Im Kino

Nabelschnur um den Hals

Die Filmkolumne. Von Benjamin Moldenhauer
15.01.2026. Ist der Sohn der eigene oder eben nicht? Johanna Moders "Mother's Baby" hält geschickt die Schwebe zwischen Horrorfilm und realistischem Sozialdrama. Der wahre Schrecken lauert freilich in gesellschaftlichen Strukturen, die Frauen in vorgeprägte Mutterrollen pressen.

In Liebes- und Beziehungsfragen klaffen das kulturell vermittelte Ideal und die banale bis oft überraschend schmerzvoll erlebte Wirklichkeit oft besonders weit auseinander. Bilder von romantischer Verbunden- und Geborgenheit auf der einen Seite, toxischer Beziehungsalltag auf der anderen - bis hin zu häuslicher Gewalt, die, wenn man sich die Statistiken anschaut, nicht als Extrem zu verbuchen ist, sondern als verbreitetes Phänomen. Elternschaft gehört auch in diesen Zusammenhang. Das Ideal manifestiert sich, grob gesagt, bei allen Modernisierungen, im Bild der bedingungslosen Liebe zwischen sorgender Mutter und bedürftigem Kind, mit dem Vater als Versorger und liebender Assistenzkraft.

Die österreichische Regisseurin Johanna Moder entfaltet in ihrem dritten Kinofilm "Mother's Baby" ein anderes Bild von Mutterschaft. Der Titel verweist auf einen Urtext des Mutterhorrors, Roman Polanskis "Rosemary's Baby". Bei Polanski trat der gesellschaftliche Zugriff in Gestalt einer satanischen Sekte ins Leben der werdenden Mutter. "Mother's Baby" entlässt den Schrecken nicht ins Fantastische. Der Horror ist allerdings strukturähnlich: Einer Frau wird die eigene Wahrnehmung abgesprochen, und mit dieser Negation durch das, was ihr als Normalität entgegentritt, wird sie unter Verrücktheitsverdacht gestellt. Bei Polanski finden die Übergriffe während der Schwangerschaft statt, in "Mother's Baby" nach der Geburt. Vornehm formuliert: Der mit 40 Jahren Mutter gewordenen Julia (Marie Leuenberger) wird eine postnatale Depression diagnostiziert.

Dabei hat Julia vor allem Fragen: Was ist in der privaten Geburtsklinik mit ihrem Sohn passiert, nachdem er, Nabelschnur um den Hals, direkt nach der Geburt von Dr. Vilfort (Claes Bang) und der Hebamme im Laufschritt aus dem Kreißsaal auf eine Intensivstation verbracht wurde? Warum fühlt sich der namenlose Junge so an, als sei er nicht ihrer? Und warum schwimmen in den Aquarien in der Klinik und bald auch in dem in ihrer Wohnung Axolotl?


Das alles sei, betont Doktor Vilfort mit erst charmantem, dann zunehmend befremdlichem dänischen Akzent, "ganz normal". Claes Bang legt eine in ihrer stillen Undurchschaubarkeit bedrohliche Autoritätsperformance hin und spricht das Wort "normal" wie eine Drohung aus. Es sind solche mit mikrosoziologischer Genauigkeit eingefangenen Interaktionen, anhand derer "Mother's Baby" ein Bild von Mutterschaft als Zustand der Ungewissheit, Entfremdung und des Selbstverlustes zeichnet. Ein Zustand, der nicht individualpsychologisch und schon gar nicht biologisch erklärt werden kann, sondern das Ergebnis einer sozialen Konstellation ist, innerhalb derer die Frau, als Mutter, vom Subjekt zum Objekt degradiert wird.

Julia ist von Beruf Dirigentin, den Konzertsaal strukturiert sie ähnlich rigide und konsequent wie ihr Leben. Das geht mit der Geburt verloren. Ihr Mann Georg (Hans Löw) verbündet sich mit dem immer unheimlicheren Doktor Vilfort und später auch noch mit seiner eigenen Mutter gegen seine Frau. Das Sozialamt wird zudringlich, weil Julia ihrem Sohn, wenn es denn ihr biologischer Sohn ist, keinen Namen geben möchte (anstatt danach zu fragen, warum es der Mutter nicht möglich ist, ihrem Sohn einen Namen zu geben). Am Ende bricht Julia in die Geburtsklinik ein und versucht, das Rätsel, das ihre Mutterschaft und damit auch ihr Leben geworden ist, zu lösen.

Auf einer formalen Ebene bleibt "Mother's Baby" in der Schwebe zwischen Horrorfilm und realistischem Sozialdrama. Dieser Schwebezustand, mit dem sich der Film auf fordernde Weise einer klaren Genrezuordnung entzieht, hat aber nichts Unentschiedenes, sondern ist, im Gegenteil, konsequent. In der Schwebe und damit in unauflöslicher Ambivalenz bleibt nämlich auch die Antwort auf die Frage, ob Julia an Paranoia leidet und ihr Unbehagen, ihr Unglück und ihre Ängste auf den Neugeborenen projiziert, oder ob ihr Baby tatsächlich direkt nach der Geburt mit einem anderen vertauscht wurde.

Diese Ambivalenz soll gar nicht aufgelöst werden. Drehbuch (Arne Kohlweyer, Johanna Moder) und Inszenierung organisieren jedes Detail, jeden Hinweis, jeden Dialog und jede Kameraeinstellung so, dass immer beide Möglichkeiten bleiben. Am Ende gibt es so etwas wie eine Auflösung, die Ambivalenz aber bleibt bestehen. Das ist der eigentliche Horror dieses Films, der damit ab der fünften Minute circa in einer konstant-statischen Anspannung verharrt. Ermöglicht und verstärkt durch die ruhige Intensität aller DarstellerInnen und ein untergründiges, aber beharrlich an den Nerven herumfräsendes Sounddesign.

"Rosemary's Baby" hat sich am Ende für eine eindeutige Auflösung entschieden. Die Augen des Kindes sind grün, und sein Vater ist der Teufel. Das Ende war schockhaft, aber es schafft Klarheit (in der Erinnerung, wahrscheinlich waren da doch noch mehr Unentscheidbarkeiten, im Rückblick wird ja gerne vereinheitlicht, was tatsächlich diffus gewesen ist). "Mother's Baby" bleibt in der Schwebe und entfaltet von hier aus mit kühlem Blick ein komplett unromantisches und analytisch informiertes Bild von Mutterschaft als Zustand einer weitgehenden Entfremdung. Während die soziale Welt mit subtilen, aber vehementen Zugriffsversuchen daran arbeitet, die Frauen in die verlangte Rolle zu pressen. Das letzte Bild des Films aber ist eines der Selbstermächtigung, wenn schon nicht des Glücks. 

Benjamin Moldenhauer

Mother's Baby - Österreich 2025 - Regie: Johanna Moder - Darsteller: Marie Leuenberger, Hans Löw, Claes Beng, Julia Franz Richter, Judith Altenberger - Laufzeit: 107 Minuten.