Die sogenannten "Reichsbürger" mögen
lächerlich aussehen, aber sie sind es nicht, warnt Hannes Stein in der
Welt, das lehrt die jüngste Geschichte: "Viel ist in diesen Tagen von der
RAF die Rede. Die RAF war kein linksextremer Gesangsverein, sondern eine Gruppe von Terroristen, die 33 Menschen ermordete. Die Bundesrepublik Deutschland hatte vollkommen recht, gegen die Angehörigen dieser Gruppe und ihre Sympathisanten mit großer Härte vorzugehen. Zu den vielen Verbrechen der DDR gehört, dass sie sich den RAF-Leuten als Rückzugsgebiet zur Verfügung stellte. Aber die RAF hatte insgesamt nur
achtzig Mitglieder. Dazu gab es vielleicht noch tausend Sympathisanten im linksextremen Milieu. Das war's. Den 'Reichsbürgern' dagegen ist es tatsächlich gelungen, im
Milieu der Impfgegner viele Tausend Anhänger zu gewinnen. In der ehemaligen DDR gibt es Gebiete, in denen die Anhänger der rechtsstaatlichen Demokratie mittlerweile in der Minderheit sind. Und mit der
AfD sitzt eine politische Kraft, die
große inhaltliche Schnittmengen mit den 'Reichsbürgern' hat, sogar in den Parlamenten. Sie gehört
geächtet. Auch taktische Bündnisse mit diesen Leuten müssen tabu sein." Stein fordert
Liberale und Konservative auf, sich klar und deutlich von dieser Rechten abzugrenzen, und zeigt warnend auf die Republikaner, die sich an
Donald Trump gehängt haben: "Nun gehen sie mit ihm unter."
Dass die Gruppe mehr Mitwisser hatte, als bislang angenommen,
meldet auch die
Zeit: "Mitglieder des Rechtsausschusses des Bundestags berichteten nach einer Sondersitzung in Berlin, die Ermittler hätten eine
dreistellige Zahl sogenannter Verschwiegenheitserklärungen mit Unterschrift von Menschen gefunden, die von der Gruppe angesprochen worden seien. In diesen Erklärungen seien erhebliche Sanktionen
bis hin zum Tod angedroht worden. ... Auch wenn es keinen Hinweis gebe, dass ein versuchter Staatsstreich unmittelbar bevorgestanden habe, sei die Bedrohung hier wegen der
hohen Gewaltbereitschaft der Beteiligten ernst zu nehmen, betonte der rechtspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Günter Krings (CDU)."
Auch die Kultursoziologin
Andrea Kretschmann plädiert in der
NZZ dafür, die "Reichsbürger" ernst zu nehmen. "Es scheint ihnen nicht mehr auszureichen, die eigene Mitgliedschaft zu verneinen, ausziehen soll der Staat selbst, um einer anderen politischen Ordnung Platz zu machen. Die Reichsbürger haben sich so seit Mitte der 1980er Jahre aus einem versprengten Häufchen zu einer Szene gewandelt, die
sicherheitspolitisch ernst zu nehmen ist. Dies umso mehr, weil wenigstens ehemalige Mitglieder aus den Sicherheitsbehörden ebenfalls mitmischen. Der Verfassungsschutz rechnet den Reichsbürgern derzeit
21.000 Personen zu, wobei in den letzten vier Jahren jährlich um die tausend Personen hinzugekommen sind. Im Gegensatz zum Linksterrorismus der 1970er Jahre, auf den angesichts des geplanten Coups dieser Tage manchmal verwiesen wird, streben die Reichsbürger eine Rückkehr zu alten politischen Verfasstheiten an - keine Radikalisierung demokratischer Strukturen ist hier angedacht, sondern das Gegenteil dessen. Eher als in den Kontext des Linksterrorismus muss man die jüngst vereitelten Planungen daher in der
langen Tradition des Rechtsterrorismus sehen."
Die Korruptionsaffäre um die sozialistische griechische EU-Polikerin
Eva Kaili zieht weitere Kreise. Es sind neben ihr vor allem italienische Politiker im Spiel,
schreibt Michael Braun in der
taz, so etwa der linke ehemalige Abgeordnete
Antonio Panzeri, der in Brüssel eine NGO gegen Korruption gegründet hatte. Ermittelt wird auch gegen
Luca Visentini, Generalsekretär des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB). "Das Netzwerk soll versucht haben, Katar einen
Ruf als arbeitnehmer*innenfreundliches Land zu verschaffen - gegen ein üppiges Entgelt. In Panzeris Brüsseler Wohnung fanden die Ermittler*innen laut italienischen Medien jene
600.000 Euro in bar, deren Beschlagnahmung sie nach der Razzia bekannt gaben. Das überrascht, betrachtet man die bisherige Karriere Antonio Panzeris:
Immer klar links, immer engagiert im Kampf für die Rechte der Arbeitnehmer*innen."
Diese Politiker bescheinigten Katar ähnlich wie in Deutschland etwa Sigmar Gabriel Fortschritte bei der Milderung ihres
Sklaverei-ähnlichen Arbeitsrechts, aber das seien ja Ansichten, die sich im legitimen Meinungsspektrum bewegen,
ergänzt Markus Völker im Sportteil der
taz: "Nichts anderes sagt ja auch Fifa-Präsident
Gianni Infantino - oder die
Internationale Arbeitsorganisation ILO, die ein Büro in Doha unterhält. Allerdings überwies das Emirat Katar bereits im Jahr 2017
25 Millionen an die ILO, und in der Fifa trieb der berüchtigte Mohamed bin Hammam aus Katar sein Unwesen, der 2012 lebenslang vom Fußballweltverband wegen Korruption gesperrt wurde. Katar hat sich über die Europäische Klubvereinigung ECA in die Exekutive der Uefa 'eingekauft'; Nasser Al-Khelaifi sitzt dort als Präsident von Paris Saint-Germain FC."
Die
Linke sollte alles daran setzen, diesen Skandal aufzuklären,
warnt Thomas Schmid in der
Welt. Denn der zeigt, "dass die Welt der NGOs ein
sehr hässliches zweites Gesicht hat. Panzeri, dem nun Bestechlichkeit großen Ausmaßes vorgeworfen wird, ist Gründer und Leiter der in Brüssel beheimateten NGO 'Fights Impunitiy', deren Ziel es ist zu verhindern, dass Menschenrechtsverletzungen straffrei bleiben. Zu deren ehrenamtlichen Unterstützern gehören unter anderen der Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege und die ehemalige EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini. Und der Lobbyist Figà-Talamanca ist Generalsekretär der von der ehemaligen EU-Kommissarin Emma Bonino gegründeten NGO 'No Peace without Justice'. Sie hat sich laut Selbstauskunft dem Schutz und der
Förderung von Menschenrechten, der Demokratie und der Herrschaft des Rechts wie dem Völkerrecht verschrieben. Wenn die Vorwürfe sich als berechtigt erweisen sollten, wäre das ein besonders bizarres Beispiel dafür, dass
hohe Gesinnung und purer Egoismus Hand in Hand geben können. Und es so etwas wie eine ziemlich
skrupellose sozialistische Aristokratie gibt."
Gideon Rachman hält in der
Financial Times eine "koreanische" Lösung für den Krieg gegen die Ukraine für plausibel, also keinen Frieden, sondern ein
Einfrieren des Konflikts durch einen Waffenstillstand. Die russische Seite könnte das als Sieg verkaufen. Aber die Ukrainer? "Wie die Russen haben auch die Ukrainer weiterhin
schwere Verluste zu beklagen. Sie sind auch mit einer brutalen, aber effektiven russischen Taktik konfrontiert - dem gezielten Angriff auf die ukrainische Infrastruktur. Der Verlust der Wasser- und Stromversorgung erschwert Millionen von ukrainischen Flüchtlingen die Rückkehr in ihre Heimat, da der Winter nur schwer zu überstehen ist. Stattdessen baut sich eine weitere Flüchtlingswelle auf. Je länger die Monate des Exils andauern, desto unwahrscheinlicher wird es, dass die Flüchtlinge jemals in die Ukraine zurückkehren - eine enorme Belastung für die Familien und die Gesellschaft." Ein Waffenstillstand würde der übriggebliebenen Ukraine dagegen Hilfe,
Wiederaufbau und Prosperität bringen.
Angesichts der Zerstörung der ukrainischen Infrastruktur
fordert Richard Herzinger in seinem Blog, die
Nato zum Handeln auf: "Die Nato muss entweder selbst die russischen Stellungen und insbesondere die
russische Schwarzmeerflotte ins Visier nehmen, von wo aus auf die Zivilbevölkerung gerichtete Raketen abgeschossen werden - oder sie muss die ukrainische Armee unverzüglich mit den Waffensystemen ausstatten, die sie in die Lage versetzt, genau dies zu tun."
Da es eine europäische Öffentlichkeit so gut wie gar nicht gibt und sich gerade die französischen Zeitungen rigoros hinter Paywalls verschanzen, hat man hierzulande noch kaum etwas von
Jonathan Littells Texten zum Ukraine-Krieg mitbekommen, aus denen Jürg Altwegg heute dankenswerter Weise in der
FAZ zitiert: "Nur die
Garde um Putin könne 2024 seine Wiederwahl verhindern, glaubt Littell. Einen 'Aufstand des Volks' hält er für undenkbar: Alle, die sich daran beteiligen würden, seien längst im Exil. Falls es aber im Kreml zu Reaktionen komme - Littell erwägt sogar die
Möglichkeit eines Putschs oder Attentats, die einen Machtkampf innerhalb der Elite auslösen könnten - sei 'jedes Szenario' möglich: von der Revolution bis zur Militärdiktatur."