9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2019 - Gesellschaft

Die Debatte um eine gendergerechte Sprache nimmt an Schärfe zu, in der taz wünscht sich Tina Hartmann, dass sich auch endlich die DichterInnen an ihr beteiligen: "Sie haben die Macht, und sie stehen in der Verantwortung, mit ihrer Literatur die Sprache umzugestalten. An zeitgenössischer Literatur kommt schließlich auch eine reaktionäre Sprach- und Literaturrezeption nicht vorbei. Bürokratisch genaue Sprache hat Vorzüge. Doch schön wie auch kulturell wirksam wird sie erst durch Dichtung, wie in der Genese einer deutschen Literatursprache aus dem Kanzleideutsch im sprachgeschichtlich atemberaubend kurzen Zeitraum zwischen 1670 und 1770 nachzulesen ist. Damals entstand die Sprache Wielands, Goethes und Schillers, die wir im Prinzip bis heute schreiben. Diese Sprache ist durch ihre Protagonisten eine der männlichen Stimme. An ihr verzweifelten jahrzehntelang Frauen in der Literatur - Autorinnen wie Irmgard Keun oder Ingeborg Bachmann, die in 'Malina' versuchte, für weibliche Wahrnehmung eine weibliche Stimme zu finden."

So ungewöhnliche Laute verlangt das Binnen-I der gendergerechten Sprache nicht, erfährt SZ-Kritiker Felix Stephan vom Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas in Marburg: "Das Phonem, das beim Mitsprechen des Binnen-Is entsteht, erfährt man dort, kommt im Deutschen im Grunde unentwegt vor. Etwa wenn zwei Vokale aufeinandertreffen, die sich nicht in derselben Silbe befinden. Zwischen dem 'e' und dem 'a' in 'Theater' zum Beispiel oder in 'bearbeiten'. Aber auch 'verarbeiten', obwohl dort genau genommen nicht einmal zwei Vokale aufeinandertreffen, aber eben ein neudeutsches R, das nicht mehr in der Kehle geformt wird, sondern wie ein Vokal vorn im Mund. Der Laut kommt auch jedes Mal vor, wenn ein Wort mit einem Vokal beginnt: Wenn ein Deutscher 'Affe' sagt oder 'Autor', schließt er, bevor er den Vokal ausspricht, in der Kehle kurz die Stimmlippen und formt ebenjenen stimmlosen glottalen Plosiv, der im Deutschen allgegenwärtig ist, den aber die wenigsten kennen, weil es kein Schriftzeichen dafür gibt."

Dinah Riese berichtet in der taz über den Streit über das Symposion "Das islamische Kopftuch - Symbol der Würde oder der Unterdrückung?" der Frankfurter Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter (unsere Resümees). Riese spricht unter anderm mit dem Studenten Zuher Jazmati, von der Gruppe @schroeter_raus, die eine Zensur der Veranstaltung wegen "antimuslimischen Rassismus" und die Entlassung Schröters fordert, mit Schröter selbst und mit der selbst Kopftuch tragenden und aufs Podium eingeladen Khola Maryam Hübsch von der Ahmadiyya-Sekte, die sich trotz ihrer Einladung schon im Vorfeld scharf gegen die Veranstaltung wendet: "Khola Maryam Hübsch ..  kann die 'Frustration der Studierenden', wie sie sagt, gut nachvollziehen. 'Ich finde das Podium nicht ausgewogen. Die Redezeit derer, die extreme Positionen gegen das Kopftuch vertreten, überwiegt', sagt sie. Das habe sie auch den Veranstaltern mitgeteilt. 'Susanne Schröter lässt sich und ihre Position im akademischen Milieu benutzen, um Ängste zu schüren und plumpe Klischees zu verbreiten', sagt Hübsch." Die Uni-Leitung bekennt sich laut Daniel Tautz bei Zeit online zu Schröter.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.04.2019 - Gesellschaft

Die Ankündigung des Sultans von Brunei, Homosexuelle künftig per Scharia mit der Todesstrafe zu bedrohen, hat im Westen für eine gewisse Irritation gesorgt. Der Sultan erbat sich daraufhin in einem offenen Brief "Toleranz, Respekt und Verständnis", also genau jene Haltungen, die hier von der kulturrelativistischen Linken verfochten werden, die sich über die Todesstrafe für Homosexuelle in anderen, meist muslimischen Ländern ja auch nicht scheren, schreibt Nico Hoppe bei den Salonkolumnisten. "Noch bekam der Sultan für sein Plädoyer keine Zustimmung von besonders nachsichtigen Kulturrelativisten. Ob und wann sich das ändern wird, lässt sich kaum einschätzen. Fakt ist jedoch, dass es jetzt schon Themen gibt, bei denen der Unterdrückung schneller als den Unterdrückten beigestanden wird. Bei jeder Diskussion über das islamische Kopftuch, bei jeder Frage, was der Islam mit dem Islamismus zu tun habe, bei jeder Bemerkung zu Antisemitismus, Misogynie und Homophobie des islamischen Milieus - der Einwand, dass man zuallererst 'Toleranz, Respekt und Verständnis' entgegenbringen müsste, bevor man überhaupt näher nachhakt, ist selten weit."

"Beschämend" nennt Cigdem Toprak den Vorstoß jener Studierenden der Uni Frankfurt, die "mit und ohne Kopftuch" die Absage der Veranstaltung "Das islamische Kopftuch - Symbol der Würde oder der Unterdrückung?" und ein Berufsverbot für deren Initiatorin, die Professorin Susanne Schröter, fordern (Unser Resümee): "Welche Antwort geben die jungen Frauen und Männer der Goethe-Universität den unzähligen Frauen dieser Welt, die gezwungen werden, das Kopftuch zu tragen? Die in undemokratischen Staaten mit Strafverfolgung rechnen müssen und auch in der westlichen Gesellschaft mit psychischen Folgen, weil sie sozialem Druck unterworfen sind? Sie sitzen im Elfenbeinturm, tragen zum Kopftuch enge Skinny-Jeans und Nike-Sneakers, führen ein Doppelleben zwischen ihrem öffentlichen und privaten Leben."

Ragnar Locksmith unterhält sich auf hpd.de mit der Bloggerin Durba Zahan aus Bangladesch, die inzwischen im deutschen Exil lebt. Sie spricht über die Morde an atheistischen Bloggern in ihrem Land: "Sie erstellten eine Todesliste und begannen, einen Blogger nach dem anderen zu töten. Und so viele Leute auf der Liste wollten Hilfe von der Polizei. Und die Polizei half ihnen nicht. Also hatten sie Angst, sie versteckten sich, aber schließlich wurden sie dort erwischt, wo sie lebten, die islamistischen Extremisten fanden sie. Diese wiederum arbeiten für und mit IT-Unternehmen, so konnten sie den Wohnort der Blogger über deren IP-Adresse herausfinden. So war ihr Aufenthaltsort bekannt und sie wurden umgebracht."

Im FR-Interview mit Nadja Erb fordert die Autorin Jagoda Marinic tiefere Diskurse und weniger "Hysteriedebatten" in deutschen Medien - vor allem mit Blick auf feministische Themen und eine Fortsetzung der #MeToo-Debatte. Außerdem sieht sie Parallelen zwischen dem Rechtsruck und dem "Verschwinden der Frauen" aus dem öffentlichen Diskurs: "Wir müssen mehr gegen Rechte reden. Muss denn wirklich jeder, der seine fremden- und frauenfeindlichen Ansichten vertritt, gehört werden? Sicher nicht. Auch jene, die im 'Mit Rechten reden' eine Lösung sehen, bilden eine Art 'Querfront' mit. Rhetorisch wäre argumentieren 'Gegenrede', nicht 'Mitrede'. Mit Rechten zu reden, ist indirekt auch eine frauenfeindliche Querfront, weil es in diesen Kreisen schlichtweg weniger einflussreiche Frauen gibt. Es wäre gut, wenn in den Redaktionen wieder das Verstärker-Prinzip mitgedacht würde: Welche Themen verstärke ich durch meine Geschichte?"

Pascal Bruckner ist in der NZZ nicht wohl mit den gegen den Klimawandel kämpfenden protestierenden Kindern, die er verdächtigt, die Formeln der Erwachsenen nachzubeten: "Der ökologische Kampf hat seine Berechtigung, aber was in seinem Namen geschieht, ist bedenklich. Tag um Tag gewöhnt man die Kinder an den Katastrophismus, man sagt ihnen, dass der Planet in Flammen steht, dass Naturkatastrophen uns vernichten, dass wir Menschen den Preis für unser Treiben bezahlen und aussterben werden. So ziehen wir angsterfüllte Generationen heran: Die Kinder werden nicht eigentlich mobilisiert, sondern eher gelähmt."

Im Standard-Gespräch mit Stefan Weiss führt der deutsche Philosoph Gunter Gebauer die in seinem neuen Buch vertretene These einer Renaissance des Massenenthusiasmus aus: "Die parteipolitischen Möglichkeiten scheinen für viele Leute in Frankreich ausgereizt zu sein, daher wählt man die Straße. Es ist der Linken und Rechten auch nicht gelungen, die Gelbwesten für sich zu vereinnahmen. Bei Greta Thunberg ist es so, dass sich ihre Persönlichkeit, ihre Erscheinung und offenkundige Lauterkeit als ikonische Figur äußerst gut eignet, auch wenn sie eigentlich kein konkretes politisches Maßnahmenpaket vorgelegt hat. Das müssten andere erledigen, die Frage ist, ob politische Parteien so klug sind, die Bewegung aufzunehmen."

Nichts spricht gegen "nicht-invasive Pränataldiagnostik" (NIPD), mit der unter anderem festgestellt werden kann, ob bei einem Embryo Trisomie festzustellen ist, und auch nicht gegen ihre Finanzierung durch Krankenkassen. Die Entscheidung über Abtreibung liegt so oder so bei der Frau, antwortet der emeritierte Rechtsprofessor Reinhard Merkel in der FAZ all jenen, die bei der Abtreibung von Embryos mit Down-Syndrom von "Selektion" sprechen und Diskriminierung Behinderter: "Den schwangeren Frauen schulden Gesellschaft und Gesetzgeber vor allem das Unterlassen paternalistischer Bevormundung. Zu den abwegigsten Argumenten dieser Debatte gehört die Behauptung, das Wissen um ein Down-Syndrom ihres Ungeborenen zwinge die Schwangere in einen Konflikt, der sie überfordere. Die sozialen, innerfamiliären und ideologischen Fliehkräfte, die nun an ihr zerrten, schlössen die Möglichkeit einer selbstbestimmten Entscheidung aus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2019 - Gesellschaft

Es scheint sich nicht gerade um eine massive Demonstration zu handeln, aber sehr wohl um ein Zeichen, dass auch an der Uni Frankfurt einige studentische Sittenwächter über einen Sittenkodex wachen, nach dem das Kopftuch nicht kritisiert werden darf. Die Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter, die in der FAZ neulich brillant darlegte, wie "züchtige" Mode in islamischen Ländern zur Installation neuer Dresscodes beitrug (unser Resümee), plant an ihrem Institut eine Diskussion unter dem Titel "Das islamische Kopftuch - Symbol der Würde oder der Unterdrückung?" Eingeladen sind unter anderem Alice Schwarzer und Necla Kelek, aber auch die Kopftuch-Verfechterin Khola Maryam Hübsch.

Gegen das Symposion steht eine Gruppe mit dem Namen @schroeter_raus auf, die sich auf Instagram in aller Bescheidenheit als "Wir, die Studierenden der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt" vorstellt und ihrer Empörung Ausdruck gibt: "Gerade heute mit der steigenden Salonfähigkeit von Rechtspopulismus, werden in Deutschland Menschen, die das Kopftuch tragen, Opfer von rechter Gewalt und Rassismus. Diese Rechtspopulisten erhalten durch Personen wie Prof. Dr. Susanne Schröter und ihren geladenen Gästen Zuspruch." Die Gruppe fordert, dass die Veranstaltung abgesagt und Susanne Schröter ihrer Position enthoben wird. Den Text der Gruppe hat Schröter auf ihrer Facebook-Seite präsentiert.

Auch Alain Finkielkraut sollte mal wieder am Auftritt an einer Hochschule - der Eliteschule Sciences Po in Paris - gehindert werden. Im Bericht Louis Nadaus in Marianne sagt er an die Adresse der protestierenden Studenten: "Der Faschismus seid ihr, die Dreißiger seid ihr, der Antisemitismus seid ihr, die Bücherverbrennungen seid ihr. Das ist alles, was ich ihnen zu antworten habe. Sie sind, was sie vorgeben zu bekämpfen. Sie kämpfen gegen die Freiheit des Geistes. Sie wollen mich am Sprechen hindern, während ich niemand am Sprechen hindere."

Die Moderne ist zu einem "Gesums von Mikroerzählungen" geworden, stellt der Kulturtheoretiker Jörg Scheller in der NZZ mit Blick auf die zahlreichen Identitätsdiskurse treffend fest und empfiehlt die Lektüre der "Theorie der Gerechtigkeit" des 2002 verstorbenen amerikanischen Philosophen John Rawls: "Zentral für Rawls ist, dass eine gerechte Gesellschaft keine homogene ist. Wo keine Pluralität ist, da ist kein Dissens, da ist keine wahre Politik, da ist auch die Frage der Gerechtigkeit nachrangig. Für Gerechtigkeit genügt aus Rawls' Sicht die Minimalanforderung eines 'überlappenden Konsenses'. Selbst diesen drohen die westlichen Gesellschaften zu verlieren, wenn ihre Mitglieder den Willen zur Gerechtigkeit durch den Willen zur Selbstgerechtigkeit ersetzen. Und noch etwas ist entscheidend für Rawls: Eine gerechte Gesellschaft erfordert paradoxerweise die Ungleichbehandlung ihrer Mitglieder."

Ebenfalls in der NZZ ärgert sich Birgit Schmid über moderne, stets empörte Links-Feministinnen, die anderen Frauen vorschreiben wollen, "was eine gute Frau ist" und dadurch individuelle Freiheit und echte Patriarchatskritik unmöglich machen. Und: "Die Supermarktangestellte erreicht der abgehobene Diskurs des Genderfeminismus nach wie vor nicht. Auch das wird nicht gerne gehört und als antiintellektuelles Statement genommen. Es ist aber eine Tatsache, dass wir alle, die wir uns mit dem Thema beschäftigen, als Privilegierte reden. Feminismus wurde in den letzten Jahren mehr und mehr als Selbstverwirklichung betrieben: von Karrierefrauen, die sich mit Quoten beschäftigen, bis zu den jungen Frauen, die am liebsten auch die Biologie einklagen würden, da ihnen weiterhin das Kinderkriegen obliegt. So entsteht eine Ferne zu den Frauen, die sich in schlecht bezahlten Jobs über Wasser halten oder deren Leben, weil sie als Mädchen geboren wurden, von Anfang an bedroht ist."

Mit 22 Prozent der Wählerstimmen wäre die AfD laut Umfragen derzeit stärkste Partei im Osten. 78 Prozent der Ostdeutschen (im Vergleich zu 87 Prozent der Westdeutschen) würden die AfD dementsprechend nicht wählen, konstatiert der ostdeutsche Philosoph und evangelische Theologe Richard Schröder in der Welt und wirft Westdeutschen eine "Exotisierung des Ostens" vor. Die Differenz erklärt er mit der "posttotalitären Situation", die Ostdeutschland mit anderen ehemals sozialistischen Ländern verbinde: Diese habe "ein Staatsverständnis hinterlassen, das einerseits 'den Staat' weiterhin als 'die da oben' ablehnt, die nur an sich denken und denen die Bedürfnisse der Bevölkerung gleichgültig seien, wie das für die DDR ja auch weithin zutraf, andererseits aber vom 'Vater Staat' bedient werden möchten, wie es der vormundschaftliche Staat der SED versprochen, aber nicht gehalten hat."
 
Für den Tagesspiegel hat sich Ariane Bemmer derweil die Deutschlandkarte der Hans-Böckler-Stiftung angeschaut und festgestellt, dass die Einkommensschere zwischen Ost- und Westdeutschland keineswegs so groß ist, wie die ihrer Meinung nach ganz auf Effekt zielende Grafik vorgebe: "Was die Grafik nicht sagt, wohl aber die dazugehörige Untersuchung: dass alle fünf ostdeutschen Bundesländer von 2000 bis 2016 Einkommenszuwächse verzeichnet haben, und zwar im Schnitt um fast 16 Prozent. Das habe einerseits mit Geldern aus der Rentenkasse zu tun, was West-Ruheständler im Osten sein können, mit Lohnsteigerungen und mit Einkommen aus Vermögen. Hier sei ein minimaler, aber stetiger Anstieg zu beobachten, stellten die Forscher fest. Schlimmer dagegen stelle sich die Situation in einigen Ruhrgebietsgegenden dar, wo es vom niedrigen Niveau aus seit Jahren immer weiter bergab geht. Für ein Land, in dem die sogenannte 'soziale Mobilität', also Aufstieg, immer noch schwer ist und sich soziale Handicaps quasi vererben, sind das auf alle Fälle alarmierende Befunde. Aber eben keine, die allein auf einen Ost-West-Konflikt reduziert werden sollten."

Auch der Rechtspopulismus habe sich laut der Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung im Osten und Westen gleichermaßen verfestigt, meldet Tina Groll bei Zeit Online.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2019 - Gesellschaft

Christiane Schlötzer besucht für die SZ in Istanbul das Museum für den armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink, der 2007 in Istanbul auf offener Straße von einem türkischen Ultranationalisten erschossen wurde: "'23,5 April' heißt nun der Erinnerungsort, den die Hrant-Dink-Stiftung in Istanbul eingerichtet hat. Die ehemaligen Redaktionsräume der von Dink 1996 gegründeten zweisprachigen Zeitung Agos wurden in ein anspruchsvoll gestaltetes Museum verwandelt, das auch eine Begegnungsstätte für junge Menschen sein soll. Die Zeitung ist dafür umgezogen. Die Stiftung hat damit in der Türkei etwas bisher Einmaliges geschaffen: einen intimen und doch öffentlich zugänglichen Ort, der an eines der großen Traumata des Landes erinnert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2019 - Gesellschaft

Die Kluft zwischen Arbeiterkindern und besser Gestellten ist im deutschen Bildungssystem immer noch besonders groß, schreibt Deana Mrkaja bei den Salonkolumnisten in einem persönlichen Essay. Und sie wird durch Habitus verschärft: "Für Kinder aus bildungsfernen Haushalten ist der Sprech, der an Unis gebräuchlich ist, alles andere als verständlich. Wir können nicht folgen, fühlen uns fehl am Platz und fragen uns, ob eben die Krankenschwesterausbildung, die Mutter doch so gut fand, nicht die bessere Entscheidung gewesen wäre. Doch es ist nicht nur die Sprache, sondern auch die Themen, Diskussionen, der Verhaltenskodex, die uns alle völlig fremd sind, auf die wir uns erst einmal einstellen müssen. Lange Zeit fühlen wir uns wie Aliens, die auf einem neuen Planeten gelandet sind und bis zu Schluss haben wir das Gefühl, nicht ganz dazuzugehören."

In der Welt hat Cigdem Toprak die Nase voll von dem Gerede über "alte weiße Männer". Dass das Quatsch ist, hat sie schon an der Uni gelernt: "Während meiner Arbeit an einem wissenschaftlichen Institut, das sich mit Gender- und Rassismusfragen beschäftigt, wurde ich von jenen, die ständig von antimuslimischem Rassismus schrien, die alles und jeden gendern wollten, die white supremacy kritisierten, genauso schlecht behandelt wie früher von unseren rassistischen Nachbarn, die meine Eltern dafür hassten, dass sie zu ihren Nachbarn geworden waren. Die Menschen an diesem Institut begannen, mich schlecht zu behandeln, als sie merkten, dass ich selbstständig denke, mich nicht an Ideologien hänge. Dass ich selbst bestimmen möchte, wann ich von Diskriminierung betroffen bin und wann nicht. Als ich nicht mehr Opfer sein wollte, wurde ich zum Opfer gemacht - woraufhin ich kündigte."

Mark Siemons schreibt in der FAS eine Art Nachruf auf den Fußgänger, der inzwischen auch auf den Bürgersteigen seine Freiheit verloren hat und sich vorsichtig bewegen muss, um jenen auszuweichen, die stets Recht haben: "Die Schonungslosigkeit und Härte, mit der manche und nicht so wenige Fahrradfahrer sich nicht nur ihren Weg bahnen, sondern diesen auch mit Ausbrüchen von Wut und Aggression begleiten, wäre kaum denkbar ohne das zutiefst gute Gewissen, das sich im Einklang mit den Hauptströmungen der Zeit weiß. Da Fahrradfahren umweltschonend, gesund und vergleichsweise schwerelos ist, gehört ihm die Zukunft, und jeder einzelne Radfahrer kann sich nicht nur als Durchsetzer seiner eigenen Interessen im Straßengetümmel fühlen, sondern als Vertreter eines höheren Rechts, das Rechtsverstöße im Einzelnen als verschmerzbar erscheinen lässt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2019 - Gesellschaft

Eindringlich protestiert Simone Schmollack in der taz nochmal gegen die deutsche, von den Kirchen definierte Gesetzeslage zur Sterbehilfe, über die vor dem Bundesverfassungsgericht gerade zwei Tage lang verhandelt wurde: "Der Erfahrung von Mediziner*innen aus Ländern mit legaler Sterbehilfe zufolge sinkt die Selbsttötungsrate, sie steigt nicht, wie hierzulande von manchen befürchtet wird. Und niemand, schon gar nicht Mediziner*innen, Pfleger*innen und Angehörige werden 'einfach so töten', wie Ärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgommery behauptet. Erwiesen ist auch, dass sich Menschen besser fühlen, wenn sie, statt zu einem Sterbehilfeverein in die Schweiz reisen zu müssen und so den eigenen Tod unmittelbar vor Augen zu haben, ihren Todeszeitpunkt durch eine Spitze selbst bestimmen und auch wieder verschieben zu können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2019 - Gesellschaft

hpd.de dokumentiert die Intervention des Philosophen Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung im Prozess des Bundesverfassungsgerichts zum Sterbehilfegesetz der Bundesregierung (Paragraf 217), das "geschäftsmäßige" Beihlife zum Suizid bekanntlich verbietet. Damit habe der Staat seine weltanschauliche Neutralität verletzt, so Schmidt-Salomon: "Denn dieser Paragraf privilegiert die Sittlichkeitsvorstellungen einer religiösen Minderheit und diskriminiert all jene, die diese Vorstellungen nicht teilen. Man mache sich diese Ungeheuerlichkeit bewusst: Während 80 Prozent der Bürgerinnen und Bürger für mehr Selbstbestimmung am Lebensende plädierten, beschlossen deren parlamentarische Vertreter die massive Beschneidung dieses Selbstbestimmungsrechts, indem sie kompetente Freitodbegleitungen unter Strafe stellten."

Im SZ-Interview mit Susanne Klein fordert die Gesamtschullehrerin und Autorin Julia Wöllenstein den Verzicht von Religionsunterricht an Schulen und ein Kopftuchverbot bis zum 16. Lebensjahr: "Das wäre ein klares Zeichen dafür, dass wir hier Staat und Religion trennen. Bei der Herkulesaufgabe, sich in einem fremden Land zu integrieren, braucht man Orientierung. Ich frage mich manchmal, wie es wäre, wenn ich mit meinen drei Kindern nach Iran ziehen würde. Welchen Rahmen bräuchte ich, um reinzukommen in die Kultur?" Und: "Mädchen bekommen mit dem Kopftuch die Verantwortung für Sexualität aufgelastet. Das spüren sie auch, sie sagen zum Beispiel: Wenn ich ohne Kopftuch rausgehe und mir dann etwas passiert, bin ich selber schuld. Mädchen sollten aber nicht durch Verhüllen signalisieren müssen, dass sie sexuell nicht verfügbar sind."

Weiteres: 2018 wurde insgesamt 1083 antisemitische Vorfälle in Berlin erfasst, 14 Prozent mehr als 2017, zitiert Frank Jansen im Tagesspiegel die Bilanz der "Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (Rias). Projektleiter Benjamin Steinitz "betonte, es gebe 'eine zunehmende Bereitschaft, antisemitische Aussagen mit Gewaltandrohung zu verbinden oder auch Gewalt folgen zu lassen'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2019 - Gesellschaft

Auf Zeit online hat Ramona Raabe kein Problem mit der Frage, woher kommst du. Schon richtig: "Den meisten, die munter drauflosfragen, scheint nicht bewusst zu sein, dass ein sichtbarer Migrationshintergrund sich nicht verstecken lässt ... Aber wieso sollte unser eigenes kulturelles oder nationales Selbstverständnis durch eine einfache Frage so leicht angreifbar sein? Wir ethnisch pluralen, bunten, auch deutschen Menschen mit Migrationshintergrund können mit allem Recht unsere Zugehörigkeit unumstößlich voraussetzen - weil wir es sind, die das Beispiel leben und zwar schon seit Jahrzehnten."
Stichwörter: Migrationshintergrund

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2019 - Gesellschaft

Große Verunsicherung bei den katholischen Geistlichen, die im Erzbistum Köln zu einem Präventionskurs verpflichtet werden, bevor sie mit Kindern arbeiten dürfen, berichten Tim Niendorf und Tobias Schrörs. Darf man denn ein Kind, das seine Mutter verloren hat, noch tröstend in die Arme nehmen? "Einer steht da mit gesenktem Kopf, sagt, der Missbrauch gehe ihm in den Körper, in die Seele. Ein anderer sagt: Priester und Missbrauch, das habe er sich nicht vorstellen können. Und nun? Wie umgehen mit Kindern auf Jugendfahrten? Darf man einem Messdiener noch durch die Haare wuscheln? Keine leichten Fragen, die gestellt werden. Sie stehen im Kontrast zu einer extremen Aussage, die nach den Worten eines Referenten in einem anderen Kurs gefallen ist. Da habe einer gesagt: Na ja. Wenn ein Mann ein Mädchen auf dem Schoß hat und dann Lust verspürt, ist das ja nicht so schlimm, solange das Mädchen nichts merkt."
Stichwörter: Sexueller Missbrauch

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2019 - Gesellschaft

Zahlreiche Künstler und Wissenschaftler haben eine mit Blick auf die inzwischen eingestellten Ermittlungen gegen das Zentrum für politische Schönheit initiierte Petition gegen die Kriminalisierung politischer Kunst unterschrieben, meldet Zeit Online. Sie fordern unter anderem eine Entschuldigung von Thüringens Landesjustizminister Dieter Lauinger: Die Ermittlungen seien "'ein bedrohlicher Angriff auf die Meinungs- und Kunstfreiheit. Wir protestieren!', heißt es in der Petition, die von der Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters, Shermin Langhoff, angestoßen wurde. Zu den Erstunterzeichnern des Briefs gehören der Musiker Herbert Grönemeyer, der Satiriker Jan Böhmermann, der Journalist Deniz Yücel, die Initiatorin des Holocaustmahnmals in Berlin, Lea Rosh, die Schauspielerin Katja Riemann, der Politikwissenschaftler Herfried Münkler und viele andere." Im Welt-Interview mit Per Hinrichs ordnet der ehemalige Richter am Bundesgerichtshof, Thomas Fischer die Ermittlungen juristisch ein.