Magazinrundschau - Archiv

Literaturen

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Magazinrundschau vom 27.11.2007 - Literaturen

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann bespricht zwei neue Kleist-Biografien, von denen er die von Jens Bisky für die anregendere, die von Gerhard Schulz für die solidere hält. Vor allem aber geht es Kehlmann um Kleist, über den er unter anderem schreibt: "Aber da ist doch ein Punkt, an dem bei Kleist das Geheimste offen und die Wahrheit klar zutage liegt: seine Grammatik. Nabokovs Satz, dass die wahre Biografie eines Schriftstellers die Geschichte seines Stils ist, lässt sich nirgendwo besser anwenden als bei diesem Dichter. So viel ist gesagt worden über diese Prosa, über die festen Klammern ihrer Form und die quasi-juristische Umständlichkeit der Sätze, deren eigentliches Wunder darin liegt, dass sie dennoch so kraftvoll, federnd und lesbar sind: jeder einzelne eine Illustration des Widerstreits von Gesetz und Freiheit. ... Man würde erwarten, dass die Leser stöhnen, aber es geschieht eben nicht; das ist ihr eigentliches und nicht imitierbares Wunder. Nicht zufällig gibt es im Deutschen keinen Kleist-Epigonen, keinen einzigen künstlerisch ernstzunehmenden Nachahmer."

Weitere Artikel: Christoph Bartmann bespricht Dietmar Daths neuen Roman "Waffenwetter", vielmehr: feiert "die Dath-Welt als eine der inspirierendsten Romanwelten, in denen man heute leben kann". Helmut Frielinghaus hat Philip Roths Roman "Exit Ghost" gelesen, Annette Zerpner Hörbücher mit autobiografischen Texten von Daniel Hope und Saul Friedländer gehört. Manuela Reichart bespricht Anna Ditges Film "Ich will dich" über die Dichterin Hilde Domin.

Nur im Print schreiben Brigitte Kronauer über Joseph Conrad und Ulrike Draesner über Gottfried Benn.

Magazinrundschau vom 30.10.2007 - Literaturen

Der Schwerpunkt des aktuellen Hefts ist "Denkern von Welt" gewidmet, die, wie es im Editorial formuliert wird, um "Entwürfe einer ganz anderen Globalisierung" bemüht sind. Damit gemeint sind Naomi Klein, Saskia Sassen, Kwame Anthony Appiah und Ulrich Beck. In Rene Aguigahs Porträt erfahren wir, was für Appiah - Autor der Studie "Der Kosmopolit" - gegen den Kulturrelativismus spricht und warum man den Umgang mit Geistern trotzdem vernünftig finden kann: "Er bringt Positionen miteinander ins Gespräch, die auf den ersten Blick strikt unvereinbar scheinen. Nach und nach ermisst er, wo Differenzen sich abmildern lassen, wo sie bestehen bleiben und wo hartnäckige Differenzen nicht allzu sehr ins Gewicht fallen. Appiah - ganz Angelsachse, wenn man so will - plädiert für den Vorrang der Praxis: 'Nicht Prinzipien, sondern praktische Handlungen befähigen uns, in Frieden zusammenzuleben.' Deshalb muss das Gespräch nicht unbedingt zum Konsens führen: Möglicherweise arrangiert man sich."

Weiteres: Kurt Darsow stellt Naomi Kleins neuen Anti-Globalisierungsbestseller "Die Schock-Strategie" vor. Gustav Seibt schreibt über Thomas Karlaufs Stefan-George-Biografie. Besprochen werden außerdem Ulrich Peltzers Roman "Teil der Lösung", zwei Stalin-Biografien und die Buchversion eines Podiumsgesprächs der poststrukturalistischen Theoretikerinnen Judith Butler und Gayatri Chakravorty Spivak. Im Kriminal preist Franz Schuh den im kleinen Pulp-Master-Verlag erschienenen Kriminalroman "Kaputt in El Paso" als "Meisterwerk".

Magazinrundschau vom 02.10.2007 - Literaturen

Das aktuelle Heft zeigt den diesjährigen Büchner-Preisträger Martin Mosebach auf dem Cover. Sigrid Löffler denkt allerdings in der erfreulicherweise online verfügbaren Titelgeschichte gar nicht daran, ihn zu feiern. Vielmehr führt sie aus, wie im gepflegten Reaktionär Mosebach ein rückwärts gewandter Zeitgeist seinen Repräsentanten findet: "Seit das Feuilleton aus dem Denkerstübchen in den bürgerlichen Salon umgezogen ist und es sich dort biedermeierlich bequem macht, sind auch Mosebachs antimoderne Affekte salonfähig geworden. Seine Bewunderer erblicken darin die gefällige Darstellung dessen, was sie für bürgerliche Werte von einst halten. (...) Auf Mosebachs Literatur trifft ein Aphorismus seines philosophischen Abgotts, des kolumbianischen Erzreaktionärs Nicolas Gomez Davila (mehr hier), leider nur allzu genau zu: 'Am schlechtesten schreibt, wer den, der gut schreibt, nachahmt.' Das soll nun nicht heißen, dass solcher Imitationsprosa nicht durchaus ein gewisser Secondhand-Charme anhaften kann, etwa der delikate Reiz einer leicht angestaubten, vornehmen Mattigkeit - geschmackvoll, mürbe und demode, dabei mit Ironie versilbert."

Weitere Artikel: Frauke-Meyer Gosau porträtiert die französische Krimiautorin Fred Vargas. Manfred Schneider lobt, dass aus Rüdiger Safranskis "Romantik"-Buch die von ihm beschriebene Geistesepoche "lebendig und in eindrucksvollen Portraits hervortritt". Im Kriminal schreibt Franz Schuh über Veit Heinichens neuen Triest-Krimi "Totentanz". In der Abteilung "Literatur im Kino" bespricht Daniel Kothenschulte die Stephen-King-Verfilmung "Zimmer 1408". In Sebastian Molls "Mitten aus...New York" geht es um Henry Louis Gates' und Steven Pinkers Kampf gegen neuerdings wieder angesagte Essenzialismen.

Magazinrundschau vom 11.09.2007 - Literaturen

Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk kann den polnischen Kaczynski-Zwillingen durchaus etwas abgewinnen: "Mir gefällt das Schauspiel, das die Zwillinge für uns zum Besten geben. Vor den Augen der ganzen Welt führen sie - ganz schamlos, könnte man sagen - das Drama und die Komödie des Polentums auf, vermischt mit dem Drama und der Komödie der Macht. Vor dem Hintergrund des Seilschaftsdenkens, der Lauheit, des Pragmatismus, aber auch der Korrektheit der vorhergehenden Equipen entwickeln sich die Zwillinge förmlich zu Shakespeare?schen Gestalten. Man sieht auf den ersten Blick, dass sie sich von großen Emotionen leiten lassen, die sie im Interesse eines kühlen Wettstreits im Zaum zu halten versuchen."

Weitere Artikel: Rene Aguigah porträtiert die Autorin Kathrin Passig, die sich zwischen Bachmann-Preis und "Riesenmaschine"-Blog von Erfolg zu Erfolg bewegt. In der "Beiseite"-Kolumne muss die Schriftstellerin Sibylle Berg sich sehr über das "grandiose Gewäsch" in einem Artikel von Alice Schwarzer aufregen. In der Netzkarte beschäftigt sich Aram Lintzel mit der "Buergelmaschine", die Theoriephrasen drischt wie der Leiter der aktuellen documenta persönlich.

Im Kriminal berichtet Franz Schuh, dass er jetzt endlich auch einen Roman des Wiener Autors Heinrich Steinfest gelesen hat - und siehe da, die Gerüchte sind wahr, Steinfest "ist in der Tat einer der besten Kriminalschriftsteller". Peer Trilcke bedauert in seiner Rezension von Durs Grünbeins "Strohen für übermorgen", dass der Dichter "mittlerweile nur noch Hochkultur in jedem Geräusch" hört. Manuela Reichart hat den Kino-Dokumentarfilm "Feltrinelli" über den linken italienischen Verleger Giangiacomo Feltrinelli gesehen, Bernhard Gleim bespricht drei Hörbücher, darunter Peter Wapnewskis "Nausicaa soll nicht sterben", Barbara Vinken rezensiert Hannelore Schlaffers Buch über die Mode "Schule der Frauen" und Sophie von Glinski schreibt über die Männerromane von Robert Menasse und Michael Kleeberg.

Die Titelgeschichte ist Harry Potter gewidmet - online nachlesbar ist sie aber nicht.

Magazinrundschau vom 26.06.2007 - Literaturen

In einem großen, nur in der Print-Ausgabe des Sommer-Doppelheftes nachzulesenden Essay berichtet der in Zagreb lebende Schriftsteller und Publizist Miljenko Jergovic über die verwickelten balkanischen Verhältnisse, für die auch seine Familie, etwa der Onkel, Beispiele bietet: "Er wurde in Usora geboren, einem Weiler in Zentralbosnien, wo sein Vater, mein Großvater, Bahnhofsvorsteher war; er wuchs an den Gleisstrecken auf, die von der österreichisch-ungarischen Monarchie gebaut wurden und wechselte häufig die Freunde und Landschaften; von seinem Vater - einem Slowenen - lernte er Slowenisch, seine Muttersprache war Kroatisch, aber noch vor Slowenisch und Kroatisch sprach er Deutsch. Er lernte es von seinem Großvater, meinem Urgroßvater, einem hohen Eisenbahnbeamten, der Donauschwabe war, geboren in einem Städtchen, das heute in Rumänien liegt, und seine Ausbildung hatte er in Budapest und Wien erhalten."

Weitere Artikel: Der Schwerpunkt des Hefts ist Thomas Mann und seinem Roman "Doktor Faustus" gewidmet. Freigeschaltet ist daraus ein Artikel, in dem Ulrich Rüdenauer ein Radio-Projekt vorstellt, das den Roman als Hörspiel adaptiert. In seiner Kriminal-Kolumne feiert Franz Schuh die französische Bestseller-Autorin Fred Vargas. Sebastian Moll berichtet aus New York von den Büchern der US-PräsidentschaftskandidatInnen. Der Autor Ernst-Wilhelm Händler liest Richard Ford. Besprochen werden Edward St Aubyns Roman "Schöne Verhältnisse", der Suhrkamp-Band "Und jetzt?" über "Politik, Protest und Propaganda" heute und ein Film über den Denker Slavoj Zizek.

Magazinrundschau vom 29.05.2007 - Literaturen

Der Schwerpunkt des Juni-Hefts von Literaturen ist dem Thema "Italienische Reise" gewidmet. Online ist dazu ein Interview mit dem Literaturwissenschaftler Dieter Richter zu lesen, in dem er über die Wahrnehmung der Großstadt Neapel bei Italienreisenden des 18. und 19. Jahrhunderts spricht: "Neapel war immer die schönste Stadt Italiens, einige hielten sie sogar für die schönste Stadt der Welt; gleichzeitig hatte sie eine unheimliche und dämonische Seite. Die Kurtisanen in Neapel galten als die verführerischsten, noch in Reiseberichten des 19. Jahrhunderts kann man lesen, die Frauen seien den Fremden gegenüber 'geneigter'. In Marquis de Sades 'Juliette' reist eine kleine Gruppe durch Kampanien, und eine der Damen setzt die langweiligen Landschaften des Nordens gegen die 'wunderwürdige' und 'verbrecherische' Natur der Vesuv-Gegend. Die kampanische Natur evoziert die Leidenschaften, das gesellschaftlich Verdrängte. August von Platen hat es sehr genossen, dass er in Neapel Knaben und Männer finden konnte, ohne bestraft zu werden."

Franz Schuh liest für seine Kriminal-Kolumne Max Bronskis "München Blues" - und auch wenn der Rezensent München nicht mag, "Bronski ist ein witziger Autor. Er hat Einfälle, die nicht mit sich selbst protzen, sondern tatsächlich ein Licht auf Sachverhalte und Lebensumstände werfen". Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu berichtet auf der Beiseite enthusiasmiert von Roberto Bolanos Roman "Chilenisches Nachtstück", ein Buch, das er so sehr liebt, dass er es "beißen möchte, um es zu schmecken und zu spüren". Manuela Reichart stellt die erst sehr schöne, dann etwas ermüdende Literaturverfilmung "Valley of Flowers" vor. In seiner Netzkarte hat sich Aram Lintzel mit der Wikipedia-Parodie stupidipedia.org nicht sonderlich amüsiert. Hilal Sezgin bespricht die von Christina von Braun und Bettina Mathes verfasste kulturwissenschaftliche Studie über das Kopftuch mit dem Titel "Verschleierte Wirklichkeit". In seiner Kritik zu zwei neuen Büchern über die Gegenwartskunst bedauert Wolfgang Ullrich, dass deren Autoren Jörg Heiser und Piroschka Dossi nicht kapiert haben, dass der Preis längst konstitutiver Bestandteil des Gegenwartskunstwerks ist.

Magazinrundschau vom 08.05.2007 - Literaturen

Dieter Thomä hat Ulrich Becks "Weltrisikogesellschaft" und Cass R. Sunsteins Plädoyer für einen liberalen Paternalismus "Gesetze der Angst" gelesen. Unterschiedlicher könnten beide nicht sein, weder in Stil noch in ihren Antworten, meint Thomä, aber sie reagierten auf das gleiche Phänomen: Das Primat der Zukunft: "Inzwischen hat sie der Gegenwart, was Prominenz und Brisanz betrifft, schon fast den Rang abgelaufen. Die demografische Zusammensetzung der Gesellschaft im Jahre 2050 erhitzt die Gemüter ebenso wie die Höhe des Meeresspiegels am Ende des 21. Jahrhunderts. Die Zukunftsfähigkeit von Politikern wird nicht an Visionen, sondern an Datensätzen abgeprüft. So beginnt sich auch die Logik des Handelns zu verwandeln. Früher war die Zukunft das, was irgendwie hinten herauskam, wenn man vorne etwas tat: eine Mischung aus Zufällen und Vorhaben. Nun schiebt sich die Zukunft nach vorne und übernimmt die Macht über die aktuelle Agenda. Mit dieser Demütigung der eigenen Selbstherrlichkeit muss der Handelnde erst mal zurechtkommen."

Jan Engelmann liest die neuesten Ratgeber zur vielbeschworenen Krise der Männlichkeit. Zum Buch des Monats kürt Martin Lüdke Cormac McCarthys Roman "Die Straße". Besprochen werden außerdem Thomas Langs Roman "Unter Paaren" (Leseprobe hier) sowie, in Franz Schuhs Kriminal-Kolumne, Lilian Faschingers Kriminalroman "Stadt der Verlierer". Manuela Reichart hat sich zwei Verfilmungen von Thomas Manns "Buddenbrooks" auf DVD angesehen. In der "Netzkarte" stellt Aram Lintzel die bei Professorinnen und Professoren nicht durchweg beliebte Website meinprof.de vor, auf der Studierende Lehrende benoten und bewerten dürfen - das Ergebnis, so Lintzel, ist freilich "Controlling und Evaluation in knallharter McKinsey-Manier".

Magazinrundschau vom 03.04.2007 - Literaturen

Der Historiker Gerd Koenen nutzt die Besprechung des postum erschienenen "Russischen Tagebuchs" der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja zur Beschreibung der für alle Kritiker prekären russischen Gegenwart: "Die Frage, wovor die Machthaber Angst haben, beantwortet sich also inzwischen wieder ganz ähnlich wie in der Sowjetunion: nicht vor diesen paar Frauen und alten Männern; nicht vor den wenigen Journalisten und Menschenrechtlern, die nur beschränkt, hauptsächlich über das Internet, Wirkung entfalten können; und auch nicht vor der Handvoll junger Männer und Frauen, die sich hier und dort mit wirren ideologischen Mixturen, vom Nationalbolschewismus bis zum Anarchismus, in desperate Geplänkel mit den Staatsorganen stürzen. Die Kreml-Herren fürchten sich vielmehr davor, dass deutlich wird, wie sehr sie ihre scheinbar unangreifbare Macht auf sozialen Treibsand gebaut haben."

Lesen darf man außerdem Verena Auffermanns Besprechung von Ingo Schulzes Erzählband "Handy". Frauke Meyer-Gosau hat "feenhafte Erscheinungen im Vorstellungsgelände der Gegenwart", konkret: Silke Scheuermann und Antje Ravic Strubel getroffen. Feridun Zaimoglu lauscht Kurzzeitbeziehungsabschlussgesprächen. Und Franz Schuh erklärt, warum er mit Benjamin Blacks (d.i. John Banvilles) erstem Kriminalroman "Nicht frei von Sünde" nicht glücklich wird - und ihn im übrigen auch gar nicht für einen Kriminalroman hält.

Magazinrundschau vom 27.02.2007 - Literaturen

Der Schriftsteller Josef Haslinger hat ein Buch über den Tsunami geschrieben, den er überlebte. Im Interview spricht er über das traumatische Ereignis und die Schwierigkeit, es zu literarisieren. "Ich hatte manches in falscher Erinnerung. Die Stiege zum Verwaltungsgebäude, auf die wir zugelaufen sind und die für alle, die da raufkamen, die Rettung bedeutete, hatte ich als breiten Aufgang wie zu einem Palais in Erinnerung. Aber in Wahrheit ist die Stiege ganz schmal, und auch die Terrasse wäre viel zu schmal gewesen für alle, die hinaufwollten. Das Stromkabel, an dem ich mich festgehalten habe und das mir unter Wasser zur Rettung geworden ist, weil ich plötzlich wieder zu einer Orientierung kam - dieses Kabel hängt noch an der Fassade. Und führt, so nehme ich an, auch wieder Strom. Auch der Mauervorsprung ist noch da, auf den Edith und ich hinaufkriechen konnten. Aber jetzt sahen wir, dass er eigentlich funktionslos ist. Die einzige Funktion, die er vielleicht je hatte, war die, uns zu retten. Von oben haben Leute zusammengeknotete Betttücher heruntergelassen und uns dann hinaufgezogen."

Weiteres: Feridun Zaimoglu erzählt von einem Freund in Ankara, der den Biss der Liebe gespürt hat. Die ehemalige Bundespräsidentschaftskandidatin und Präsidentin der Europa-Universität Viadrina Gesine Schwan empfiehlt nachdrücklich Thomas Leifs Sachbuch "Beraten & Verkauft" - über die Beraterszene. In einer Doppelbesprechung rezensiert Rene Aguiah zwei Bücher zum Thema Multikulturalismus von Ian Buruma und Amartya Sen (vgl. die Debatte beim Perlentaucher, die sich an Ian Burumas Buch entzündete). In der Rubrik "Netzkarte" stellt Aram Lintzel die Website edelleute.de vor. Im Kriminal befasst sich Franz Schuh mit Hansjörg Schneiders Kriminalroman "Hunkeler und der Fall Livius". Aus London infomiert David Flusfeder über J.G. Ballards neuen Roman "Kingdom Come". Online zugänglich sind außerdem Besprechungen zu Wilhelm Genazinos neuem Roman "Mittelmäßiges Heimweh" und zu Michael Crichtons Thriller "Next".

Nur im gedruckten Heft sind Texte von Friedrich Kittler und Willi Winkler über das wichtigste Phantom der amerikanischen Literatur, Thomas Pynchon, nachzulesen.

Magazinrundschau vom 01.02.2007 - Literaturen

Sigrid Löffler stellt "Istanbul" vor, das Stadt- und Selbstporträt des Literatur-Nobelpreisträgers Orhan Pamuk, und entdeckt dabei, dass die von Staatsgründer Atatürk verordnete Hinwendung zum modernen Westen die türkische Gesellschaft keinswegs gleichmäßig erreichte und dadurch zum Kriterium des sozialen Auftstiegs wurde. "Als 'Neureiche der Republik', schreibt Pamuk, 'hatten wir unser Herrendasein nicht in erster Linie unserem Besitztum zu verdanken, sondern der Tatsache, dass wir modern und europäisch waren.' In die Wertewelt übersetzt, hieß das: Der Islam war die Dienstboten-Religion; als moderner Westler hielt man sich nicht an die Fastengebote des Ramadan, der Gebetsruf galt nicht für die Pamuks, und in die Moschee gingen nur Köche und Kindermädchen. Kurz: die laizistische, kemalistische Bourgeoisie 'fürchtet nicht Gott, sondern die Wut derer, die zu sehr an ihn glauben'."

Literaturen bedauert, dass Ingeborg Bachmanns 80. Geburtstag im Mozartjahr eher stiefmütterlich behandelt wurde und widmet ihr seinen Schwerpunkt (der jedoch leider nur im Print zu lesen ist): Frauke Meyer-Gosau begibt sich in einem langen Text auf Spurensuche, und Terezia Mora denkt über den Einfluss der Dichterin auf ihr eigenes Schreiben nach - obwohl sie sie anfangs nicht lesen mochte: "Wie alle Hypersensiblen mag ich keine anderen Hypersensiblen. Ich bin ihnen schlicht nicht gewachsen."

Weiteres: Daniela Strigl ist hingerissen von Sasa Stanisics jugoslawischem Kindheitsroman "Wie der Soldat das Grammofon reparierte" (Leseprobe). Daniel Kothenschulte stimmt ein Lob auf Regisseur Harald Bergmann an, der mit "Brinkmanns Zorn" Tonbänder des Kölner Autors Rolf Dieter Brinkmann verfilmt hat. Und Aram Lintzel hat die Webseite "Die Kantinen" entdeckt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, der einhellig verschrieenen deutschen Kantine auf den Zahn zu fühlen.