Im Kino
Vom stillen Weiß bedeckte Wahrheiten
Die Filmkolumne. Von Patrick Holzapfel
23.07.2025. In kleinen Gesten erwacht Maura Delperos dörfliches Melodram "Vermiglio" immer wieder zum Leben. Insgesamt aber sind die Bilder zu scharf, zu schön geleuchtet, um glaubwürdig zu sein.
Mit seiner eigentümlichen Mischung aus Schwere und Leichtigkeit hat der Schnee schon so manche narrative Funktion in der Filmgeschichte eingenommen. In ihm hinterlassene Spuren mögen Verbrechen auffliegen lassen, jedoch können vom stillen Weiß bedeckte Wahrheiten genauso gut bis zur Schmelze und darüber hinaus ins Reich des Vergessens und Schweigens verschwinden. Es kommt vor, dass sich ein Film allzu sehr auf die sanfte Wucht des Schnees verlässt, eine Wucht, die so manche Ungereimtheit glättet und in ein Naturschauspiel übersetzt, das seine Faszination auch auf der Leinwand nie verliert.
In Maura Delperos zweitem Spielfilm "Vermiglio" schneit es häufig. Das ist erstmal weniger Metapher als geografische Notwendigkeit. Der Film spielt in der titelgebenden Gemeinde in Trentino-Südtirol auf 1300 Metern gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Wortkarge Gestalten in schwarzen Kleidern harren vor majestätischen Bergkulissen aus. Kaum einer spricht ein Wort. Hier leben die Zurückgebliebenen, die Geflüchteten, die Versehrten. Hauptsächlich alte Männer, Kinder und Frauen. Die wenigen jungen Männer tragen Narben und dunkle Geheimnisse mit sich.
Vermiglio ist eine Insel. Das Leben hier geht weiter, auch wenn in den nahen Bergen gekämpft und getötet wird. Der Krieg steckt in jedem Knochen, man sieht ihn in den Gesichtern, er steht in den Zeitungsartikel, die von denen vorgelesen werden, die lesen können, aber er ist doch weit weg. Weit genug für die Liebe und das Aufwachsen dreier Schwestern, Lucia, Ada und Flavia, die sich nachts über die Geheimnisse des Lebens austauschen. Es wird geflüstert, die Gefühle sollen sich nicht zeigen in dieser Welt. Manche (die Männer) schweigen, weil sie nichts mehr sagen können. Andere (die Frauen) schweigen, weil sie nicht sprechen sollen. Wieder andere haben Schlimmes gesehen und erlebt, das Leben hat sie verstummen lassen.

In diese Welt verpflanzt Delpero ein an Giovanni Verga gemahnendes Melodram rund um Lucia, die älteste Tochter eines Lehrers und Patriarchen, die sich in einen fahnenflüchtigen Soldaten aus Sizilien verliebt, der in den Wirren des Krieges im Dorf landet. Paradoxerweise leitet das Ende des Krieges das eigentliche Drama ein, denn als die Waffen schweigen, soll dieser Mann zurück nach Sizilien. Das kurze Lächeln, das über Lucias Gesicht gleitet, als sie vom Ende des Krieges erfährt, währt nicht lange. Es sind kleine Blicke und Gesten, die "Vermiglio" zu einem Film machen, der Aufmerksamkeit belohnt und seiner angelegten Romanhaftigkeit entkommt. Ein Augenfunkeln, ein Lächeln, eine aufkeimende Wut.
Vor dem monumentalen Hintergrund erscheint manch flüchtig gesprochener Satz wie die letzte Wahrheit des Lebens. Aus den Bildern sprechen eine penetrante Hoffnung und Wärme, als könne die Welt noch einmal in einem geschriebenen Gedicht oder einer warmen Hand errettet werden. Neben Lucias Geschichte wird in kleinen Episoden vom Aufwachsen der Geschwister in dieser von konservativen Werten geprägten Welt erzählt, in der Begegnungen mit einem möglichen anderen Leben immer auch eine Gefahr darstellen.
Delpero verarbeitet hierbei auch ihre eigene Familiengeschichte und vermengt sie mit Erzählungen aus Dörfern im Trentino. Der Vater Cesare (ein nicht gerade subtiler Name) agiert dabei als sturer Magnet, sanft und brutal zugleich. Er erlaubt sich kein Lächeln und sein Beharren auf die Wahrheit gilt nicht immer für ihn selbst. An ihm reibt sich der Film mehr als am Krieg, von ihm versucht sich der Film in gewisser Hinsicht zu befreien, nicht im Stile einer Emanzipation, aber vielleicht jener gereiften und etwas arg konzeptuell durchexerzierten Erkenntnis folgend, dass die Liebe zu einem Mann nicht alles sein muss im Leben der weiblichen Figuren.

Darüber hinaus entspringt "Vermiglio" einer Welt, die Krieg (und darüber hinaus die Konflikte sämtlicher Figuren) als etwas Vergangenes begreift. Das wirkt aus heutiger Sicht seltsam weltfremd und bisweilen verklärend. Es bleibt jedenfalls kein Platz für einen möglichen Faschismus (über den im Patriarchat angelegten hinaus) oder Widerstand im Treiben des Dorfes. Auch eine Auseinandersetzung mit dem Wesen dieser dörflichen Idylle, die beispielsweise W.G. Sebald im Verhältnis zum Krieg thematisierte, wird ausgespart.
Es ist durchaus möglich, dass Delpero all diese Dinge als unter dem Schnee Liegendes miterzählt, schließlich entwächst dem Schweigen der Soldaten später eine Tragödie. Dennoch stellt sich bald - von der sich an katholischen Motiven labenden Bildgestaltung über das permanent durch die Fenster strömende Weißlicht bis zu den an touristische Ideen von Bäuerlichkeit erinnernden Interieurs - der Verdacht einer bloßen Geschmackserzeugung ein. Soll heißen: Delpero geht es womöglich mehr um das Schaffen einer Atmosphäre, als um ein konkretes Verhältnis ihrer Bilder zu einer Wirklichkeit. Der Schnee ist hier nicht kalt, nicht bitter. Er stöbert unberührt im Bildhintergrund.
Dieser sich in Stimmungen verlierende Gestus trennt Delpero von ihren in ähnlichen Milieus arbeitenden Kollegen wie Michelangelo Frammartino oder Alice Rohrwacher, die auch in der Arbeit mit historischen Stoffen auf die Zustände der Gegenwart schielen. "Vermiglio" schert sich jedenfalls nicht um einen wie auch immer gearteten Realismus, er sucht das Ikonische an seinen Figuren und Landschaften. Alles soll von mehr erzählen, als erzählt wird. Hinter allem soll sich ein Mysterium verbergen.

Mit Mikhail Krichman, den man vor allem durch seine Arbeit mit Andrey Zvyagintsev kennt, zeigt sich ein Kameramann für die Bildgestaltung mitverantwortlich, der seit jeher eine Ästhetik der so bedeutungsschweren wie vagen Traurigkeit beherrscht wie kaum ein Zweiter. Totalen von Menschen, die durch den Schnee stapfen. Gesichter junger Frauen im Kerzenlicht. Ein nachdenklicher Mann im durch sein beschlagenes Fenster dringenden Lichtstrahl. Es gibt praktisch nur solche Bilder in "Vermiglio" und da sie, wie das heute so üblich ist, dem Anspruch einer perfektionistischen Sauberkeit erliegen, entfernen sie sich von der Welt, die sie erschaffen wollen. Die Bilder sind zu scharf, zu schön geleuchtet, um glaubwürdig zu sein. Sie machen auf sich selbst aufmerksam. Alles verkommt zum Schauwert.
Die spätestens im Nachkriegsitalien in Film (z.B. De Santis, De Seta, Olmi) und Literatur (z.B. Pavese, Vittorini, Pasolini) politisch bedeutende Auseinandersetzung mit dem bäuerlichen Leben verkommt bisweilen zu einer ästhetischen Übung. Vergleicht man den Film etwa mit Arbeiten Ermanno Olmis (den die Regisseurin selbst als Vorbild nennt), fehlt eine Verortung in einer Welt, die nicht von persönlichen Erinnerungen und moralischen Ideen beherrscht wird, sondern Figuren und Bilder mit ihren Umständen in eine Beziehung setzt.
Olmi sucht in einem Film wie "L'albero degli zoccoli", in dem er das Leben bäuerlicher Halbpächter im Mezzadria-System (ein feudaler Umgang mit landwirtschaftlichem Besitz) Ende des 19. Jahrhunderts begleitet, nicht sich selbst in den Konflikten, sondern eine quasi dokumentarische Wahrheit. Delpero dagegen tränkt alles in einem weichen Licht, das nicht von Heute sondern von Damals erzählt, von Erinnerung statt filmbarer Gegenwärtigkeit. Obwohl beide Filmemacher mit prominent eingesetzter klassischer Musik und gemäldeartigen Einstellungen arbeiten, bewegt sich Olmi deutlich näher am täglichen Leben der Figuren, während Delpero den Soundtrack einzig in den Dienst ihres größeren narrativen Konstrukts stellt. In Erinnerung bleibt vor allem eine Szene mit Vivaldis "Vier Jahreszeiten", die den Fortgang der natürlichen Welt vermittels ihrer Übersetzung in Kunst erzählt.
Auch bei Olmi schneit es. Die Jahreszeiten wechseln, das Leben geht weiter. Das hat Folgen. Ein Mann nutzt Hühnermist als Dünger. Die Kinder müssen sich wärmer anziehen. Das Wunder des fallenden Schnees kommt mit den Qualen des Lebens. All das fehlt in "Vermiglio", wo der Schnee nur schön, brutal und mächtig ist und die in der Bergnatur verortete Geschichte sich in Wahrheit überall hätte zutragen können.
Patrick Holzapfel
Vermiglio - Italien 2024 - Regie: Maura Delpero - Darsteller: Giuseppe De Domenico, Tommaso Ragno, Martina Scrinzi, Roberta Rovelli - Laufzeit: 119 Minuten.
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