Permanent neue Unordnung

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
16.11.2022. Gerade findet man sich in Masaaki Yuasas Anime "Inu-oh" einigermaßen zurecht, da stellt eine neue Hauptfigur alles auf den Kopf: Der Film wird zur psychedelischen Rockoper, die jede Tradition zertrümmert.


Gerade wenn wir dabei sind, uns in der Welt dieses Films ein klein wenig zurechtzufinden, taucht Inu-oh auf und wirft alles wieder über den Haufen. Los ist schon davor mehr als genug. Eine wilde Montagesequenz wirft uns zunächst von der urbanen Gegenwart tief in die japanische Geschichte. Wir erhaschen einen kurzen Blick auf eine Seeschlacht, rote Schiffe gegen weiße, die roten verlieren und sinken zum Grund des Meeres. Dann, einige Jahrhunderte später, aber immer noch inmitten der japanischen Vormoderne, bergen ein Fischer und sein Sohn aus einem dieser Wracks einen Schatz: ein Schwert, das seine Klinge gegen die wendet, die es in der Hand führen. Einen gleißenden Lichtstrahl sendet die Waffe durch den Bildraum, einen Energiestoß, der den Vater, einen Baum von einem Mann, glatt in zwei Teile teilt. Der Sohn, genannt Tomona, verliert lediglich sein Augenlicht, und fortan stehen alle Bilder des Films unter einem Blindheitsvorbehalt. Manchmal huschen nur Schemen über die Leinwand, ein roter Fleck etwa, der erst nach ein paar Sekunden Form gewinnt, sich zu einem Mund verdichtet; oder die Welt verschwindet hinter einem Platzregen aus feinen weißen Linien, die über schwarzen Grund zischen. Dann wiederum sehen wir in starker, der Zeichentricktechnik zum Trotz fast hyperrealistisch anmutender Vergrößerung, Wasser über Tomonas Kinn rinnen - als wolle der Film die Welt, die der Junge nicht mehr sehen kann, stattdessen körperlich fühlbar machen.

Dennoch, so langsam sortieren sich die Dinge: Tomona schließt sich einem reisenden Biwa-Spieler an, beginnt selbst zu musizieren, zwischendurch unterhält er sich gelegentlich mit dem Geist seines toten Vaters (der ein wenig ausschaut wie Dschinni aus "Aladdin"). Dann jedoch ist Tomona plötzlich weg und Inu-oh ist da. Beziehungsweise wir sind Inu-oh und schauen durch die Kürbismaske, die er vorm Gesicht trägt, in die Welt. Ein großes und ein kleines Loch für die Augen sind in die Maske gestanzt, aber nicht wie erwartbar neben-, sondern untereinander, und auch sonst gehorcht dieser Körper keinem Ebenmaß. Tief gebückt und in Lumpen gehüllt bewegt sich Inu-oh weniger vorwärts als erratisch kreuz und quer, anfangs strolcht er, obwohl in seinem Kopf durchaus eine menschliche Intelligenz haust, mit den Hunden durch die Stadt. Auch zu denen will er freilich nicht recht passen, vor allem aufgrund eines überdimensionierten Arms, der ihm, man weiß zunächst nicht so recht, wo und wie, erwächst. Spinnenartig greift die bizarre Extremität über den eigenen Körper hinaus, und wenn Inu-oh, was er gerne tut, koboldhaft zu tanzen beginnt, dann eignet dem wie angeschraubt ausschauenden Gliedmaß tatsächlich eine groteske Eleganz.




Tomona und Inu-oh, der Blinde und der Krüppel. Wenn sie sich begegnen, geschieht etwas, ohne dass die beiden selbst so recht wüssten, was. Fast, so scheint es, verschmelzen sie zu einem Doppelwesen, dessen Defekte sich durch den wechselseitigen Kontakt in Potentiale verwandeln. Vielleicht könnte man auch sagen: Der eine findet eine Form für das Leid des anderen. Inu-oh empfängt Botschaften aus der Geisterwelt, die von Tomona vertont werden. Das - eine Bewegung weg vom Bild und hin zum Ton - ist die entscheidende Wendung, weil sie auch den Film selbst transformiert: Aus einem vorher, bei aller formalen Experimentierfreude, noch einigermaßen die Gepflogenheiten des Genres respektierenden Anime wird etwas völlig Neues: eine gezeichnete psychedelische Rock-Oper.

Nicht nur in seinem eigenen Feld, dem japanischen Animationsfilmschaffen, ist Masaaki Yuasa immer schon ein, zwei, drei Schritte weiter als alle anderen. Ein unermüdlicher Erfinder von Formen, der, mit einem schier unglaublichen Arbeitstempo, sowohl Lang- als auch Kurzfilme und außerdem noch regelmäßig ganze Fernsehserien inszeniert. Postmoderne romantische Komödien über die Untiefen des Tokioter Nachtlebens ("The Night Is Short, Walk on Girl", 2017) hat er genauso im Programm wie veritable Sci-Fi-Kosmologien ("Kaiba", 2008) oder bittersüße Surfer-Melodramen ("Ride Your Wave", 2019). Nachdem er zuletzt, auf freilich betont eigensinnige Art, mit dem Mainstream flirtete - und im Zuge dessen mit "Lu Over the Wall" (2017) eine der schönstmöglichen Hommagen an die Filme der Ghibli-Studios verantwortete - kehrt er mit "Inu-Oh" wieder zur Radikalität seines frühen Meisterwerks "Mind Game" (2004) zurück. Die Bilder selbst sind immer frei bei Yuasa. In seinem neuen Film fallen auch wieder die narrativen Rahmungen weg, die sie in einigen seiner anderen Arbeiten zwar nicht bändigen, aber doch kanalisieren.

Das soll nicht heißen, dass "Inu-oh" kein erzählerischer Film ist. Ganz im Gegenteil, der Plot ist komplex und beim einmaligen Sehen kaum bis in die letzte Verzweigung aufzuschlüsseln. Es ist nur so, dass die Erzählung diesmal nichts ordnet, sondern permanent neue Unordnung schafft. Erzählen als permanentes Überschreiben der Erzählung - das ist der Kern des Films, zu dem "Inu-oh" vorstößt, sobald die beiden Hauptfiguren, beziehungsweise die gedoppelte Hauptfigur Inu-oh/Tomona, auf Konzertreise gehen.




Die Musik der beiden überschwemmt den Film regelrecht, dominiert den Rhythmus der Bilder nach Belieben, verwandelt die Leinwand in ihren Resonanzkörper. Mehrere Lieder des multipel beschädigten Duos werden komplett ausgespielt - verschiedene Varianten eines hypnotisch-repetitiven, von dem Psychedelic Rock verwandten, teils zu veritabler Stadion-Rock-Symphonic sich aufschwingenden Instrumentals begleiteten Singsangs, der, das stellt sich schnell heraus, ein historisches Trauma umkreist, welches die Mächtigen der Gegenwart lieber nicht derart effektvoll artikuliert sehen möchten. Denn das Publikum liebt Tomona und Inu-oh. Dass die wogenden Zuschauermengen sich in eine revolutionäre Masse verwandeln, steht zwar vorläufig nicht zu befürchten - es geht um Ichverlust, nicht um die Konstitution eines Kollektivs; aber dass sie für die Dauer der Konzerte der produktiven Arbeit und dem Untertanengeist entzogen sind, dass sie, mit anderen Worten, Teil an jenem synästhetishen Spektakel haben, das "Inu-oh" als Ganzes ist, ist bereits Affront genug.

Thematisch schließt der freilich in alle möglichen Richtungen gleichzeitig ausschlagende, auf einem Roman von Hideo Furukawa basierende Film an vielerorts virulente Diskurse um Imperialismuskritik und Geschichtsrevisionismus an. Mit jenen, die in "multidirektionaler" Kitschprosa "Das Leid der Anderen begreifen" wollen, hat Yuasa freilich Gott sei Dank nicht das Geringste gemein. Wenn Tomona und Inu-oh "den Toten eine Stimme wiedergeben", dann geht es ihnen gerade nicht darum, zu Repräsentanten einer doch wieder homogen gedachten, oder auch nur einer multiple Identitätsmerkale freundschaftlich in sich vereinenden diversen Gemeinschaft zu werden. Was sich schon daran zeigt, dass der Film fast durchweg auf Rückblenden und somit eine Verifikation historischer Kontinuität verzichtet.

Tatsächlich zielt Tomonas und Inu-Ohs erinnerungspolitische Intervention auf die Zertrümmerung jeder Tradition. Ihre entfesselten, Happening-artigen Performances wenden sich nicht einfach nur gegen eine abstrakte Unterdrückerinstanz, sondern gegen die Insignien der klassischen japanischen Ästhetik schlechthin: Kirschblüten, die kodifizierten Tänze des Nō-Theaters, die harmonischen Formen des traditionellen Kunsthandwerks: All das muss, postuliert "Inu-oh", im reißenden Strom des die Abweichung und die Verwundbarkeit alles Menschlichen feiernden popmusikalischen Exzesses untergehen. Nicht die Rekonstitution verlorener Handlungsmacht ist das Ziel, sondern vielmehr eine Multiplikation von Masken, hinter denen sich letztlich gar nichts mehr verbirgt. Ein langsames, aber unaufhaltsames Abgleiten in den Groove einer jeglicher aktivitstischen Aneignung unzugänglichen Gegengeschichte, die ihren Ausgangspunkt bei einer Kritik jener basalen Mechanismen der Konstruktion stabiler körperlich-biografischer Identität nimmt, gegen die Inu-oh und auch "Inu-oh" Kraft ihres ganzen Wesens Einspruch erheben.

Lukas Foerster

Inu-oh - Japan 2021 - Regie: Masaaki Yuasa - Laufzeit: 98 Minuten.