9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2019 - Gesellschaft

Als das Bundesverfassungsgericht entschied, ein "drittes Geschlecht" anzuerkennen, rechnete es mit 160.000 Menschen in Deutschland, die nach dieser Definition als "divers" oder intersexuell gelten könnten. In Wahrheit dürfte die Zahl derer, die den Status der Intersexualität (der auch ein wichtiger Baustein der Gendertheorien ist) beanspruchen würden, wohl eher bei 1.600 liegen, schätzt Martin Spiewak, der für die Zeit in Krankenhäusern und Behörden recherchiert hat: "Eine Nachfrage der Zeit bei den Standesämtern der elf größten deutschen Städte ergibt: Insgesamt haben zwanzig Personen beantragt, ihren Geschlechtseintrag auf 'divers' ändern zu lassen (Stand Mitte April). Neun von ihnen leben in Berlin, zwei in München. Rechnet man die Zahlen, die von ähnlichen Umfragen bestätigt werden, auf ganz Deutschland hoch, sind es rund 150 Fälle. Eltern intersexueller Neugeborener, die ihr Kind als divers eintragen ließen, gibt es in den befragten Städten bislang keine." Natürlich, so Spiewak, könne es sein, dass sich noch nicht alle in Frage kommenden Personen gemeldet hätten, doch "mit einer Fallzahl von über tausend Betroffenen rechnet kaum jemand". Hinzukomme, dass sich die meisten der Personen, die medizinisch als intersexuell gelten, sehr wohl entweder als Mann oder Frau definieren. Aber die Betroffenen haben gute Lobbyarbeit geleistet, meint er.

Nicht die "Identitätspolitik" ist das Problem, sondern die Politik der Ausgrenzung, die soziale Minderheiten schafft, schreibt indes die Publizistin Carolin Emcke in der SZ: "Zu den mehr oder minder mutwilligen Missverständnissen über 'Identitätspolitik' gehört die Unterstellung, Angehörige von Minderheiten lehnten liberale Gesellschaftsmodelle oder universale Prinzipien ab, weil sie Werte kulturell relativierten. Das Gegenteil ist üblicher: Um Diskriminierung zu kritisieren, braucht es keine aufgeladenen Konzepte von essenzieller Identität, sondern gerade eine Orientierung an den universalen Prinzipien von Freiheit und Gleichheit. Allein: Um eine konkrete Diskriminierung zu belegen, braucht es eine dichte Beschreibung der Art und Weise, in der benachteiligt wird - und da kommen dann Hinsichten wie Körpergröße oder Hautfarbe ins Spiel."

Erstaunlich, in wie kurzer Zeit sich die Stimmung zum Kopftuch in den Feuilletons gedreht hat. Gerade präsentierte das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst einen beschönigenden Blick auf "Muslim Fashions", und allenthalben verteidigte man das Kopftuch als modischen Schmuck keuscher Weiblichkeit (unsere Resümees), doch nach der @schroeter_raus-Aktion an der Frankfurter Uni (unsere Resümees) sind nun alle für die Kritik an diesem Symbol der Unterwerfung, so auch Thomas Thiel, der heute für die FAZ über die Konferenz von Susanne Schröter schreibt. "Man muss dazu sagen, dass die Frankfurter Konferenz nicht die dominierende Stimmung in Wissenschaft, Gesellschaft und Politik wiedergab. Susanne Schröter hat mit großer Widerstandskraft einen Raum geschaffen, in der Meinungen ausgesprochen werden können, die sonst zurückgehalten oder, wie die Konferenz selbst, mit Rassismus-Parolen niedergehalten werden (sollen). Necla Kelek findet beispielsweise akademisch kein Podium mehr." Thiel feiert Schröters Konferenz als "Markstein bei der Rückbesinnung der Universitäten auf ihre intellektuellen Prinzipien". Ähnlich argumentiert Cigdem Toprak in der Welt und betont: "Kritik muss, darf und soll sein. An allen Religionen - und auch am Islam."

Andreas Wilkens erzählt in einem schönen Feuilleton bei heise.de, warum er gern zu Fuß geht, und warum das immer schwieriger wird: wegen Radfahrern auf Gehwegen, "und während ich dies schreibe, berichtet das Radio, 'nach Angaben des Kraftfahrtbundesamtes im Jahr 2007 wurde deutschlandweit noch rund 689.000 Menschen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren eine Fahrerlaubnis erteilt, 2017 nur noch rund 345.000'. Sie fahren also weniger mit dem Auto, sondern radeln womöglich immer mehr ahnungslos an diesen seltsamen runden blauen Schildern mit der Frau und dem Kind drauf vorbei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2019 - Gesellschaft

Geradezu überfällig war die Kopftuchkonferenz Susanne Schröters an der Uni Frankfurt, meint Nils Minkmar auf Spiegel online: "Unruhig wurde es nach den Vorträgen immer wieder, auch sehr emotional, denn die Zeit für Diskussion war jedes Mal zu knapp, das Thema ist einfach zu gewaltig. Es blieben zu viele Fragen, zu viele Geschichten übrig. Im Saal waren viele interessante Frauen mit einer wechselvollen Biografie, deren Statements und Fragen noch weitere Tage gut gefüllt hätten." Für die FR berichtet Hanning Voigts von der Konferenz mit 700 Teilnehmern, bei der Schröter auf den "Rollback" in vielen islamischen Ländern hinwies und Alice Schwarzer sich über "falsche Toleranz" und "Sprechverbote" beklagte und ein Kopftuch-Verbot für Kinder, in Schulen und im öffentlichen Dienst forderte. Weitere Artikel: Welt, FAZ.

Die Wirtschaftspolitik der SED war katastrophal, erinnert der ostdeutsche Philosoph und evangelische Theologe Richard Schröder in der Welt: Im Oktober 1989 kam der oberste SED-Planungschef Gerhard Schürer zu dem Schluss, Arbeitsplätze müssten reduziert und Westkredite erhöht werden, sonst drohe eine Reduktion des Lebensstandards um 30 Prozent. Das vergessen viele Ostdeutsche heute aber lieber und geben stattdessen der Währungsunion, der Treuhand und schließlich "dem Westen" die Schuld, so Schröder verärgert: "Die Währungsunion hat die Krise der DDR-Wirtschaft nicht verursacht, sondern nur ausgelöst, indem sie ihre Schwäche unter Weltmarktbedingungen schlagartig offengelegt hat. Aber mit der Währungsunion wurde auch die erste Tatsache auf dem Weg zur deutschen Einheit geschaffen - und damit dieser Weg nach menschlichem Ermessen unumkehrbar gemacht, was zumal dem ostdeutschen Wählerwillen entsprach und sie, obwohl ökonomisch hochproblematisch, politisch rechtfertigen konnte. Die meisten Ostdeutschen wollen bis heute nicht wahrhaben, dass ihr sehnlicher Wunsch: die D-Mark sofort und 1:1, unvermeidlich viele Arbeitsplätze kosten musste."

Die aktuelle Entscheidung des BGH, eine Leihmutter und nicht die Eizellenspenderin in die Geburtsurkunde des Kindes einzutragen, ist absolut richtig, findet Marlen Hobrack ebenfalls in der Welt. Denn: "Einer Leihmutter wenigstens zeitlich begrenzt ein Recht auf körperliche Selbstbestimmung und am ausgetragenen Kind zuzugestehen, sichert ihr den Status als Subjekt, statt sie zum Mittel zum Zweck für andere zu degradieren. Diese Gefahr droht tatsächlich, und vor allem da, wo das Geschäft mit der Leihmutterschaft die Armut und Zwangslage von Frauen weltweit ausnutzt."

Es ist ja schon vieles vergesellschaftet, und zwar zu Recht, schreibt Gerd Koenen in der Zeit mit Blick auf Kevin Kühnerts Forderungen und den in Deutschland riesigen öffentlichen Dienst und viele öffentliche Betriebe, die in privatisierter Form nicht unbedingt besser laufen würden. Dabei müssen sich aber "Betriebe, die teilweise oder ausschließlich in Staatsbesitz sind, keineswegs per se sozial verantwortlicher und innovativer verhalten als sogenannte Privatbetriebe. Auch in öffentlicher Hand befindliche Betriebe (wie Kühnerts hypothetische BMW-Genossenschaft) können zu Interessenkartellen degenerieren, vom Management über die Aufsichtsräte bis zu den Betriebsräten. VW ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2019 - Gesellschaft

Musste verhängt werden: Rainbow Scenes by SKU. Die Schrift über Ingres' "Grande Odalisque" zitiert die Shahada, das Glaubensbekenntnis des Islams


Ausgerechnet die Saatchi-Galerie, berühmt für ihre Sammlung schockierender Young British Artists, hat zwei Gemälde des Künstlers SKU verhängt, über die sich einige muslimische Besucher beschwert hatten: Sie beleidigten ihre Religion. Auf Spiked ist Brendan O'Neil empört, vor allem, wenn er an die Saatchi-Ausstellung von Chris Ofilis "Heilige Jungfrau Maria" denkt, ein "afrikanisiertes Gemälde der Mutter Jesus, das auf zwei großen Elefantenhaufen ruhte. Es löste einen Empörungssturm aus in London 1997 und einen noch größeren, als es 1999 im Brooklyn Museum gezeigt wurde. Rudy Giuliani, damals Bürgermeister von New York, drohte, das Museum wegen Ofilis 'beleidigender' Arbeit zu schließen. Christliche Organisationen forderten die Entfernung des Kunstwerks, weil es 'religiöse Besucher beleidige'. Das Museum weigerte sich. Saatchis Leute schlugen nicht vor, es zu verhängen. Sie sprachen auch nicht von der 'Ehrlichkeit der Beschwerden'. Da stellt sich die große und unangenehme Frage: Warum ist für die Radikalen aus dem Kunstbetrieb Blasphemie bei einer christlichen Ikone okay, bei einer islamischen aber nicht?"

Heute findet das Symposion "Das islamische Kopftuch - Symbol der Würde oder der Unterdrückung?" an der Uni Frankfurt statt. Eine Studentengruppe hatte wegen "antimuslimischen Rassismus" unter dem Hashtag #schroeter_raus dagegen protestiert und den Rauswurf der Veranstalterin, der Ethnologin Susanne Schröter gefordert (unsere Resümees). Emma bietet heute einen Livestream von der Veranstaltung, wo auch Alice Schwarzer redet und resümiert auf der Website der Zeitschrift: "Erfreulich ist, dass sowohl die Präsidentin der Uni, Birgitta Wolff, als auch der AStA sich sofort und eindeutig hinter Schröter stellten. Fatma Keser vom AStA spricht von einer 'Hetzkampagne' gegen Schröter. Die Feminismusreferentin macht darauf aufmerksam, dass keineswegs nur StudentInnen hinter der Kampagne steckten. Keser machte in der Kampagne ihr bereits bekannte 'türkisch-nationalistische' und 'islamistische' Kräfte aus."

Ob der Protest gegen ihre Frankfurter Konferenz zum Kopftuch aus radikal religiösen Kreisen kommt, aus dem postkolonialen Spektrum oder universitären Verteidigern der political correctness, kann auch Susanne Schröter im Interview mit der Welt nicht sagen, die Protestierenden blieben anonym, sagt sie. "Es gibt Überschneidungen. Der Begriff des 'antimuslimischen Rassismus' kommt ja auch aus der Universität. Der hat den Islamophobiebegriff ersetzt. Beide Begriffe werden von Leuten aus diesem postkolonialen Spektrum verwendet. Aber auch Erdogan führt sie im Munde, und Ajatollah Chamenei aus dem Iran. Da sieht man mal, was da für Allianzen eingegangen werden. Ich finde das erschreckend." Natürlich gebe es Muslimfeindlichkeit, und auf die müsse reagiert werden, so Schröter, aber "der Begriff des 'antimuslimischen Rassismus' führt komplett ins Abseits. Der jüdische Philosoph Alain Finkielkraut ist vor Kurzem daran gehindert worden, an der Sciences Po in Paris einen Vortrag zu halten mit der Begründung des 'antimuslimischen Rassismus'. Da sieht man dann, wie vollkommen absurd das geworden ist."

Lutz Büge unterhält sich für die FR mit zwei jungen Männern, Victor Schiering und Önder Özgeday vom Facharbeitskreis Beschneidungsbetroffener des Vereins MOGIS e.V., die ihre Beschneidung als Trauma erlebt haben und immer noch erleben. Özgeday plädiert "für ein Verbot der MGM ('Male Genital Mutilation', also männliche Genitalverstümmelung, Anm. d. Red.). Bei weiblicher Beschneidung bestreitet niemand, dass ein Verbot notwendig ist. Es würde endlich das nötige Zeichen setzen, dass Genitalmanipulationen an Kindern eben nicht das Recht der Eltern sind und dass die körperliche Unversehrtheit, wie auch im Grundgesetz verankert, geschützt wird! Beschneidungen müssen endlich geächtet werden! Überaus wichtig finde ich auch, dass man sich den Totschlagargumenten wie 'Antisemitismus' oder 'Islamophobie' endlich mutig entgegenstellt und nicht einknickt. Ich möchte, dass wir stolz sind auf die Menschenrechte. Wir klären Mädchen auf, 'Nein' zu sagen und selbstbestimmt und unabhängig zu werden, doch wirst du als Junge geboren, ist der sensibelste Teil deines Körpers quasi der Willkür der Eltern und Ärzten überlassen. Das ist krank!"

Außerdem: In der NZZ erinnert der Historiker Peter Hersche daran, dass der Umweltschutz lange von Konservativen gepflegt wurde, bevor Linke und Grüne ihn sich auf die Fahnen schrieben.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.05.2019 - Gesellschaft

Wer hinter jedem schwarzen Gesicht Blackfacing wittert, sollte seine Koordinaten überprüfen, meint Sarah Pines in der NZZ mit Blick auf die Schuhe von Katy Perry, die als rassistisch verunglimpft wurden (Bild im Text): "Das schwarz geschminkte Gesicht aus Highschool-Jahrbüchern spielt klar auf Herrschaftsverhältnisse an und ist nichts anderes als rassistisch. Aber die Perry-Schuhe und die Gucci-Pullover? Der Reflex, bei roten, aufgeworfenen Lippen sofort an 'Schwarze' zu denken, ist nicht Ausdruck von politischer Rücksicht, sondern von umgekehrtem Rassismus. Dahinter steckt der Blick des Klansmanns - oder des Weißen in der Minstrel-Show."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2019 - Gesellschaft

Das Zeit-Interview mit Kevin Kühnert, wo dieser die Vergesellschaftung von diesem und jenem forderte (unsere Resümees), beschäftigt die deutschen "chattering classes" nach wie vor fast ausschließlich. Laut Patrick Bahners in der FAS ist gar nicht Kühnert das Problem, sondern die Haltung der ihn befragenden Journalisten, die die Aussage aus ihm gewissermaßen herausgelockt hätten. Gefragt haben sie: "Dürfte es im Sozialismus BMW geben, die Deutsche Bank, Siemens?" Bahners zu dieser Frage: "Wie die Resonanz auf das Interview zeigte, hatten die Interviewer die Stimmung großer Teile der berufsmäßigen Öffentlichkeit ganz richtig eingeschätzt. Ihre Frage mit den Beispielen enthüllt, was man in ihrem Milieu nicht in Frage stellen darf." Auch Nils Minkmar verteidigt in Spiegel online Kühnerts unfrische Ideen.

Die heutige FAZ widmet der Angelegenheit gar einen Leitartikel auf Seite 1 der Zeitung. Jürgen Kaube fühlt sich durch Kühnerts "Ausflug ins Antiquariat" an den CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt erinnert, der vor kurzem mit der Forderung nach einer "konservativen Revolution" einen ähnlichen, inzwischen aber längst vergessenen Streit auslöste: "Dobrindts Konservatismus ist Kühnerts Sozialismus: eine Phrase ohne jede analytische Grundlage." Über den Hergang der Ereignisse ist sich Kaube mit Kollege Bahners erstaunlicher Weise nicht ganz einig: "Die Verstaatlichung von BMW war Kühnert durchaus nicht von Journalisten eingeflüstert worden. Er brachte sie selbst ins Spiel."

Auf Zeit online hält Parvin Sadigh wenig von einer Masernimpfpflicht, wie Jens Spahn sie einführen will - mit Geldbußen und Verweis aus den Kindergärten. Die meisten Eltern, glaubt sie, sind gar keine Impfgegner, sondern vergessen das Impfen einfach oft. Ihr Vorschlag: ein Impfregister, das Erinnerungen verschickt, und eine Widerspruchslösung, wie sie die Psychologin Cornelia Betsch kürzlich empfohlen habe: "Warum gehen Ärzte nicht in die Kitas und in die Schulen und führen die Impfungen, die die Eltern verpasst haben, dort durch? Diese müssten aktiv widersprechen und gute Gründe dafür anführen. Früher gingen alle Schulkinder etwa klassenweise zur Polioimpfung. Sie standen in der Schlange und mussten ein Stück Zucker schlucken, getränkt mit einem bitteren Zeug, fertig. Europa gilt seit 2002 als poliofrei. Bislang. Denn zurzeit blicken alle wegen der Masernausbrüche auf diese Krankheit und reden kaum darüber, dass die Impfrate für andere Krankheiten abnimmt, etwa für Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten oder eben Polio."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2019 - Gesellschaft

Der Feminismus hat keine Idee des Mannes, stellt Ralf Bönt in einem NZZ-Essay fest: "Geschichtsvergessenheit ist das Standardproblem einer jeden erfolgreichen Revolution. Indem ihre Urerzählung nicht mehr gekannt wird, wird sie zur Ideologie, die außer Selbstverteidigung kein Ziel mehr hat. In diesem Geiste debattiert man lieber über das Geschlecht von Ampelfigürchen als über die ethischen Folgen neuer Reproduktionstechniken, die Abwesenheit männlicher Erzieher oder das Recht, eine Vaterschaft bekanntzugeben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2019 - Gesellschaft

Das Kinderkopftuch abzuschaffen, ist keine Forderung eines "überholten Altfeminismus" schreibt Edith Kresta in der taz, die sich der Forderung von "Terre des Femmes" anschließt, es an Schulen zu verbieten (wenn sie auch nicht so weit geht, das Verbot auf das Kinderkopftuch in der Öffentlichkeit auszudehnen): "Das Kopftuch ist ein Symbol des politischen Islam, aber auch ein Symbol für Rückwärtsgewandtheit und das Verwurzeltsein in alten patriarchalen Strukturen, die Mädchen weniger Freiheit und Selbstbestimmung zubilligen als Jungen. Mit der Migration der vergangenen Jahre sind viele traditionsbewusste Eltern nach Deutschland gekommen, die ihre Töchter früh an das Kopftuch gewöhnen wollen. Es ist auch in Deutschland, vor allem in Bezirken mit starker Zuwanderung, wieder präsenter geworden."

Zeit online präsentiert ein sehr schön aufgemachtes Online-Dossier, das die Abwanderung aus den neuen Ländern seit 1990 dokumentiert, die erst jüngst gestoppt wurde. Doch vorher zogen Millionen in den Westen. Und "nicht nur die Wanderung nach Westen hat die ostdeutsche Demografie verschoben. Die sozialen Verwerfungen nach der Wiedervereinigung ließen die Geburtenrate in Ostdeutschland drastisch einbrechen. Von 1990 bis 1994 sank die Geburtenziffer fast um die Hälfte. Viele Frauen und Männer, die nicht wussten, ob sie ihren Job behalten konnten, verschoben die Familiengründung oder verzichteten ganz auf Kinder. Mittlerweile werden im Osten wieder etwas mehr Kinder geboren als im Westen. Doch die Lücke, die in den Neunzigerjahren entstand, hat sich noch lange nicht geschlossen, und viele Orte überaltern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2019 - Gesellschaft

Selten wurden politische Meinungen so hysterisch in linke und rechte Lager eingeordnet wie heute, diagnostiziert Jens Jessen im Aufmacher des Zeit-Feuilletons. Der "herrische Ausschluss" von Positionen der Mitte erinnert dabei an Propaganda in Kriegszeiten und führt zu "dogmatischer Erstarrung", so Jessen weiter, der vor allem in der Abkehr vom Universalismus eine Nähe beider Lager erkennt. Denn auch die Linke begann, "Ungleiches ungleich behandeln zu wollen, wenn auch mit umgekehrter Absicht, zur Förderung der Unterdrückten und zum Abbau alter Privilegien. Das Ziel blieb aber die Gleichheit, bis der schreckliche Gedanke aufkam, dass die Gleichheit als Ideal selbst vielleicht ein heimliches Herrschaftsinstrument der Privilegierten sei. Es entstand, was heute Identitätspolitik genannt wird, die Stärkung und Bestärkung der Minderheiten und unterdrückten Bevölkerungsteile in ihrer Identität als Unterdrückte - also das ziemlich genaue Gegenteil des Universalismus, mit dem die Emanzipationsbewegungen angetreten waren."

Beispielhaft resümiert Martin Eimermacher ebenfalls in der Zeit denn auch die Debatte um die linke Studentengruppe an der Frankfurter Uni, die der Professorin Susanne Schröter unter dem Hashtag #schroeter_raus aufgrund ihres Kopftuch-Symposiums "antimuslimischen Rassismus" vorwerfen (unsere Resümees) - und dabei jede kritische Äußerung über den Islam rassistisch nennt: "Wer im Westen kritisch über den Islam spricht, so klingt es an, tue das aus der Position der Bevölkerungsmehrheit und stehe damit zwangsläufig gegen die unterprivilegierte Minderheit. Jedes Urteil über den Islam kann durch diese Brille nur noch als projektives Vorurteil wahrgenommen werden, das nichts über den Islam und umso mehr über den Sprecher aussagt. Wer trotzdem Frauenunterdrückung in islamischen Gesellschaften thematisiert, siedelt so beinahe zwangsläufig in der Nähe westlichen Überlegenheitsdünkels."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2019 - Gesellschaft

Fast traurig liest sich der NZZ-Artikel des Wiener Philosophen Konrad Paul Liessmann über den Druck zu bestimmtem Sprachgebrauch oder Ausschluss bestimmter Diskussionspartner an Universitäten - natürlich nimmt er Bezug auf das Kopftuch-Symposion der Frankfurter Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter (unsere Resümees): "Der Ruf nach Vorschriften, nach Verboten, nach Regelungen des Sprachgebrauchs, nach Normierung von Leselisten, nach Verbannung aller Positionen, die einem vermeintlich unfehlbaren Zeitgeist widersprechen, wird dabei nicht von übergeordneten Instanzen autoritär vorgeschrieben, sondern er kommt von unten. Von der Basis. Von den Studenten. Von kleinen, aber lautstarken Gruppierungen." Bei Cicero zitiert Frank A. Meyer Ignazio Silone zum Thema: "Der neue Faschismus wird nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Er wird sagen: Ich bin der Antifaschismus."

Unterdessen klopft die Journalistin Ferda Ataman von den "Neuen Deutschen Medienmachern" (übrigens ohne Gender-Sternchen) im Gespräch mit Juliane Frisse von Zeit online fest, dass sie ganz klar ein Opfer des Rassismus und nicht irgendwelcher anderer Unarten ist: "Wenn wir über Rassismus sprechen, sollten wir das Kind beim Namen nennen und auch 'Rassismus' sagen - 'Fremdenfeindlichkeit' oder 'Ausländerfeindlichkeit' taugen als Synonyme nicht und sind problematische Begriffe. (...) Wer 'Rassismus' sagt, benennt das Problem. Wer 'Fremdenfeindlichkeit' sagt, übernimmt die Sicht der Täter." Rassistisch ist auch, wer das Verhältnis von Männern und Frauen bei den Muslimen kritisiert, fährt sie fort: "Es geht in Gesprächen aber nicht nur um Begrifflichkeiten. Der Rassismus schimmert oft auch in den Aussagen durch. Wer pauschal sagt, 'die Muslime' seien nicht demokratiefähig und gegen die Gleichstellung von Mann und Frau, äußert ein antimuslimisches Vorurteil." Wenn Sie unsicher über Ihren Sprachgebrauch sind, stehen sicher auch die von Zeit online befragten Rassismus-Expertinnen Tupoka Ogette und Reni Eddo-Lodge zur Verfügung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2019 - Gesellschaft

Brendan O'Neill liest in einem Blogbeitrag bei Medium noch einmal die Twitter- Reaktionen bekannter Politiker wie Hillary Clinton, Theresa May oder Barack Obama auf die Attentate von Christchurch und Sri Lanka. Bei Christchurch benannten sie den Terrorismus und die Opfer, nicht aber bei Sri Lanka, wo sie nur von "Gläubigen", aber nicht von "Christen" sprachen. "Die Gräueltat von Christchurch löste eine wütende und eindeutig politische Reaktion aus. Wir müssen als Menschheitsfamilie gegen diese abscheuliche Islamophobie kämpfen, betonten Weltführer und Kommentatoren. Die Grausamkeiten in Sri Lanka haben kein solches Gefühl der globalen Entschlossenheit hervorgerufen. Und dieses schockierende Ungleichgewicht muss erklärt werden." Für O'Neill liegt die Erklärung in einem Rassismus der Linken: "Die Linke scheint zu glauben, dass nur weiße Männer faschistisch sein können. Das ist an sich schon eine Art Rassismus. Als ob nicht-weiße Menschen zu kindisch wären, um wirklich böse zu sein. Als ob ihnen die Fähigkeit zur Bosheit fehlt, die weiße Menschen genießen."

In der SZ erklärt Michael Brenner, warum es in der Champions League mit Tottenham gegen Ajax Amsterdam quasi ein jüdisches Halbfinale gibt, in dem "Yids" gegen "Super Jews" antreten. Wie es dazu kam? Halten Sie Ihren Hut fest beim Lesen: "Als beide Mannschaften von den gegnerischen Fans in den Siebziger- und Achtzigerjahren zunehmend mit antisemitischen Sprechchören, Auschwitz-Rufen und vermeintlichem Gaszischen angegriffen wurden, erwiderten die zumeist nichtjüdischen Ajax- und Tottenham-Fans mit der Affirmation einer jüdischen Identität. Für den Historiker John Efron aus Berkeley stellt diese eine Befreiungsgeste dar, die sich von der Zurückhaltung der britischen und niederländischen Juden in Bezug auf antisemitische Angriffe deutlich unterscheidet. Er bedient sich zur Interpretation dieser 'fake Jewish identity' des von Umberto Eco eingeführten Begriffs des rhetorischen Code-Wechsels. Die Fans eignen sich affirmativ Begriffe an, die ursprünglich als Schimpfwörter gegen sie benutzt wurden." Genial, oder? Wer braucht Gott, wenn er ein menschliches Hirn hat. Und so feierten die Tottenham-Fans Jürgen Klinsmann, als er 1994 in ihren Club wechselte: "Chim chiminee, chim chiminee Chim Chim churoo Jürgen was a German But now he's a Jew!"

In der Welt versucht Martin Niewendick anlässlich der Debatte um Susanne Schröters Konferenz über die Frage: "Das islamische Kopftuch - Symbol der Würde oder der Unterdrückung?" gar nicht mehr, die heutige Linke zu verstehen: "Man demonstriert mit Allahu-Akbar-rufenden Islamisten gegen den Staat der Holocaust-Überlebenden und ihrer Nachkommen, sieht im apokalyptischen iranischen Halsabschneider-Regime den ideellen Gesamt-Antiimperialisten und skandiert: 'Hijab is Empowerment'. Gleichzeitig wird an Ikonen wie Alice Schwarzer der queer-feministisch Muttermord vollzogen und die liberale Imamin Seyran Ates mit dem 'haram'-Stempel belegt: nicht erlaubt."