Im Kino

Gleichgesinnte Verrückte

Von Alice Fischer
22.05.2025. In der "Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik" des Jahres 1974 dealt ein junger Kostümbildner mit einem heißbegehrten Westgut: Jeans. Die lettische Serie "Sowjet Jeans" erzählt auf witzige, düstere und bisweilen groteske Weise von der begrenzten Möglichkeit des Widerstandes in einer Diktatur.

Lettland 1979: Das Ende der "Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik" ist noch in weiter Ferne, der KGB hat seine Nase überall, wo er auch nur den Hauch eines illegalen Umtriebes erschnuppert, Spitzel an allen Ecken und Enden. Renars (Kārlis Arnolds Avots) ist Kostümbildner am Theater, aber eigentlich dealt er am Schwarzmarkt mit einem heißbegehrten West-Gut: Jeans. Denn die sind bei den jungen Letten sehr beliebt, vom Regime aber natürlich verboten. Die Hosen nimmt er westlichen Touristen im Tausch für sowjetische Souvenirs ab. Stanislavs Tokalovs und Teodora Markova haben uns mit ihrer Serie "Sowjet Jeans" spätestens am Haken, wenn Renars die finnische Theaterregisseurin Tina (Aamu Milonoff) um eine Zigarette anschnorrt, weil er will, dass sie ihre Hosen für ihn auszieht - aber eben erstmal aus ganz anderen Gründen als sie denkt. Zwischen dem lockigen Renars mit dem breiten Lächeln und der zierlichen Regisseurin entwickelt sich dann aber doch ganz schnell mehr, weshalb Arte die Serie auch als "romantische Komödie" bewirbt. Von dem Begriff sollte man sich aber nicht fehlleiten lassen, denn was durchaus als solche beginnt, wandelt sich schnell zu einem beklemmenden, witzigen und bisweilen grotesken Drama. Renars ist nämlich selbst ein Spitzel, angeheuert von seinem ehemaligen Klassenkameraden Maris, der offensichtlich einen ganz anderen Lebensweg eingeschlagen hat als er selbst und Renars Informationen abpresst, der ihn aber meistens mit Unsinn abspeist. Ein abgehörtes Spottlied auf Maris wird Renars zum Verhängnis: Er wird nicht direkt verhaftet, sondern in eine psychiatrische Klinik weggesperrt, wo man seine angebliche Geisteskrankheit behandeln soll - eine beliebte Methode, politische Dissidenten auf unbestimmte Zeit verschwinden zu lassen. 


Was folgt ist eine sehr unterhaltsame, kluge und auch dunkle Geschichte über die beschränkten Möglichkeiten des Widerstandes unter der Herrschaft von Wahnsinnigen und all ihren Vasallen. Hervorragend zeigt Tokalov, wie ein Unrechtsregime nicht nur durch die Machtbessenheit und Ideologie seiner großen Anführer aufrechterhalten wird, sondern durch die ganzen willigen Schergen, die den Betrieb am Laufen halten: Assistenten, Sekretärinnen, Polizisten, Spitzel, Bürokraten - all jene, die nur ihren eigenen Vorteil im Blick haben und das Leiden anderer ausblenden oder schönreden können. Klar wird aber auch, wie es in einer Diktatur gelingt, Menschen, die durchaus mitleidsfähig sind und nicht verbohrt, die gar die großen Zusammenhänge erkennen, so unter Druck zu setzen, dass ihnen fast nichts anderes übrigbleibt, als gegen ihre moralischen Prinzipien zu verstoßen. Das ist die große Lehre von Tokalovs' Werk und man sollte sie in Anbetracht der Weltlage im Hinterkopf behalten: ein unmenschliches Regime hat Mittel und Wege auch jene zu Mittätern zu machen, die es von ganzem Herzen verabscheuen.


Aber, das ist nur eine Seite dieser in jeder Hinsicht hervorragenden Serie: Im Gegenzug erzählt sie die Geschichte von der Solidarität im Kleinen, von den kleinen Rissen, die in jeder Zwangsstruktur entstehen müssen. Denn Renars findet in der Klinik gleichgesinnte "Verrückte", mit denen er das System untergraben kann und fernab aller Klischees lässt uns "Sowjet Jeans" in den Zirkel dieser Verschwörer eintauchen, die mit den kreativsten Mitteln gegen die staatliche Opression aufbegehren. Wenn der Direktor der psychiatrischen Klinik sich auf einen fragwürdigen Deal mit Renars einlässt, weil er die Perspektive sieht, seiner Frau nicht nur endlich ein Paar engansitzende Jeans, sondern außerdem ein topmodernes Rührgerät deutscher Herstellung besorgen zu können, oder wenn sich Renars machtgieriger und zutiefst spießiger Antagonist Maris vor einem Vorgesetzten wortwörtlich auf die Knie werfen muss, um einen Patzer in seinen Ermittlungen zu entschuldigen, dann offenbart er damit die Lächerlichkeit und Heuchelei eines ganzen Systems.

Eine romantische Liebesgeschichte, ein völlig unpathetisches Plädoyer für die Freiheit und eine nachdrückliche Erinnerung daran, was Leben in einer Diktatur wirklich bedeutet - das bieten und Markova und Tokalovs und es ist kein Wunder, dass die Serie beim Film Festival Cologne euphorisch aufgenommen wurde. Warum ein solches Meisterstück "nur" als "Web-Only"-Version zur Verfügung steht, bleibt ein Geheimnis des Betriebs.

Fotocredits©: Tasse Film

"Sowjet Jeans", 8 Folgen, zu sehen in der Arte-Mediathek.