Magazinrundschau

Teils Bruegel, teils Goya

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
11.11.2025. Granta vermisst den indischen Literaturkontinent. HVG trauert um Peter György. Der New Yorker ist jetzt schon frustriert beim Gedanken an das 250-Jahr-Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeit. New Lines betrachtet fasziniert Fotos der jesidischen Bevölkerung Iraks in den 1930ern. In Eurozine erklärt der Historiker Gary Gerstle, wo sich Donald Trump und Bernie Sanders ähneln. Die New York Times vermisst die Golden Hour auf den Schlachtfeldern in der Ukraine.

Granta (UK), 11.11.2025

Grantas neue Ausgabe ist den indischen Sprachen gewidmet. Hintergrund ist, dass indische Autoren nicht mehr auf Englisch schreiben müssen, um in ihrem eigenen Land mit seinen allein 23 Amtsprachen gelesen oder international wahrgenommen zu werden (hier Thomas Meaneys Einführung). Eine sehr gute Entwicklung, findet Salman Rushdie im Interview: "Ich denke, es sind drei Dinge passiert. Erstens ist die Verlagsbranche in Indien mittlerweile viel etablierter. Sie ist größer als je zuvor. Zweitens fängt man an, zu übersetzen. Eines der großen Probleme in Indien war immer die Übersetzung zwischen den indischen Sprachen. Wenn man auf Bengali schrieb, konnte niemand auf Hindi lesen, was auch für Tagore galt. Die vorhandenen Übersetzungen waren oft nicht besonders gut. All das hat sich stark verbessert, sodass die Menschen nicht mehr auf die gleiche Weise auf den Sprachraum beschränkt sind - sie können Grenzen überschreiten, so wie Englisch Grenzen überschreitet. Und drittens hat sich das Schreiben in englischer Sprache in so vielen Formen verbreitet; es sind nicht mehr nur literarische Romane. Jetzt gibt es Trivialliteratur, Liebesromane, erotische Romane, sodass das Spektrum des Verlagswesens viel breiter geworden ist, was gesünder ist. Ich glaube, junge Schriftsteller, die heute in Indien anfangen, empfinden vielleicht nicht mehr das, was ich empfunden habe, nämlich dass ich dort eigentlich nicht anfangen konnte, weil es keine literarische Welt gab. Jetzt gibt es eine literarische Welt."

Einfach ist es allerdings nicht, gibt der Übersetzer Jerry Pinto zu: "In Indien bedeutet Übersetzen, sich dieser verschiedenen Ebenen bewusst zu sein - Religion, Kaste, Klasse, Region, Geschlecht. Es ist ein Land, in dem vier große Religionen entstanden sind, in das das Christentum noch vor Rom gelangte und in dem die drittgrößte muslimische Bevölkerung der Welt lebt. Man beginnt mit einem einzigen Buchstaben - रे - und bewegt sich schließlich durch Kasten, Klassen und Zugehörigkeiten."

Was man allerdings komplett vergessen kann, ist die Reinheit einer Sprache, meint der Autor Aatish Taseer, selbst halb Inder, halb Pakistani. "Hindi und Urdu sind wie zwei fließende, sich wandelnde Schwestern, Yin und Yang, von denen jede einen Teil der anderen in sich trägt. Ihre Syntax und Struktur sind identisch, aber während Urdu seinen Wortschatz aus dem Persischen und Arabischen bezieht, hat sich Hindi im Indien nach der Teilung sanskritisiert", so Taseer, der selbst spät Urdu lernte. "Zafar Moradabadi, mein Dichterlehrer, war ein zierlicher Mann in einem Safari-Anzug, Sonnenbrille und weißer Schirmmütze. Er war voller Trauer über die Spaltung der Sprache in religiöse Lager. Aber trotz all seiner Melancholie lehnte er die Idee ab, Urdu in Devanagari-Schrift zu schreiben - was in Indien seit Jahrzehnten praktiziert wird. 'Eine Schrift', sagte er und reagierte gereizt auf meine Unverschämtheit, 'enthält den Geist einer Sprache.' Obwohl er es nicht gutheißen wollte, dass Urdu in Hindi geschrieben wurde, war er fest davon überzeugt, dass die Seele des Urdu nicht in seiner Reinheit, sondern in seiner Umgangssprache lag. Er erzählte gerne die Geschichte eines englischen Verwaltungsbeamten, der behauptete, das Urdu perfekt zu beherrschen, und sich einem Dichter näherte, um mit seiner Leistung zu prahlen. 'Dann wissen Sie doch sicher, was ein Divot ist?', fragte der Dichter. Der Engländer war verwirrt. Der Dichter wollte ihm klar machen, dass dieses alltägliche englische Wort genauso viel Recht hatte, Teil des Urdu-Wortschatzes zu sein wie großartige Wörter aus dem Persischen und Arabischen. Ich erinnere mich, dass ich einmal den Urdu-Texter Javed Akhtar fragte, ob ich für 'Tod' das Hindi-Wort dehant oder das Urdu-Wort inteqal verwenden sollte. Javed sah mich entsetzt an. 'Du darfst nur das englische Wort death verwenden', sagte er, 'unki death ho gayi - ihr Tod ist eingetreten.' Urdu war die Antwort auf das Rätsel der dreiteiligen Geschichte Indiens - britisch, muslimisch, hinduistisch. Seine Lebendigkeit bezog es aus seiner Fähigkeit, sich an den natürlichen Sprachgebrauch jeder neuen Zeit anzupassen."

Hier das Inhaltsverzeichnis dieser Ausgabe: Noch sind viele Artikel freigeschaltet, das wird sich vermutlich bald ändern.
Archiv: Granta

Eurozine (Österreich), 10.11.2025

In einem ausführlichen und sehr lesenswerten Interview unterhält sich Misha Glenny, Rektor des Imperial War Museum, mit dem Historiker Gary Gerstle über die USA, ihre Geschichte und natürlich über Donald Trump. Gerstle argumentiert, dass für dessen Siegeszug der wirtschaftliche Niedergang der Arbeiterklasse mitverantwortlich ist: "Diese verlor nicht nur ihre rassistische Vorherrschaft, sondern auch ihre Arbeitsplätze. Trump versteht, dass der Wohlstand der Arbeiterklasse in den 1950er und 1960er Jahren auf der Industrie und den damit verbundenen Einkommen beruhte." Diese erodierten - bedingt durch den Neoliberalismus, so Gerstle, peu a peu, und in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts dann "erlebten junge und mittelalte weiße Männer in Amerika eine demografische Umkehrung, die bis dahin nirgendwo sonst in der nordatlantischen Welt stattgefunden hatte, außer in Kriegszeiten: Ihre Sterblichkeitsrate stieg sprunghaft an. ... Warum? Alkoholismus, Drogen, Selbstmord. Was einige Ökonomen als 'Todesfälle aus Verzweiflung' bezeichnet haben. Die Familien und Freunde dieser verstorbenen Männer gehörten zu den leidenschaftlichsten Anhängern von Trump." In einer Rede, die Trump 2016 vor Stahlarbeitern im Westen Pennsylvanias hielt, stellt Gerstle Erstaunliches fest: "Wenn man nicht wüsste, wer die Rede hält, könnte man nicht sagen, ob es Donald Trump oder Bernie Sanders ist. Trump und Sanders waren sich in dieser Hinsicht sehr ähnlich: Sie gaben einem Teil Amerikas eine Stimme, der seine Chancen verloren hatte und sich dessen bewusst war. Viele von Trumps Anhängern hatten zudem das Gefühl, dass ihre Chancen durch die Kampagnen für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Minderheiten, die Obama ins Weiße Haus gebracht hatten, geschmälert worden waren. All das geschieht gleichzeitig. Und genau das macht Trumps Wahlkampf - der meiner Meinung nach in seinem Wirtschaftsprogramm durchaus berechtigte Elemente enthält - so vergiftet und schädlich. Das Gefühl, dass Weiße das Nachsehen haben, weil People of Color profitieren."
Archiv: Eurozine

New Yorker (USA), 11.11.2025

Jill Lepore macht sich im New Yorker Gedanken über das anstehende Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeit - und über die Serie "The American Revolution" von Ken Burns: "Die Geschichte, die 'The American Revolution' erzählt, handelt davon, wie einige der wichtigsten Ideen der modernen Welt aufkommen, erkämpft in einer blutigen und mutigen Rebellion gegen Tyrannei, die gleichzeitig ein Bürgerkrieg und globaler Krieg war und die mit ihren Ideen von Freiheit, Sklaverei, Eroberung und Unabhängigkeit die Schicksale britischer Soldaten, amerikanischer Milizmänner, Diplomaten der Lenape, Kämpfer der Seneca, deutscher Söldner, französischer Seemänner, Männer der Akan, Frauen der Igbo, Pioniere im Hinterland, Stadtfrauen, Freien, Unfreien, Reichen und Armen miteinander verbunden hat. Es ist eine Leinwand, teils Bruegel, teils Goya, ein politisches Karussell, eine wimmelnde, bewegende, erschreckende Geschichte (…). Das Verdienst der Serie liegt darin, die Würde und die Bedeutung der revolutionären Ideale der Gründer ebenso zu honorieren wie die Opfer aller, die dafür gekämpft haben und zudem auch einen schonungslosen Blick auf die Grausamkeiten und Kosten des Krieges zu werfen, insbesondere für Frauen, schwarze Amerikaner und Ureinwohner, denen die Freiheit, Gleichheit und Herrschaft versagt wurde, die die Revolution versprochen hatte. Die Revolution, die versagt hat, ist die Revolution, von der Trump-Regierung nicht will, dass die Amerikaner sie kennen und bedauern. Die Revolution, die geglückt ist, ist die, die manche amerikanischen Institutionen fest entschlossen sind zu ignorieren."
Archiv: New Yorker

HVG (Ungarn), 06.11.2025

Letzte Woche ist der Ästhet, Kunsthistoriker ud Medienwissenschaftler Péter György im Alter von 71 Jahren gestorben. György war Begründer und zeitweise Leiter des Lehrstuhls für Medienwissenschaften an der Budapester ELTE Universität, Gründer des Nachrichtenportals Origo, das nach 2010 von regierungsnahen Unternehmen einverleibt und neu ausgerichtet wurde, der Verfasser von etwa 30 Büchern zur historischen Aufarbeitung und Kunstkritiker. Die Publizistin Boróka Parászka erinnert  an einen der letzten öffentlichen Intellektuellen: "War das gesamte Lebenswerk von Péter György umsonst? Waren Freiheitsdrang, Selbstreflexion und Aufarbeitung der Wende von 1989 - und darin auch die Arbeit von Péter György - ein gescheitertes öffentliches Schauspiel? Wir sind von den Lügen Kádárs über 1956 zu den Lügen Orbáns über 1956 in eine ähnlich öde historische Landschaft gelangt. Von nirgendwo nach nirgendwohin? Im Gegenteil! Die im institutionellen und starren Sinne nicht existierende Schule von Péter György ist sehr real, und seine Schüler, die sein Erbe weiterführen, haben zwei Dinge von ihm gelernt: Jeder kann seiner Rechte beraubt werden, jede Spur kann ausgelöscht und überschrieben werden. Aber der Geist des (Tat)Ortes lässt sich nicht zum Schweigen bringen. Deshalb muss man präsent sein. Man muss die Topografie der Konzentrationslager kennen, die imaginären und realen Orte Transsilvaniens, das Reich des Popkönigs von Csepel und die Parzelle 301. All das zusammen ist unsere Heimat. Und wenn es Anwesenheit und genügend Aufmerksamkeit gib, spricht der Geist des Ortes. Er enthüllt, er versöhnt. In unserer permanenten Heimatlosigkeit finden wir so nach Hause."
Archiv: HVG
Stichwörter: György, Peter, Ungarn

Guardian (UK), 11.11.2025

Wie wirken sich die Kürzungen der Trump-Regierung im Bereich Entwicklungshilfe vor Ort aus? Um diese Frage zu beantworten, besucht Mara Kardas-Nelson eines der betroffenen Länder, nämlich Sierra Leone. Dort wird das Gebaren Trumps, erfahren wir, keineswegs als eine Ausnahmesituation erfahren; sondern eher als business as usual. "Im Gespräch mit Freunden und Kollegen war das Gefühl, dem ich am öftesten begegnete, nicht Panik, sondern Resignation. Alle Sierra-Leoner, mit denen ich sprach - von Mangoverkäufern und Elektrikern bis hin zu Menschen im Gesundheitswesen und hochrangigen Politikern - äußerten Angst und Unsicherheit über die Kürzungen. Doch sie beschrieben diese Situation als etwas Normales, ja sogar Erwartbares. Die möglichen Katastrophen - ein Mangel an HIV-Medikamenten oder Impfstoffen - wurden mit einem gleichgültigen 'Was soll man schon erwarten?'-Schulterzucken abgetan. Ein Fahrer einer NGO, mit dem ich sprach und der für eine amerikanische Organisation arbeitete, hatte seinen Job verloren, als die Kürzungen im Januar 2025 erstmals bekannt gegeben worden waren, und ihn im April wiederbekommen, als einige Mittel wieder zu fließen begannen. Diese Art von Stop-and-Go-Hilfe überraschte ihn nicht. Er war 2014 zum ersten Mal Fahrer für eine NGO geworden, als in Westafrika der bisher größte Ebola-Ausbruch der Welt wütete. Hunderte Millionen Dollar wurden damals von ausländischen Geldgebern zugesagt, um das Virus zu stoppen, ausländische NGOs stellten massenhaft Personal ein. In den Jahren danach hatte er erlebt, wie viele seiner Kollegen entlassen wurden, als die Gelder versiegten und NGOs ihre Arbeit einschränkten oder ganz einstellten. Warum sollte er diesmal etwas anderes erwarten? Mustapha Kabba, stellvertretender Chefmediziner im Gesundheitsministerium von Sierra Leone, sagte mir, er könne sich über die Kürzungen gar nicht allzu viele Sorgen machen, weil er gar nicht genau wisse, wie viel Geld die US-Regierung Sierra Leone tatsächlich zukommen lasse: Die Finanzierung sei so undurchsichtig, fließe durch so viele verschiedene NGOs, jede mit eigenem Budget, Zeitplan und Prioritäten, dass er kein klares Gesamtbild habe, was betroffen sei - und somit auch nicht, welche Lücken er füllen müsse."
Archiv: Guardian

Le Grand Continent (Frankreich), 09.11.2025

Die Literaturwissenschaftler Pierre Bayard und Jean-Louis Fournel analysieren, wie Sprache benutzt wird, um ein Kriegsgeschehen zu "framen". Die Serben sprachen seinerzeit beispielsweise nicht mehr von Kroaten oder Bosniern, sondern von "Ustascha-Kämpfern" und "Türken". Russland hat ein ganzes Vokabular und System von Referenzen entwickelt, um den Angriffskrieg gegen die Ukraine der eigenen Verblendung gemäß zu beschreiben. Die "Spezialoperation" ist nur eines dieser Wörter. Die Mission Russlands ist es nach dieser Ideologie, "gegen den moralischen Verfall des Westens anzukämpfen, der die 'traditionellen Werte' des christlichen Glaubens vernachlässigt habe, insbesondere, indem er aufgehört habe, der Familie Vorrang einzuräumen, und den Thesen der LGBT+-Bewegung Glauben geschenkt habe. Es überrascht daher nicht, dass man in Putins Wörterbuch Einträge wie 'Satan' findet, wobei der Ausdruck 'Satanismus' sowohl in Putins Diskurs als auch in dem der russisch-orthodoxen Kirche zu einem Gemeinplatz geworden ist, um … folglich zu rechtfertigen, dass eine Art 'heiliger Krieg' gegen diese 'korrupte' Welt geführt wird." Die korrekte Bezeichnung für Putins Krieg wäre laut den Autoren darum übrigens nicht "Ukraine-Krieg", nicht einmal "Angriffskrieg gegen die Ukraine", sondern "Angriffskrieg gegen Europa".

London Review of Books (UK), 06.11.2025

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Im Mittelalter gab es natürlich längst nicht so viele Menschen wie heute, aber Menschenmassen spielten im Sozialleben damals durchaus eine Rolle, lernt Pablo Scheffer mit Shane Babryckis Buch "The Crowd in the Early Middle Ages": "Menschenmassen waren im Frühmittelalter eine knappe Ressource, und ihre Versammlung erforderte sorgfältige Planung. Als eine Gruppe von Klerikern im 9. Jahrhundert im östlichen Frankenreich 'wundersame' Menschenmengen benötigte, um die Echtheit ihrer neu erworbenen Reliquien zu beweisen, sorgten sie dafür, dass Leute mit den Reliquien durch die Region zogen, bevor sie diese in der belebten Mühlenstadt Obermühlheim niederlegten - die sie daraufhin in Seligenstadt, also 'gesegnete Stadt', umbenannten. Entscheidend war die Illusion von Spontaneität. Doch neben den wahren Reliquienhütern gab es auch Händler falscher Heiligtümer. Was sollten die Autoritäten tun, wenn sich Menschenmengen um Betrüger versammelten und ihnen so Anschein von Legitimität verliehen? Gregor von Tours tadelte einen 'Meister der Bosheit', der sich in Tierfelle kleidete, sich 'Christus' nannte, Straßenraub beging und die Beute an seine Scharen von Anhängern verteilte. Im 8. Jahrhundert berichtete der heilige Bonifatius von einem Mann namens Aldebert, der behauptete, ein Apostel zu sein, seine Fingernägel als Reliquien verkaufte und 'eine Menge einfältiger Menschen' für sich gewann. Beunruhigend war, wie sehr solche Vorfälle den offiziell gebilligten religiösen Versammlungen ähnelten. Hatte Christus selbst im Matthäusevangelium nicht gesagt: 'Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen'? In einer Welt, in der Menschenmengen als Träger göttlicher Legitimation galten, stellten Zuschauer, die sich um häretische Prediger oder falsche Reliquien versammelten, ein ernstes Problem für die kirchlichen Autoritäten dar. Frühmittelalterliche Schriftsteller verfassten daher Polemiken, in denen sie diese 'schlechten Menschenmassen' als von Angst getrieben darstellten oder die Beteiligung von Frauen betonten."

New Lines Magazine (USA), 10.11.2025

Eine Gruppe von Jesiden und Jesidinnen im Nordirak. Foto: Upenn Museum Archives.

Von 1931 bis 1938 führte ein Forscherteam unter der Leitung der American Schools of Oriental Research archäologische Ausgrabungen in Tepe Gawra und Tell Billa im Norden des Irak durch, erzählt William Gourlay. Dabei machten die Forscher über dreihundert Fotografien der ortsansässigen jesidischen Bevölkerung. Nach Abschluss der Arbeiten verschwanden die Fotos im Archiv der Pennsylvania Universität und wurden vergessen, bis Marc Marin Webb im Jahr 2022 zufällig im Rahmen seiner Forschungen zum Genozid an den Jesiden durch den IS im Jahr 2014 auf die Fotografien stieß. Unter der Mitarbeit von Jesiden und anderen Menschen aus dem Nordirak entstand so das "Sersal-Projekt": Webb ließ die Bilder an den Orten ihrer Entstehung zeigen, was für große Freude und Aufmerksamkeit bei den Ansässigen sorgte, unter anderem, weil viele verstorbene Verwandten auf den Fotografien entdeckten: "Die Jesiden sind sich einig, dass sie im Laufe ihrer Geschichte 74 'Fermans' (Völkermorden) zum Opfer gefallen sind. Daher betrachten sie Verfolgung - und das Ertragen dieser - als einen zentralen Bestandteil ihrer Identität. Die gewaltsamen Angriffe des Islamischen Staates im Jahr 2014 waren der letzte dieser Völkermorde. Im Gegensatz dazu zeigen die Fotografien der University of Pennsylvania eine Zeit relativer Ruhe. Ab 1921 unter britischer Mandatsverwaltung, erlangte der Irak 1932 seine Unabhängigkeit. Faisal al-Haschimi, der neu ernannte erste König des Irak, garantierte den Schutz ethnischer und religiöser Minderheiten (...) Eines seiner Ziele war die Schaffung einer nationalen Identität, die die Vielfalt der religiösen und ethnischen Gemeinschaften im Irak integrieren konnte. Die Hochzeitszüge, gemeinschaftlichen Tänze und Momentaufnahmen des Dorflebens im Fotoarchiv zeigen Jesiden in diesem politischen Umfeld, einer Zeit des Optimismus. Das Sersal-Projekt unter der Leitung von Marin Webb und Brunt ist somit ein wertvolles Zeugnis dieser Ära. Es hat aber auch weiterreichende Bedeutung für die Jesiden selbst und die irakische Bevölkerung insgesamt. Es zeigt die Jesiden nicht nur als Opfer von Verfolgung und Gewalt, sondern gibt ihnen ein Gesicht."

New York Times (USA), 09.11.2025

Dies ist eine amerikanische Reportage, wie sie früher waren, nüchtern, ohne Kitsch wie er im deutschen Seite-3-Stil üblich ist, düster, aber packend. Christopher John Chivers erzählt von der Rettung des ukrainischen Soldaten Aleksandr, dem von einer Drohne die Wade und die Hand zerschossen wurden, und von der endlosen Nacht, die er zubringen musste, bevor ihm eine ukrainische Drohne den Weg zur Rettung wies. Er hatte Glück. Viele werden nach Stunden des Wartens von Drohnen aufgespürt und zerfetzt. Das Gebiet zwischen den Fronten und vor der Front ist ständiger Überwachung durch die Drohnen ausgesetzt, eine völlig neue Qualität, so Chivers. Bis zum Afghanistan-Krieg gab es auf Schlachtfeldern die Faustregel der "Golden Hour". Innerhalb dieser Zeit sollte für verletzte Soldaten Rettung kommen, die Überlebenschancen waren so relativ gut. "Der zunehmende Einsatz von Drohnen über der Ukraine hat solche Ideale völlig auf den Kopf gestellt. Die Wartezeit eines verwundeten Soldaten, bis er einen Arzt erreicht, dauert nun oft so lange wie zu den schlimmsten Zeiten des Ersten Weltkriegs. 'Aufgrund der hohen Drohnenaktivität kann es manchmal ein, zwei oder drei Tage dauern, bis ein Soldat evakuiert werden kann', sagt Oberleutnant Daria, Anästhesistin in einer versteckten Notaufnahme oder Stabilisierungsstation in der Nähe von Charkiw… Laut Lt. Daria halten sich russische Drohnenteams nicht an die gesetzlichen Schutzbestimmungen für medizinisches Personal. 'In unserem Militärfachbereich an der Universität haben wir gelernt, dass laut den Genfer Konventionen Sanitäter auf dem Schlachtfeld nicht angegriffen werden dürfen', sagt sie. 'In diesem Krieg funktioniert das nicht. Evakuierungsteams sind für Russland wichtige Ziele.'"
Archiv: New York Times