
Die interessantesten Beiträge zum Anthropozän kommen von Autoren, die den Begriff ablehnen,
meint dagegen
Benjamin Kunkel in seinem kilometerlangen Essay zum Thema: Für Ökomarxisten wie
Jason Moore ("Capitalism in the Web of Life") und
Andreas Malm ("Fossil Capital") sei die menschliche Spezies
kein handelndes Subjekt, und anthropologische Konstanten wie Werkzeuge, Städte oder Schrift können den Klimawandel beschleunigen, aber sie sind nicht die Ursache. "Für Moore liegt der Fehler darin, dass die Rede vom Anthropozän die Menschheit als eine
homogene Handlungseinheit darstellt, wo Menschen doch niemals in einem ursprünglichen Zustand auftreten. Es gibt sie nur in spezifischen historischen Gesellschaftsformen, die durch ihre jeweiligen gesellschaftlichen Besitzverhältnisse definiert sind und ganz unterschiedlich über die 'nicht-menschliche Natur' verfügen. Theorien, denen zufolge das Anthropozän vor
zehntausend Jahren begonnen hat, sagen nichts über die ökologische Dynamik der letzten Jahrhunderte; Theorien dagegen, die das Anthropozän auf die Zeit des
merkantilen, industriellen oder Nachkriegskapitalismus datieren, ignorieren entweder die spezifischen Ursprünge dieser Periode oder erkennen sie, analysieren sie aber nicht. Der Begriff vom Anthropozän ist nur vordergründig von Reiz, weil er zwar periodisiert, aber über den entscheidenden historischen Gehalt hinwegtäuscht. Moore schlägt vor, das Anthropozän in
Kapitalozän umzubenennen, denn der Aufstieg des Kapitalismus nach 1450 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des menschlichen Verhältnis zum Rest der Natur, der einschlägiger ist als alle anderen historischen Wasserscheiden seit dem Beginn der Landwirtschaft."
Sehr dankbar
liest Barbara Newman
Leonora Nevilles Biografie der byzantinischen Kaisertochter
Anna Komnene, die neben Roswitha von Gandersheim und Christine de Pizan eine der wenigen
Historikerinnen des Mittelalters war. Allerdings wurde sie lange Zeit von ihren männlichen Kollegen diskrediert, die ihr seit dem Chronisten
Niketas Choniates und ohne jeden Beleg vorwarfen, sich gegen ihren Bruder verschworen zu haben: "In Annas Fall war nicht das Problem, dass Edward Gibbon, Charles Diehl und andere versäumten, die Voreingenommenheit des Choniates' zu bemerken, sondern dass sie sie teilten. Eine Frau, die
unerschrocken genug war, sich an die Geschichtsschreibung zu wagen, an die männlichste aller Gattungen, muss auch so
machthungrig gewesen sein, dass sie sogar wünschte, wie Choniates behauptete, 'Glied und Hoden' zu haben."
Außerdem: Tony Wood
beleuchtet das verkorkste Verhältnis zwischen Russland und dem Westen. Gavin Francis
schreibt über das britische Gesundheitssystem in der Krise.