Magazinrundschau - Archiv

Merkur

240 Presseschau-Absätze - Seite 24 von 24

Magazinrundschau vom 02.12.2002 - Merkur

Hans-Ulrich Treichel schreibt über das Schreiben und über das Glück, nicht nach dem Sinn, sondern nach dem Stil zu fragen, und die wenigen Begleitumstände, die der literarischen Tätigkeit ihren Reiz nehmen können: Leserbriefe etwa, in denen erst eifrig gelobt wird, um dann besser Vermittlerdienste für das eigene Werk einfordern zu können ("Es darf auch ein Suhrkamp-Buch sein"), oder die berüchtigten Fragen an den Autor "Was haben Sie eigentlich gegen Ostwestfalen?" oder "Warum schreiben Sie". Aber schließlich gibt Treichel doch die Antwort: "Wenn ich mich heute selber fragen würde, warum ich schreibe, dann würde ich sagen, dass ich auch deshalb schreibe, weil ich es nicht ertrage, noch immer aus dem imaginären Fenster meines Zimmers im ostwestfälischen Elternhaus auf die nur mäßig befahren Kreuzung, die Apotheke, den Eisenwarenladen und den neben der Bushaltestelle angebrachten CVJM-Mitteilungskasten zu schauen, dabei von der bodenlosen Traurigkeit eines Zwölfjährigen erfüllt zu sein und diese mit niemandem teilen zu können."

Rainer Paris erklärt in der Kolumne "Soziologie" die melancholische Kaltschnäuzigkeit zur Grundtugend seines Fachs.

Im Print beklagt Karl Heinz Bohrer die deutsche Stillosigkeit: Studenten kommen mit Pizza in den Hörsaal, PDS-Abgeordnete demonstrieren im Bundestag gegen die USA, und der Spiegel macht zum 50-jährigen Thronjubiläum von Queen Elizabeth die britische Monarchie lächerlich. Nirgends Geschmack, Stil, Ausdruck! Nirgends Maniera! Des weiteren finden sich Texte zur Psychoanalyse der Bildenden Kunst, zur Lage der Poesie, zu Claude Simons und Heinrich Böll, und zwei Erzählungen von Undine Gruenter.


Magazinrundschau vom 04.11.2002 - Merkur

Diesmal druckt die Zeitschrift für europäisches Denken schön viele Artikel von amerikanischen Autoren nach, die mit Abstand lohnendste Lektüre aber ist Tony Judts Kritik am amerikanischen Unilateralismus. Judt befürchtet, dass die USA sich selbst zum schlimmsten Feind werden, wenn sie ihre Partner nicht besser behandelten. "Macht und Einfluss Amerikas sind zur Zeit sehr fragil, weil sie auf einem einmaligen und unersetzlichen Mythos beruhen: auf der Vorstellung, dass die Vereinigten Staaten für eine bessere Welt stehen und für alle, die nach ihr suchen, noch immer eine wirkliche Hoffnung bedeuten. Die wahre Bedrohung Amerikas - und die Bush-Regierung hat noch nicht einmal angefangen, das zu begreifen - besteht darin, dass dieser Mythos angesichts einer pflichtvergessenen und gleichgültigen Haltung verblassen könnte und dass 'große Teile der Schlüsselgesellschaften sich gegen die USA und die globalen Werte des freien Handels und der freien Gesellschaft wenden könnten', wie Michael Mazarr im Washington Quarterly befürchtete. Das würde das Ende dessen bedeuten, was wir ein halbes Jahrhundert unter dem Westen verstanden haben." (Das Original steht hier)

Weiteres: Richard Rorty und die amerikanische Linke haben eine Lichtgestalt entdeckt: Joschka Fischer und ihn schon zum ersten Präsidenten der Weltregierung gewählt: "Wir hoffen", schreibt Rorty "auf den großen charismatischen Internationalisten, der die EU hinter sich bringt und den USA zu verstehen gibt, dass nicht immer alles nach ihrem Willen läuft." Und natürlich, dass er die Welt rettet. Der Brite Bruce Anderson sieht ein neues russisch-amerikanisches Bündnis sich anbahnen und Europa im diplomatischen Turnier in die zweite Liga absteigen. Die Schuld daran gibt er dem kontinentaleuropäischen Antiamerikanismus (das Original steht hier). Gadi Taub stemmt sich gegen den Postzionismus und die Amerikanisierung Israels. In der Debatte um die Vertreibungen fragt Ulrike Ackermann, ob "angesichts der Kollision nationaler Gedächtnisse ein Vergessen zugunsten der Zukunft" droht, "eine europäische Integration um den Preis der Amnesie". Claus Koch gibt Anleitungen zum "aufgeklärten Katastrophismus". In den Kolumnen verneigt sich Richard Klein vor Bob Dylan.

Magazinrundschau vom 23.09.2002 - Merkur

Das diesjährige Doppelheft widmet sich dem Lachen, und da der Merkur in ihm nicht weniger als die westliche Zivilisation begründet sieht, ist dies eine ernsthafte Angelegenheit. "Wo in der Öffentlichkeit über die Mächtigen gelacht wird, wo Presse und Medien auch über die in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft Bestimmenden lachen, wo sogar die Religion und Gott zum Gegenstand des Gelächters werden können", heißt es im Editorial, "da befinden wir uns mit Sicherheit im Westen, jedenfalls in einer Demokratie, und das ist, mit wenigen Ausnahmen, das gleiche".

Harald Martenstein geht - entgegen aller Erwartung - gar nicht mit der Spaßgesellschaft ins Gericht, sondern vor allem mit ihren intellektuellen Kritikern, die in ihr eine totalitäre Gesellschaftsform, wenn nicht gar einen Vergnügungsfaschismus wähnen. Martenstein vermutet hinter der Aversion gegen die Spaßgesellschaft unter anderem verletzte Eitelkeit einer vom Volk geschmähten Kulturkritik: "Das 20. Jahrhundert kann man als lange, heftige und letztlich unglückliche Liebesaffäre zwischen den Intellektuellen und dem Volk beschreiben. Die einen wollten die anderen befreien, sie auf den Thron setzen, ihnen die Welt zu Füßen legen. Aber das Volk war eine misstrauische und undankbare und vor allem sehr egoistische Geliebte. Das ist ja das Dumme an der Demokratie: das Volk setzt Maßstäbe. Es sagt: Gefall mir, oder lass mich in Ruhe. Nein, die Intellektuellen werden vom Souverän, dem Volk der Spaßgesellschaft, weder geliebt noch gebraucht, und das nehmen sie dem Volk übel."

Martin Seel liefert eine ganz und gar ernst gemeinte Phänomenologie des Humors, seiner moralischen Grundlagen und politischen Bedeutung: Denn für Seel ist Lachen über sich selbst, die Bereitschaft, die eigene Position zur Disposition zu stellen, das Herzstück der Demokratie. Außerdem ist Robert Gernhardt "Lied vom Lachen" zu lesen.

Im Print finden sich noch eine Menge weiterer lesenswerter Texte: etwa über die Philosophie des Lachens, über Individualismus und Freiheitlichkeit des englischen Humors (vor dem sich Karl Heinz Bohrer ehrfurchtsvoll verneigt), über das Menschrecht auf Spaß, kurze Röcke und Küsse in der Öffentlichkeit, über Homerisches Gelächter und die Frage, warum Götter lachen, Gott jedoch nicht, oder über Lachkrämpfe und deutsche Humorlandschaften.

Magazinrundschau vom 05.08.2002 - Merkur

Eine recht müde, polemikfreie Sommerausgabe präsentiert der Merkur im August. Ralf Dahrendorf immerhin beweist Haltung und gibt den etablierten Parteien die Schuld am Erfolg von Le Pen, Bossi, Haider, Kjaersgaard, Schill und Co. Alle die neuen Populisten in Europa seien die Antwort auf die Verharzung der politischen Apparate, meint Sir Ralf und geht mit den Parteien zu Gericht: "Parteien waren immer schon Mechanismen zum Machterwerb und zur Machterhaltung, aber lange Zeit waren sie als solche mit den Wählern verbunden. Jetzt ist die Nabelschnur zum Volk gerissen. Was bleibt, sind nur noch Machtmaschinen ... Die Apparate, denen das Volk verloren gegangen ist, brauchen nun finanzstarke Sponsoren, um am Leben zu bleiben. An die Stelle von Macht und Volk treten Macht und Geld."

Tobias Plebuch sieht gute Chancen für die Musikwissenschaft, sich von Adorno zu erholen. Er selbst ist sozusagen endlich entgiftet und plädiert für eine hörzentrierte Musikästhetik, die mit dem Vorurteil aufräumt, dass Hören einfacher sein soll als Komponieren.

Nur im Print: Der Kunstwissenschaftler Hans Belting sieht die Museen in einer schweren Sinnkrise und empfiehlt ihnen mehr Inhalt und weniger Inszenierungen, mehr Reflexion und weniger Sensation. Tilman Krause bemerkt eine Renaissance preußischer Bürgerlichkeit und fragt sich, wie Großmama und Großpapa das wohl gefunden hätten ("Sie hätten nach der Leistung gefragt, die der neuen Repräsentationskultur zugrunde liege. Und Großmama hätte noch gesagt: 'Wer nur an die Form sich klammert, zeigt, dass er sie nicht beherrscht'").

Michael Jeismann sieht den Nahostkonflikt in seinem "Konglomeratcharakter" von Region, Religion, Nation und Vereinten Nationen als prototypisch für die Auseinandersetzungen der Zukunft, bei denen wie bei einem chinesischen Brettspiel auf mindestens vier verschiedenen Ebenen gleichzeitig gespielt wird. Weitere Texte beschäftigen sich mit Mystik und Gewalt, mit dem Streit zwischen Alarmisten und Entwarnern in der Ökologie oder mit Lessing.

Magazinrundschau vom 08.07.2002 - Merkur

Im neuen Merkur knöpft sich Karl Heinz Bohrer unseren Konsens-Staat vor, in dem die Philosophie des Ausgleichs, des "Dialogs", wie er schreibt, die Entscheidung "in die Sphäre des 'dezisionistischen Denkens'" abgedrängt und als "letztlich faschistoid" abgestempelt habe. Die Konsensideologie ("der Krebs, der am deutschen Gemeinwesen frisst") mit einer "defizitären Auffassung vom Staat, einer 'menschelnden' Subjektivierung erklärend, eröffnet Bohrer die intellektuell-moralische Seite des Problems, die bei der Art und Weise, wie sich deutsche Politiker zum israelisch-palästinensischen Konflikt geäußert haben ("Statt die fällige Situation einer Entscheidung wahrzunehmen, verharrten sie im gefälligen Idiom des Dialogs"), sowie bei der deutschen Reaktion auf die amerikanische Kriegsführung der letzten Monate deutlich geworden sei. "Sie bestand darin, dass man auf diese Widerlegung des Ammenmärchens vom Dialog nur noch trotzig-aggressiv reagierte: Der 11. September erkläre sich daraus, dass man mit den Arabern nie einen 'Dialog' geführt habe. Es war weniger die Sorge um die möglichen Opfer einer kriegerischen Auseinandersetzung, sondern zuerst und vor allem die Sorge, dass das pazifistische Dogma angesichts der Realitäten eines hysterischen Islamismus widerlegt werden könne."

In einem demjenigen Bohrers durchaus nicht fernen Geist versucht Jan Roß einen Rückblick auf die 90er, die Zeit zwischen 1989 und dem 11. September 2001. Keine günstige Bilanz ist das (und als solche auch nicht allzu neu). Ross sieht die Jahre seit 1989 im Einklang mit Fukuyamas These vom Ende der Geschichte, "eine politisch-existentielle Dekadenatmosphäre von Energiemangel, Einfallsarmut und Selbstzufriedenheit, die Neigung zum Sich-hängen-Lassen zwischen Triumphgefühl und Schicksalsergebenheit". Der Patron "dieser bobohaften Mischung von Wohlstand, Wohlsein und Wohlwollen" aber ist für Ross ausnahmsweise nicht Kohl, sondern der agile Bill Clinton, stehend "für ein politisches Bewusstsein, in dem Krisen nur noch als Randstörungen vorkamen und nicht mehr als prinzipielle Herausforderungen ... Es war eine Atmosphäre, in der man meinte, alles haben zu können, nicht nur materiell, sondern auch moralisch, und die so beschaffene Clinton-Stimmung reichte weit über die Politik und über die Vereinigten Staaten hinaus."

Nur im Print geht Walter Klier den umstrittenen Thesen von Heinz Schlaffers "Die kurze Geschichte der deutschen Literatur" nach. Niels Werber bespricht Giorgio Agambens "Homo sacer", und Karl Heinz Bohrer wittert in der Walser-Affäre den Kulturmief der alten Bundesrepublik.

Magazinrundschau vom 03.06.2002 - Merkur

Die Juni-Ausgabe ist der Ästhetik gewidmet. Zwei lesenswerte Texte dazu hat der Merkur ins Netz gestellt.

In einer fulminanten Ehrenerklärung rehabilitiert der Zürcher Literaturwissenschaftler Peter von Matt den literarischen Intriganten und fordert eine Ästhetik der Hinterlist. Schließlich habe kaum eine Gattung eine solch "hinreißende Kultur der gescheiten Frauen, der listigen Dienerinnen, der Colombinen und Smeralden" entwickelt wie die komödiantische Intrige der Comedia dell'arte. Und auch den zivilisationsgeschichtlichen Wert eines Jago ("We work by wit, and not by witchcraft") dürfe man nicht unterschätzen, meint von Matt: "In der Intrige entzieht sich der Held dem über ihm waltenden Schicksal. Er tut so, als gäbe es das nicht und fabriziert es selbst. Frei von aller Furcht, von allem Glauben an das über ihn Verhängte, frei von Furcht und Glauben an die Moira, das Fatum, die Vorsehung, an Fluch oder Segen der Götter, an die regierende Gewalt der Gestirne, vertauscht er die Frömmigkeit mit der Intelligenz. Er setzt nicht länger auf Gebete und Orakel, sondern auf den eigenen hellen Kopf, auf Schlauheit und Logik." Die Intrige sei "Usurpation des Schicksals, Usurpation der Weltlenkung als eines göttlichen Privilegs".

Der Kunstgeschichtler Wolfgang Kemp fragt in einer ziemlich geistreichen Kolumne zur Ästhetik nach der street credibility von Kunst angesichts solch merkwürdiger Erscheinungen wie der Klassikbeschallung am Hamburger Hauptbahnhof, dem rappenden Harvard-Professor Cornel West, dem Kunst-Konzern "Kostabi World" und der transgenen Kunst des Eduardo Kac.

Weitere Artikel, die nur in der Printausgabe zu lesen sind, widmen sich einer Ästhetik der Architektur, dem Verschwinden von Generationenkonflikten in der Mediengesellschaft, der Poesie von Notizkalendern und natürlich der Krise von Wissenschaft und Bildung. Außerdem beschäftigt sich Martin Seel in seiner Philosophie-Kolumne mit Adornos kontemplativer Ethik, und Stefanie Holzer porträtiert die anglo-irische Schriftstellerin Elizabeth Bowen, von der das wunderbare Zitat kolportiert wird "Brich mir das Herz, aber verschwende nicht meine Zeit".

Magazinrundschau vom 29.04.2002 - Merkur

In der Mai-Ausgabe des Merkur geht es vor allem um Terror und Ökonomie. Wie immer hat der Merkur nur zwei Texte ins Netz gestellt. In einem der beiden geht der Chicagoer Politikwissenschaftler Mark Lilla dem Phänomen der Tyrannenliebe nach. "Das Problem des Dionysios ist so alt wie die Schöpfung. Das seiner intellektuellen Parteigänger ist neu. Mit Kommunismus und Faschismus entstand auch ein neuer Typus, für den wir einen neuen Namen brauchen: der tyrannophile Intellektuelle. Einige der bedeutendsten Denker jener Epoche, deren Werk noch heute von Bedeutung für uns ist, scheuten sich nicht, dem modernen Dionysios in Wort und Tat zu dienen; berüchtigte Fälle sind Martin Heidegger und Carl Schmitt in Nazi-Deutschland, Georg Lukacs in Ungarn ... Eine erstaunlich große Zahl pilgerte zum neuen Syrakus in Moskau, Berlin, Hanoi und Havanna - politische Voyeure, die mit Rückfahrkarten in der Tasche sorgfältig choreografierte Rundreisen durch die Ländereien des Tyrannen machten, landwirtschaftliche Kollektive, Traktorfabriken, Zuckerrohrplantagen, Schulen bewunderten, aber irgendwie nie dazu kamen, die Gefängnisse zu besuchen"

Stephan Krass prangert den ökonomiefixierten Blick an, mit dem Amerika "den Preis zum Maß aller Dinge" gemacht habe: "Die amerikanische Gesellschaft ist von allem Anfang auf Ökonomie gegründet, weil nur die Geldwirtschaft über ein integratives Steuerungspotential verfügte, das die Pluralität der größten Völkerwanderung der Weltgeschichte auf ein gemeinsames Programm verpflichten konnte. 'In God We Trust' steht auf der Kopfseite der Dollarmünze. 'E pluribus unum' steht auf der anderen Seite. Einheit durch Vielfalt. Das ist die Kehrseite der Medaille. Kopf oder Zahl, beides zählt, man kann es drehen und wenden, wie man will. Jenes 'unum', Das Eine, das die vielen verschiedenen Einflüsse zusammenhält, ist der Dollar. Und Gott ist unser Zeuge."

Nur in der Print-Ausgabe: Der Soziologe Heinz Bude beschreibt die politische Ökonomie des zukünftigen Kapitalismus, in dem vor allem Wissen, Geld und Macht wirken. Konrad Adam sieht die Ethik gegenüber der Wissenschaft in die Zweitrangigkeit verbannt: "Man will, was man kann." Weitere Artikel beschäftigen sich mit den Regimen des Terrors, der Zukunft des Sozialstaats oder dem Wandel der Konservativen in den USA.

Magazinrundschau vom 02.04.2002 - Merkur

Nun also auch auf Deutsch: Der Merkur hat den furiosen und bereits heftig diskutierten Essay von Avishai Margalit und Ian Buruma über den Okzidentalismus aus der New York Review of Books in seine April-Ausgabe übernommen. Darin erklären die beiden Autoren, dass sich alle antiliberalen Bewegungen im Hass auf den Westen treffen, auf das Bürgerliche, die Vernunft, die Gleichberechtigung der Frau, vor allem aber auf die Stadt: "Aufstände gegen den Liberalismus sind fast immer mit einem tiefen Hass auf die Stadt verbunden, mit einem Hass auf alles, was zur urbanen Zivilsation gehört: Kommerz, Menschen verschiedener Herkunft, Freiheit der Kunst, sexuelle Freizügigkeit, wissenschaftliche Bestrebungen, Freizeit, persönliche Sicherheit, Wohlstand und die Macht, die damit gewöhnlich einhergeht. Mao Tse-Tung, Pol Pot, Hitler, japanische Agrarfaschisten und natürlich Islamisten haben allesamt das einfache Leben des biederen Bauern gepriesen, der da rein im Herzen ist, nicht durch die Vergnügungen der Stadt verdorben, an harte Arbeit und Selbstverleugnung gewohnt, erdverbunden und obrigkeitshörig." (Das Original ist hier zu lesen)

Dazu gestellt (aber nicht ins Netz) ist ein Text von Siegfried Kohlhammer aus "Die Feinde und die Freunde des Islam" von 1996 über Edward Saids Buch "Orientalismus", dem Margalit und Buruma ihre Thesen quasi entgegenstellen. Said hatte die Unterscheidung von Ost und West, die Behauptung der Differenz, zum Sündenfall der Orient-Wissenschaften erklärt, die allein einem westlichen Dominanzstreben geschuldet sei. Kohlhammer wundert sich, wie dieses antiwissenschaftliche Buch mit "Gemeinplätzen von der Stange" ("Wissen ist Macht") so erfolgreich sein konnte.

Rudolf Helmstetter denkt darüber nach, warum seit Nietzsche Denker den Gedanken an Publizität scheuen - also über feuilletonistischen Selbsthass: "Der spätere schärfste Kritiker der Publizisten war früher selbst einer. Daran ist nichts ehrenrührig, merkwürdig und bedauerlich ist nur, dass er zugleich die geistesaristokratische Ablehnung der Massenmedien kultiviert hat, die bis heute intellektuelle Distinktion beansprucht."

Weitere Artikel: Der Historiker Karl Schlögel bemerkt, dass mit dem 11. September der Raum in die Geschichte zurückgekehrt ist. Virilio ade: "Wir sind durch alle kulturellen Vermittlungen hindurch daran erinnert worden, dass nicht alles Zeichen, Symbol, Simulacrum, Text ist, sondern Stoff Materie, Baumaterial Masse." Carl Nedelmann erklärt, dass es keinen guten Grund gibt, am Cannabisverbot festzuhalten. Joachim Oltmann schreibt über den ewigen Krieg. Und Mariam Lau meint, dass von der Mafia nur noch ein arthritischer Seufzer bleiben wird, wenn man die Sopranos betrachtet oder die Tatsache, dass selbst die großen Familien heute geklaute Viagra-Tabletten verkaufen. Außerdem finden sich Texte zu Arthur Schnitzler, Heinz Rühmann, Paul und Gisele Celan, zu Antisemitismus und der Ohnmacht der Geisteswissenschaften.

Magazinrundschau vom 11.03.2002 - Merkur

In der Zeitschrift für europäisches Denken finden sich diesmal ausnahmslos Texte deutschsprachiger Autoren. Gleichwohl keine uninteressante Ausgabe. Ins Netz sind leider nur zwei Artikel gestellt: Eine etwas unvermittelte Polemik von Mariam Lau gegen die Verehrer von Willy Brandt ("Denn es sind eben nicht die Leistungen, sondern die Schwächen des Politikers Brandt, die für seine Liebhaber eine Rolle spielen") und eine späte Würdigung des Nobelpreisträgers V.S. Naipauls (hier mehr) durch den Schriftsteller Walter Klier.

Viel interessanter, aber nur im Heft ist dagegen die facettenreiche Abhandlung des Wiener Philosophen Rudolf Burger zur "islamischen Verschärfung", in der er mit Richard Rorty, Hegel und Hobbes den demokratischen Liberalismus in Stellung gegen den religiösen Fundamentalismus bringt. Der kenne keine Toleranz in letzten Dingen und mache damit Politik unmöglich, die schließlich darauf gründe, dass Interessen verhandelbar sind. "Indem die barbarischen Akte fanatischer Gegenaufklärung die Verletzlichkeit der modernen Zivilisation demonstrierten, haben sie auch deren Kostbarkeit zu Bewusstsein gebracht und die kulturelle Hierarchie von Zivilisationen." Nun zeigten die Kulturen ihre politischen Krallen und formierten sich, wie Burger die neue Lage beschreibt, "zu einer Koalition der Leviathane gegen den Behemoth." Zugleich warnt Burger vor einer neuen Moral des Absoluten und den Glauben an einen gerechten Krieg. Zu seiner Verteidigung brauche der Liberalismus allenfalls bessere Geheimdienste und schroffere Manieren.

Einen düsteren Ausblick gibt zum selben Thema auch Ernst-Otto Czempiel von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (hier mehr), der "hinter dem Panier der Terrorismusbekämpfung" die Wiederaufnahme des Krieges in das Arsenal der außenpolitischen Mittel befürchtet.

Der Historiker Heinrich August Winkler (hier mehr) stellt zur "deutschen Besonderheit" fest: "Im Anfang war das Reich". Was die deutsche Geschichte von der Geschichte andere westeuropäischer Nationen unterscheidet, habe hier - und nicht im 19. Jahrhundert - seinen Ursprung, meint Winkler. "Nicht der Nationalstaat als solcher führte in die Katastrophe. Der Weg in den Abgrund begann mit der Anmaßung derer, für die das Reich mehr war und mehr zu sein hatte als ein Nationalstaat unter anderen."

Weitere Texte beschäftigen sich mit den Giftgaseinsätzen und dem Versagen der Wissenschaft im Ersten Weltkrieg, aus sich selbst heraus Maß zu setzen; mit Kathrin Rögglas Buch "really ground zero" und der Frage, ob das wirkliche Leben auch really Literatur hervorbringen kann; und mit der Resozialisierung jugendlicher Straftäter.

Magazinrundschau vom 31.01.2014 - Merkur

Im soeben erschienenen Merkur präsentiert der Hamburger Jurist Horst Meier eine Pleiten-Pech-und-Pannen-Parade des Verfassungsschutzes und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: "Ein Geheimdienst, der von Anbeginn keine sinnvolle Aufgabe hatte und regelmäßig Skandale hervorbringt, der notorisch die Bürgerrechte sogenannter Extremisten beeinträchtigt und der, wenn es darauf ankommt, als 'Frühwarnsystem' versagt - ein solcher Geheimdienst ist überflüssig."

Online lesen kann man außerdem im aktuellen Merkur Ute Sackofskys Kolumne "Das Märchen vom Untergang der Familie".