In seiner
taz-Kolumne
bekennt Georg Diez sein Erschrecken vor den Bildern des anonymen
technisierten Sterbens, die die Corona-Krise liefert (Bilder, in denen man sieht, wie es ist, ohne diese Hilfe zu sterben, haben wir allerdings nicht gesehen). Wir haben zu wenig darüber gesprochen, meint Diez, "was die
Prämissen des Todes sein sollten. Wie wollen wir sterben? Diese Diskussion ist nicht offen genug geführt worden, und wenn, dann sehr spezifisch im Kontext etwa des assistierten Suizids - und deshalb stehen wir nun da, und die
einzige Form des Todes, die gerade praktiziert wird, so scheint es, ist die des medizinisch-industriellen Todes." Diez bezieht sich auf
einen langen Essay des amerikanischen
Philosophen Charles Eisenstein, der unter dem Titel "The Coronation" unseren "
Krieg gegen den Tod" analysiert.
Im
Interview mit der
FR ermuntert der Philosoph
Otfried Höffe die Kollegen in der NRW-Expertenkommission, es weiterhin
mit Kant zu halten: "Da die Kommissionsmitglieder wie selbstverständlich Kants Begriff der Aufklärung beherzigen, nämlich Mut haben, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, werden sie kaum meine Empfehlungen brauchen. Wenn aber doch, dann zwei: Geben wir
den Grundrechten unseres freiheitlichen Staates das verfassungsrechtlich gebotene Gewicht und seien mit Freiheitseinschränkungen extrem vorsichtig. Geben wir
der Hoffnung mehr Chancen als den Ängsten und der Panikmache."
Warum reden eigentlich die ganze Zeit
fast nur Männer,
fragt Jana Hensel auf
Zeit online: Seit der Krise "hören wir wie gebannt all den
männlichen Wissenschaftlern und ihren Zahlenanalysen zu. Wir schauen den
männlichen Politikern bei uns und im Ausland zu, wie sie die Pandemie zu lösen und sich wie nebenbei zu profilieren versuchen. Und wenn uns das noch nicht reicht, können wir auch noch stapelweise Interviews und Texte von
männlichen Soziologen,
Philosophen,
Ökonomen,
Unternehmern,
Schriftstellern und
Therapeuten lesen, die uns erzählen, wie sie durch die Krise kommen oder auf welche Art wir anderen es versuchen sollten. Wären da nicht Angela Merkel, Juli Zeh und die Infektiologin Marylyn Addo, man könnte den Eindruck gewinnen, unser Land bestünde ausschließlich aus Männern. Aber, halt! Das ist ja auch so..."
Auch
Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, vermisst im
Interview mit dem
Tagesspiegel die
Frauen in der Debatte. Welche Folgen das hat, sehe man schon daran, dass die Mitglieder der Leopoldina bestimmte Gruppen bei ihren Empfehlungen kaum berücksichtigten, meint sie: "Zum einen liegt das Durchschnittsalter der Mitglieder der Leopoldina-Arbeitsgruppe bei über 60 Jahren. Zum anderen haben wir bei den 26 Mitgliedern
nur zwei Frauen. Beides spiegelt wider, was die Ad hoc-Empfehlung ausspart. ... Es sind
insbesondere alleinerziehende Frauen,
junge Mütter und junge Familien, die mit der jetzigen Situation gar nicht zurechtkommen. Sie haben die Struktur in den Tag zu bringen, müssen Lehrerinnen und Lehrer spielen, die Musikschule, den Sportverein und die Freundeskreise ihrer Kinder ersetzen. Und dann müssen und wollen sie
auch noch erwerbstätig sein. Wenn man von so einem Haushalt ausgeht und sich die Empfehlungen der Leopoldina anschaut, ist doch die Frage: Warum werden das familiäre Wohl und das Wohlergehen der Frauen eigentlich gar nicht adressiert? Wie soll das gehen, dass eine Frau und Mutter dann wieder teilerwerbstätig ist, und auf der anderen Seite Kindern unter neun Jahren
keine Betreuung zukommt?"
Außerdem haben Kindergartenkinder eigene Bedürfnisse, die nicht berücksichtigt würden, wenn sie nach den Vorschlägen der Leopoldina weiter zu Hause bleiben müssen,
kritisiert der Theologe
Peter Dabrock im
Tagesspiegel: "Ein Großteil emotionaler und sozialer Grundbedürfnisse entfaltet sich allein in der
Begegnung mit anderen Kindern, in Freundschaften wie auch in Grenzerfahrungen in der Gruppe der Gleichaltrigen. Das Wegbrechen dieser
entscheidenden Grundbedürfnisse wird in der Debatte völlig unberücksichtigt gelassen. Sollen sie ein halbes Jahr lang quasi weggesperrt werden? Ist für kleine Kinder diese Lebensdimensionen, ein halbes Jahr, das für sie eine halbe Ewigkeit ist, allen Ernstes verzichtbar? Ich vermisse Vorschläge, die signalisieren, dass diese Grundbedürfnisse derjenigen, die uns doch am Wichtigsten sein sollten,
von Anfang an mitgedacht werden." Dabrock ist eher dafür, die Alten länger zu isolieren.
Außerdem: Im
Interview mit
Zeit online erklärt
Martin Spiewak von der Leopoldina, wie man sich das mit der
langsamen Aufnahme des Schulbetriebs vorgestellt hat.