Im Kino
Die nüchterne Eleganz einer Raubkatze
Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
04.06.2025. Ana de Armas macht in "Ballerina" als Auftragskillerin mit Tanzausbildung Nägel mit Köpfen: Das von Len Wiseman inszenierte erste Kino-Spin-off der Actionfilmserie "John Wick" ist fettfreies Ballerkino für Genießer.
Und plötzlich leuchten ihre Augen. Eve Macarro befindet sich mitten im finalen Kampf des Films, in dem sie es mit einer ganzen, seit Generationen kriminell durchseuchten Dorfgemeinschaft zu tun bekommt, als sie eine willkommene Entdeckung macht. Auch im Eifer des Gefechts bleibt sie begeisterungsfähig. Möchte man diesen Film genießen, sollte man es ihr gleichtun. Man sollte also ebenfalls in Vorfreude erglühen ob des - uns vorläufig noch unbekannten - Wundergeräts, das Eve in einer der vielen Waffenkammern findet, die sie im Laufe des Rachefeldzugs, aus dem "Ballerina" fast ausschließlich besteht, plündert. Verraten sei an dieser Stelle nur soviel: Es lohnt sich, die Wunderwaffe verleiht dem Film in seiner Schlusskurve noch einmal eine neue, apokalyptisch entgrenzte, endgültig alles in Schutt und Asche legende Wendung.
Gespielt wird Eve Macarro von Ana de Armas. Ana ist, der Titel legt es nahe, eine Ballerina; aber eben auch eine Baller-Ina, beziehungsweise Baller-Ana. Die schweiß- und bluttreibende Ballettschulung, die ihr am Filmanfang zuteil wird, geht ohne viel Federlesen in eine Ausbildung zur Auftragskillerin über, wie als würde lediglich ein Gewaltverhältnis gegen ein anderes, eines, das nach innen, aufs Selbst, gegen eines, das nach außen, auf die Welt, gerichtet ist, ausgetauscht. Als fertige Killersfrau heuert sie dann bei den Ruska Roma an, einem Assassinen-Syndikat, das die seinen mit einem Schulterbranding an sich bindet. Das im Falle Eves jedoch ein anderes, älteres, psychisches Branding nicht zu überschreiben vermag: Als Kind wurde sie Zeugin, wie ihr Vater von Mitgliedern eines anderen Geheimbundes hingerichtet wurde. Die Ruska Roma, ums kosmische Gleichgewicht in der Unterwelt besorgt, haben mit diesen Bösewichten - erkennbar an einer kreuzförmigen Narbe am Arm - eine Waffenruhe vereinbart. An die sich Eve selbstverständlich nicht halten wird.
Das in den letzten beiden Teilen der Hauptserie ornamental ausufernde "John Wick"-Comic-Universum wird in seinem ersten Kino-Spin-off auf eine denkbar simple Revenge-Fantasie heruntergekocht. Keine zwei Seitenblicke gönnt Eve ihren Mitschülerinnen im Ballettunterricht, der Esoterik-Mumbo-Jambo der Ruska Roma (mit viel Verve vorgetragen von Ordensmutter Anjelica Huston - der Film hat durchaus Humor) perlt an ihrer geschmeidigen Zielstrebigkeit ab. Kaltblütig absolviert sie ihre Tötungsaufträge und knallt einem Finsterling, der sich nach der ersten Tracht Prügel noch regt, auch mal nonchalant - Catherine Tramell lässt grüßen - etwas Eispickelartiges in die Fresse. Richtig in Fahrt kommt sie freilich erst, wenn sie die Spur der Mörder ihres Vaters aufnimmt.

Regisseur Len Wiseman hatte mit den "Underworld"-Filmen schon einmal eine Fantasy-Action-Filmserie mittlerer Größenordnung einer Schauspielerin, damals Kate Beckinsale, auf den Leib geschneidert. Mit "Ballerina" und Ana de Armas könnte ihm Ähnliches gelingen. Sein neuer Film hat weder die epische Grandezza, noch den - an Keanu Reeves' alternden Körper gebundenen - Pathos der jüngeren "John Wick"-Teile. Dafür hat er aber auch weniger Fett auf den Rippen und bewegt sich mit der nüchternen Eleganz einer ausgewachsenen Raubkatze durch sein kompetent stilisiertes Pulp-Szenario. Das in einem von Hollywood-Fieberträumen überformten Osteuropa angesiedelt ist, welches den Realsozialismus nie erlebt zu haben scheint. Man kloppt sich vor rustikalen, bäuerlichen Holzfourniers und Insignien feudaler Macht, illuminiert mal von Kerzen-, mal von Neonlicht, im Finale dann in eingeschneiter Postkarten-Bergidylle, Fremde sind hier nur als Touristen willkommen. Dazwischen eine Discoszene als stylisher Eurotrash reinsten Wassers: Kunstnebel, Lasershow, pumpende Billig-Beats.
Passend dazu: die antiquierte Sozialstruktur der Geheimbünde und durch Blutsbande aneinander gefesselten Dorfbewohner. Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen alter Schule, gegen die einst Karl Marx anschrieb, feiert fröhlich Urständ. Eve wiederum möchte niemanden aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit erlösen, sondern lediglich Nägel mit Köpfen machen. Die exzessiven, üppigen Actionszenen, dem Vernehmen nach nicht von Wiseman, sondern weitgehend von Produzent und "John Wick"-Mastermind Chad Stahelski verantwortet, setzen ihre unaufgeklärte Kritik an den Verhältnissen effektiv in Szene.
Deren Grundprinzip ist immer gleich: eine gegen alle. Unterschiede finden sich in den Details und nur auf die Details kommt es an. Jede dieser Schlachtplatten hat eine eigene Innenarchitektur und ein eigenes Gimmick. Mal kann Eve ihre Widersacher nur mit Granaten aus dem Weg räumen, mal bastelt sie sich aus Pistole und Messer eine Mehrzweckwaffe, mit der sie die Bösewichter per Stich-Bumm-Doppelschlag ins Jenseits befördert. Systematisch kämpft sich Eve durch plastisch durchgeformte Tableaus, in denen sich analoge und digitale Effekttechnik weitaus glücklicher vermählen als im Gros der Hollywood-Spektakelkonkurrenz. Kurz und gut: ein Spitzenfilm für Freude des gut gemachten Unsinns (im Wissen, aber das braucht's nicht für den Genuss, dass gut gemachter Unsinn gar kein Unsinn mehr ist, sondern eine immer schon vielseitig anschlussfähige Bedeutungsmaschine). Nur den Gastauftritt Keanu Reeves beziehungsweise John Wicks höchstpersönlich hätte der Film sich verkneifen könnnen. Als überlebensgroßer Mentor des neuen Sterns am Killerhimmel namens Eve stakst er eine Weile durch den Film und verteilt seinerseits Keile. Bei aller Liebe für Keanu: diesmal stört er, niemand braucht ihn hier. Ana macht das schon.
Lukas Foerster
Ballerina - USA 2025 - OT: From the World of John Wick: Ballerina - Regie: Len Wiseman - Darsteller: Ana de Armas, Anjelica Huston, Gabriel Byrne, Lance Reddick, Ian McShane, Keanu Reeves - Laufzeit: 125 Minuten.
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