Im Kino

Nase brechen mit dem Meißel

Die Filmkolumne. Von Benjamin Moldenhauer
04.06.2025. Emilie Blichfeldts "The Ugly Stepsister" ist ein proseminartauglicher Body-Horrorfilm, der hinter einer Märchenvorlage einen gesellschaftskritischen Subtext zum Vorschein kommen lässt. Aber richtet er seine Gewalt gegen die Richtigen?

Den Plot kann man mal ebenso hastig wegerzählen, wie der Film achtlos mit seinen Figuren umgeht. Eine Cinderella-Variation, Prinz, Kürbis, Kutsche, Schuh, aber erlebt aus der Perspektive der Titelheldin, der hässlichen Stiefschwester. Und erleben heißt hier durchleiden: Emilie Blichfeldt unterzieht die in den Prinzen schwer verliebte Elvira (Lea Myren) diversen Schönheits-OPs und damit drastischen Zurichtungen, ohne Narkose. An einem Punkt gibt es etwas Koks auf die Augenlider, aber das meiste landet dann doch in der Nase des Schönheitschirurgen, der, es ist eine Komödie, Dr. Esthétique heißt.

Das ist es im Wesentlichen schon. Lea Myren schreit und kotzt sich durch, obwohl dies ein erster Film ist, routiniert in Szene gesetzte Body-Horror-Exzesse, die gar nicht so lang sind, wie sie sich anfühlen. Nase brechen mit dem Meißel, Fäden durch die Lider ziehen, ein Bandwurm für den rapiden Gewichtsverlust, der am Ende meterlang wieder rauskommt, durch den Mund, vorher noch Zehen ab mit dem Beil, um in den Schuh zu passen, den Agnes (Thea Sofie Loch Næss als Cinderella) auf dem Ball zurücklässt.

Das Setting ist eine Märchen-Aristokratie, aber die Menschen wirken sehr heutig. Alles ist ins latent Satirische und Groteske übersteigert. Die Mittel, mit denen das Schlechte zur Kenntlichkeit entstellt werden soll, sind sehr direkt oder auch etwas dumpf. Die Männer sind allesamt dumme, eklige Schweine und lecken an Austern rum, die aufstiegswütige Mutter ist ur-böse, Elvira doof, und alle Frauen tun alles, um den Männern zu gefallen. Worauf der Film einhaut, weiß man nach fünf Minuten: auf die fortlaufende Unterwerfung mittels Selbstzurichtung und auf den sich im kaputten Verhältnis zum eigenen Körper ausdrückenden Selbsthass. Body Horror leuchtet gerne grell aus und lässt die Dinge überdeutlich werden: Der Selbsthass drückt sich darin aus, was man mit sich machen lässt, um Männern zu gefallen, die einen eh schon hassen, und einen für das, was man mit sich machen lässt, dann auch noch verachten. Hier eben ganz direkt, Meißel, Faden, Bandwurm. Das alles im Rahmen einer Gesellschaft, in der Körper und Stand das einzige Kapital sind, das die Frauen auf den Markt tragen können.


Da ist man dann schnell, weil historisches Setting und Märchenvorlage eh nur Aufhänger sind, bei einem Subtext, den man zum Beispiel schön in einem filmwissenschaftlichen Proseminar diskutieren kann. Weil der Horror, der weniger von den Bildern, sondern eben vom Subtext her gedacht ist, alles so unmissverständlich und überdeutlich werden lässt. Man ist mit "The Ugly Stepsister" sehr schnell vom Körperhorrormärchenvergangenheitsbild bei den strukturell narzisstischen Zurichtungsmedien der Gegenwart. Zurichtung für den Blick des anderen, des Mannes zumeist, oder auch mal der Mutter, die hier aber nur die Verlängerung des männlichen Blicks ist. Erst im lustvoll Angeschautwerden des Bildes, das man von sich (auf dem Prinzenball wie auf Instagram) abgibt, kann so etwas wie ein Wert entstehen, und dass in diesem Blick die Entwertung unauflöslich eingeschrieben ist, lässt das Ganze zu einem abschnürenden Double Bind werden. Der Blick wird vom Objekt als narzisstische Zufuhr erlebt, ist aber eigentlich eine Entlebendigung.

Das Fiese an "The Ugly Stepsister" ist nun weniger die Gewalt, die dem Frauenkörper angetan wird, als die Nichtigkeit des Ganzen. Die Männer sind allesamt Witzfiguren, und dieses sich-lustig-Machen über eklig-doofe Menschen hat keinen ermächtigenden Effekt, sondern bewirkt paradoxerweise, dass die Zurichtung wie eine Selbstverletzung ohne Sinn wirkt. Elvira ist schlicht bescheuert, die Mutter auch, allein Agnes/Cinderella behält etwas Würde und darf dann auch mal schönen Sex mit einem Stallburschen haben.

Indem der Film die Männer als eklige Trottel zwar verachtet, aber auch aus der Schusslinie nimmt, wirkt die ganze Konstruktion wie ein Problem, das Frauen haben. An diesem Punkt trifft "The Ugly Stepsister" eine ähnliche Entscheidung wie "The Substance", in dem der Kampf um Anerkennung und Begehrtwerden irgendwann neurotisch wirkt, weil der Zusammenhang, in dem Frauen verinnerlichen, dass es wichtig ist, von Männern, die sie verachten, begehrend angeschaut zu werden, hinter der Karikierung von ausnahmslos allem veschwindet, was auf der Leinwand zu sehen ist.

Eine weitere Parallele zwischen beiden Filmen sind der Hass und die Wut, die der Inszenierung anzumerken sind. Bei "The Substance" richteten sie sich allerdings noch unverkennbar gegen die soziale Welt, in der die Zurichtung stattfindet, auch wenn Hass und Wut sich dann in endlos wiederholten Bildern der Zurichtung artikulieren. Und in Coralie Fargeats Film gab es immer noch eine Katharsis, und Demi Moore/Margaret Qualley durfte ein gaffendes Publikum wie einst Carrie auf dem Highschool-Ball mit Blut vollkotzen. Um den Prinzenball herum hingegen verschwindet die Welt, und die Wut wird ausschließlich am Frauenfigurenkörper selbst ausagiert. Insofern ist "The Ugly Stepsister", der als Body-Horror-Komödie beworben wird, ein insgeheim sehr trauriger und auswegsloser Film, der nicht weiß, wohin mit seiner Wut und sie vielleicht deswegen, mit einem allemal zynischen, sich souverän gebenden Blick, an denen auslässt, die eh schon als Objekte vor der Kamera eingespannt sind.

Benjamin Moldenhauer

The Ugly Stepsister - Norwegen 2025 - OT: Den Stygge Stesøsteren  - Regie: Emilie Blichfeldt - Darsteller: Lea Myren, Thea Sofie Loch Næss, Ane Dahl Torp, Flo Fagerli - Laufzeit: 105 Minuten.