
Nun also auch auf Deutsch: Der
Merkur hat den furiosen und bereits heftig diskutierten Essay von
Avishai Margalit und
Ian Buruma über den
Okzidentalismus aus der
New York Review of Books in seine April-Ausgabe übernommen. Darin
erklären die beiden Autoren, dass sich alle
antiliberalen Bewegungen im
Hass auf den
Westen treffen, auf das
Bürgerliche, die
Vernunft, die Gleichberechtigung der
Frau, vor allem aber auf die
Stadt: "Aufstände gegen den Liberalismus sind fast immer mit einem tiefen Hass auf die Stadt verbunden, mit einem Hass auf alles, was zur
urbanen Zivilsation gehört:
Kommerz, Menschen verschiedener Herkunft, Freiheit der
Kunst, sexuelle
Freizügigkeit, wissenschaftliche Bestrebungen, Freizeit, persönliche Sicherheit, Wohlstand und die
Macht, die damit gewöhnlich einhergeht. Mao Tse-Tung, Pol Pot, Hitler, japanische Agrarfaschisten und natürlich
Islamisten haben allesamt das einfache Leben des
biederen Bauern gepriesen, der da rein im Herzen ist, nicht durch die Vergnügungen der Stadt verdorben, an harte Arbeit und
Selbstverleugnung gewohnt, erdverbunden und
obrigkeitshörig." (Das Original ist
hier zu lesen)
Dazu gestellt (aber nicht ins Netz) ist ein Text von Siegfried Kohlhammer aus "Die Feinde und die Freunde des Islam" von 1996 über
Edward Saids Buch "Orientalismus", dem Margalit und Buruma ihre Thesen quasi entgegenstellen. Said hatte die Unterscheidung von
Ost und
West, die Behauptung der
Differenz, zum Sündenfall der Orient-Wissenschaften erklärt, die allein einem westlichen
Dominanzstreben geschuldet sei. Kohlhammer wundert sich, wie dieses
antiwissenschaftliche Buch mit "Gemeinplätzen von der Stange" ("Wissen ist Macht") so erfolgreich sein konnte.
Rudolf Helmstetter
denkt darüber nach, warum seit
Nietzsche Denker den Gedanken an Publizität scheuen - also über
feuilletonistischen Selbsthass: "Der spätere schärfste Kritiker der
Publizisten war früher selbst einer. Daran ist nichts ehrenrührig, merkwürdig und bedauerlich ist nur, dass er zugleich die geistesaristokratische
Ablehnung der
Massenmedien kultiviert hat, die bis heute intellektuelle
Distinktion beansprucht."
Weitere Artikel: Der Historiker
Karl Schlögel bemerkt, dass mit dem 11. September der
Raum in die Geschichte zurückgekehrt ist. Virilio ade: "Wir sind durch alle kulturellen Vermittlungen hindurch daran erinnert worden, dass
nicht alles
Zeichen, Symbol, Simulacrum,
Text ist, sondern
Stoff Materie, Baumaterial Masse." Carl Nedelmann erklärt, dass es keinen guten Grund gibt, am
Cannabisverbot festzuhalten. Joachim Oltmann schreibt über den
ewigen Krieg. Und Mariam Lau meint, dass von der
Mafia nur noch ein
arthritischer Seufzer bleiben wird, wenn man die Sopranos betrachtet oder die Tatsache, dass selbst die großen Familien heute geklaute
Viagra-Tabletten verkaufen. Außerdem finden sich Texte zu Arthur Schnitzler, Heinz Rühmann, Paul und Gisele Celan, zu Antisemitismus und der Ohnmacht der Geisteswissenschaften.