Im Kino

Nie werde ich heiraten!

Die Filmkolumne. Von Alice Fischer
23.07.2025. Halbnackt gegen das Patriarchat protestieren, was soll das bringen? Gegen solche Vorurteile kämpfte die Femen-Aktivistin Oksana Schatschko zeitlebens an. Mit "Oxana - Mein Leben für die Freiheit" widmet Charlène Favier ihr nun ein eindrückliches Biopic.

Sie solle keine Märchen erzählen, ermahnt die entnervte Sozialarbeiterin die nach Frankreich geflohenene Aktivistin Oksana Schatschko in einer Szene des Films: "Gegen Putin protestiert, vom KGB verfolgt - wer soll denn das glauben?". Wenn man in das junge Gesicht der zierlichen Frau schaut, kann man in der Tat kaum glauben, was für ein Leben hinter diesen zarten Zügen steckt. Und doch ist es so (oder fast so) passiert. Denn bevor die ukrainische Künstlerin und Aktivistin bei den französischen Sozialämtern zu Kreuze kriechen muss, hat sie den Zorn der schlimmsten Männer Europas auf sich gezogen: Im russischen Knast wurden ihr beide Arme gebrochen, in Belarus wurde sie von Lukaschenko-Schergen nackt im Wald ausgesetzt, mit Öl übergossen und damit bedroht, verbrannt zu werden, in die Ukraine kann sie ohnehin nicht zurück, obwohl dort ihre Mutter wartet.

Albina Korzh, die der echten Oksana verblüffend ähnlich sieht, spielt die ukrainische Aktivistin Oksana Schatschko, eine Mitbegründerin der "Femen-Bewegung", die ab 2008 mit entblößten Brüsten gegen das Patriarchat und für die Demokratie demonstrierte, als unerschrockene Frau mit unterschwellig bebender Wut und der glühenden Energie der Jugend. Eine brennende Hoffnung sehen wir da, ein unbändiges Verlangen, etwas an den starren Machtstrukturen der Unterdrücker ändern zu können, und wenn sie dabei bis zur Selbstaufgabe gehen muss. 

Die französische Regisseurin Charlène Favier hat dem wilden, rauen, mutigen und tragischen Leben Oksana Schatschkos ein faszinierendes Biopic gewidmet. Ihr Film funktioniert auf mehreren Zeitebenen: Vom 23. Juli 2018, einem verhängnisvollen Datum, blicken wir zurück auf Oksanas Jugend und die Anfänge der Bewegung. Ihre Kindheit deutet zunächst nicht darauf hin, dass sie später einmal halbnackt gegen die Unterdrückung der Frau protestieren wird: Die zwölfjährige Oksana ist künstlerisch derart talentiert, dass sie mit einer Ausnahmegenehmigung zur Ausbildung als Ikonenmalerin (die normalerweise nur Männer absolvieren dürfen) zugelassen wird. Später will sie Nonne werden, die Mutter verbietet es ihr. Da kamen in ihr erste Zweifel an der Religion auf, erzählt sie viel später ihren Freundinnen. Wenn deine Mutter nicht will, dass du zu Gott gehst, dann kann irgendetwas nicht stimmen. 


Nun, Gott ist eben auch ein Mann, und mit Männern bekommt Oksana schon früh Probleme. Ihr alkoholkranker Vater lässt die Mutter für sich schuften und brennt einmal im Rausch das ganze Haus ab, der Priester, der ihre Werke kauft, betrügt sie um Geld. In ihrem Film zeigt Favier das Patriarchat als Problem, das in jede Nische des privaten und gesellschaftlichen Lebens eindringt und dort Schaden anrichtet. Der Slogan "Die Ukraine ist kein Bordell!" wird später zum ersten, berühmten Kampfschrei der "Femen", die gegen den von der Politik gedeckten Sextourismus im Land protestieren. 

Vielleicht muss man extrem sein, um diese Extreme aushalten zu können - schon früh spürt man in den packenden Bildern dieses Films, dass diese sehr verletzliche und sensible Person unter der Last der Welt, die sie sich auf die Schultern geladen hat, vielleicht zusammenbrechen wird. Favier schafft in ihrem Film beeindruckende Momente der Konversion: Das religiöse Motiv wird immer wieder aufgegriffen, nicht nur, weil Schatschko später in Paris eine Ausstellung mit ihren Ikonen eröffnen wird. Nun sind die religiösen Bilder in blasphemischer Weise verfremdet, wir sehen Penisse, Madonnen, die Burka tragen, einen Erzengel mit Sturmgewehr. Aber der Film geht viel weiter in seinem kunstvollen Spiel mit dem Thema: Als Oksana in Paris spontan ein intensives Sexerlebnis mit einem Fremden hat, gehen ihre Augen beim Cunnilingus wie die einer Märtyrerin zum Himmel: "Ich werde nie heiraten", schwört sie in Ekstase dem Allmächtigen, "nie werde ich heiraten!". 

Im Jahr, als die Femen-Bewegung gegründet wurde, war die hier schreibende Person sechzehn Jahre alt. Ich kann mich zwar erinnern, schon damals von ihr gehört zu haben, doch erinnere ich mich auch daran, wie ihr Auftritt von Anderen bewertet wurde. Obwohl es vielleicht niemand wirklich sagen wollte, hörte man unterschwellig eine leichte Skepsis, ja, Amusement durch. Ein paar verrückte Frauen, die ihre Brüste zeigen, gegen das Patriarchat, was soll das denn bringen, sagte man(n). Favier zeigt, welche enorme Macht und Kraft hinter diesen Protesten stand, die Oksana Schatschko mit ins Leben gerufen hat und welche misogynen Vorurteile auch hierzulande herrschten, die dazu beitrugen, dass das Opfer, das diese Frauen brachten, verkannt wurde. 


Herrlich witzig-traurig ist die Szene, in der Oksana und zwei ihrer Mitstreiterinnen in Frankreich ankommen, und um politisches Asyl bitten, nachdem sie von KGBlern beinahe zu Tode geprügelt wurden. Mit einer Mischung aus fürchterlicher Ahnungslosigkeit und Mitleid versucht ein Regierungsvertreter ihre Aufnahme bewilligt zu bekommen: "Ja, oben ohne haben sie protestiert, ja für Demokratie und sowas, nehme ich an. Also, sie sehen schon ziemlich mitgenommen aus, die Kleinen, wenn wir sie zurückschicken…" Das Asyl wird bewilligt, doch für Oksana Schatschko wird es keinen Frieden bedeuten. 

Im Exil trifft sie ihre ehemalige Mitstreiterin Inna Schewtschenko wieder, die schon früher geflohen ist und einen Ableger der Femen-Bewegung gegründet hat - Oksana wird aus der Gruppe ausgeschlossen. "Kein Kampf, kein Leben", sagt Oksana einmal im Film. Ob es das ist, was sie am 23. Juli 2018 mit einunddreißig Jahren zum Selbstmord in ihrer kleinen Pariser Sozialwohnung gebracht hat, oder all die schlimmen Erlebnisse, die vielleicht doch zu viel waren für diese junge Seele, oder der erniedrigende Geflüchteten-Status in Frankreich - wir wissen es nicht. Charlène Favier gibt uns in ihrem Film keine Antwort. Dafür setzt sie einer jungen Frau ein Denkmal, die alles gegeben hat für den Kampf für Gerechtigkeit - und die von der Welt viel zu schnell vergessen wurde.

Alice Fischer

Oxana - Mein Leben für die Freiheit - Frankreich, Ukraine 2024 - Regie: Charlène Favier - Darsteller: Albina Korzh, Maryna Koshkina, Lada Korovai, Oksana Zhdanova, Yoann Zimmer - Laufzeit: 103 Minuten.