9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2020 - Ideen

Wer in Peking den Hauptbahnhof verlässt, dem wird per Kamera die Temperatur gemessen, und wenn die Werte nicht stimmen, werden alle Mitreisende per App benachrichtigt. In Südkorea wird überlegt, digitale Armbänder verpflichtend einzuführen, die bisher nur für Sexualstraftäter vorgesehen waren. In der Welt warnt der Philosoph Byung-Chul Han vor der biopolitischen Disziplinargesellschaft, die uns auch bald drohen könnte: "Der Westen wird bald zu der eigentlich verhängnisvollen Erkenntnis gelangen, dass allein eine Biopolitik, die einen uneingeschränkten Zugriff auf das Individuum erlaubt, den Shutdown verhindert, dass gerade die geschützte Privatsphäre einen Schutzraum für das Virus darstellt. Diese Erkenntnis bedeutet aber ein Ende des Liberalismus. Die Asiaten rücken mit einer für Europäer unvorstellbaren Härte und Disziplin dem Virus auf den Leib. Dabei steht das einzelne Individuum im Fokus der Überwachung, was den Hauptunterschied zu Europas Pandemiebekämpfung ausmacht."

In der SZ assoziiert Alexander Kluge im Interview mit Lothar Müller gewohnt geistreich über rebellische Gefühle und die List der viralen Vernunft im Kampf gegen Corona, der Notwendigkeit, mit dem Gegner Frieden zu schließen, und der Reparaturbedürftigkeit unserer Gesellschaft: "Ich glaube schon, dass unser Verhältnis zur Natur einigermaßen gestört ist. Es geht nicht nur um die Verteilung der Güter in der Welt. Wenn alle Schutzmasken in China produziert werden und alle Medikamente in Indien, dann haben wir ein konkretes Problem, dann fangen wir wieder mit der Naturalwirtschaft an und produzieren in den Nähereien der Stadttheater Gesichtsmasken... Wir werden auf solche Erfahrungen zurückgeworfen, wie 1945. Die Naturalwirtschaft, die jetzt aufkommt, erinnert mich unmittelbar an 45. Keine Bank, keine Obrigkeit war damals mehr vorhanden. Schinken besorgen in Klein-Quenstedt, dem Dorf bei Halberstadt. Ich habe einmal in meinem Leben einen anerkennenden Blick von meinem Vater bekommen, das war, als wir Jungens mit Handwagen das Proviantamt stürmten und anschließend ein mittelalterliches Kaufhaus plünderten, das sieben Keller hatte, und ganz unten lag Kaffee aus dem Jahr 1938, nicht geröstet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2020 - Ideen

Neu ist nicht die Pandemie, schreibt John Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung im Aufmacher des FAZ-Feuilletons. Neu sind "unsere stupenden Möglichkeiten der Seuchenbekämpfung. Dies gilt zweifelsohne für die hochentwickelten Industrieländer (inklusive China), aber - mit den offenkundigen Einschränkungen - sogar für den globalen Süden. Denn trotz aller nationalpopulistischer Entgleisungen rückt die Menschheit im Anthropozän unaufhaltsam weiter zusammen und teilt unzählige Innovationen. Warum nicht auch ein rettendes Medikament?" Schellnhuber hofft, dass die Erfahrung der globalen Krisenbekämpfung auch im Kampf gegen den Klimawandel inspirieren möge.

Außerdem: Die Geistestitanen Herfried Münkler, Hauke Brunkhorst und Armin Nassehi beweisen im Gespräch mit Thomas Assheuer von der Zeit, dass sie bei der Beurteilung der Corona-Krise auch nur im Nebel stochern können.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2020 - Ideen

In seiner taz-Kolumne bekennt Georg Diez sein Erschrecken vor den Bildern des anonymen technisierten Sterbens, die die Corona-Krise liefert (Bilder, in denen man sieht, wie es ist, ohne diese Hilfe zu sterben, haben wir allerdings nicht gesehen). Wir haben zu wenig darüber gesprochen, meint Diez, "was die Prämissen des Todes sein sollten. Wie wollen wir sterben? Diese Diskussion ist nicht offen genug geführt worden, und wenn, dann sehr spezifisch im Kontext etwa des assistierten Suizids - und deshalb stehen wir nun da, und die einzige Form des Todes, die gerade praktiziert wird, so scheint es, ist die des medizinisch-industriellen Todes." Diez bezieht sich auf einen langen Essay des amerikanischen Philosophen Charles Eisenstein, der unter dem Titel "The Coronation" unseren "Krieg gegen den Tod" analysiert.

Im Interview mit der FR ermuntert der Philosoph Otfried Höffe die Kollegen in der NRW-Expertenkommission, es weiterhin mit Kant zu halten: "Da die Kommissionsmitglieder wie selbstverständlich Kants Begriff der Aufklärung beherzigen, nämlich Mut haben, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, werden sie kaum meine Empfehlungen brauchen. Wenn aber doch, dann zwei: Geben wir den Grundrechten unseres freiheitlichen Staates das verfassungsrechtlich gebotene Gewicht und seien mit Freiheitseinschränkungen extrem vorsichtig. Geben wir der Hoffnung mehr Chancen als den Ängsten und der Panikmache."

Warum reden eigentlich die ganze Zeit fast nur Männer, fragt Jana Hensel auf Zeit online: Seit der Krise "hören wir wie gebannt all den männlichen Wissenschaftlern und ihren Zahlenanalysen zu. Wir schauen den männlichen Politikern bei uns und im Ausland zu, wie sie die Pandemie zu lösen und sich wie nebenbei zu profilieren versuchen. Und wenn uns das noch nicht reicht, können wir auch noch stapelweise Interviews und Texte von männlichen Soziologen, Philosophen, Ökonomen, Unternehmern, Schriftstellern und Therapeuten lesen, die uns erzählen, wie sie durch die Krise kommen oder auf welche Art wir anderen es versuchen sollten. Wären da nicht Angela Merkel, Juli Zeh und die Infektiologin Marylyn Addo, man könnte den Eindruck gewinnen, unser Land bestünde ausschließlich aus Männern. Aber, halt! Das ist ja auch so..."

Auch Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, vermisst im Interview mit dem Tagesspiegel die Frauen in der Debatte. Welche Folgen das hat, sehe man schon daran, dass die Mitglieder der Leopoldina bestimmte Gruppen bei ihren Empfehlungen kaum berücksichtigten, meint sie: "Zum einen liegt das Durchschnittsalter der Mitglieder der Leopoldina-Arbeitsgruppe bei über 60 Jahren. Zum anderen haben wir bei den 26 Mitgliedern nur zwei Frauen. Beides spiegelt wider, was die Ad hoc-Empfehlung ausspart. ... Es sind insbesondere alleinerziehende Frauen, junge Mütter und junge Familien, die mit der jetzigen Situation gar nicht zurechtkommen. Sie haben die Struktur in den Tag zu bringen, müssen Lehrerinnen und Lehrer spielen, die Musikschule, den Sportverein und die Freundeskreise ihrer Kinder ersetzen. Und dann müssen und wollen sie auch noch erwerbstätig sein. Wenn man von so einem Haushalt ausgeht und sich die Empfehlungen der Leopoldina anschaut, ist doch die Frage: Warum werden das familiäre Wohl und das Wohlergehen der Frauen eigentlich gar nicht adressiert? Wie soll das gehen, dass eine Frau und Mutter dann wieder teilerwerbstätig ist, und auf der anderen Seite Kindern unter neun Jahren keine Betreuung zukommt?"

Außerdem haben Kindergartenkinder eigene Bedürfnisse, die nicht berücksichtigt würden, wenn sie nach den Vorschlägen der Leopoldina weiter zu Hause bleiben müssen, kritisiert der Theologe Peter Dabrock im Tagesspiegel: "Ein Großteil emotionaler und sozialer Grundbedürfnisse entfaltet sich allein in der Begegnung mit anderen Kindern, in Freundschaften wie auch in Grenzerfahrungen in der Gruppe der Gleichaltrigen. Das Wegbrechen dieser entscheidenden Grundbedürfnisse wird in der Debatte völlig unberücksichtigt gelassen. Sollen sie ein halbes Jahr lang quasi weggesperrt werden? Ist für kleine Kinder diese Lebensdimensionen, ein halbes Jahr, das für sie eine halbe Ewigkeit ist, allen Ernstes verzichtbar? Ich vermisse Vorschläge, die signalisieren, dass diese Grundbedürfnisse derjenigen, die uns doch am Wichtigsten sein sollten, von Anfang an mitgedacht werden." Dabrock ist eher dafür, die Alten länger zu isolieren.

Außerdem: Im Interview mit Zeit online erklärt Martin Spiewak von der Leopoldina, wie man sich das mit der langsamen Aufnahme des Schulbetriebs vorgestellt hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2020 - Ideen

Die  Ruhrtriennale war vor zwei Jahren in die Diskussion geraten, weil sie Anhängern der Israelboykottbewegung BDS ein prominentes Forum verschaffen wollte (unsere Resümees). Die Festivalleiterin Stefanie Carp wurde daraufhin vom Landtag  in NRW kräftig kritisiert. Aber nun hat sie wieder einen Anhänger der Bewegung eingeladen, berichtet Alex Feuerherdt dem Blog Mena-Watch. Er bezieht sich auf einen offenen Brief des FDP-Abgeordneten Lorenz Deutsch. Dieser kritisiert den kamerunischen Philosophen Achille Mbembe, der Anfang August den Eröffnungsvortrag über "die globalen Praktiken von Inhaftierung und Eingrenzung" halten soll, "die dazu führen, dass überall auf der Welt Mauern, Tore und Enklaven errichtet werden". Mbembe unterstützt den Boykott israelischer Forscher an Universitäten und hat in der Zeitschrift Radical Philosophy dargelegt, warum er Israels Politik gegen die Palästinenser fast noch schlimmer findet als die einstige Apartheid in Südafrika. "Es zeigt sich auch in seinen Verfahren und Techniken der Zerstörung […] und in seiner fanatischen Zerstörungspolitik, die darauf abzielt, das Leben der Palästinenser in einen Trümmerhaufen oder einen zur Säuberung bestimmten Müllhaufen zu verwandeln. In Südafrika haben die Trümmerhaufen nie ein solches Ausmaß erreicht", so Mbembe laut Feuerherdt. Die Jüdische Allgemeine hatte schon im März berichtet. Mehr auch in Welt online.

Der Soziologe Andreas Reckwitz hofft im Gespräch mit Ellen Daniel von den Salonkolumnisten, dass die Corona-Krise einen abgemilderten, nicht so scharf auf Individualisierung setzenden Liberalismus durchsetzen hilft: "Denn nun wird sehr deutlich, dass es staatlicher Vorsorge, einer funktionierenden staatlichen Infrastruktur, vor allem im Bereich der Gesundheitsversorgung, aber auch der allgemeinen Krisenreaktion bedarf, um effektives Risikomanagement zu betreiben. Und schmerzhaft wird deutlich, wo die Politik diese Vorsorge vernachlässigt hat. In der Krise sehen wir aber auch: die Krisenbewältigung ist auf kooperierende Bürger angewiesen, die die Prävention der kollektiven Gefährdung vor ihre individuellen Interessen stellen. Und diese Kultur der gegenseitigen Rücksichtnahme scheint sich überraschend gut zu etablieren. Darauf wird man nach der Krise möglicherweise aufbauen können." Für den Tagesspiegel hat Christoph David Piorkowski den Soziologen interviewt.

Ungewissheit (in Grenzen, versteht sich) ist gut für den Menschen, versichert in der NZZ der Philosoph Martin Seel. Sie gehört zur Freiheit dazu. Seel warnt vor allen "Gewissheitsversprechen" von Politikern. Sie wären "eine glatte Lüge. Gute Politik in diesen Tagen zeichnet sich dadurch aus, dass sie ihre Entscheidungen im Angesicht eingestandener Ungewissheit trifft. ... Unsicherheitsvermeidung ist die höchste Tugend demokratischer Gesellschaften nicht. Den Rechtspopulisten und ihren radikalen Flügeln ist das mit aller Entschiedenheit entgegenzuhalten. Die Normalisierung der Verhältnisse, die wir alle uns wünschen, darf nicht mit dem Übergang in einen Überwachungsstaat erkauft werden. Sie wird nicht auf Abruf hergestellt werden können, sie wird sich sukzessive einstellen müssen: Die alten Gewohnheiten werden mit neuen einhergehen, die ihrerseits von Fall zu Fall revisionsbedürftig bleiben. Insofern ist und bleibt die Gewissheit der Ungewissheit ein Wahrzeichen der menschlichen Lebensform heute wie gestern."

Sehr interessant liest sich, was Franka Lu in Zeit online über das Buch "Unrestricted Warfare" von Qiao Liang und Wang Xiangsui schreibt, das die chinesische Strategie in der Corona-Krise erklären hilft. Laut diesem Buch, das die jetzige chinesische Führung geprägt habe, kann auch außerhalb des Militärischen alles zur Waffe werden: "Informationstechnologie, öffentliche Meinung, Handel, Finanzwesen, internationales Recht, eine Überschwemmung, ein Kulturaustausch, eine UN-Konferenz, ein Vertrag über den Aufbau eines Mobilfunknetzes, eine archäologische Entdeckung in Xinjiang und immer so weiter. Dabei gibt es bis heute immer nur ein Ziel: die Stärkung der chinesischen Ein-Parteien-Staatsordnung."

Außerdem: Die EU ist viel kritisiert worden, weil sie in der Corona-Krise weitestgehend untätig blieb. Das ist unfair, weil sie auf dem Gebiet der Gesundheitspolitik nicht zuständig ist. Auf Zeit online schlagen Thomas Wieser von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel und Christian Kastrop, Direktor des Programms "Europas Zukunft" der Bertelsmann Stiftung, daher ein "Konzept der 'europäischen öffentlichen Güter' beziehungsweise der europäischen Gemeinschaftsgüter" vor.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2020 - Ideen

Fürs Einkommen freier Künstler vielleicht nicht so. Aber für die Kreativität ist die Stille gut, schreibt Manfred Schneider, emeritierter Professor für deutsche Literaturwissenschaft, in der NZZ: "So kehren in diesen Tagen der Menschenleere die publikumslosen Künste in eine Art kreatives Frühstadium zurück. Es wird ihnen nicht schaden. Denn aus dieser Kafka-Stille und Kafka-Nacht kommen die Innovationen, die Erfindungen, die ästhetischen Revolutionen."

Im Interview mit der NZZ ermuntert der Psychologe Steven Pinker, angesichts von Corona den Kopf nicht hängen zu lassen, sondern ihn lieber zu schulen. Zum Beispiel um zu verstehen, was genau exponentielles Wachstum ist: "Die mächtigste im Falle des Coronavirus ist zweifellos der 'exponential growth bias'. Wir können uns nicht auf unser Gefühl verlassen auch nicht auf das, was unser Gehirn vorrechnet - die Ansteckungsraten verlaufen nicht linear, sondern exponentiell. Für solche Intuitionen ist unser Organismus nicht gemacht. Wir brauchen Modellrechnungen und Mathematik, um zu verstehen, was in solchen Fällen geschieht. Kennen Sie den Cognitive Reflection Test, den kürzesten Intelligenztest der Welt? ... Eine der Fragen ist die folgende: Wenn sich die Seerosen jeden Tag verdoppeln und der See nach 48 Tagen komplett mit Seerosen bedeckt war, wie lange hat es gedauert, bis er zur Hälfte bedeckt war?"

Außerdem in der NZZ: Plötzlich gibt es wieder eine formbare Zukunft - auch ein Ergebnis der Corona-Krise, meint der Kulturtheoretiker Jan Söffner. Und der Philosoph Maurizio Ferraris nutzt die Krise, über die Bedingungen des Menschseins im digitalen Zeitalter nachzudenken.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2020 - Ideen

Im Gespräch mit Zeit-Redakteur Adam Soboczynski mäandert Peter Sloterdijk gewohnt einfallsreich, manchmal platt und manchmal zynisch durch die Corona-Krise: "Das alte Gesetz, dass nach einer Krise etwas immer bleibt, bleibt in Kraft. Wir entwickeln derzeit ein heikles, leicht unheimliches Gegenseitigkeitsbewusstsein. Der Mitmensch erscheint wie ein Umkehrbild des Vampirs, er saugt nicht ab, er flößt etwas ein: Der Nächste könnte unbewusst ein Virenträger sein. Mit Corona wird der symptomfreie spreader zu einer bleibenden Figur werden. In Amerika deutet sich das übrigens seit Längerem an, wo bestimmte Leute als toxic persons bezeichnet werden. Da bricht der Puritanismus als Hygienismus durch. Ein Schritt weiter, und wir landen bei der toxischen Männlichkeit und entsprechenden Detox-Kuren."

In Europa sind inzwischen zwar 50.000 Leute gestorben, aber Giorgio Agamben analysiert die Angelegenheit in der NZZ nach wie vor als Diskursphänomen: "Wie konnte es so weit kommen, dass angesichts einer Krankheit, deren Schwere ich nicht beurteilen kann, die aber bestimmt keine Pest ist, eine ganze Gesellschaft das Bedürfnis verspürte, sich verpestet oder verseucht zu fühlen?" Schlimm findet Agamben auch dies: "Man muss wohl sagen, dass die Menschen an nichts mehr glauben - außer an das nackte biologische Leben, das es um jeden Preis zu retten gilt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2020 - Ideen

Auch eine "nachmetaphysische Aneignung der Idee, dass alle Gläubigen eine universale und doch geschwisterliche Gemeinde bilden und dass jedes einzelne Mitglied unter Berücksichtigung seiner unvertretbaren und unverwechselbaren Individualität eine gerechte Behandlung verdient" kann bei der Bewältigung der Corona-Krise helfen, meint Jürgen Habermas im Interview mit der FR über sein Buch "Auch eine Geschichte der Philosophie". "Im bisherigen Verlauf der Krise konnte man und kann man in manchen Ländern Politiker beobachten, die zögern, ihre Strategie an dem Grundsatz auszurichten, dass die Anstrengung des Staates, jedes einzelne Menschenleben zu retten, absoluten Vorrang haben muss vor einer utilitaristischen Verrechnung mit den unerwünschten ökonomischen Kosten, die dieses Ziel zur Folge haben kann. Wenn der Staat der Epidemie freien Lauf ließe, um schnell eine hinreichende Immunität in der gesamten Bevölkerung zu erreichen, nähme er das vermeidbare Risiko des voraussehbaren Zusammenbruchs des Gesundheitssystems und damit einer relativ höheren Anteil an Toten billigend in Kauf. Meine 'Geschichte' wirft auch ein Licht auf den moralphilosophischen Hintergrund von aktuellen Strategien im Umgang mit solchen Krisen."

Kürzlich hat Juli Zeh im Interview mit der SZ die Maßnahmen der Bundesregierung gegen Corona als undemokratisch gegeißelt und ihre Durchsetzung als Mischung aus "Bestrafungstaktik" und moralischer Erpressung beschrieben (unser Resümee). Im Tagesspiegel legt jetzt der FDP-Vize Wolfgang Kubicki nach und kritisiert die Kontaktbeschränkungen als unverhältnismäßig oder jedenfalls nicht ausreichend begründet: "Je tiefer der Grundrechtseingriff, desto höher sind die Anforderungen an die Begründetheit und Begründung des Eingriffs. Ich kann nicht erkennen, dass dies von allen handelnden Akteuren bisher erkannt und vor allen Dingen verinnerlicht worden ist. 'Alles dient dem Gesundheitsschutz' ist als alleinige Erklärung jedenfalls wenig tragfähig."

In der NZZ fasst sich der Jurist Thomas Fischer angesichts solche Vorwürfe an den Kopf. Berechtigte Sorgen kann er nicht erkennen, nur einen "unangenehmen Alarmismus..., der seine Anknüpfung gerade nicht in objektiven, rational reflektierten Analysen von Risiken und Gefahren findet, sondern in einem postmodern hysterisierten Betroffenheitstheater, in welchem es vorwiegend darum geht, 'Opfer'-Positionen zu besetzen oder sich als deren Sachwalter in Stellung zu bringen. Das Gesetz vom 27. 3. 2020 hat weder die Demokratie abgeschafft noch die Gewaltenteilung; es stellt die beiden Grundsätze auch nicht infrage. Jede einzelne Maßnahme staatlicher Stellen kann mit Rechtsmitteln angegriffen und von unabhängigen Gerichten geprüft und gegebenenfalls aufgehoben werden (Art. 19 Abs. 4 GG); die Legislative kann die Feststellung einer Infektionslage nationaler Tragweite jederzeit zurücknehmen."

Auch für die Soziologie hat die Corona-Krise Auswirkungen, legt der Soziologe Rudolf Stichweh im Feuilletonaufmacher der FAZ dar: "Für die Corona-Krise ist eine soziologische Schlüsselfrage, ob und wie sie diese gesellschaftliche Ordnung der Moderne temporär in Frage stellt und was dies langfristig für die Entwicklung der Gesellschaft bedeuten könnte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2020 - Ideen

Frankreich auf dem Weg zur Sechsten Republik? Eine neue politische Zukunft nach der Corona-Krise müsse gedacht werden, schreibt der Soziologe Michel Wieviorka in Libération, der weder bei Macron, noch in den klassischen Parteien der französischen Linken oder Rechten wirklich Ideen erblickt. Darum ruft er zu einer Art intellektuellen Graswurzelbewegung auf: "Es ist dringend notwendig, Kollektive und Arbeitsgruppen zu bilden, die die politische Zukunft von unten nach oben vorbereiten, ohne sich von den Parteien oder Think Tanks, denen sie nahe stehen, alles zu erwarten. Hier könnte man über die Mittel nachdenken würden, um ein neues politisches, soziales und ökologisches Bündnis für ein konstruktives Gegenprojekt zu bilden, um eine wirksame humanistische Wiederbelebung auf lange Sicht zu strukturieren.

Die Corona-Pandemie wird nicht die letzte große Krise sein. Wir sollten uns auf Kommendes besser vorbereiten, meint im Interview mit Zeit online auch der Zukunftsforscher Stephan Rammler. Er fordert, erst mal Pflegekräfte besser zu bezahlen. "Das ist besonders wichtig in einer Gesellschaft, die immer älter und somit anfälliger wird. Da ist ein gut ausgestattetes Gesundheitssystem kein Luxus, sondern Daseinsvorsorge." Und wenn die Wirtschaft wieder angekurbelt wird, sollte man die Kosten der Globalisierung - Umweltschäden durch Transporte - gleich mit einbeziehen, meint er: "Wir sollten dabei die Themen Klimaresilienz und digitale Resilienz gleich mitbearbeiten, zum Beispiel, indem Konjunkturprogramme in diese Richtung zielen. Die Politik muss sich trauen, zu regulieren, das ist das Einzige, was hilft. Es zeigt sich mal wieder, dass der Markt nicht alles alleine lösen kann."

Corona könnte die Art, wie wir leben, in welcher Art von Architektur, so stark ändern wie Tuberkulose, meint im Interview mit der SZ die Architekturhistorikerin Beatriz Colomina, deren jüngstes Buch "X-Ray Architecture" Niklas Maak kürzlich in der FAZ empfohlen hatte (unser Resümee). Heute seien allerdings das größte Problem die Orte, die man nicht sieht, in denen "unsichtbar gelitten" wird: "Deine Freunde sterben, aber die Krankheit, der Tod, alles wird verborgen. Die Bilder von Klinikpersonal, das nach Ausrüstung verlangt, ist die Fassade eines versteckten Albtraums. Die müssen in Räume, die wir nicht zu sehen bekommen. Das ist auch eine Art Architektur, eine beängstigende Architektur. Bei all den Barrieren, die in den sozialen Medien geschleift wurden, ist der Raum, der jetzt tatsächlich im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, komplett verhüllt."

Außerdem: Gabor Steingart sammelt für sein Morning Briefing Stimmen, die gegen die strikten Kontaktsperregebote der Regierung Merkel rebellieren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.04.2020 - Ideen

Dreißig Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks droht der "digitale Leninismus" chinesischer Prägung über den Liberalismus zu triumphieren, auch wenn die Corona-Krise von China ausging, meint Adam Soboczynski in der Zeit: "Der Westen ist in lebenserhaltende Abhängigkeit von der größten und mächtigsten Diktatur auf Erden geraten. Manager und Politiker nennen diese zweifelhafte Entwicklung seit Jahrzehnten feierlich Globalisierung, weil sie uns als Handelsnation über lange Zeit so herrlich genutzt hat und man die tollen deutschen SUVs exportieren konnte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2020 - Ideen

Französische Medien sind im Internet wegen der Zahlschranken kaum mehr zu rezipieren. Jürg Altwegg zitiert in der (ebenfalls nicht online stehenden) FAZ eine Polemik Alain Finkielkrauts (er sagt nicht in welchem Medium) gegen Peter Sloterdijk und Giorgio Agamben. Sloterdijk, einst ein enger Gesprächspartner Finkielkrauts, sagte in Le Point laut Altwegg: "Die Pest hat den Aufstieg Europas nicht verhindert, und das tausendmal harmlosere Coronavirus wird jenen Chinas nicht stoppen." Finkielkraut nenne Sloterdijks Kriitk an den Regierungen unter Bezug auf Foucaults Theorie der "Biopolitik" zynisch, schreibt Altwegg. Auch gegen Agamben, der die Corona-Krise für eine Veranstaltung des Politik zur Institutierung des Ausnahmezustands hält (unser Resümee), polemisiert Finkielkraut: "Der Gesellschaft wirft er vor, ihre politischen und ethischen Werte aufzugeben. Er schreibt das in einer Zeit, in der die italienischen Zeitungen täglich zehn bis zwölf Seiten Todesanzeigen publizieren."

Der Coronavirus hat gezeigt: Gefahren gibt es immer, gegen die einen nur der Nationalstaat verteidigen kann. Meint jedenfalls der amerikanische Literaturwissenschaftler Russell Berman in der NZZ: "Die Familie der westlichen Demokratien - nicht allein der geografische Westen, sondern an der Peripherie des europäisch-asiatischen Kontinents auch Südkorea, Japan, Taiwan, Indien und Israel - ist mit den abgestimmten Versuchen Chinas und Russlands konfrontiert, die Weltordnung zu brechen. ... Nicht nur weil das Virus aus China kam, sollten wir diese Bedrohungen ernst nehmen; vielmehr erinnert uns das Virus nachdrücklich daran, dass die Welt voller Bedrohungen steckt, ob sie nun epidemisch oder politisch, militärisch oder wirtschaftlich sind. Wer dem Ende des Staats das Wort redet, der wird erklären müssen, wer außer dem Staat eine Invasion wie die auf der Krim oder im südchinesischen Ozean abwehren soll. Die Antwort heißt: niemand. Die Rede gegen den Staat ist eine Rede zugunsten von Kapitulation und Machtlosigkeit."