Es scheint sich nicht gerade um eine massive Demonstration zu handeln, aber sehr wohl um ein Zeichen, dass auch an der Uni Frankfurt
einige studentische Sittenwächter über einen Sittenkodex wachen, nach dem das Kopftuch nicht kritisiert werden darf. Die Islamwissenschaftlerin
Susanne Schröter, die in der
FAZ neulich brillant darlegte, wie "züchtige" Mode in islamischen Ländern zur Installation neuer Dresscodes beitrug (unser
Resümee), plant an ihrem Institut eine
Diskussion unter dem Titel "Das islamische Kopftuch - Symbol der Würde oder der Unterdrückung?" Eingeladen sind unter anderem
Alice Schwarzer und
Necla Kelek, aber auch die Kopftuch-Verfechterin
Khola Maryam Hübsch.
Gegen das Symposion steht eine Gruppe mit dem Namen @
schroeter_raus auf, die sich auf Instagram in aller Bescheidenheit als "Wir,
die Studierenden der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt" vorstellt und ihrer Empörung Ausdruck gibt: "Gerade heute mit der steigenden Salonfähigkeit von Rechtspopulismus, werden in Deutschland
Menschen,
die das Kopftuch tragen, Opfer von rechter Gewalt und Rassismus. Diese Rechtspopulisten erhalten durch Personen wie Prof. Dr. Susanne Schröter und ihren geladenen Gästen Zuspruch." Die Gruppe fordert, dass die Veranstaltung abgesagt und Susanne Schröter
ihrer Position enthoben wird. Den Text der Gruppe hat Schröter auf ihrer Facebook-Seite präsentiert.
Auch
Alain Finkielkraut sollte mal wieder am Auftritt an einer Hochschule - der Eliteschule
Sciences Po in Paris - gehindert werden. Im
Bericht Louis Nadaus in
Marianne sagt er an die Adresse der protestierenden Studenten: "Der
Faschismus seid ihr, die Dreißiger seid ihr, der Antisemitismus seid ihr, die Bücherverbrennungen seid ihr. Das ist alles, was ich ihnen zu antworten habe. Sie sind, was sie
vorgeben zu bekämpfen. Sie kämpfen gegen die Freiheit des Geistes. Sie wollen mich am Sprechen hindern, während ich niemand am Sprechen hindere."
Die Moderne ist zu einem "
Gesums von Mikroerzählungen" geworden,
stellt der Kulturtheoretiker
Jörg Scheller in der
NZZ mit Blick auf die zahlreichen
Identitätsdiskurse treffend fest und empfiehlt die Lektüre der "Theorie der Gerechtigkeit" des 2002 verstorbenen amerikanischen
Philosophen John Rawls: "Zentral für Rawls ist, dass eine gerechte Gesellschaft keine homogene ist. Wo keine Pluralität ist, da ist kein Dissens, da ist keine wahre Politik, da ist auch die Frage der Gerechtigkeit nachrangig. Für Gerechtigkeit genügt aus Rawls' Sicht die Minimalanforderung eines '
überlappenden Konsenses'. Selbst diesen drohen die westlichen Gesellschaften zu verlieren, wenn ihre Mitglieder den Willen zur Gerechtigkeit durch den Willen zur Selbstgerechtigkeit ersetzen. Und noch etwas ist entscheidend für Rawls: Eine gerechte Gesellschaft erfordert paradoxerweise die
Ungleichbehandlung ihrer Mitglieder."
Ebenfalls in der
NZZ ärgert sich Birgit Schmid über moderne, stets
empörte Links-
Feministinnen, die anderen Frauen vorschreiben wollen, "was eine gute Frau ist" und dadurch individuelle Freiheit und echte Patriarchatskritik unmöglich machen. Und: "Die Supermarktangestellte erreicht der abgehobene Diskurs des
Genderfeminismus nach wie vor nicht. Auch das wird nicht gerne gehört und als antiintellektuelles Statement genommen. Es ist aber eine Tatsache, dass wir alle, die wir uns mit dem Thema beschäftigen, als
Privilegierte reden. Feminismus wurde in den letzten Jahren mehr und mehr als Selbstverwirklichung betrieben: von Karrierefrauen, die sich mit Quoten beschäftigen, bis zu den jungen Frauen, die am liebsten auch
die Biologie einklagen würden, da ihnen weiterhin das Kinderkriegen obliegt. So entsteht eine Ferne zu den Frauen, die sich in schlecht bezahlten Jobs über Wasser halten oder deren Leben, weil sie als Mädchen geboren wurden, von Anfang an bedroht ist."
Mit
22 Prozent der Wählerstimmen wäre die
AfD laut Umfragen derzeit
stärkste Partei im Osten. 78 Prozent der Ostdeutschen (im Vergleich zu 87 Prozent der Westdeutschen) würden die AfD dementsprechend nicht wählen, konstatiert der ostdeutsche Philosoph und evangelische Theologe
Richard Schröder in der
Welt und wirft Westdeutschen eine "
Exotisierung des Ostens" vor. Die Differenz erklärt er mit der "
posttotalitären Situation", die Ostdeutschland mit anderen ehemals sozialistischen Ländern verbinde: Diese habe "ein Staatsverständnis hinterlassen, das einerseits 'den Staat' weiterhin als '
die da oben' ablehnt, die nur an sich denken und denen die Bedürfnisse der Bevölkerung gleichgültig seien, wie das für die DDR ja auch weithin zutraf, andererseits aber vom '
Vater Staat' bedient werden möchten, wie es der vormundschaftliche Staat der SED versprochen, aber nicht gehalten hat."
Für den
Tagesspiegel hat sich Ariane Bemmer derweil die
Deutschlandkarte der Hans-Böckler-Stiftung
angeschaut und festgestellt, dass die
Einkommensschere zwischen Ost- und Westdeutschland keineswegs so groß ist, wie die ihrer Meinung nach ganz auf
Effekt zielende Grafik vorgebe: "Was die Grafik nicht sagt, wohl aber die dazugehörige Untersuchung: dass alle fünf ostdeutschen Bundesländer von 2000 bis 2016
Einkommenszuwächse verzeichnet haben, und zwar im Schnitt um fast 16 Prozent. Das habe einerseits mit Geldern aus der Rentenkasse zu tun, was West-Ruheständler im Osten sein können, mit
Lohnsteigerungen und mit Einkommen aus Vermögen. Hier sei ein minimaler, aber stetiger Anstieg zu beobachten, stellten die Forscher fest. Schlimmer dagegen stelle sich die Situation in einigen
Ruhrgebietsgegenden dar, wo es vom niedrigen Niveau aus seit Jahren immer weiter bergab geht. Für ein Land, in dem die sogenannte 'soziale Mobilität', also Aufstieg, immer noch schwer ist und sich soziale Handicaps quasi vererben, sind das auf alle Fälle alarmierende Befunde. Aber eben keine, die allein auf einen Ost-West-Konflikt reduziert werden sollten."
Auch der
Rechtspopulismus habe sich laut der
Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung im
Osten und Westen gleichermaßen verfestigt,
meldet Tina Groll bei
Zeit Online.