Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

570 Presseschau-Absätze - Seite 25 von 57

Magazinrundschau vom 27.06.2017 - London Review of Books

Die Bohème war kein guter Ort für Frauen, seufzt Rosemary Hill und erzählt die Geschichte der Ida Nettleship, die -  Künstlerin und Frau des Malers Augustus John - mit 30 Jahren bei der Geburt ihres fünften Sohnes starb: "Wenn auch nicht alle der Schwindsucht erlagen, hätten es viele tun können. Als die 'neue Frau' in den 1890er Jahren 'bewaffnet Ibsens Hirn' entsprang, wie Max Beerbohm schrieb, folgten ihre Lebensläufe einem Muster. In dem Wunsch, sich von sozialen und sexuellen Konventionen zu befreien und als Künstlerinnen unter Künstlern zu leben, fanden sie sich keineswegs in einer neuen Welt wieder, sondern in einem Spiegelbild der alten, mit noch mehr Zwängen und weniger Komfort. Selten erfüllten sich die Hoffnungen auf eine Karriere. Der Mann der Bohème hat die Frau als Muse und Modell verherrlicht, aber er fühlte sich auch von den bourgeoisen Verpflichtungen befreit, treu zu sein und Geld zu verdienen; nur selten war er allerdings so unkonventionell, sich um den Haushalt oder die Kinder zu kümmern. In der Bohème war eine Frau mit Kindern genauso an den Herd gefesselt wie eine Rechtsanwaltsgattin, allerdings ohne die Sicherheit und das Personal, über das ein Mittelstandshaushalt gebieten konnte. Und die Türen zu einem respektablen Leben waren ihr ein für alle Mal verschlossen."

Weiteres: Colin Kidd und Malcolm Petrie fürchten nach dem Brexit um den Zusammenhalt des multinationalen Britanniens. Greg Gardin liest Ignacio Ramonets Hugo-Chavez-Biografie.

Magazinrundschau vom 13.06.2017 - London Review of Books

In Gaza hat die Verzweiflung der Menschen eine neue Stufe erreicht, glaubt Sara Roy nach einem Besuch in dem abgeriegelten Palästinensergebiet. Der ökonomische Druck unter Israels Blockade, aber auch die Rivalität von Hamas und PLO haben zu einem völlig neuen Ausmaß an Hoffnungslosigkeit, Korruption und Patronage geführt: "Der größte Quell politischer Spannungen zwischen der Hamas-Regierung in Gaza und der palästinensischen Autonomiebehörde in der Westbank ist die Weigerung von Präsident Abbas, die Gehälter für die Angestellten der Hamas-Regierung zu bezahlen... Abbas Weigerung ist umso bitterer, weil er volle Gehälter - zwischen 500 und 1.000 Dollar im Monat, eine hohe Summe in Gaza - an die Angestellten zahlt, die für die PA arbeiteten, bevor die Hamas die Kontrolle über das Gebiet übernahm. Diese Leute werden bezahlt, um nicht für die Hamas zu arbeiten, die PA kosten die Zahlungen 45 Millionen Dollar im Monat, Geld, das größtenteils aus Saudi-Arabien, der EU und den USA kommt. Leute dafür zu bezahlen, dass sie nicht arbeiten, hat Gazas zutiefst ungleicher Ökonomie eine weitere Verzerrung hinzugefügt. Jetzt hat Abbas diese Zahlungen allerdings um 30 bis 70 Prozent gekürzt, um Druck auf die Hamas auszuüben, die Kontrolle über Gaza aufzugeben: 'Entweder gibt die Hamas uns Gaza zurück, drohte Abbas, 'oder sie werden die volle Verantwortung für die Menschen übernehmen müssen.'"

Weiteres: Ian Jack arbeitet sich durch die neuestes Bücher der härtesten Brexiteers. Frederic Jameson liest noch einmal "Hundert Jahre Einsamkeit", mit dem Gabriel Garcia Marquez vor fünfzig Jahren die lateinamerikanische Literatur auf die literarische Weltkarte katapultierte. James Wood streift mit Thomas Hardy durch London.

Magazinrundschau vom 20.06.2017 - London Review of Books

Siebzig Jahre lang ist der Hunger in der Welt zurückgegangen, doch in diesem Jahr hat sich die Entwicklung umgekehrt. In Nigeria, Somalia, Südsudan und Jemen drohen vier Hungersnöte gleichzeitig, und an keiner einzigen ist die Dürre schuld, betont Alex de Waal. Verantwortlich seien Kriege und bewusste Entscheidungen der Militärs, humanitäre Hilfe zu blockieren: "Die größte Katastrophe steht dem Jemen bevor. Lassen Sie sich nicht von Bildern täuschen, die hungrige Menschen in trockenen Landschaften zeigen, das Wetter hat nichts zu tun mit dem Hunger. Im Jemen leiden mehr als sieben Millionen Menschen Hunger. Wesentlich mehr drohen durch Hunger und Krankheit zu sterben als in Schlachten und Luftangriffen. Die von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten geführte Intervention hat die Wirtschaft des Landes abgewürgt. Vor dem Krieg wurden achtzig Prozent der Lebensmittel im Jemen importiert, meist über den Hafen von Hudaida am Roten Meer. Auf Beharren Saudi-Arabiens und mit Unterstützung der USA und Großbritannien hat der UN-Sicherheitsrat eine Blockade über den Jemen verhängt. Auch wenn es eine Ausnahme für Lebensmittel gibt, sind die Inspektionen langsam und mühevoll."

Die britischen Wahlen wurden von einigen Linken als erste Wahl nach dem Brexit gedeutet und eigentlich auch gefeiert, als hätte der Brexit die nationale Politik von Brüssel befreit. David Runciman hält dem entgegen, dass es keine Post-Brexit-Wahl war: "Es war eine Wahl Post-Referendum, Prä-Brexit. Der Brexit war in keiner Weise geregelt, als die Wahlen ausgerufen wurden, und die Ergebnisse werden nicht zu seiner Regelung beitragen. Corbyns Erfolg rührte zum Teil aus seiner Fähigkeit, genau dies zu suggerieren. Die Labour-Partei schaffte es, das Problem Brexit zu parken, indem sie ihn als Tatsache anerkannte und gleichzeitig andeutete, dass noch alles möglich sei. So konnte sich die Partei auf andere Fragen konzentrieren, vor allem den wachsenden Unmut der Bevölkerung über die Austerität, und die Aufmerksamkeit auf die Unterschiede der beiden Parteiführer lenken... Indem Corbyn nicht über den Brexit sprach, klang er, als wüsste er, was er tut. Bei May war es genau umgekehrt. Das sind die Unwägbarkeiten eines Wahlkampfs."

Magazinrundschau vom 30.05.2017 - London Review of Books

Elaine Mokhtefi erzählt, wie sie 1969 zusammen mit Eldridge Cleaver die Black Panther nach Algerien brachte: "Cleaver war groß - er erschien mir hoch aufragend - und sexy, mit einem perfekt entwickelten Sinn für Humor und ausdrucksstarken grünen Augen. Wie hatten ein Verhältnis, keinen Sex, aber viel Vertrautheit. Als die Cleavers ankamen, arbeitete ich im Informationsministerium daran, das erste Panafrikanische Kulturfestival zu organisieren, das Musiker, Tänzer, Schauspieler und Intellektuelle aus allen afrikanischen Ländern und der schwarzen Diaspora zusammenbringen sollte, darunter auch die Panther aus den USA- Über eine Woche waren die Straßen Algier überfüllt, die Konzerte dauerten den ganzen Tag über und reichten bis in die frühen Morgenstunden. Archie Shepp, Miriam Makeba und Oscar Peterson traten auf, Nina Simones erstes Konzert mussten wir absagen, nachdem Miriam Makeba und ich sie sternhagelvoll in ihren Hotelzimmern aufgefunden hatten. Die algerischen Helfer waren schockiert: Sie hatten noch niemals eine betrunkene Frau gesehen... Cleaver und seine Gefährten - die meisten waren vor der amerikanischen Justiz auf der Flucht - waren schnell in die kosmopolitische Gemeinde der Befreiungsbewegungen integriert. Dabei bekamen die Panther nicht mit oder vielleicht kümmerte es sie auch nicht, dass Algerien selbst eine konservative, verschlossene Gesellschaft war, in der Frauen keinerlei Freiheiten besaßen, dass in der Bevölkerung ein anti-schwarzer Rassismus herrschte und dass das algerische Establishment für seine Großzügigkeit von der Gegenseite gewisse Verhaltensnormen verlangte. Die Panther ignorierten alles, womit sie nicht umgehen wollten."

Weiteres: John Lanchester erkundet in Sachen sozialer Ungleichheit den Londoner Wahlkreis Vauxhall, in dem die Lebenserwartung neun Jahre unter der des Nachbarbezirks Victoria liegt, aber chinesische Investoren neben dem MI6 gigantische Luxuswohntürme bauen dürfen (Über die katastrophale Wohnsituation in London gibt es auch eine große Recherche im Guardian). Andrew O' Hagan beklagt nach der Lektüre von Adrian Addisons "Mail Men" den Niedergang der britischen Boulevardblätter, besonders der Daily Mail, die noch nie besonders zuverlässig waren, dafür meist recht komisch und einfallsreich. Heute machen sie nur noch Jagd auf Menschen, die sie beschämen und bestrafen können.

Magazinrundschau vom 16.05.2017 - London Review of Books

Das Verständnis des ohnehin rätselhaften Phänomens Nordkorea wird noch erschwert durch unsere Ignoranz seiner Geschichte und der Leiden der Bevölkerung in den Kriegen gegen die Japaner und die Amerikaner, schreibt der Ostasienhistoriker Bruce Cumings: "Die Geschichte des Widerstands von Kim Il-sung gegen die Japaner ist im Norden von Legenden und Übertreibungen umrankt, während der Süden sie verdrängt. Aber er war erkennbar ein Held: Er kämpfte ein Jahrzehnt lang unter den harschesten Winterbedingungen, mit Temperaturen die auf bis zu minus fünfzig Grad fallen konnten. Die jüngste Forschung hat gezeigt, dass Koreaner die große Mehrheit der Guerrillakämpfer im Mandschukuo, dem von den Japanern errichteten Puppenregime, bildeten, auch wenn viele von ihnen von chinesischen Offizieren kommandiert wurden (Kim war ein Mitglied der Kommunisischen Partei Chinas)."

Cumings (dem laut Wikipedia manche Kollegen ein apologetisches Verhältnis zu Nordkorea nachsagen) hatte bereits 2004 in der taz ausführlich über den Napalm-Krieg der Amerikaner gegen Nordkorea 1950-53 geschrieben, dem Hunderttausende Zivilisten zum Opfer fielen. Sämtliche Städte wurden zerstört.

Magazinrundschau vom 02.05.2017 - London Review of Books

Mit ihrem Buch "The New Jim Crow" hat Michelle Alexander eine Art Bibel für die neue Bürgerrechtsbewegung geschrieben. Sie beschreibt darin die Masseninhaftierung junger schwarzer Männer als Fortsetzung der alten Segregation unter legalistischen Vorzeichen. Adam Shatz empfiehlt dringend als Antwort darauf das Buch "Locking Up Our Own" des Yale-Juristen James Forman, der nicht glaubt, dass mit dem Krieg gegen Drogen ein System der Unterdrückung intendiert war, es sei vielmehr unabsichtlich  und mit der Unterstützung einer verzweifelten Bevölkerung entstanden: "Die Masseninhaftierungen Anfang der siebziger Jahre wurden natürlich angetrieben von weißer Angst vor schwarzem Verbrechen. Aber die Furcht vor Kriminalität war nicht auf Weiße beschränkt, und die Schwarzen in den Innenstädten hatten noch mehr Grund dazu: Sie lebten in armen Gegenden, in denen Kriminalität verbreitet war und die Polizei oft abwesend. Die weißen Verteidiger der Polizei - Blue Lives Matter - behaupten oft, dass Schwarze nur gegen die Gewalt der Polizei protestieren, nicht aber gegen die schwarzer Kriminelle. Das Gegenteil sei richtig, meint Forman: 'Schwarze Amerikaner haben den Schutz von schwarzem Leben immer als eine Frage der Bürgerrechte betrachtet, egal ob die Bedrohung von Polizisten oder von Straßengangstern ausging.' Zu wenig Polizei, die systematische Vernachlässigung von schwarzer Sicherheit, hat sie genauso verärgert wie zu viel Polizei: Schikanen, Brutalität, grundlose Erschießungen. Forman erinnert uns an etwas, das bei Alexander untergeht: 'Das erschreckende Maß an Schmerz, Wut und Furcht, das die schwarzen Communities während der Heroin-Epidemie in den späten Sechzigern beherrschte. Im Juni 1969, schreibt Forman, waren 45 Prozent aller Männer in den Gefängnissen von Washington DC heroinabhängig, zwei Jahre später gab es in der Hauptstadt fünfzehn Mal mehr Abhängige als in ganz England."

Weiteres: Ghaith Abdul-Ahad schildert aus dem Irak den Kampf um Mossul. Tim Parks liest ein Buch über den Erfolg von Victor Hugos "Les Misérables". Und Nicholas Penny besucht eine Ausstellung in der Tate Britain mit Werken der Prä-Raphaeliten auf Papier.

Magazinrundschau vom 11.04.2017 - London Review of Books

Dem durchschnittlichen Briten geht heute schlechter als vor der Finanzkrise, dem durchschnittlichen Polen dagegen deutlich besser. James Meek sieht da einen Zusammenhang und gibt auch der EU die Schuld daran. Als Beleg erzählt er die Geschichte des Schokoladenherstellers Cadbury, der 2007 von einem Tag auf den anderen seinen fünfhundert Arbeiter verkündete, dass "ihre gutbezahlten, unbefristeten Jobs mit Rentenansprüchen" in eine neue Fabrik nach Polen verlagert werden. Cadbury ist nicht nur nach Polen gegangen, weil die Löhne dort niedriger sind, sondern weil der Firma dort in einer Sonderwirtschaftszone umfangreiche Begünstigungen gewährt wurden, ein System, das die EU in ganz Osteuropa erlaubt und das etliche großen Konzerne nutzen: "In der optimistischen Version der Cadbury-Geschichte war es zwar ein Fehler der EU, dass Polen Cadbury mit Subventionen anlocken durfte. Doch auf lange Sicht werden alle profitieren und Europa insgesamt. Osteuropa wird reicher und zieht mit Westeuropa gleich, dann gibt es 500 Millionen, die arbeiten und kaufen, statt vierhundert Millionen Menschen plus hundert Millionen, die arbeiten und Schlange stehen. Ein größerer Markt für alle, eine friedliche Wohlstandsgemeinschaft, Schwerter zu Schokoriegeln. Der größte Makel in dieser Version ist, dass am Ende der Somerdale-Skarbimierz-Unternehmung die neuen Jobs schlechter sind als die alten in Somerdale. Selbst wenn man annimmt, dass alle Arbeiter in Somerdale und ihre Kinder vergleichbare Jobs mit geringer Qualifikation finden, werden sie niemals so gut bezahlt sein und, noch wichtiger, sie werden niemals die gleichen großzügigen Renten erhalten."

Weiters: Nur Hohn und Spott hat Jeremy Harding für die Schöngeister übrig, die wie Ronald Raphael mit seinem Buch "Borderwall as Architecture" die Grenze zwischen den USA und Mexiko zu etwas Verbindendem machen wollen, zu einem Kunstprojekt oder auch einem mit Kakteen umkränzten Radweg für sorglose Outdoorer. Julian Barnes fragt bang, ob die Welt jetzt die Briten hasst.

Magazinrundschau vom 28.03.2017 - London Review of Books

Sheila Fitzpatrick, die in den siebziger Jahren eine Geschichte der Russischen Revolution geschrieben hat, wundert sich, wie wenig Bedeutung diese heute noch hat. Schwer vorstellbar, dass Eric Hobsbawm die Russische Revolution noch in den achtziger Jahren als wichtigsten Ereignis des 20. Jahrhundert bezeichnen konnte - und von Marxisten ebenso wie Revisionisten Recht bekam. Und heute? "Nichts scheitert wie das Scheitern. In den Unmengen neuer Bücher über die Revolution behaupten nur wenige ihre anhaltende Bedeutung und wenn, dann klingt es wie eine Entschuldigung. Tony Brenton repäsentiert wahrscheinlich den neuen Konsens, wenn er sie als 'eine der großen Sackgassen der Geschichte' bezeichnet, 'dem Inkareich ähnlich'. Vor allem aber sieht die Revolution, der alten marxistischen Größe historischer Notwendigkeit entkleidet, mittlerweile aus wie ein Unfall. Arbeiter  - Erinnert sich jemand daran, dass die Leute einst leidenschaftlich darüber stritten, ob es eine Arbeiter-Revolution war? - wurden von von der Bühne gestoßen, von Frauen und den Nicht-Russen aus den Grenzgebieten des Reiches. Sozialismus ist so sehr zu einer Fata Morgana geworden, dass es höflicher erscheint, ihn nicht zu erwähnen. Und wenn es eine Lehre zu zu ziehen gälte, dann die deprimierende, dass Revolutionen alles nur noch schlimmer machen, besondern in Russland, denn hier führen sie zu Stalinismus."

Weiteres: Daniel Soar stellt die teuerste Waffe der Welt vor: Der Joint Strike Fighter ist so gut getarnt, dass selbst Abwehrsysteme glauben, es seien Raketen abgefeuert worden. Israel hat ihn gerade erfolgreich in Syrien getestet. Susan Mckay erkundet das irisch-nordirische Grenzgebiet, das mit Bangen dem Brexit und der Einführung von Kontrollen entgegensieht. Außerdem zu lesen ist Iain Sinclairs große LRB-Lecture "The Last London". Und: Alice Spawls besucht die Cy-Twombly-Ausstellung im Centre Pompidou.

Magazinrundschau vom 14.03.2017 - London Review of Books

Jeremy Harding blickt auf den französischen Wahlkampf, der auf ein Duell zwischen Marine Le Pen und Emmanuel Macron hinauszulaufen scheint. Dass Macron den Kolonialismus als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet hat, hat dem Wahlkampf echten Zündstoff gegeben, doch in Hardings Augen macht das den ultraliberalen Macron noch nicht zu einem überzeugenden Kandidaten: "Alles an Macron zeugt mehr von Persönlichkeit als von einem Programm. En Marche! ist ganz auf seine Person zugeschnitten, dabei gar nicht nicht mehr nur eine Bewegung, sondern eine Partei (die Zahl ihrer Mitglieder wird mit 200.000 angegeben, liegt aber wahrscheinlich niedriger). Doch wie der Politikwissenschaftler Fabien Escalona kürzlich in Mediapart schrieb, ähnelt 'En Marche!' einem enthusiastischen Startup, das von den unternehmerischen Talenten seines Chefs und der 'Firmenkultur' zusammengehalten wird. Ein Vorbild für dieses Phänomen konnte Escalona in Frankreich allerdings nicht finden, ihn erinnert das stattdessen an die Gründung der Forza Italia 1993."

Theresa May erweckt stets den Eindruck, als würde sie jede Aufgabe, die ihr angetragen wird, gewissenhaft erfüllen. Nun hat man ihr den Brexit auf den Tisch gelegt, also erledigt sie den Brexit, Politik ist schließlich kein Spiel. David Runciman hat die gut recherchierte May-Biografie von Rosa Prince gelesen und entdeckt ganz andere Seiten an der Politikerin, die ihre Widersacher aus David Camerons Kabinett ziemlich kühl abservierte: "Durch den radikalen Bruch mit der Regierung ihres Vorgängers hat Theresa May den Eindruck geschaffen, sie sei nicht nur seine Nemesis, sondern sein Gegensatz. Cameron war ganz die charmant-jungenhafte Unbekümmertheit der Upperclass, mit sicherem Instinkt und der Hilfe seiner vernetzten Kameraden hielt er sich immer oben. May ist ernst und fleißig, sie scheint weniger opportunistisch und bereit, die Dinge nach ihrem Wert zu bemessen... Doch May ist eher Camerons Spiegelbild als seine Antithese. Politik ist für sie genauso eine persönliche Angelegenheit wie für ihn. Ihre Beziehungen gründen auf der Tugend der Beharrlichkeit, seine auf dem Vorteil, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Er brilliert bei der Abschlussprüfung, sie macht ihre Hausaufgaben. Das macht sie nicht zu einer Politikerin mit Substanz und ihn zu einem Mann der günstigen Gelegenheit. Beide sind Opportunisten. Ihr Führungsstil beruht sogar noch mehr auf Persönlichkeit. Denn wenn Politik ein Spiel ist, gelten immerhin einige Regeln."

Außerdem zu lesen ist Mary Beards LRB-Lecture, die in einem heiteren Mix aus Mythos, Politik und Geschichte über Frauen an der Macht erzählt: "Von Medusa bis Merkel".

Magazinrundschau vom 28.02.2017 - London Review of Books

Die interessantesten Beiträge zum Anthropozän kommen von Autoren, die den Begriff ablehnen, meint dagegen Benjamin Kunkel in seinem kilometerlangen Essay zum Thema: Für Ökomarxisten wie Jason Moore ("Capitalism in the Web of Life") und Andreas Malm ("Fossil Capital") sei die menschliche Spezies kein handelndes Subjekt, und anthropologische Konstanten wie Werkzeuge, Städte oder Schrift können den Klimawandel beschleunigen, aber sie sind nicht die Ursache. "Für Moore liegt der Fehler darin, dass die Rede vom Anthropozän die Menschheit als eine homogene Handlungseinheit darstellt, wo Menschen doch niemals in einem ursprünglichen Zustand auftreten. Es gibt sie nur in spezifischen historischen Gesellschaftsformen, die durch ihre jeweiligen gesellschaftlichen Besitzverhältnisse definiert sind und ganz unterschiedlich über die 'nicht-menschliche Natur' verfügen. Theorien, denen zufolge das Anthropozän vor zehntausend Jahren begonnen hat, sagen nichts über die ökologische Dynamik der letzten Jahrhunderte; Theorien dagegen, die das Anthropozän auf die Zeit des merkantilen, industriellen oder Nachkriegskapitalismus datieren, ignorieren entweder die spezifischen Ursprünge dieser Periode oder erkennen sie, analysieren sie aber nicht. Der Begriff vom Anthropozän ist nur vordergründig von Reiz, weil er zwar periodisiert, aber über den entscheidenden historischen Gehalt hinwegtäuscht. Moore schlägt vor, das Anthropozän in Kapitalozän umzubenennen, denn der Aufstieg des Kapitalismus nach 1450 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des menschlichen Verhältnis zum Rest der Natur, der einschlägiger ist als alle anderen historischen Wasserscheiden seit dem Beginn der Landwirtschaft."

Sehr dankbar liest Barbara Newman Leonora Nevilles Biografie der byzantinischen Kaisertochter Anna Komnene, die neben Roswitha von Gandersheim und Christine de Pizan eine der wenigen Historikerinnen des Mittelalters war. Allerdings wurde sie lange Zeit von ihren männlichen Kollegen diskrediert, die ihr seit dem Chronisten Niketas Choniates und ohne jeden Beleg vorwarfen, sich gegen ihren Bruder verschworen zu haben: "In Annas Fall war nicht das Problem, dass Edward Gibbon, Charles Diehl und andere versäumten, die Voreingenommenheit des Choniates' zu bemerken, sondern dass sie sie teilten. Eine Frau, die unerschrocken genug war, sich an die Geschichtsschreibung zu wagen, an die männlichste aller Gattungen, muss auch so machthungrig gewesen sein, dass sie sogar wünschte, wie Choniates behauptete, 'Glied und Hoden' zu haben."

Außerdem: Tony Wood beleuchtet das verkorkste Verhältnis zwischen Russland und dem Westen. Gavin Francis schreibt über das britische Gesundheitssystem in der Krise.