Im Kino

Was wird erinnert, was vergessen?

Die Filmkolumne. Von Fabian Tietke
21.01.2026. Ein komplexes Porträt der Erinnerungspolitik seiner eigenen Familie zeichnet Dario Aguirre in seinem Dokumentarfilm "Wir, die Wolfs". Die Spur führt nach Ecuador, zu einem gut erinnerten Ururgroßvater und einer weit weniger gut erinnerten Ururgroßmutter.

Familiengeschichte und die vielfältigen Verbindungslinien zwischen privater und allgemeiner Geschichte sind zu einem Dauerbrenner im Dokumentarfilm geworden. Bisweilen werden noch die dünnsten Verbindungslinien bemüht, um solche Erzählungen zu ermöglichen. Von derartigen Verrenkungen ist Dario Aguirres "Wir, die Wolfs" denkbar weit entfernt. Mehr noch, in seiner Mischung aus Vertrautheit, Reflexion und Unaufgeregtheit ruft Aguirres Film in Erinnerung, worin die Attraktivität des Rückgriffs auf Familiengeschichte schon immer bestand: darin, der großen Geschichte eine Komplexität hinzuzufügen, die in der Stringenz der historischen Erzählung oft verloren geht und zugleich die emotionale Involviertheit sichtbar zu machen, die historische Debatten als Debatten über Fragen der Identität begleiten.

Aguirre ist Ururenkel des Geologen und Botanikers Theodor Wolf. 1870, mit nicht einmal 30 Jahren, wird Wolf als Professor für Geologie und Mineralogie nach Quito in Ecuador berufen. In den folgenden 20 Jahren wird der Jesuit und Anhänger der damals neuen Evolutionstheorie Darwins das junge südamerikanische Land ausführlich bereisen, botanische und geologische Studien durchführen und von Landvermessungen leben. Mitte der 1870er Jahre wird er zum offiziellen Geologen Ecuadors ernannt. Kurz nachdem er 1891 nach Deutschland zurückkehrt, erscheint sein geographisches Großwerk "Geografie und Geologie von Ecuador", das die nächsten Jahrzehnte als präzisestes Kartenwerk für das Land gilt. In Wolfs Biografie taucht Ecuador heute meist nur als Objekt seiner wissenschaftlichen Neugier und als karrieretaugliches Tätigkeitsfeld für einen jungen Wissenschaftler aus Europa auf. Dass Wolf in Ecuador eine erste Familie gründete, bevor er sich in Deutschland ein neues Leben aufbaute, findet keine Erwähnung.

Aguirres Spurensuche beginnt mit Gesprächen mit seiner Großmutter. Schnell wird klar, dass der deutsche Geologe, nach dem in Ecuador Straßen und Plätze benannt sind, in der kollektiven Erinnerung seiner Familie einen festen Platz hat, nicht aber die indigene Ururgroßmutter Jacinta Pasaguay, mit der Wolf seine ersten Kinder bekam. Barsch und nicht ohne rassistische Untertöne verweist die Großmutter Pasaguay aus einem ersten Versuch Aguirres, den Stammbaum zu rekonstruieren. Aus Gesprächen mit Familienangehörigen in Ecuador, aber später auch in Deutschland, aus den Lebenserinnerungen Theodor Wolfs, seinen Werken und Karten und aus Aufnahmen der Spurensuche montiert Aguirre ein komplexes Porträt der Erinnerungspolitik einer Familie. Was wird erinnert, was vergessen?


Indem "Wir, die Wolfs" den Fokus zunehmend auf die idealisierten familieninternen Erinnerungen an Theodor Wolf verschiebt, gewinnt der Film auch im Blick auf Wolf selbst eine große Komplexität. Zugleich wandelt sich Aguirres Suche nach Spuren der verdrängten indigenen Ururgroßmutter Jacinta Pasaguay (und zunehmend auch ihrer Schwester Rosario Pasaguay, mit der Wolf ebenfalls Kinder hatte) immer mehr zu einer Suche nach Erklärungen für Erinnertes und Vergessenes. Die Familiengeschichte wird zu einem Mikrokosmos, zu einer Reise in das Selbstbild der Familienmitglieder als EcuadorianerInnen.

Dario Aguirre gelingt in "Wir, die Wolfs" das Kunststück, in einem formal klassischen Dokumentarfilm große Fragen aufzuwerfen und zu reflektieren, ohne die Zugewandtheit und Vertrautheit eines Films, der nicht zuletzt ein extrem ehrliches Familienporträt ist, zu erdrücken. "Wir, die Wolfs" ist ein Kleinod des Dokumentarfilms, den es sich lohnt, im Kino zu sehen und danach womöglich auch mit anderen Augen auf die eigene Familiengeschichte zu blicken.

Fabian Tietke

Wir, die Wolfs - Deutschland 2026 - Regie: Dario Aguirre - Laufzeit: 99 Minuten.