Im Kino

Jetzt ist KI-Götterdämmerung

Die Filmkolumne. Von Karsten Munt
25.06.2025. M3gan ist wieder da. Die KI-Killerpuppe trifft in Gerard Johnstones Fortsetzung seines eigenen Erfolgsfilms unter anderem auf eine Weiterentwicklung ihres eigenen Quellcodes. Insgesamt dominiert in "M3gan 2.0", zum Glück, der Spieltrieb.

Gemma (Allison Williams) ist geheilt vom Tech-Bullshit. Die eigenen Gefühle werden nicht mehr outgesourct, in der Freizeit steht für Nichte Cady (Violet McGraw) Aikido auf dem Zettel und der Medienkonsum im eigenen Haus ist streng reguliert. Auch außerhalb des Privatlebens, das sich in liebevoller Ersatz-Familien-Zweisamkeit eingependelt hat - okay, der neue Freund Christian (Aristotle Athari) ist auch noch da, aber eher eine Randerscheinung -, setzt sich Gemma für die staatliche Regulierung künstlicher Intelligenz ein. Zwei Jahre nach den Ereignissen des Vorgängerfilms ist sie die Speerspitze der KI-Kritik-Bewegung.

So ganz ohne Technik geht es freilich nicht. In der Luxus-Wohnung läuft noch immer eine digitale Haushaltshilfe, die vom Saugroboter bis zur Küchenschublade jedes einzelne Gerät zu kontrollieren vermag und Gemmas Dayjob ist noch immer die Entwicklung technischer Spielereien. Aber sie arbeitet an "sozial wertvollen Entwicklungen", die kein Empfindungsvermögen und schon gar keine Eigenständigkeit haben. Ein High-Tech-Brustgeschirr etwa, das dem Träger - für den ersten Pitch ist es Mitentwickler Cole (Brian Jordan Alvarez) - Cyborg-Kräfte verleiht und damit verhindern soll, dass der einfache Arbeiter vom Roboter der Zukunft ersetzt wird. Wenn es am Ende der Präsentation heißt, "We are equal", ist die ebenbürtige Menschheit gemeint und nicht das nächste verblüffend menschliche und tödliche AGI-Spielzeug.

Doch während das Team um Tess (Jen Van Epps) und Cole neue Problemlösungen erfindet und Gemma in Washington DC für die KI-Regulierung hausieren geht, hat die US-Regierung in der Eröffnungssequenz von "M3gan 2.0" längst den nächsten Mörderbot im Einsatz. Amelia heißt die von Ivanna Sakhno gespielte Killermaschine, die sich bereits bei ihrem ersten Auftrag, für den sie in Fernost ein Dutzend Männer stilsicher massakriert, von Befehlsketten und Gesetzesvorgaben abkoppelt.


Die 2.0-Version des Mörderpuppen-Franchises ist damit gleich zu Beginn weit über die eigenen Anfänge im kleinen satirischen Horrorsegment hinausgewachsen. Jetzt ist KI-Götterdämmerung. Das FBI zeigt sich sichtlich überrascht, Gemma und Cady, denen die Behörde kurz darauf das Haus stürmt, weniger. Beide erkennen sofort, dass Amelia eine Weiterentwicklung des Quellcodes ist, den Gemma einst für M3gan (Amie Donald) schrieb. Und natürlich verweilt auch M3gan noch unbemerkt im Cyberspace, genauer gesagt in Gemmas Haushalts-KI. Wie sich schnell herausstellt, ist sie, das Vorgängermodell, wieder einmal die einzige Rettung.

Allerdings ist M3gan, anders als etwa Schwarzeneggers T-800 in "Terminator 2" kein umprogrammierter Weltenretter-Cyborg, sondern noch immer die unberechenbar biestige Killerpuppe aus dem Vorgängerfilm. Entsprechend wird die wiederbelebte M3gan erst einmal testweise in den harmlosesten Roboterkörper, einen Teletubbie-Emoji-Bot-Verschnitt, verfrachtet. Ihre Identitätskrise löst das nicht: M3gan ist sich nicht mehr sicher, ob sie nun Spielkameradin, Algorithmus gewordener Beschützerinstinkt oder doch eine eigenständige, zu Empathie fähige Mörderpuppe ist.

Für Regisseur und Mitautor Gerard Johnstone aber ist sie endgültig das Zentrum der Franchises geworden. Bald darf das Püppchen sich auf neuen Pfaden austoben. Der satirische Grundton bleibt, den Horror hat "M3gan 2.0" aber fast gänzlich zugunsten der Action abgestreift. Wo der gesellschaftliche Kollaps innerhalb der nächsten 14 Tage ansteht, dürfen sich Mensch und Maschine bei Ballereien, Verfolungsjagden und Martial-Arts-Einlagen austoben. Gewissermaßen ist "M3gan 2.0" für Gerard Johnstone, was "Gremlins 2" für Joe Dante war: eine Möglichkeit, sich nach dem ungeahnten Erfolg des Vorgängers nach eigenen Vorstellungen im eigenen Franchise auszutoben. Das läuft nicht ganz so hemmungslos ab, wie im New Yorker Clamp Center, aber der Film testet doch einiges an Instrumenten und Tonlagen aus; lässt M3gan in Stop-Motion krabbeln, innere Streitgespräche in fremden Körpern führen und ihrer Schöpferin eine Lektion im Muttersein erteilen (inklusive des dazugehörigen Popstückchens).

Gebremst wird der Spieltrieb allein von der Masse an Handlung, die gewälzt werden muss. Nach einigen Volten galoppiert der Plot davon und der Film hat sichtlich Mühe, ihn wieder einzufangen. Allzu viel Sinn macht das Ganze auch nicht, aber statt sich in Sachen AGI-Doomer-Diskurs und maschinenethischem Buhei zu verdingen, sucht Gerard Johnstone lieber kleine Kabinettstückchen inmitten des zitierfreudigen Pop-Spektakels. Das schönste: ein fieser Perspektiv-Wechsel à la "Strange Days", der einen Tech-Milliardär seinen eigenen Niedergang durch die Augen eines Roboters erleben lässt. "M3gan 2.0" hält es mit der künstlichen Intelligenz letztlich so, wie es die Mehrheit der Privatleute im besten Fall tut und genießt die Absurditäten, die entstehen, wenn man Maschinen zu viel Freiheit gönnt.

Karsten Munt

M3gan 2.0 - USA 2025 - Regie: Gerard Johnstone - Darsteller: Allison Williams, Violet McGraw, Amie Donald, Jen Van Epps, Brian Jordan Alzarez, Ivanna Sakhno - Laufzeit: 120 Minuten. - USA 2025 - Regie: Gerard Johnstone - Darsteller: Allison Williams, Violet McGraw, Amie Donald, Jen Van Epps, Brian Jordan Alzarez, Ivanna Sakhno - Laufzeit: 120 Minuten.