In Frankreich erhält die 16-jährige
Schülerin Mila Morddrohungen, seit sie auf Instagram gesagt hat, dass sie den Islam scheiße finde (unser
Resümee) - der Fall sorgt für die heute üblichen aufgeregten Debatten. Die
Zeit inszeniert auf ihrer Streit-Seite einen E-Mail-Austausch zwischen
Khola Maryam Hübsch von der Ahmadiyya-Sekte und dem Ex-Muslim
Ali Utlu. Hübsch erklärt zwar ihre Solidarität mit Mila wegen der Morddrohungen, verlangt aber gleichzeitig eine Verschärfung des
Blasphemie-Paragrafen in Deutschland: "Um ein friedliches Miteinander zu gewährleisten, muss der Staat seinen Bürgern ein
Mindestmaß an Rücksichtnahme abverlangen. Deswegen finde ich, dass Blasphemie ebenso wie Beleidigungen nicht erst strafbar sein sollten, wenn der 'öffentliche Frieden' gefährdet ist, sondern schon dann, wenn diese
Rücksicht grob verletzt wird." Utlu spricht die Asymmetrie der Bedrohungen an: "
Islamkritiker müssen auch hier in Deutschland um ihre Sicherheit fürchten, da Todes-Fatwas jeden muslimischen Gläubigen aufrufen, sie umzusetzen. Nehmen wir doch mal konkret die
Karikatur des Propheten Mohammed, der eine Bombe im Turban trägt. Ist das für Sie eine Schmähung der Religion oder eine künstlerische Kritik?" Auf diese Frage antwortet Hübsch nicht.
Und Evelyn Finger und Kilian Trotier fassen die
aktuelle Kopftuchdebatte zusammen, nachdem eine Schülerin und eine Studentin in Hamburg und Schleswig-Holstein per Gericht erstritten haben, dass sie in Burka zum Unterricht erscheinen dürfen. In Schleswig-Holstein haben
die Grünen einstimmig gegen ein
Burka-Verbot gestimmt. "Der Hamburger CDU-Mann
Ali Ertan Toprak, Sprecher der Initiative Säkularer Islam, sagt: 'In den Augen der Islamisten teilen die verschiedenen Formen der Verhüllung die Frauen noch heute weithin sichtbar in ehrenhafte gläubige und sexuell verfügbare. Wer die Verhüllung der Frau als Norm anerkennt,
unterstützt Fundamentalisten, die Druck auf Musliminnen ausüben.' Wer die Entscheidungsfreiheit der Frauen betone, müsse zugleich eingestehen, dass die Zahl derer, die diese Entscheidungsfreiheit
nicht haben - in muslimischen Ländern wie auch in frommen europäischen Communitys - eklatant sei." Bei
emma.de wird Toprak
noch deutlicher: "Diejenigen, die das Recht auf Vollverschleierung verteidigen, verteidigen eigentlich eine Uniform, einen
Kampfanzug der Islamisten. Wer im Namen der Religionsfreiheit die Vollverschleierung verteidigt, der verteidigt eine rechtsextremistische Ideologie."
Der Hamburger Fall ist ein Einzelfall,
meint hingegen Susanne Klein auf
Sueddeutsche.de: "Hier wird auf fiktiven Köpfen über ein 'Problem' gestritten, das es nicht gibt. Wer etwas anderes behauptet und nach Verboten ruft, sorgt sich nicht um vollverschleierte Mädchen."
Ebenfalls in der
Zeit glaubt
Jutta von Ditfurth nicht, dass man den Klimawandel "
mit dem Kapitalismus" kaum wird stoppen können (ein Exemplar von Monika Marons
"Flugasche" ist bereits an die Autorin unterwegs).
Der zum Judentum konvertierte ehemalige evangelische Theologiestudent
Michael Düllmann ist mit seiner Klage gegen das antisemitische Relief "
Die Judensau" an der Wittenberger Stadtkirche vorm Oberlandesgericht in Naumburg gescheitert. (Unsere
Resümees) Gut so, schreiben die Feuilletons einstimmig. In der
FR meint Stephan Hebel: "So sorgt etwa die Frage, ob aus Astrid Lindgrens 'Pippi Langstrumpf' die rassistische Bezeichnung 'Negerkönig' entfernt werden sollte, regelmäßig für heftigen Streit. Muss das alles weg, weil 'Judensau' und '
Negerkönig'
bis heute ansteckend sind? Oder lassen sie sich nicht gerade als Gegenmittel nutzen, wenn an ihrem Beispiel über Antisemitismus und Rassismus aufgeklärt wird?" Malte Lehming
ergänzt im
Tagesspiegel: Die Kirche sei "dringend aufgefordert, antisemitische Traditionen, die von den Nazis mit mörderischer Konsequenz dankbar aufgegriffen wurden, erheblich
eindeutiger zu kommentieren".
Die Judensau muss bleiben als "Mahnmal der Schande",
sekundiert Alan Posener in der
Welt: "Seit dem Holocaust haben
Katholiken und Protestanten viel getan, um ihren eigenen Schuldanteil aufzuarbeiten, ihre Theologie zu überprüfen und, wo es geht, zu ändern. Doch darf diese Aufarbeitung, Überprüfung und Veränderung nicht so weit gehen, dass die Christen nicht einmal mehr erkennen, in welcher
zwiespältigen Tradition sie stehen."
Auf
Zeit online widerspricht der Jurist
Volker Boehme-Neßler. Das Urteil ist
ein Skandal, ruft er. "Wenn solch ein Machwerk, das in analen und
fäkalen Fantasien schwelgt, keine Beleidung sein soll - was dann? Haben die Richter das Relief überhaupt gesehen? Kennen sie nicht die lange politische Geschichte dieses abgrundtief antisemitischen Bildmotivs?"
Das Judentum ist mehr, als es
deutsche Debatten über Shoa und Antisemitismus glauben machen,
schreibt Monty Ott, Vorsitzender von Keshet Deutschland e.V. auf
Zeit Online. Es gab auch widerständige und queere JüdInnen, die allerdings durch den
Paragrafen 175 marginalisiert wurden: "Dieses Gesetz war ein Instrument, das
Homosexuelle in der öffentlichen Wahrnehmung zu
Täter*innen machte. Wenn Jüd*innen also Teil der erst spät entstehenden Erinnerungsnarrative sein sollten, mussten Teile ihrer
Identität verschwiegen oder verdrängt werden - denn in diesen konnten sie nicht vermeintliche*r 'Täter*in' und Opfer zugleich sein."