Am ersten Tag im Dienst

Die Filmkolumne. Von Nicolai Bühnemann
17.11.2022. Frank Farrelli hat einen neuen Job: Er soll als "Middle Man" im Auftrag des Sheriffs Familien informieren, wenn ein Angehöriger bei einem Unfall gestorben ist. Das wird komplizierter als man erst denkt. Der norwegische Filmregisseur Bent Hamer verbindet in seinem Film höchst produktiv europäisches Arthouse-Kino mit dem Kino der Coen-Brüder.


Eine amerikanische Industriekleinstadt in der nebligen, wolkenverhangenen Nacht. Die Straßen sind menschenverlassen, Schornsteine dampfen, ein Güterzug fährt vorbei. "The Middle Man" wird über die gesamte Laufzeit genauso melancholisch und langsam bleiben wie diese Vorspannbilder. Ambivalent ist allerdings die Metaphorik der Brücke, die wir in der ersten Einstellung sehen und gegen Ende noch einmal. Der Zwiespalt im Bezug der Handlung zu diesem Bild ließe sich vielleicht so formulieren, dass die Titelfigur, der middle man Frank Farrelli (Pål Sverre Hagen), im Verlauf des Films als Mensch durchaus eine Entwicklung durchmacht, nicht aber in dem Beruf, den er zu Beginn antritt.

Die Arbeit des Mittelmanns besteht darin, im Auftrag des örtlichen Sheriffs (Paul Gross) Hinterbliebene zu informieren, wenn einer ihrer Angehörige - meist durch einen Unfall - ums Leben kommt. Der nach dem Tod seines verunglückten Vaters alleine und zurückgezogen mit seiner Mutter lebende Junggeselle Frank ist zunächst froh, endlich einen Job zu haben. Doch nachdem er gleich am ersten Tag im Dienst Gelegenheit hat, seine Eignung für die Tätigkeit unter Beweis zu stellen, wird es erst einmal wochenlang noch ruhiger als gewöhnlich in dem Städtchen; so ruhig, dass Frank es mit der Angst zu tun bekommt, seine Arbeit schnell wieder los zu sein.

Doch dann schlägt das Schicksal zu - mit dem Billard-Queue, an dessen falschem Ende sich Steve Miller (Rossif Sutherland), Automechaniker und Franks brüderlicher Freund, wiederfindet: Im Zuge einer durch eine Lappalie ausgelösten Auseinandersetzung in der örtlichen Bar bekommt er mit dem Sportgerät einen solchen Schlag auf den Kopf, dass er im Koma landet. Der anwesende Frank sieht sich auf einmal nicht nur mit der Aufgabe konfrontiert, Steves zunächst reichlich knurrigem, ihm dann aber doch wohlgesonnen Vater Martin (Kenneth Welsh), schlechte Nachrichten zu überbringen - sondern ist außerdem Zeuge in einem Fall von schwerer Körperverletzung. Zu allem Überfluss stirbt unerwartet Martin vor seinem Sohn - und vermacht Frank all seine Besitztümer und die Verantwortung für Letzteren.



Das sind noch längst nicht alle Verwicklungen: Die Handlung und die Situation unseres tapferen Mittelmannes werden immer vertrackter, während um ihn herum Leute sterben wie die Fliegen. Ein Hauch von "Fargo" liegt in der Luft - nicht zuletzt, weil Franks Sekretärin und bald auch Geliebte Blenda Johnson (Tuva Novotny) etwas von der Aura der jungen Frances McDormand hat. Andererseits verweisen die Mittel, mit denen der norwegische Regisseur Bent Hamer diese Geschichte erzählt, darauf, dass der in den USA auf Englisch gedrehte Film eine europäische Produktion ist: lange statische Einstellungen, denen auch eine noch so dramatische Entwicklung der Ereignisse nicht ihre Lakonie austreiben können. Das Kino der Coens trifft weniger auf den seit langer Zeit erfolgreichen skandinavischen Thriller, als auf eine Tradition des europäischen Autorenkinos, die im Norden des Kontinents etwa durch Aki Kaurismäki vertreten wird.

Die Reibung, die dabei entsteht, zwischen amerikanischen und europäischen Erzählweisen, zwischen Genre und Arthaus, erweist sich als produktiv. Wo es für Frank beruflich bald keinen Ausweg mehr gibt aus dem Netz der Verwicklungen und Intrigen, darf er am schön melancholischen Schluss Blenda in einer finalen Vereinigung, die keiner Worte mehr bedarf, erst im stillgelegten Kino des Ortes, dem Grand Theatre, treffen, um schließlich gemeinsam mit ihr in Richtung des rötlich schimmernden Abendhimmels und des noch nie gesehenen Meeres davon zu segeln. Ein Ende, das ambivalenter ist, als es auf den ersten Blick aussehen mag, weil der Film in einer Welt spielt, in der das Glück nur durch einen radikalen Rückzug ins Private möglich sein kann. Davon könnte wohl auch das Grand Theatre selbst ein Liedchen singen.

Nicolai Bühnemann

The Middle Man - Norwegen 2021 - Regie: Bent Hamer - Darsteller: Pål Sverre Hagen, Nicolas Bro, Trond Fausa, Paul Gross, Don McKellar, Tuva Novotny - Laufzeit: 95 Minuten.