Soll man den
Lockdown verlängern, um vor allem ältere Menschen zu retten oder
ihn aufheben, um die Wirtschaft zu retten und Kinder wieder in die Schule und auf den Spielplatz lassen zu können - diese Alternativen sind für die Philosophin
Eva Weber-
Guskar keine, jedenfalls noch nicht. Sie hält es eher mit dem schottischen
Philosophen William David Ross, erklärt sie im
Interview mit der
SZ, der
pluralistische Ansätze bevorzugte, "also solche, die mehrere Prinzipien als Ausgangspunkt zulassen. Wenn diese Prinzipien zugleich nicht für absolut gehalten werden, sondern zunächst alle gleich gültig sind und
jedes Mal neu gegeneinander abgewogen werden müssen, dann vermeidet man auch, dass jeder Konflikt gleich ein Dilemma ist. ... Ich bin der Ansicht, dass man damit der Komplexität moralischer Entscheidungssituationen womöglich eher gerecht wird. Sie verhilft dazu, dass man sich nicht zu schnell dilemmatisch gelähmt fühlt, also handlungsunfähig oder unter enormem Druck. Stattdessen kann man einsehen, dass man sich aus guten Gründen für eine Handlung entscheidet, obwohl man sie zum Teil auch bedauert."
Wir wissen einfach noch so wenig über das Virus, erklärt der Infektiologe
Jeremy Farrar, der in einem
Interview mit
Zeit online ebenfalls ermutigend pluralistische Ansätze verficht: "Die beste Strategie ist deshalb, R0 [Reproduktionsrate des Virus] so niedrig wie irgendwie möglich zu drücken und währenddessen die
Lektionen von Südkorea,
Singapur und auch
Deutschland zu lernen ... Und während wir all das machen, müssen wir nach echten Auswegen suchen." Dazu gehört eine
Impfung, an die Farrar in absehbarer Zeit fest glaubt. "Aber es stimmt: Wir dürfen
nicht alle Hoffnung auf eine einzige Lösung setzen, um aus dieser Situation herauszukommen. Hätten wir Mitte der Achtzigerjahre, als
HIV sich über die ganze Welt zu verbreiten begann, alles auf eine Impfung gesetzt, wäre das eine Katastrophe gewesen. Denn 35 Jahre später gibt es noch immer keine. Deshalb müssen wir mit derselben Energie auch
an anderen Ausstiegsstrategien arbeiten."
Schaum braucht Raum! Und den lässt die
FAZ der Historikerin
Ute Frevert, die ausführlich über das "
social distancing shaming" schreibt, das jetzt angeblich in deutschen Städten grassiert und das sie vom Hundertsten ins Tausendste katapultiert: "
Nazis trieben Liebespaare durch die Straßen, die angeblich die 'deutsche Ehre' beschmutzten.
Die RAF schließlich demütigte 1977 Hanns Martin Schleyer, indem sie dem Arbeitgeberpräsidenten durch ein Schild als 'Gefangenen' auswies, dem ein revolutionärer Urteilsspruch bevorstand - ausgesprochen von der militanten Avantgarde des vom Kapitalismus geknechteten Volkes. Solche Praktiken in Volkes Namen bedienten sich bei den
klassischen Schand- und Ehrenstrafen."
Corona ist unser Erdbeben von Lissabon! Es gibt
keine Lektion, die uns das Virus erteilt - das Virus ist
dumm,
schreibt Bernard-Henri Lévy in
La Règle du Jeu und wendet sich gegen "Profiteure" unter linken und rechten Intellektuellen, die die Krise
für ihre Denkmuster ausbeuten. "Ich habe mein ganzes Leben gegen die Obszönität einer solchen
säkularisierten Religion gekämpft. Seit meinen Anfängen, seit der Zeit der 'Barbarei mit menschlichem Antlitz' und meiner Lektüre Jacques Lacans verfechte ich die Idee, dass der Versuch, einer Sache Sinn zu geben,
die keinen hat und dieses Sinnlose, das das Unsagbare am Bösen ist, sprechen zu lassen, eine der Quellen von Psychosen oder schlimmer noch des Totalitarismus ist."
Einen eher düsteren Blick in die Zukunft
wirft der serbisch-amerikanische Ökonom
Branko Milanović im Interview mit
Zeit online. Er hofft, dass wir aber etwas daraus lernen: "Diese Pandemie zeigt, dass wir
mehr internationale Koordinierung brauchen, nicht weniger. Die Welt wäre besser davongekommen, wenn die Weltgesundheitsorganisation stärker gewesen wäre, wenn es
mehr internationale Absprachen gegeben hätte. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg hat die Weltgemeinschaft genau das verstanden: Dass wir effektive internationale Organisationen brauchen. Ich weiß, ich klinge vielleicht idealistisch. Aber wir könnten da einige Dinge
sehr viel besser machen."
Michael Wolffsohn reicht es nicht, über
Achille Mbembes Äußerungen zu Israel nachzudenken, er will in seiner
NZZ-Kolumne
gleich erklären, "weshalb
manche Li-Libs (sowie über diese hinaus weite Teile der pazifistisch und bis zur Corona-Epidemie universalistisch programmierten westlichen Nachkriegsgesellschaften) sich selbst subjektiv durchaus
nicht als Antisemiten/Antizionisten wahrnehmen, es jedoch objektiv - genauer: de facto - sind". Mbembe sieht Wolffsohn im Grunde nur als Prototypen dieses allgemein grassierenden Linksliberalismus: "Mbembes philosophische Kost ist ziemlich dünne Suppe. Im Kern ist sie ein postkolonialistischer Um- und Aufguss Frantz Fanons.
Wilde Vergleiche von Israel und Nazis oder südafrikanischer Apartheid, wobei Israel, versteht sich, schlimmer sei. Dazu die aggressive, nicht selten dem NS-Kronjuristen
Carl Schmitt entlehnte Gedanken- und Sprachführung."