Im Kino
Mörderische Unternehmer
Die Filmkolumne. Von Robert Wagner
08.01.2025. Daniel Hoesl und Julia Niemann möchten mit ihrer Reichensatire "Veni Vidi Vici" Kinogänger aufrütteln und zum Widerstand gegen unmoralische Reiche motivieren. Möglicherweise verlässt das avisierte Publikum ob ihres eindimensionalen, selbstverliebten Agitprop-Traktats lieber das Kino.
Eine junge Frau sitzt in der Waffenkammer ihres Vaters, schaut sich Großvaters Gewehr an und redet mit Butler Alfred (Markus Schleinzer). Gerade noch haben wir ihr dabei zugesehen, wie sie mit nicht ganz lauteren Mitteln ein Polospiel gewann und im Anschluss eine Sektdusche nahm. Im Off-Kommentar erzählt sie uns ihre Weltsicht, die aus neoliberalen Weisheiten und sozialdarwinistischen Rechtfertigungen besteht. Aber eben nonchalant, mit der schulterzuckenden Naivität der Jugend vorgebracht.
Für einen Jagdausflug ist sie ihrem Vater jedenfalls noch zu jung, außerdem müsse sie noch etwas über Ethik lernen oder so. Aus dem Off spricht sie ein weiteres Mal aus, was wir zu diesem Zeitpunkt bezüglich ihre Einstellung eh schon begriffen haben: "Ethik, pure Zeitverschwendung." Bedeutsam setzt der Score noch ein paar Perkussionsschläge dahinter, auf dass die Schwere des gerade Gehörten noch unterstrichen ist. Zu diesem Zeitpunkt sind wir noch keine zehn Minuten im Film und doch ist schon alles klar.
Im Zentrum der Handlung steht aber nicht diese junge Frau, Paula (Olivia Goschler), sondern ihr Vater. Der ist ein steinreicher Investor namens Amon Maynard (Laurence Rupp). Im Laufe des Films drängt er seinen Mentor aus dem Geschäft und bekommt von allen Seiten Geld hinterher geschmissen, während die Politik ihm im vorauseilenden Gehorsam Förderung und Gesetzesverbiegungen für seine Unternehmungen anbietet. Was er leistet? Luftschlösser. Eine Vision. Durch VR-Brillen schauen sich Investoren eine modern designte, umweltgerechte, nachhaltige Batterienfabrik an. Genauer wird es nicht und braucht es auch nicht zu werden, weil Maynard nicht mehr als ein Symbol ist.

In ihm und seinem Erfolg spiegelt sich eine Gesellschaft, die lieber an leere, saubere Versprechen glaubt, als realen Pleiten und ökonomischen, sozialen oder ökologischen Schieflagen ins Auge zu schauen. Genau dieses Augenzudrücken der Gesellschaft ist der zentrale Punkt, denn Maynard ist nicht nur ein ebenso energischer wie skrupelloser Investor sowie liebevoller Vater einer Patchworkfamilie, die einem Versandhauskatalog entsprungen sein könnte, sondern auch Serienmörder. Wahllos erschießt er Fahrradfahrer, Wanderer und Jogger, wenn er zur Jagd geht. Alle wissen es, niemand sagt etwas. Dass hinter der Maske von Eintracht und den Versprechen einer gelungenen Zukunft eine Art Joker lauert, will kaum jemand anerkennen.
Im Laufe des Films wird er immer dreister und lotet seine Grenzen aus. Wie weit kann er gehen? Wird er jemals zur Rechenschaft gezogen? Werden die Zeugen der Morde jemals jemanden finden, der hören möchte, was sie zu sagen haben? Co-Regisseur (mit Julia Niemann) und Autor Daniel Hoesl zielt allerdings gerade nicht auf eine dramaturgische oder auch nur irgendeine Form von Entwicklung ab. Sein Film liefert eine grotesk verzerrte Version unserer Gesellschaft, in der keine lebendigen Figuren Platz haben, sondern nur Diagnosen. Überzeichnete Fratzen werden präsentiert, die ihrem Umfeld und dezidiert auch dem Publikum ins Gesicht spucken sollen, auf dass sie/wir aus der Starre erwachen und sich/uns endlich wehren.
Dies ist die offene, herausfordernd ans Publikum gerichtete Agenda eines Films, der nur aus Unterstreichungen besteht. Die Welt des Films ist die der Reichen und Mächtigen. Eine von Paulas Weisheiten besagt, dass, wer arm geboren wird, nichts dafür kann, wer arm stirbt aber sehr wohl. Die Kerbe, in die durchgängig geschlagen wird, ist die Ironisierung eben dieser Weltwahrnehmung. Verzweiflung oder gar Armut zeigen sich höchstens am Rand. Ansonsten sehen wir Bilder einer heilen Welt - Sonne, Sauberkeit, Lächeln -, die im krassen Gegensatz zur Verkommenheit ihrer Figuren steht.
Die Einstellungen sind frontal, distanziert und zeigen Tableaus und Bühnen, die diese angespannte Ironie nachdrücklich zur Aufführung bringen. Mehrmals werden die Bilder von erhabenen Chorwerken (von Mozart beispielsweise) begleitet. Diese Kombination hat nur ein Ziel: Hohn. Auch durchzieht atonales Geklimper "Veni Vidi Vici" - oft in Passagen, in denen die oben erwähnten Ethikdiskurse geführt werden. Der Film verfolgt jedoch gerade keinen künstlerischen Anspruch à la Schönberg oder Alban Berg, sondern verspottet Elitismus und Verblendung. Manchmal wartet man geradezu sehnsüchtig auf ein seliges "Hurz".
Durchgehend in überspannter Gelassenheit dargestellt: Amon Maynard - sein Vorname lautet wahrscheinlich nur deshalb nicht Mammon, damit er bei einer Unternehmenspräsentation aus seiner Initiale (und der seiner Firma) noch flippig ein Anarchiezeichen machen kann. Er ist die Verkörperung einer Krankheit, die mörderisch ist, ohne jegliches moralisches Problembewusstsein. Eine Krankheit, die sich noch perverser in seiner Tochter manifestiert. Das ist der Punkt, auf den alles hinarbeitet. Die finale Ironie ist freilich eine ganz andere. Natürlich könnte man nach Filmende gegen die unerträglichen Strukturen der Gesellschaft auf die Barrikaden gehen; viel einfacher ist es jedoch, sich dieser eindimensionalen, selbstverliebten Agitprop-Anmaßung zu entziehen, indem man den Film einfach verlässt, beziehungsweise ausschaltet.
Robert Wagner
Veni Vidi Vici - Österreich 2024 - Regie: Daniel Hoesl, Julia Niemann - Darsteller: Olivia Goschler, Laurence Rupp, Markus Schleinzer, Naoko Fort-Nishigami - Laufzeit: 86 Minuten.
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