Gewiss, "die Ukraine führt einen gerechten, einen überaus gerechten Krieg",
konzediert Christoph Hein in einer Rede, die in der
Berliner Zeitung abgedruckt ist. "Doch die
immense Unterstützung, die die Nato der Ukraine zukommen lässt, ängstigt viele, denn in den letzten Monaten ging die Nato sukzessive immer weiter auf die ukrainischen Forderungen nach Kriegsgerät und Munition ein. Auch meine Sorge ist, dass dieser von der Nato unterstützte Verteidigungskrieg
den Dritten Weltkrieg auslöst. Verschiedene ukrainische Politiker sprechen so, als hätten sie eine
Carte blanche der Nato in der Tasche, wenn sie etwa eine Flugverbotszone über ihrem Land einfordern, was ein direkter Eingriff des westlichen Militärbündnisses wäre."

Im Interview mit der
Welt spricht der Slawist, Autor und Übersetzer
Olaf Kühl, dessen Buch
"Z. Kurze Geschichte Russlands, von seinem Ende her gesehen" gerade erschienen ist, über die "russische Seele", den Krieg gegen die Ukraine und Deutschlands Haltung dazu: Wir neigen "zu einem
anmaßend bequemen Appeasement, das über kleinere Nationen bestimmen will und nicht bereit ist, sich mit der Dynamik in Russland auseinanderzusetzen", meint Kühl. "Deutschland fehlt der Mut, sich Veränderung vorzustellen. Was als Wunsch nach Stabilität und Sicherheit daherkommt, ist am Ende vielleicht doch das alte deutsche Kuschen vor einem Über-Ich, der
Wunsch nach einem starken Führer. 'Sieg' bedeutet in diesem Zusammenhang die Hoffnung, dass sich in dem angeblich ewig unerschütterlichen Land doch etwas bewegen könnte. Genauso wie der
Sieg über Deutschland am Ende eine Änderung auch gegen den Wunsch und Willen der Deutschen ermöglicht hat. Deutschland hat sich nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg und zwangsweisen 'Ent-Täuschung' vom eigenen Nazi-Wahn in der Rolle des brav Geläuterten eingerichtet, der stets nur
der friedvolle Gute sein will. Wer jedoch sein Selbstbild als 'Pazifist' dadurch pflegen möchte, dass er
Zehntausende vor der eigenen Haustür dahinmorden lässt, der diskreditiert damit den ganzen Begriff."
Inspiration für den Umgang mit Russland findet ebenfalls in der
Welt der
Helmut-
Schmidt-
Biograf Thomas Karlauf in Schmidts Buch "Verteidigung oder Vergeltung" aus dem Jahr 1961. Man müsse wie Schmidt "weiterhin auf Rationalität setzen und auch die Kriegsursachen analysieren, will man für eine souveräne Ukraine einen einigermaßen stabilen Zustand erreichen. Als der Westen Ende der 1990er-Jahre begann, Staaten aus dem ehemaligen Machtbereich der Sowjetunion in seine Organisationen und Bündnisse aufzunehmen, konnte von einem globalen strategischen Gleichgewicht bereits nicht mehr die Rede sein, die Amerikaner hatten die
Russen fast totgerüstet. 2002 kündigten die USA den ABM-Vertrag, 2019 stiegen sie aus dem INF-Vertrag aus. Helmut Schmidt hat diesen Prozess von Anfang an mit großer Skepsis begleitet und davor gewarnt,
Russlands Sorgen nicht ernst zu nehmen. Aber so wenig die Genossen seinerzeit beim Doppelbeschluss dem 'Raketenkanzler' folgen wollten, so wenig behagen ihnen heute die Ansichten eines 'Russland-Verstehers'."
In der
FR resümiert Michael Hesse
die Rede, die der Historiker
Timothy Snyder vor knapp drei Wochen
in der UN hielt. Er antwortete dabei auch auf Putins Vorwurf, er sei "russophob": "Sein Fazit: Russophob sei nicht der Westen, der ja nur auf die russischen Kriegsverbrechen eine Reaktion zeige.
Russophob sei vor allem der Kreml, der das eigene Land in den Abgrund reiße, so Snyder. Dieser Kreml ist nicht allein aus Sicht von Snyder eine Gruppe von
Kleptokraten, die das russische Volk berauben. Obwohl Putin einen Genozid an dem ukrainischen Volk plane, versuche er, sich und Russland als Opfer hinzustellen. Er erinnerte daran, dass die kreativsten und produktivsten Russen
zur Auswanderung gezwungen würden, schon 750.000 Menschen hätten das Land nach Kriegsausbruch verlassen. 'Dies ist ein nicht wiedergutzumachender Schaden für die russische Kultur, und es ist das Ergebnis der russischen Politik', so Snyder."
Außerdem:
Zeit online dokumentiert den letzten Artikel des amerikanischen Reporters
Evan Gershkovich vom
Wall Street Journal, der in Russland wegen
angeblicher Spionage verhaftet wurde (
mehr dazu hier): Er beschreibt die
Auswirkungen der Sanktionen gegen Russland.
Die
Inseratenaffäre in Österreich weitet sich aus, berichtet Stephan Löwenstein auf der Medienseite der
FAZ. Besonders das Finanzministerium unter
Sebastian Kurz erwies sich als großzügig bei wohlgesonnenen Zeitungen: "2015 gab das Finanzministerium demnach rund 135.000 Euro aus, 2016 schon 1,8 Millionen (das Dreizehnfache!), 2018 7,2 Millionen, 2020 8,9 Millionen Euro." Die Zeitungen gaben dann auch schon mal
vorteilhafte Umfragen in Auftrag, so Löwenstein. Die
SPÖ ist besonders in Wien aber auch kein Waisenknabe: "Die 'rote' Stadt Wien gibt für Inserate et cetera
mehr aus als alle anderen Bundesländer zusammen und auch mehr als die Bundesministerien."
Überhaupt Österreich! Letzte Woche hielt
Wolodimir Selenski eine Rede im österreichischen Parlament. Und "zahlreiche Abgeordnete verließen entweder
ostentativ den Saal oder kamen erst gar nicht",
notiert Florian Klenk im
Falter: "Dass
die FPÖ die Veranstaltung, die unmittelbar vor der Plenarsitzung stattfand, boykottieren würde, war vor vorne herein klar. Die Freiheitlichen und Wladimir Putin: will man noch mehr wissen? Aber dass
mehr als die Hälfte der SPÖ-Abgeordneten fehlen würden, habe ich als schamlos, stillos und skandalös empfunden."
Hans Hütt arbeitet sich für die
SZ-Leser durch die grauenvolle Prosa des
Koalitionsvertrages von Berliner SPD und CDU. Soviel aufgeblasene Rhetorik für nichts war selten: "Abgrundtiefen Zweifel weckt natürlich das Versprechen: 'Unser Ziel ist dabei klar:
Berlin bleibt Berlin.' In solcher Prosa wird ein bedrückender Sachverhalt zum Ziel verklärt. Kaum je wurde Beharrungsvermögen prosaischer gewürdigt. 'Aber wir wollen Dinge zum Besseren verändern': Dinge? Was für Dinge? Jeden Tag solle Berlin ein Stück besser funktionieren. Wie wiegen sie das Stück? Wie messen sie es? Was sind die
Vergleichsmaßstäbe? In allen Politikbereichen (eine Ortsangabe ohne Zustelladresse) seien 'massive Anstrengungen' erforderlich, um Berlin frühestmöglich in ein klimaneutrales Zeitalter zu führen. Die Zeitangabe des 'frühestmöglich' verweigert sich entschlossen der
Prüfbarkeit. Weder wird klar, was früh, noch was sich nicht als möglich herausstellen könnte. So druckt man
Freifahrtscheine ins Nirgendwo." Respekt ringt Peter Richter nur Franziska Giffey ab, wenn sie tatsächlich das
Bauressort übernimmt.
Welt-Autor Thomas Schmid
denkt nochmal übe die von der Ampel beschlossene
Wahlrechtsreform nach, die bekanntlich durch den Wegfall der "Grundmandatsklausel" zwei Opfer hat: die Linkspartei und die CSU, die von den bisherigen Verhältnissen bevorzugt wurden. Darüber wurde aber fast die wichtigste Veränderung übersehen, so Schmid: Es ist praktisch unmöglich geworden,
über ein Direktmandat ins Parlament einzuziehen: "Immerhin gab es bislang zumindest die Chance, dass ein Kandidat in den Bundestag gelangt, allein weil er ein
markantes Profil hat, weil er in seiner Region als Person und Stimme zählt. So blieb wenigstens ein Rest der Idee am Leben, Politik komme von unten und es zähle nicht nur die nationale Ebene, sondern ebenso die Region, meinetwegen auch die Heimat. Man kann jetzt von einer schleichenden Entwurzelung der Demokratie sprechen." Noch mehr als zuvor, fürchtet Schmid, wird Politik somit eine
Sache der Apparatschiks.