Magazinrundschau - Archiv

Literaturen

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Magazinrundschau vom 28.11.2006 - Literaturen

Angesäuert beobachtet Manfred Schneider, wie sich am Horizont der Moralphilosophie und der Pädagogik eine Rückkehr zum Wertepatriotismus abzeichnet. So zum Beispiel in Wolfram Weimers Plädoyer für Werteerstarkung und moralische Festigung durch Religion ("Credo") und in Bernhard Buebs pädagogischer Summa "Lob der Disziplin", in der der ehemalige Leiter des Internats Schloss Salem für eine Rückkehr zu mehr Autorität und Disziplin eintritt. Schneider sieht dies als starre, aufgestülpte Wegweiser-Pädagogik, die eigenständige Erfahrung ersetzen soll: "Warum will der Erzieher den anderen diese Erfahrung nicht gönnen? Warum sollen nicht auch Jugendliche über die krummen Wege der Irrtümer und Fehlschläge laufen, statt sich an den Wegweisern der Disziplin und Autorität entlangzutasten? Die moderne Welt hat ja eben die Autorität der Kirchenreligion gebrochen, weil sie nicht Glauben, sondern Erfahrung und Experiment prämieren wollte."

Im Schwerpunkt dieser Ausgabe geht Literaturen der Frage nach, was gute Unterhaltungsliteratur ausmacht (und was vielleicht aus einem Bestseller von heute einen Klassiker von morgen macht). Sigrid Löffler porträtiert John Le Carre, den Großmeister des politischen Thrillers, und entdeckt dessen globalisierungskritische Ader. Tim Parks unterteilt die leseglückspendenden Romane in drei Typen. Und Heinrich Detering widmet sich Stefan Zweig und der Frage, wie wir ihn heute lesen.

Weitere Artikel: Den (von Heinz Bude und Andreas Willisch herausgegebenen) Sammelband "Das Problem der Exklusion" über die Ausdrucksformen sozialer Ungleichheit, begrüßt Jens König als sachverständiges und empirisch fundiertes Pendant zur unsäglich geführten "Unteschichtendebatte". Doch findet er dieses analytisch starke "Buch von Experten für Experten" einen Tick zu emotionslos. In der Netzkarte stellt Aram Lintzel die Webseite "Club der Hässlichen" vor und findet Anzeichen dafür, dass die selbsterklärten Hässlichen den im Club-Manifest gegeißelten Selbstoptimierungswahn lediglich unter die Oberfläche (sprich: zu den inneren Werten) verschoben haben.

Magazinrundschau vom 31.10.2006 - Literaturen

"Wer Tier sagt, muss auch Mensch sagen" - In dieser Ausgabe widmet sich Literaturen dem Verhältnis von Mensch und Tier. Im Gespräch erklärt Roger Willemsen, was Alfred Brehm, dessen Klassiker "Brehms Tierleben" er gerade neu herausgegeben hat, von heutigen Zoologen unterscheidet: "Brehm hat häufig Werke benutzt, die nicht im engeren Sinne zoologische Quellen waren, Reiseberichte zum Beispiel. Dabei hat er auch Funde über die kulturelle Bedeutung von Tieren gemacht - wie etwa der Hund in China behandelt wird. Er reduziert das Tier nicht auf seine Maße oder seine physiologischen Eigenschaften. Vielmehr kommt bei ihm etwas dazu: die Stellung des Tieres in der Kultur, Habitat, Geruch, Gefühl beim Anfassen - solche Dinge werden plötzlich Teil der Tierbeschreibung."

Außerdem geht Manfred Schneider der Frage nach, wie die Tier-Fotografie unseren Blick auf Tiere geprägt hat, Richard David Precht untersucht den Menschen in seiner Eigenschaft als fleischfressendes Raubtier, und Cord Riechelmann nähert sich dem animalischen Bewusstsein.

Auch in der Netzkarte geht es tierisch zu: Aram Lintzel stöbert auf der Webseite des Kölner Zoos und trägt dort anthropologisierend-ideologische Kämpfe auf dem Rücken der Zoobewohner aus. Manuela Reichart verschmäht Sofia Coppolas "Marie Antoinette" als Highschool-Königin. Sigrid Löffler bespricht John Banvilles Booker-Preis-gekürten Roman "Die See". Und Frauke Meyer-Gosau begleitet den russisch-jüdisch-amerikanischen Schriftsteller Gary Shteyngart durchs sowjetische New York.

Magazinrundschau vom 03.10.2006 - Literaturen

Im Schwerpunkt "Ich ist ein Roman" nimmt Literaturen drei jüngst erschienene Autobiografien (Günter Grass' "Beim Häuten der Zwiebel", Imre Kertesz' "Dossier K. Eine Ermittlung" - Leseprobe - und Joachim Fests "Ich nicht") zum Anlass, sich dem Genre als Ganzes zu nähern. Online lesen dürfen wir Jens Biskys Besprechung der Fest-Erinnerungen. Wie schon andere Rezensenten ist Jens Bisky tief beeindruckt vom Vater Joachim Fests, Mitglied der Zentrumspartei und Rektor einer Berliner Volksschule, der 1933 entlassen wurde, weil er die Weimarer Republik verteidigte. "Anfang 1936 belauschten Joachim Fest und sein älterer Bruder Wolfgang einen Streit ihrer Eltern. Die Mutter, von Jahren der Einschränkung und Aussichtslosigkeit zermürbt, bat ihren Mann, über einen Eintritt in die NSDAP nachzudenken: Dies würde doch nichts ändern. Verstellung und Unwahrheit seien 'immer das Mittel der kleinen Leute gegen die Mächtigen gewesen'. Der Vater beharrte auf seinem Trotz, seiner Verweigerung listiger Anpassung: 'Wir sind keine kleinen Leute. Nicht in solchen Fragen!' Das ist ein elitärer Anspruch alten Zuschnitts, dessen Spitze nach einem Jahrhundert unter dem Diktat der Gleichheitsideologien fast unverständlich geworden ist."

Rene Aguigah stellt Heimatkunde vor, wie sie im Buche steht: bei Florian Illies, Adam Soboczynski, Nicol Ljubic und Wolfgang Büscher. "Indem sie recherchieren und erleben und fabulieren, bezeugen sie selbst eine eigentümliche Lust auf Deutschland: eine vergessen geglaubte Sehnsucht nach Landschaft und Natur; ein teils atemberaubend naives Verlangen, den Charakter einer Nation zu ergründen; ein kaum stillbares Begehren, das Verhältnis zu Heimat und Vaterland in der Sprache der Intimkommunikation auszudrücken, in Begriffen von Liebe, Enttäuschung und Trauer."

Weitere Artikel: Während andere über die anstehende Frankfurter Buchmesse reden, blickt Paul Ingendaay bereits amüsiert ins Jahr 2007, zur nächsten Ausgabe, bei der nicht ein Land, sondern "die katalanische Kultur" in Frankfurt zu Gast sein wird, was Definitionsschwierigkeiten hinsichtlich der zu ladenden Gäste erwarten lässt. Zuviel Moschus diagnostiziert Daniel Kothenschulte in der Verfilmung von Patrick Süskinds Roman "Das Parfum". Und in der Netzkarte erregt sich Aram Lintzel über die Webseite Wörterbuch des Krieges und deren moralfreies Gefasel über das Wesen des Krieges.

Magazinrundschau vom 05.09.2006 - Literaturen

"In Bombay kann man leicht sterben, aber niemals vergessen, dass man am Leben ist", schreibt Ilija Trojanow in dieser sehr schönen Ausgabe zum Buchmesse-Gastland Indien. Trojanow stellt drei Bücher vor, die sich mit der "Mega-City der Schizophrenie", beschäftigen: Suketu Mehtas "Maximum City", Vikram Chandras "Der Gott von Bombay" und Altaf Tyrewalas "Kein Gott in Sicht". "Wer Bombay beschreiben will, muss einen literarischen Weg finden, diese dynamische Allgegenwart, diese Synkopen zwischen Hoffen und Verzweifeln, zwischen Fluchen und Frohlocken einzufangen. Wer über Bombay schreiben will, muss die Kunst der giftigen Liebeserklärung beherrschen, und das können richtige Bombaywallas, wortwörtlich: 'jene, die zu Bombay gehören' - Autoren wie Chandra, Mehta und Tyrewala. Ihre liebevollen Entlarvungen Bombays legen Zeugnis ab von den starken Banden, die bei aller Verletzung und Enttäuschung zwischen der Metropole und ihren Bürgern bestehen."

New Economy und IT-Boom sind in Indien mehr Wunsch als Wirklichkeit, schreibt der indische Autor Pankaj Mishra. "Trotz allen Geredes über Indien als 'back office' der ganzen Welt sind es gerade mal 1,3 Millionen einer erwerbstätigen Bevölkerung von 400 Millionen, die in den Bereichen Informationstechnologie und Büroorganisation tätig sind, aus denen die New Economy besteht. Immer noch arbeiten mehr als sechzig Prozent der indischen Bevölkerung in der Landwirtschaft. Das Image eines aufstrebenden, glitzernden Landes ('Indien leuchtet') wird hauptsächlich von einem urbanen Mittelstand gestützt, der TV-Soaps und Talkshows konsumiert, einem Cricket-Nationalismus huldigt und sich ganz den kulturell homogenen und politisch reaktionären Schichten anzugleichen beginnt, die sich während der Moderne in den Ländern Europas herausgebildet haben... Dabei herrscht immer noch Trinkwassermangel in den Dörfern, und Indien gehört nach wie vor zu den ärmsten Ländern der Welt."

Weiteres: Sigrid Löffler stellt Kiran Nagarkar als Indiens eigenwilligsten Autor vor. Wolfgang Schneider liest Martin Walsers nichtindische "Angstblüte". In der "Kriminal"-Rubrik knüpft sich Franz Schuh Lorenzo Lunar Cardedos "Ein Bolero für den Kommissar" vor.

Magazinrundschau vom 27.06.2006 - Literaturen

Literaturen versucht sich in dieser Ausgabe an einer Standortbestimmung der USA. "Wohin steuert, wohin taumelt die einzig verbliebene Weltmacht?" Heinrich Wefing macht sich auf die Suche nach dem Eigentlichen und hat in drei Büchern (Louis Auchincloss' "Manhattan Monologe", George P. Pelecanos' "Washington-Trilogie" und Michael Cunninghams "Helle Tage") den amerikanischen Ur-Mythos aufgestöbert: "Dass es etwas Besseres gebe als den Flecken, an dem man geboren wurde oder morgens aufgewacht ist, und dass dieser bessere Ort in relativer Reichweite liege, sei es ein paar Tagesmärsche oder einige Wochen im Wohnmobil entfernt: das ist eine Überzeugung, die schlechthin konstitutiv ist für das Bild, das diese Nation seit jeher von sich entworfen hat."

An hauseigenen kritischen Stimmen herrscht in den USA wahrlich kein Mangel, schließt Bernd Greiner aus den aktuellen politischen Veröffentlichungen, "allein - die Reaktionen bleiben aus. Oder man belässt es bei einem achselzuckenden 'Und was gibt's sonst noch Neues?'" Hans Ulrich Gumbrecht schließlich denkt über Amerikas "kritische Freunde" in Europa nach.

Weitere Artikel: Eva Horn verrät, was einen schlechten Geheimdienstliteraten (Udo Ulfkotte) von einem guten (James Risen, Paul Todd und Jonathan Bloch sowie Eric Gujer) unterscheidet und entwirft nebenbei eine kleine Typologie der Geheimdienstliteratur. Franz Schuh sieht Parallelen zwischen Erich Loests Krimi "Der Mörder saß im Wembley-Stadion" und den deutschen Edgar-Wallace-Filmen. Feridun Zaimoglu hat auf einer Lesereise kulinarische Bücher studiert, und eines gefunden, das - zu Recht - die Bratwurst vor süßsaurer Ingwersauce schützen will. Daniel Kothenschulte schreibt über die jetzt als DVD erschienene "Geisha"-Verfilmung . Aus Kopenhagen berichtet Christoph Bartmann über Peter Hoegs jüngsten Roman "Das stille Mädchen". Und in der Netzkarte wundert sich Aram Lintzel über die einsame Privatreligion des Zwangs, wie sie sich auf der Webseite selbsthilfe-therapie.de offenbart.

Magazinrundschau vom 30.05.2006 - Literaturen

Literaturen steht diesmal ganz im Zeichen der Kinderlosigkeitsdebatte. Während Jan Engelmann die weitgehend alarmistischen Neuerscheinungen zum Thema Demografie gesichtet hat, und Martina Meister in der Flut von Mütter-Ratgebern das spezifisch deutsche Kind-Beruf-Dilemma gespiegelt sieht, wird sich im Literaturen-Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin Barbara Vinken, dem Soziologen Hans Bertram, dem Medientheoretiker Norbert Bolz und dem Demografen Reiner Klingholz munter gestritten: über Kinderlosigkeit, Geschichte der Erziehung, Rollenverteilung, Familienpolitik und immer wieder - über die Figur der Mutter. Passend dazu stellt Aram Lintzel in der Netzkarte die Webseite nokidding vor, die auf erfrischend politisch unkorrekte Weise das kinderlose Dasein verherrlicht.

Weitere Artikel: Feridun Zaimoglu, der mit dieser Ausgabe die Beiseite-Kolumne von Sybille Berg übernimmt, steht in der Hamburger Kunsthalle zwischen buchfixierten Kompetenzbestien, sucht Rettung und findet sie - in einem Buch: "Das merkwürdige Leben der Literaten" von Jürgen Neckam. Im Kriminal erliegt Franz Schuh dem Charme des Heruntergekommenen, der von Max Bronskis "Sister Sox" und seinem verfremdeten, trashigen München ausgeht. Und Sigrid Löffler labt sich an zwei aberwitzigen Pionierfahrten aus der Zeit des britischen Empire: einmal Mirko Bonnes Pseudo-Sachbuch "Der eiskalte Himmel", das die "Imperial Trans-Antarctic Expedition" von 1914-1916 (Ernest Shackeltons Versuch, den antarktischen Kontinent zu Fuß zu überqueren), heldenepisch nachzeichnet, und einmal Ursula Naumanns historische Reportage "Euphrat Queen", die Francis Rawdon Chesneys Versuch dokumentiert, zwecks kürzeren Postwegs zwischen der Kolonie Indien und dem Mutterland einen Euphratdampfer in Betrieb zu nehmen.

Magazinrundschau vom 02.05.2006 - Literaturen

"Nicht Freud, sondern die Frauen haben die Psychoanalyse erfunden", erkennt Manfred Schneider im aktuellen Heft der Literaturen, das trotzdem mit einem Schwerpunkt Sigmund Freuds 150. Geburtstag begeht (mehr zum Beispiel hier): "Die Psychoanalyse scheint ja nichts anderes als das Ereignis zu sein, Frauen über alles sprechen zu lassen, was ihnen durch den Sinn geht, und dies so ausgiebig, erfolgreich und zum Teil auch lukrativ, dass sich daraus eine weltweite Bewegung bilden konnte. Jenes ewigweibliche 'Weh und Ach', das Goethes Mephistopheles dem verwirrten Schüler erklärt, wird nicht mehr tausendfach aus einem Punkte' kuriert, sondern in einen langen Redestrom kanalisiert, gefiltert und abgeleitet. Zwar haben sich auch Heerscharen von Männern auf die Couch gelegt, um sich von Ängsten, Zwängen, Wahn und Perversion heilen zu lassen, aber Männer sind nicht nur durch Redenlassen zu heilen. Aus ihrem Stocken und Assoziieren fließt keine Katharsis. Erst recht lassen sie sich nicht das Geheimnis entreißen, warum die Natur sie überhaupt gewollt hat."

Weiteres: Der Schriftsteller und schwedische Kulturattache in Berlin, Aris Fioretis, huldigt der Couch. Philosoph Slavoj Zizek sieht sich durch die Psaychoanalyse vor allem von dem Zwang befreit, genießen zu müssen. Richard David Precht folgt dem Neurowissenschaftler Eric R. Kandel auf dessen Suche nach Es und Über-Ich im Gehirn.

Magazinrundschau vom 28.03.2006 - Literaturen

Jutta Person hat den Publizisten (Micromega) und Philosophen Paolo Flores d'Arcais in Rom besucht, der das Klima in Italien kurz vor den Wahlen so beschreibt: "'Italien ist in den letzten Jahren unendlich viel vulgärer geworden. Und mit Vulgarität meine ich nicht die Anzahl der nackten Frauen, die man zu sehen bekommt. Das ethische, ästhetische, anthropologische Klima dieses Landes ist einfach komplett zunichte gemacht worden.' Dass die Omnipräsenz des Regierungschefs gelegentlich auch mit der Vokabel 'faschistisch' versehen wird, hält Flores d?Arcais dagegen für lächerlich. Man müsse sich vor Augen halten, dass niemand körperlich misshandelt wird (auch wenn er selbst die Antiglobalisierungs-Demonstrationen in Genua als Gegenbeispiel anführt). Man riskiert nicht das Leben, sondern nur, keine Karriere zu machen oder entlassen zu werden."

"Sprachlos, aber redselig", findet Sigrid Löffler die fünf Helden in dem heftig gefeierten Debütroman von Clemens Meyer, "Als wir träumten". Es geht um Aufstieg und Niedergang einer Leipziger Jugendclique nach der Wende und alles, so Löffler, "läuft auf den einen dumpfen Kernsatz hinaus: 'Mann, das ist echt so scheiße.' Stimmt leider."

Nur im Print: Literaturen hat seinen Schwerpunkt Wolfgang Koeppen gewidmet. Anlass ist das baldige Erscheinen des Briefwechsels zwischen Koeppen und Siegfried Unseld. Ein kleiner Schwerpunkt gilt außerdem Samuel Beckett.

Magazinrundschau vom 28.02.2006 - Literaturen

Literaturen widmet den Schwerpunkt seiner Ausgabe der Wiederentdeckung der Alten Griechen als geistige Inspirationsquelle, ob in der Geschichtsschreibung oder der Literatur. Rene Aguigah fährt nach Berlin-Treptow, um vom Berliner Ästhetikprofessor Friedrich Kittler in die Liebe der Antike eingeführt zu werden: "Es ist ja nicht einfach der Gott entschwunden, wie Hölderlin und Heidegger dichten, sondern es ist ein auf Männer-Frauen-Beziehungen gegründetes Fühlen und Denken und Musizieren entschwunden. (?) Ich habe ein bisschen Angst, dass die Pfarrer- und Mesnerkinder wie Hölderlin und Nietzsche und Heidegger von dem im Herzen nicht ganz überwundenen Christentum daran gehindert worden sind zu sehen, what's at stake: wirklich ein Frommsein - 'Religion' passt ja nicht zu den Griechen -, das die Götter und Göttinnen insofern ehrt, als sie sich mit den Sterblichen und diese sich auch untereinander paaren. '? And the Gods Made Love' habe ich immer so verstanden bei Hendrix."

Weitere Artikel: Frauke Meyer-Gosau begleitet den Schriftsteller Juri Andruchowytsch in seine galizische Heimatstadt Ivano-Frankivsk. Aus Dublin berichtet Hans-Peter Kunisch von der drohenden Abschaffung der Steuerfreiheit für Künstler. Und in der Netzkarte ärgert sich Aram Lintzel über den tierischen Zuwachs auf der Internetseite des Deutschen Bundestages: ein ulkiger und zappeliger Bundesadler, der sich als "virtueller Berater" in Sachen Demokratie gebärdet.

Magazinrundschau vom 27.12.2005 - Literaturen

Schriftstellerpaare sind das Schwerpunktthema dieser Ausgabe. Online lesen dürfen wir Sigrid Löfflers Beschreibung der neuen Romane von New Yorks Wunderkind-Paar Nicole Krauss und Jonathan Safran Foer. "Die Geschichte der Liebe" von Krauss und "Extrem laut und unglaublich nah" von Foer "sind einander in Milieu, Schauplatz, Machart, Erzählperspektive, Personal und Tonfall so ähnlich, dass man ein und dieselbe Autorenhand dahinter vermuten möchte". Beide Bücher haben kindliche Helden und beide "benützen die Shoah als Materialsteinbruch, als frei verfügbaren Romanstoff, in den sie ihre rührseligen, bizarren, melodramatischen, kitschigen Gefühlsgeschichten ungeniert einbetten können, wie es eben gerade dem amerikanischen Zeitgeist entspricht ... solange es einen aufnahmefähigen Markt für naiv-ausgesponnene Holocaust-Märchen gibt, so lange werden Krauss & Foer als Doppel-Darlings der Literaturszene gehätschelt werden", meint Frau Löffler ganz abgeklärt.

Außerdem zum Thema: Dieter Thomä markiert jüngste Positionen zu Liebe und Zweisamkeit in der Philosophie. Daniela Strigl porträtiert das Dichterpaar Friederike Mayröcker und Ernst Jandl. Frauke Meyer-Gosau folgt den Paar-Lebensweisen der Geschwister Erika und Klaus Mann von ihren exzentrischen Wunderkindertagen bis ins spätere Unglück. Und Hermann Kurzke erklärt, was es mit der Liebesreligion der deutschen Romantik auf sich hat.

Sibylle Berg bekennt in ihrer Kolumne, dass sie nie einen Liebesroman gefunden hat, der ihr entspricht. "Wo man auch hinliest - ob Roth oder Zola, ob Tschechow oder Shakespeare - eine meiner Gemütslage adäquate Beschreibung einer Beziehung habe ich nirgends entdecken können. Immer schweigen sie, oder was noch schlimmer ist: Sie schreien, reißen sich Trikotagen vom Leib, intrigieren, betrügen, taumeln und lösen sich auf. Verdammt - wer will denn so was? Doch nur Leute ohne Hobby." Jutta Person unternimmt eine kleine Reise durch die Geschichte des Irreseins. Und Rene Aguigah stellt Frank Westermans "El Negro" vor, ein Sachbuch über die Geschichte eines Afrikaners, den Westerman erstmals im Museum für Naturgeschichte in Banyoles sah: ausgestopft.