9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2020 - Gesellschaft

Niclas Seydack erinnert in der Zeit an den Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in München vor fünfzig Jahren, bei dem sieben Bewohner des jüdischen Altenheims verbrannten und das heute seltsam vergessen ist. Nun wird es eine Gedenkveranstaltung geben, die auch dem Kabarettisten Christian Springer zu verdanken ist. Aufgerüttelt durch Wolfgang Kraushaars Buch über den Anschlag, wolle er es wieder stärker ins Bewusstsein rücken: "Er hat dazu ein Handyvideo mit dem Titel Täter, redet endlich! ins Internet gestellt. Am Ende hält er seine Handynummer auf einem Stück Papier in die Kamera. Er finde es unerträglich, sagt Springer, dass wahrscheinlich noch immer Menschen in München leben, die etwas über den Brandanschlag wissen und nichts sagen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2020 - Gesellschaft

Dinah Riese referiert in der taz einige Zahlen der Bundesregierung zu muslimfeindlichen Ausschreitungen, die heute offenbar auch offiziell unter dem Label "antimuslimischer Rassismus" abgelegt werden: "Obwohl die Zahl der antimuslimischen Straftaten insgesamt abnimmt, steigt die Zahl der Gewaltverbrechen. Für 2017 melden die Behörden 56 islamfeindliche Gewaltdelikte mit insgesamt 38 Verletzten. 2018 waren es dann schon 74 Delikte mit insgesamt 52 Verletzten. Darunter sind sogar zwei versuchte Tötungsdelikte... Gerade muslimische Frauen, die Kopftuch tragen, sind besonders bedroht..." Die Rassismus-Expertin Yasemin Shooman äußert sich im Interview besorgt über die Zahlen.

Ausgerechnet in New York, wo der Fellhandel nach wie vor eine große Rolle spielt, wird ein Pelzverbot diskutiert. Besonders wütend darüber sind nicht stinkreiche weiße Bankergattinnen, sondern Minderheiten, erzählt Sarah Pines in der NZZ. "Insgesamt fühlen sich Minderheiten, insbesondere hispanischer und afroamerikanischer Herkunft, von dem Pelzverbot diskriminiert. Lange waren Pelzmäntel - vor allem aus Nerz - für diese Gruppen ein begehrtes Statussymbol: Bei der zweiten Amtseinführung von Barack Obama trugen Beyoncé Knowles und Jay-Z opulente schwarze Statement-Pelze. Je mehr schwarze Frauen sich seit den Befreiungskämpfen der 1960er Jahre und zunehmend in den letzten zwanzig Jahren einen Pelz leisten konnten - so die Sicht der Afroamerikaner -, desto mehr weiße Institutionen wollen ihn nun verboten sehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2020 - Gesellschaft

Manuela Heim unterhält sich mit der amerikanischen Journalistin Antje Joel, die ein autobiografisches Buch über häusliche Gewalt geschrieben hat. In zwei Ehen wurden ihre Männer gewalttätig. Die häufigste Frage, die ihr begegnet, sagt sie, sei die Frage "warum bist du nicht früher gegangen?" Aber so einfach ist das nicht: "Selbst in der vermeintlichen Ruhephase, in der die Gewalt nicht eskaliert, übt der Mann Kontrolle aus. Und selbst wenn die Frauen 'einfach gehen', wie sieht die Zukunft aus? Es gibt zu wenig Frauenhausplätze, 60 Prozent der Väter zahlen keinen Unterhalt. 'Einfach gehen' bedeutet häufig, dass Frauen lange, lange Zeit an der Armutsgrenze leben müssen. Aber jetzt kommt das größte Hindernis: 75 Prozent der massivsten Angriffe gegen Frauen, Mord inklusive, erfolgen in der Trennungsphase oder nachdem die Frau gegangen ist. Es sind nämlich die Männer, die nicht gehen. Sie lassen die Frauen nicht in Ruhe. Das ist ja auch klar, wenn man versteht, was häusliche Gewalt, also Zwangskontrolle ist."

Auch in Deutschland gibt es immer mehr Frauen, die Genitalverstümmelungen erleiden mussten, weil die Einwanderung aus betroffenen Ländern gestiegen ist, berichtet Annika Ross unter Bezug auf einen Bericht der Organisation "Terre des Femmes" in emma.de. Und die Tradition wird in sogenannten "Ferienbeschneidungen", für die die Mädchen ausgeflogen werden, fortgeführt: "Terre des Femmes warnt zudem vor der Verlagerung des grausamen Rituals in Kliniken in Asien und Nordafrika. 'Diese führt dazu, dass der Eingriff verharmlost wird und sogar Akzeptanz findet, weil er ja von medizinischem Fachpersonal durchgeführt wird. Es gibt sogar Bestrebungen, die medikalisierte Verstümmelung als Kompromiss zu legalisieren!', sagt Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin von Terre des Femmes." Ross empfiehlt zum Thema den Film "In Search", der in dieser Woche in den Kinos startet. Auf Zeit online erzählt eine Somalierin von den Beschneidungspraktiken in ihrem Land.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2020 - Gesellschaft

Philipp Esch schickt in der NZZ einen sehr schönen Bericht aus Ghanas Hauptstadt Accra, dessen Viertel sprachlich und religiös streng voneinander getrennt sind: Accras Geheimnis deutete sich ihm schon beim Anflug an: "Betrachtet man Accra nachts aus der Luft, so gleicht die Stadt einem Sternenhimmel. Unzählige Lichtpunkte glimmen nebeneinander: Neonröhren erhellen Hofgevierte, erleuchtete Fenster, Autoscheinwerfer, ein paar Feuer, dazwischen als helle Inseln die Tankstellen. Abgeflogen war ich aus Amsterdam, und diese Stadt sah von oben ganz anders aus, wie ein gleißendes Spinnennetz im Dunkel der Nacht. Die Straßen und Plätze strahlten viel heller als die Wohn- und Geschäftshäuser: Der öffentliche Raum zeichnete sich klar konturiert und hell erleuchtet ab vor dem schwach leuchtenden Hintergrund der nächtlichen Gebäude. Was mir die nächtliche Vogelschau auf die afrikanische Metropole offenbarte, verstand ich freilich erst aus der Froschperspektive, unterwegs zu Fuß, mit dem Fahrrad und im Auto: Diese Stadt ist gar keine Stadt, sondern ein gigantisches Dorf."

In der taz interviewt Doris Akrap den Psychiater Daniel Hell, der beobachtet, dass sich die westlichen Gesellschaften zu Beschämungskulturen wandeln, in denen sich die Menschen nicht mehr selbst kritisch hinterfragen, sondern nur noch den anderen angreifen: "Wer sich schämt, wird nicht übergriffig oder attackiert das Gegenüber. Wer sich hingegen gekränkt und narzisstisch verletzt fühlt, fühlt sich als Opfer und hat oft Rachefantasien... Scham und Schuld stehen nicht mehr im Zentrum der menschlichen Interaktion, sondern zunehmend Kränkungen und Beschämungen. Statt nach der eigenen Schuld zu fragen, führt ein verbreiteter Narzissmus dazu, andere zu kritisieren und zu beschämen. Das zeigt sich in der Politik, der Wirtschaft und sogar der Wissenschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2020 - Gesellschaft

taz-Feministin Patricia Hecht ist nicht froh darüber, dass man heute Hatun Sürücüs gedenkt, die vor 15 von ihrer Familie umgebracht wurde, weil sie sich für ein eigenständiges Leben entschieden hatte: "Der Begriff 'Ehrenmord' macht Stimmung, er dämonisiert eine religiöse und ethnische Minderheit, die offenbar archaische Praktiken nutzt." Die weitaus meisten Frauen werden dagegen von deutschen Männern umgebracht, so Hecht: "Jeden Tag versucht ein Mann in Deutschland seine Frau umzubringen, jeden dritten Tag schafft er es. Eine Studie im Auftrag des BKA schätzt hingegen die mögliche Gesamtzahl von Ehrenmorden in Deutschland auf etwa zwölf pro Jahr."

In der NZZ verteidigt der Unternehmer und Autor Hans Widmer das "Grundbedürfnis nach Heimat": "Es ist nicht damit getan, 'America first', AfD, Pegida, Erdogan, Orban, Le Pen zu verachten oder gar zu ächten. Sie als Populisten abzukanzeln und zu meinen, damit sei die Sache erledigt, ist selbst süffisanter Populismus. Ruhige Vernunft hingegen wird die Möglichkeit offenlassen, dass Politiker nicht nur als niedrig geschmähte Instinkte des Volkes anheizen, um ihre eigene Macht zu festigen, sondern auch objektive Defizite ansprechen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2020 - Gesellschaft

In Frankreich erhält die 16-jährige Schülerin Mila Morddrohungen, seit sie auf Instagram gesagt hat, dass sie den Islam scheiße finde (unser Resümee) - der Fall sorgt für die heute üblichen aufgeregten Debatten. Die Zeit inszeniert auf ihrer Streit-Seite einen E-Mail-Austausch zwischen Khola Maryam Hübsch von der Ahmadiyya-Sekte und dem Ex-Muslim Ali Utlu. Hübsch erklärt zwar ihre Solidarität mit Mila wegen der Morddrohungen, verlangt aber gleichzeitig eine Verschärfung des Blasphemie-Paragrafen in Deutschland: "Um ein friedliches Miteinander zu gewährleisten, muss der Staat seinen Bürgern ein Mindestmaß an Rücksichtnahme abverlangen. Deswegen finde ich, dass Blasphemie ebenso wie Beleidigungen nicht erst strafbar sein sollten, wenn der 'öffentliche Frieden' gefährdet ist, sondern schon dann, wenn diese Rücksicht grob verletzt wird." Utlu spricht die Asymmetrie der Bedrohungen an: "Islamkritiker müssen auch hier in Deutschland um ihre Sicherheit fürchten, da Todes-Fatwas jeden muslimischen Gläubigen aufrufen, sie umzusetzen. Nehmen wir doch mal konkret die Karikatur des Propheten Mohammed, der eine Bombe im Turban trägt. Ist das für Sie eine Schmähung der Religion oder eine künstlerische Kritik?" Auf diese Frage antwortet Hübsch nicht.

Und Evelyn Finger und Kilian Trotier fassen die aktuelle Kopftuchdebatte zusammen, nachdem eine Schülerin und eine Studentin in Hamburg und Schleswig-Holstein per Gericht erstritten haben, dass sie in Burka zum Unterricht erscheinen dürfen. In Schleswig-Holstein haben die Grünen einstimmig gegen ein Burka-Verbot gestimmt. "Der Hamburger CDU-Mann Ali Ertan Toprak, Sprecher der Initiative Säkularer Islam, sagt: 'In den Augen der Islamisten teilen die verschiedenen Formen der Verhüllung die Frauen noch heute weithin sichtbar in ehrenhafte gläubige und sexuell verfügbare. Wer die Verhüllung der Frau als Norm anerkennt, unterstützt Fundamentalisten, die Druck auf Musliminnen ausüben.' Wer die Entscheidungsfreiheit der Frauen betone, müsse zugleich eingestehen, dass die Zahl derer, die diese Entscheidungsfreiheit nicht haben - in muslimischen Ländern wie auch in frommen europäischen Communitys - eklatant sei." Bei emma.de wird Toprak noch deutlicher: "Diejenigen, die das Recht auf Vollverschleierung verteidigen, verteidigen eigentlich eine Uniform, einen Kampfanzug der Islamisten. Wer im Namen der Religionsfreiheit die Vollverschleierung verteidigt, der verteidigt eine rechtsextremistische Ideologie."

Der Hamburger Fall ist ein Einzelfall, meint hingegen Susanne Klein auf Sueddeutsche.de: "Hier wird auf fiktiven Köpfen über ein 'Problem' gestritten, das es nicht gibt. Wer etwas anderes behauptet und nach Verboten ruft, sorgt sich nicht um vollverschleierte Mädchen."

Ebenfalls in der Zeit glaubt Jutta von Ditfurth nicht, dass man den Klimawandel "mit dem Kapitalismus" kaum wird stoppen können (ein Exemplar von Monika Marons "Flugasche" ist bereits an die Autorin unterwegs).

Der zum Judentum konvertierte ehemalige evangelische Theologiestudent Michael Düllmann ist mit seiner Klage gegen das antisemitische Relief "Die Judensau" an der Wittenberger Stadtkirche vorm Oberlandesgericht in Naumburg gescheitert. (Unsere Resümees) Gut so, schreiben die Feuilletons einstimmig. In der FR meint Stephan Hebel: "So sorgt etwa die Frage, ob aus Astrid Lindgrens 'Pippi Langstrumpf' die rassistische Bezeichnung 'Negerkönig' entfernt werden sollte, regelmäßig für heftigen Streit. Muss das alles weg, weil 'Judensau' und 'Negerkönig' bis heute ansteckend sind? Oder lassen sie sich nicht gerade als Gegenmittel nutzen, wenn an ihrem Beispiel über Antisemitismus und Rassismus aufgeklärt wird?" Malte Lehming ergänzt im Tagesspiegel: Die Kirche sei "dringend aufgefordert, antisemitische Traditionen, die von den Nazis mit mörderischer Konsequenz dankbar aufgegriffen wurden, erheblich eindeutiger zu kommentieren".
 
Die Judensau muss bleiben als "Mahnmal der Schande", sekundiert Alan Posener in der Welt: "Seit dem Holocaust haben Katholiken und Protestanten viel getan, um ihren eigenen Schuldanteil aufzuarbeiten, ihre Theologie zu überprüfen und, wo es geht, zu ändern. Doch darf diese Aufarbeitung, Überprüfung und Veränderung nicht so weit gehen, dass die Christen nicht einmal mehr erkennen, in welcher zwiespältigen Tradition sie stehen."

Auf Zeit online widerspricht der Jurist Volker Boehme-Neßler. Das Urteil ist ein Skandal, ruft er. "Wenn solch ein Machwerk, das in analen und fäkalen Fantasien schwelgt, keine Beleidung sein soll - was dann? Haben die Richter das Relief überhaupt gesehen? Kennen sie nicht die lange politische Geschichte dieses abgrundtief antisemitischen Bildmotivs?"

Das Judentum ist mehr, als es deutsche Debatten über Shoa und Antisemitismus glauben machen, schreibt Monty Ott, Vorsitzender von Keshet Deutschland e.V. auf Zeit Online. Es gab auch widerständige und queere JüdInnen, die allerdings durch den Paragrafen 175 marginalisiert wurden: "Dieses Gesetz war ein Instrument, das Homosexuelle in der öffentlichen Wahrnehmung zu Täter*innen machte. Wenn Jüd*innen also Teil der erst spät entstehenden Erinnerungsnarrative sein sollten, mussten Teile ihrer Identität verschwiegen oder verdrängt werden - denn in diesen konnten sie nicht vermeintliche*r 'Täter*in' und Opfer zugleich sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2020 - Gesellschaft

Seit dem Ausbruch des Corona-Virus werden Chinesen weltweit - auch in Deutschland - gelegentlich mit Misstrauen beäugt oder gar beschimpft und angegriffen oder es wird mit hetzerischen Schlagzeilen vor der "gelben Gefahr" oder dem "Virus - Made in China" (so der Spiegel) gewarnt. Schlimm, meint Franca Lu auf Zeit online, aber das gleich mit dem Rassismusvorwurf zu belegen, führt auch nicht weiter, zumindest nicht auf der individuellen Ebene, weil Ängste nun mal Ängste sind, sogar in China: "In China leiden Menschen, die aus dem Ausbruchsgebiet der Krankheit um Wuhan stammen, in anderen Landesteilen unter Feindseligkeiten." Doch wünscht sie sich statt reißerischer Schlagzeilen mehr Aufklärung: "Das neue Coronavirus ist nicht 'Made in China', genauso wenig wie Ebola 'Made in Africa' ist. ... Solange die Menschen außerhalb Chinas aber kein klares Bild davon haben, werden sie den Ausbruch des Coronavirus nur als einen bedrohlichen Ausnahmezustand sehen, der seinen Ursprung in 'China' hat, einem Land, von dem sie nur eine vage Vorstellung besitzen. 'China' ist schuld! Diese vage Vorstellung von 'China' ist schon in sich eine Form von Tribalismus, weil sie von Stereotypen gespeist wird und nicht aus der Anschauung eines Landes und seiner Bewohnerinnen und Bewohner, den Existenzen und Leistungen von Individuen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.02.2020 - Gesellschaft

In der Welt erzählt der Schriftsteller Christian Y. Schmidt, dass er und seine Frau vorerst in China bleiben. Ihre Vorsichtsmaßnahmen gegen den Coronavirus kann man nur mit leichtem Grusel lesen: Sie gehen so wenig wie möglich raus, sind nur mit Atemschutzmaske und waschbaren Handschuhen unterwegs und lassen sich bei der Rückkehr von Ausflügen am Eingang ihrer Wohnanlage die Temperatur messen: "Zu Hause vertreiben wir uns die Zeit mit Putzen, dem Internet und Filmegucken. Inzwischen haben wir die gesamte Bettwäsche, Handtücher, Putzlappen usw. in der Wohnung einmal mit einem Schuss Dettol durchgewaschen. So klinisch sauber war es bei uns sicher noch nie. Auch unsere Kleidung wird dauernd gewaschen, da wir sie nach Betreten der Wohnung sofort ausziehen, um zu duschen oder zu baden. Letzteres soll besonders gut sein, weil die Viren keine Wärme mögen. Im chinesischen Internet zeigen derweil patente Omas, wie man aus einem Handtuch und Gummibändern Atemschutzmasken bastelt. Andere schwören darauf, dass aus Damenbinden in Verbindung mit Büroklammern und Gummis ein noch viel besserer Mundschutz hergestellt werden kann. Auch wird im Netz kräftig diskutiert." Im Freitag erzählt Schmidt in Tagebuchform aus China, wirklich sehr interessante Lektüre!

In der NZZ wird Niall Ferguson schon nervös, wenn er die Fernsehserie "Survivors" sieht, die 1975 das Leben während einer Pandemie beschrieb. Erstes Abwiegeln beim Corona-Virus findet er jedenfalls fatal: "Wir haben es inzwischen mit einer Epidemie im bevölkerungsreichsten Land der Erde zu tun, die gute Aussichten hat, zu einer weltweiten Pandemie zu werden. Aber wie groß ist diese Aussicht? Wie groß wird die Pandemie? Und wie tödlich? Wie Joseph Norman, Yaneer Bar-Yam und Nassim Nicholas Taleb in einem neuen Aufsatz für das New England Complex Systems Institute meinen, liegt die Antwort im Bereich der 'asymmetrischen Ungewissheit', weil Pandemien sich durch sogenannte 'fette Verteilungsenden' ('fat tails', im Gegensatz zur Normalverteilung mit ihrer Glockenkurve) auszeichnen - besonders deswegen, weil die weltweite Vernetzung auf einem Allzeithoch angelangt ist." Zeit online hat zusammengetragen, was wir bisher über den Virus wirklich wissen. Und Franca Lu berichtet, wie sich Chinesen, die den staatlichen Verlautbarungen nicht trauen, sich in den sozialen Medien über den Virus austauschen.

Dresden! Viel Ärger gibt's um den Opernball, weil damit nicht nur viel Geld verdient wird und es ein Geflecht von Abhängigkeiten zwischen Organisatoren und der Politik gibt - und dann noch Diktatoren mit dem  Semperopernball-Orden ausgezeichnet werden, berichtet Matthias Meißner im Tagesspiegel: "Die Verleihung des sogenannten St.-Georgs-Ordens an al Sisi war dabei nur das jüngste Spektakel in einer langen Kette von Merkwürdigkeiten. Den Orden hatte 2009 Russlands Staatschef Wladimir Putin bekommen, 2017 ging er an einen saudi-arabischen Prinzen. Die Menschenrechtsverletzungen in Ägypten, Russland und Saudi-Arabien waren bei diesen Auszeichnungen nie ein Thema, stattdessen wurden die Ausgezeichneten als 'Brückenbauer zwischen den Kulturen' gewürdigt."

Hohe Mieten haben unangenehme Folgen auch für die, die sie sich leisten können, erinnert Anette Dowideit in der Welt. Wenn Polizisten und Feuerwehrleute, Erzieher, Pfleger und Postboten sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten können, wer macht dann ihre Arbeit? "Die Effekte lassen sich an Nachrichten ablesen wie kürzlich jener über die Berliner Charité: Mitte Dezember stoppte sie aus schierer Personalnot die Neuaufnahmen in der Kinderonkologie. Ohnehin scheint der Mangel an Menschen in wichtigen Bereichen der Infrastruktur in der Hauptstadt besonders groß zu sein. Die Polizei ist dort chronisch unterbesetzt und überlastet, ging vergangenes Jahr aus einer Auskunft des Innensenats hervor. Schulen klagen regelmäßig über fehlendes Personal, ebenso Kitas. Eltern finden oft kaum Betreuungsplätze für ihre kleinen Kinder, und wenn, dann oft nur am anderen Ende der Stadt." Dowideit schlägt daher "eine Art Neuauflage der Beamtensiedlungen" vor, die nicht auf Beamte beschränkt ist, sondern eher Menschen bevorzugt, "deren Berufe für die Infrastruktur gebraucht werden".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2020 - Gesellschaft

Wer Atomenergie verteidigt, wird von Klimaaktivisten oft beschuldigt, "rechts" und Lobbyist zu sein. Anna Veronika Wendland wehrt sich bei den Salonkolumnisten gegen diesen Vorwurf. Sie sei "Ökomodernistin": "Ökomodernisten ... verstehen Technologien wie Kernenergie oder Grüne Gentechnik nicht als Teil des Problems, sondern als Teil der Lösung. Sie erblicken in der Kernenergie jenen energiedichten Prozess, den man für die Dekarbonisierung von Industriegesellschaften benötigt. Statt für Demontage und Degrowth plädieren sie für Weiterentwicklung der industriellen Moderne. Ökomodernisten sind auch gar nicht prinzipiell gegen den Ausbau erneuerbarer Energien; sie kritisieren nur die völlig übersteigerten Hoffnungen, die in Deutschland ausgerechnet auf unzuverlässig produzierenden regenerativen Erzeugern ruhen, und plädieren für einen nuklear-erneuerbaren Energiemix."

In der Türkei versucht Präsident Recep Tayyip Erdogan ein Gesetz durchzubringen, dass Vergewaltigern Straffreiheit zusichert, wenn der Altersunterschied nicht größer als 15 Jahre war, das Opfer keine Strafanzeige gestellt und den Täter geheiratet hat, berichtet Susanne Güsten im Tagesspiegel: "Erdogans Regierungspartei AKP betont, der Staat müsste verhindern, dass die Kollision der modernen Strafgesetze mit der Tradition der Verheiratung von Minderjährigen tausende Familien ins Unglück stürze. Frauenrechtlerinnen sprechen dagegen von einem Versuch, eine konservative Familienpolitik durchzusetzen, um die Türken dazu zu bringen, früh zu heiraten und möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2020 - Gesellschaft

Gerhard Matzig legt in der SZ ein Wort für Plastik ein, das nicht nur ein Müllproblem, sondern trotz allem auch ein Stoff der Zukunft sei: "Es ist aber auch so, dass Plastik nicht nur völlig überflüssigerweise die einzelne Cocktailtomate umhüllt, als gäbe es kein Morgen - Kunststoffe sind mittlerweile Baustoffe der gesamten Zivilisation: Das reicht vom künstlichen Kniegelenk über das Smartphone bis zum ultraleichten Öko-Vehikel. Vor allem aber gibt es keinen Grund, den Kunststoff als Hort des Bösen zu verdammen, denn das Plastikproblem ist eher durch eine rationale Politik als durch irrationale Gestik zu lösen."
Stichwörter: Plastik, Plastikmüll, Smartphones