yilmaz wurden ermordet; die Täter, Lars Christiansen und Michael Peters, kamen nach Haftverkürzungen relativ frühzeitig wieder frei. Und im Rathaus von Mölln äußerte der damalige CDU-Bürgermeister Joachim Dörfler nach dem Prozess die Hoffnung, dass nun hoffentlich bald wieder Ruhe einkehren werde in die eigentlich so gemütliche kleine Stadt.
Vermutlich im Interesse der Ruhe, um den Ball flach zu halten und den Nachhall etwas abzukürzen, entschied man im selben Rathaus, die Beileids- und Solidaritätsschreiben, die in den Wochen nach den Anschlägen eintrafen und meist explizit an die Opfer der Anschläge adressiert waren, nicht weiterzuleiten. Stattdessen wurden die Briefe, Karten, Zeichnungen verwahrt und archivarisch erfasst, weshalb die Dokumente, die in "Die Möllner Briefe" gezeigt werden, häufig gelocht sind, teils in Klarsichtfolien gepackt, detailliert beschriftet in jedem Fall sowie in Aktenordnern und Schachteln abgelegt. Dass die Möllner Stadtverwaltung ihre Sache ordentlich gemacht habe, ist eine Ansicht, auf die der Protagonist des Films von Martina Priessner bei seinen Erkundungen mehr als einmal trifft.

Diese Erkundungen beginnen 2019, als İbrahim Arslan, Überlebender der Brandanschläge, von den Solidaritätsschreiben Kenntnis erhält. Nicht etwa durch die Stadt Mölln, die eigenmächtig auf etliche der Schreiben geantwortet und dabei ein paar beiläufige Lügen bezüglich Weiterleitung und Opferhilfe formuliert hat. Sondern durch eine Studentin, die für ihre Masterarbeit im Stadtarchiv recherchierte. Arslans eigene Recherchen, die der Film teils begleitet, teils von ihm vor der Kamera erzählt werden, kommen zu dem Ergebnis, dass die Möllner Stadtverwaltung die Möllner Opfer vor allem als lästig betrachtet. Damals, 1992, als niemand Zeit für einen Besuch findet, der Bürgermeister lieber wieder über Till Eulenspiegel sprechen will und die obdachlos gewordenen Familien für Jahre in miserablen Notunterkünften einquartiert werden, bis man sie in das Haus des Brandschlags zurückadministriert. Und in der Gegenwart der Jahre 2020 bis 2023, in denen die Verwaltung nichts herausrückt, was sie nicht herausrücken muss, der Archivar strikt formalistisch argumentiert ("das sind jetzt die Briefe, die an die Stadt adressiert waren") und der SPD-Bürgermeister darauf hinweist, dass 1992 auch alle anderen sehr gelitten hätten, um dem konsternierten Arslan dann vorzuschlagen, zur nächsten Gedenkveranstaltung erstmal die Freiwillige Feuerwehr ("die waren ja auch betroffen") sowie etwas Lokalprominenz einzuladen. ("Der Sänger, wissen sie. Der hat mir erzählt, mit ihm hat das auch etwas gemacht.")
"Die Möllner Briefe" ist eine Dokumentation solcher Gespräche. Vor allem aber ist es ein Film, der daran arbeitet, sichtbar zu machen, was die längste Zeit unsichtbar geblieben ist. Die Briefe, Karten, Zeichnungen, die sich die Stadtverwaltung Mölln in einem Akt der Rechtsverletzung angeeignet hat ("beschlagnahmt", vielleicht; nur dass im Fall einer Beschlagnahmung wenigstens Kenntnis davon besteht, dass etwas beschlagnahmt wurde). Und der Zustand einer verstörten, zutiefst traumatisierten Familie, mit der man sich im Rathaus nicht weiter abgegeben hat; die bei Gedenkveranstaltungen nicht mehr als Statisterie war; die nicht gefragt wurde; die man noch 30 Jahre nach den Anschlägen hinhält; und deren Vertreter, wie auch die der anderen Opferfamilien, ihren deutschen Gegenübern unbeirrbar höflich begegnen.
Auf die Ungeheuerlichkeit, die diesen Vorgängen innewohnt, vertraut die Regisseurin Priessner nur bedingt. Es gibt zu viel Musik in "Die Möllner Briefe". Zu viele Aufnahmen von Tränen (Weinen ist eine ziemlich private Angelegenheit) und zu viele Aufnahmen aus etwas zu großer Nähe. Zu viel Bestreben, diesen Film zum Teil eines Heilungsprozesses werden zu lassen, der vielleicht in Gang gekommen ist, vielleicht aber auch nicht. Zu viel Gewissheit, im Recht zu sein (Recht haben die Opfer; aber das ist etwas anderes). Und zu wenig Auseinandersetzung mit einer Dramaturgie, die darin besteht, Statements und Begegnungen aneinander zu reihen, um die Geschichte von Mölln als eine der guten, der schlechten und der dummdeutschen Menschen zu erzählen, nicht aber, bei allem Fokus auf Stadtarchiv und -verwaltung, als eine der systematischen Diskriminierung. Die Großaufnahmen archivarischer Praktiken (Lineal, Bleistift, weiße Handschuhe, Folder) sind seltsam fetischistisch. Die Perspektive allzu sehr auf die nächste Gedenkveranstaltung fixiert (wer plant, wer spricht, in welcher Reihenfolge und an welchem Ort?). Aber all das, was "Die Möllner Briefe" zu einem ganz normalen Film macht, macht ihn zugleich zum besten Film, um von der Normalität dessen zu berichten, was sich 1992 und danach in der Kleinstadt Mölln zugetragen hat. Dieser sehr deutschen Kleinstadt; "idyllisch gelegen im Herzen des Kreises Herzogtum Lauenburg".
Stefanie Diekmann
Die Möllner Briefe - Deutschland 2025 - Regie: Martina Priessner - Laufzeit: 96 Minuten.
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