Im Kino

Wolf im Wolfspelz

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
18.02.2025. Eine Agentin, die einen veritablen Scheißtag hinter sich bringen muss, ein opportunistisches armes Würstchen und ein schmierig grinsender Mark Wahlberg auf dem Weg in die Schneewüste Alaskas: Mel Gibsons "Flight Risk" ist ein klassischer Genrefilm mit unverrückbaren Koordinaten.

Schon beim Start hält sich Madelyn Harris (Michelle Dockery) mit der Hand am Fenstergriff des Flugzeugs fest. Was natürlich im Zweifelsfall nicht das Geringste nützen würde. Gute Filme erkennt man nicht zuletzt daran, dass sie ein Auge für "sprechende" Gesten haben. Diese zeigt uns an: Madelyn befindet sich außerhalb ihrer Komfortzone. Wir befinden uns mit ihr auf der Startbahn eines Miniflugplatzes irgendwo in den Weiten Alaska. Madelyn, ein U.S. Marshall, hat hier beruflich zu tun. Sie hat im kalten Nirgendwo den flüchtigen Winston (Topher Grace) ausfindig gemacht, der für einen Gangster als Buchhalter gearbeitet hatte und nun gegen seinen ehemaligen Chef aussagen soll. Aber erst einmal muss er wieder in Richtung Zivilisation transportiert werden. Für den erste Abschnitt der Reise steht lediglich ein reichlich klapprig anmutendes Miniflugzeug zur Verfügung.

In einer solchen Maschine abzuheben, fühlt sich anders an als der sanfte take-off kommerzieller Linienflüge. Das schmierige Grinsen des Piloten Daryl Booth (Mark Wahlberg), der sich neben Madelyn im Cockpit niedergelassen hat und seinen Blick erst einmal in Richtung ihrer Brüste schweifen lässt, macht die Situation nicht unbedingt angenehmer. Kein Wunder also, dass Madelyn sich am Fenster festhält und auch nach dem geglückten Start die Körperspannung aufrecht erhält. Gleichzeitig ist sie professionell genug, um angesichts Daryls Anzüglichkeiten nicht die Fassung zu verlieren. Diesen Scheißtag irgendwie hinter sich zu bringen und dann hoffentlich diesen gottverlassenen Ort und diesen Hillbilly-Creep auf dem Pilotensitz nie wieder zu sehen: Nur darum geht es ihr.

Bevor er sich, möglicherweise, mit dem nach wie vor im pre-production-Stadium befindlichen "Passion of the Christ 2" in eine neue Historienfilm-Megaproduktion und möglicherweise auch wieder in den Morast der Kulturkämpfe stürzt, gönnt Mel Gibson sich selbst und uns eine Auszeit. "Flight Risk" ist ein kleinformatiger Thriller mit unverrückbaren Koordinaten: drei Menschen in einem Flugzeug. Das Flugziel: Anchorage, Alaska. Und zwar wird es dort, sagt Daryl zu Madelyn, in ungefähr 70 Minuten ankommen. Etwa so lange dauert auch der Film zu diesem Zeitpunkt noch. Was freilich auch wieder nicht heißt, dass wir den Flug in Echtzeit mitverfolgen würden. Wie im klassischen Genrekino üblich, so ist auch in "Flight Risk" Zeit eine Funktion der Dramaturgie - mal schnurrt eine halbe Stunde zu ein paar Sekunden zusammen, mal dehnt sich die entscheidende halbe Minute schier endlos.


Ähnlich verhält es sich mit der Erzählperspektive. Unsere primäre Identifikationsfigur ist ganz klar Madelyn, die Frau, die das Heft des Handelns von Anfang an in den Händen hält und ohne heftigste Gegenwehr keineswegs mehr hergeben wird. Wir sehen und wissen fast immer genau das, was sie sieht und weiß. Aber eben: nur fast immer. Kurz nach dem Abheben sehen und wissen wir zum Beispiel in einer Szene, was sonst nur Winston sieht und weiß.

Winston, der angehende "government witness", ist, nebenbei bemerkt, ein armes Würstchen, und doch schließen wir ihn auf die Dauer ein bisschen ins Herz; eben weil er von der Situation, in die er sich selbst hineinmanövriert hat, hoffnungslos überfordert ist. Er ist und bleibt ein Opportunist. Aber wer nicht selbst schon einmal den Weg des geringsten Widerstandes gegangen ist, werfe den ersten Stein. Wir hoffen jedenfalls, dass Winston es schafft - nicht auf dass der Gangster, gegen den er aussagen soll und der im Film nicht einmal auftaucht, hinter Schloss und Riegel landet, sondern auf dass Winston mit seiner alltäglichen moralischen Verfehlung davonkommt; moralischer Absolutismus darf niemals siegen.

Was aber sieht Winston? Dass Daryl nicht nur ein, insbesondere im Umgang mit dem anderen Geschlecht, unangenehmer Zeitgenosse ist; sondern - und das darf der Filmkritiker durchaus verraten, weil der Trailer es ebenfalls tut - ein Wolf im Wolfspelz. Nichts Gutes führt er im Schilde, und er steuert die Maschine auch keineswegs in Richtung Küste und damit Anchorage, sondern ins Landesinnere, in die menschenabweisende Schneewüste Alaskas.

Im Folgenden entwickelt sich ein flottes Spiel mit mehreren beweglichen Elementen. Madelyns Grundproblem besteht darin, gleichzeitig die Leute im Flugzeug und das Flugzeug selbst unter Kontrolle halten zu müssen. Gibson wiederum konzentriert sich schönerweise ganz darauf, eben diese Situation ihrer eigenen Dynamik gemäß dramaturgisch zu entfalten. Melodrama und Erlösungskitsch sind nur in homöopathischen Dosen zugelassen. Stattdessen dominieren praktische Probleme: Die Autopilotfunktion hilft solange, bis sie eben nicht mehr hilft. An konventionellen Handyempfang ist in der Eiswüste Alaskas nicht zu denken, aber wozu gibt es Satellitentelefone? Jedoch: Auweia, da liegt ja ein Messer unter dem Pilotensitz!

Als schließlich die Funkverbindung nach Anchorage steht, erweitert sich das Dreieck zum Viereck. Die engelsgleiche, vom ersten Satz an flirtende Stimme eines Fluglotsen namens Hassan wird zu Madelyns Rettungsanker. Sie ist in guten Händen und wir sind es, alles in allem, auch.


Lukas Foerster


Flight Risk - USA 2024 - Regie: Mel Gibson - Darsteller: Michelle Dockery, Mark Wahlberg, Topher Grace - Laufzeit: 91 Minuten.