9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2277 Presseschau-Absätze - Seite 121 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2020 - Ideen

In angloamerikanischen Ländern sterben nicht mehr Menschen an Covid 19, weil diese Länder einer utilitaristischen Ethik folgen, verteidigen die Philosophen David Lanius und Christoph Schmidt-Petri in der NZZ den Utilitarismus: Auch für diesen sei der Schutz menschlichen Lebens ein hohes Ziel. Sie fordern eine "utilitaristische Moraltheorie", die auch die langfristigen Folgen der Krise bedenke: "Kurzfristige Erfolge bei der Rettung von Menschenleben müssen daher - wie das in der öffentlichen Debatte auch geschieht - in Bezug gesetzt werden zu kurz-, mittel- und langfristiger Gefährdung von Menschenleben. Sei dies durch häusliche Gewalt, Bewegungsmangel, Vermeidung von Krankenhausbesuchen bei akuten Erkrankungen wie Herzinfarkten oder Schlaganfällen."

Tun wir überhaupt alles, um die Alten und Schwachen zu schützen, fragt ebenfalls in der NZZ der Moraltheologe Daniel Bogner: "Natürlich zieht das Kosten nach sich, die Wirtschaft leidet, und das Heil der einen bedeutet Belastungen für manch andere. Aber die entscheidende Frage lautet: Ist der Status quo ante das Maß aller Dinge?"

Außerdem: Der Journalist und Schriftsteller Robert Misik untersucht in der NZZ, wie sich linke und rechte Positionen während der Krise vermischen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2020 - Ideen

Achille Mbembe zu Veranstaltungen einladen? Unbedingt, meint Ijoma Mangold in der Zeit. Ganz besonders wenn man nicht mit ihm übereinstimmt, denn der Streit sei produktiv, gerade die Postcolonial Studies hätten ihn angesichts ihrer Gleichmacherei bitter nötig. Für Mbembe etwa sei der heutige Finanzkapitalismus eine Art moderner Sklavenhandel: "Wie einst der Schwarze ein bewegliches Gut war, sind wir heute alle 'Arbeitsnomaden'. Wenn die Kapitalströme aber nur eine neue Form der globalen Zirkulation von Humankapital sind, dann verliert der transatlantische Sklavenhandel des 17. und 18. Jahrhunderts, um es vorsichtig zu formulieren: etwas von seiner Spezifik. Dann ist die Sklaverei dasselbe wie der Kolonialismus, der Kolonialismus dasselbe wie die Apartheid und die Apartheid nicht zu unterscheiden vom Neoliberalismus und der Demokratie, von der Mbembe sagt, sie trage 'die Kolonie tief in sich'."

Wenn eine Ideologie vom Virus hingestreckt wurde, dann der Neoliberalismus, diagnostiziert Ilija Trojanow in seiner taz-Kolumne: "Die Apologeten des freien Markts sind verstummt, denn wir haben im Belastungstest sein Versagen erlebt. Länder oder Regionen, die ihr Gesundheitssystem nach profitorientierten Kategorien umgebaut haben (Beispiel Lombardei), haben sich tödlich umstrukturiert. Und obwohl Pandemien regelmäßig auftreten, haben sie für diesen Fall nicht angemessen vorgesorgt, weil Gemeinwohl nicht profitabel ist. Dem freien Markt gelingt es nicht einmal, selbst Monate nach dem Ausbruch, Masken in ausreichender Zahl zu produzieren." Bei der Entwicklung eines Impfstoffs plädiert Trojanow gegen "Geistiges Eigentum": "Als Jonas Salk, der Erfinder des Polio-Impfstoffs, gefragt wurde, wer das Patent besitze, antwortete er: 'Alle Menschen. Es gibt kein Patent. Können Sie die Sonne patentieren?'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2020 - Ideen

Soll man den Lockdown verlängern, um vor allem ältere Menschen zu retten oder ihn aufheben, um die Wirtschaft zu retten und Kinder wieder in die Schule und auf den Spielplatz lassen zu können - diese Alternativen sind für die Philosophin Eva Weber-Guskar keine, jedenfalls noch nicht. Sie hält es eher mit dem schottischen Philosophen William David Ross, erklärt sie im Interview mit der SZ, der pluralistische Ansätze bevorzugte, "also solche, die mehrere Prinzipien als Ausgangspunkt zulassen. Wenn diese Prinzipien zugleich nicht für absolut gehalten werden, sondern zunächst alle gleich gültig sind und jedes Mal neu gegeneinander abgewogen werden müssen, dann vermeidet man auch, dass jeder Konflikt gleich ein Dilemma ist. ... Ich bin der Ansicht, dass man damit der Komplexität moralischer Entscheidungssituationen womöglich eher gerecht wird. Sie verhilft dazu, dass man sich nicht zu schnell dilemmatisch gelähmt fühlt, also handlungsunfähig oder unter enormem Druck. Stattdessen kann man einsehen, dass man sich aus guten Gründen für eine Handlung entscheidet, obwohl man sie zum Teil auch bedauert."

Wir wissen einfach noch so wenig über das Virus, erklärt der Infektiologe Jeremy Farrar, der in einem Interview mit Zeit online ebenfalls ermutigend pluralistische Ansätze verficht: "Die beste Strategie ist deshalb, R0 [Reproduktionsrate des Virus] so niedrig wie irgendwie möglich zu drücken und währenddessen die Lektionen von Südkorea, Singapur und auch Deutschland zu lernen ... Und während wir all das machen, müssen wir nach echten Auswegen suchen." Dazu gehört eine Impfung, an die Farrar in absehbarer Zeit fest glaubt. "Aber es stimmt: Wir dürfen nicht alle Hoffnung auf eine einzige Lösung setzen, um aus dieser Situation herauszukommen. Hätten wir Mitte der Achtzigerjahre, als HIV sich über die ganze Welt zu verbreiten begann, alles auf eine Impfung gesetzt, wäre das eine Katastrophe gewesen. Denn 35 Jahre später gibt es noch immer keine. Deshalb müssen wir mit derselben Energie auch an anderen Ausstiegsstrategien arbeiten."

Schaum braucht Raum! Und den lässt die FAZ der Historikerin Ute Frevert, die ausführlich über das "social distancing shaming" schreibt, das jetzt angeblich in deutschen Städten grassiert und das sie vom Hundertsten ins Tausendste katapultiert: "Nazis trieben Liebespaare durch die Straßen, die angeblich die 'deutsche Ehre' beschmutzten. Die RAF schließlich demütigte 1977 Hanns Martin Schleyer, indem sie dem Arbeitgeberpräsidenten durch ein Schild als 'Gefangenen' auswies, dem ein revolutionärer Urteilsspruch bevorstand - ausgesprochen von der militanten Avantgarde des vom Kapitalismus geknechteten Volkes. Solche Praktiken in Volkes Namen bedienten sich bei den klassischen Schand- und Ehrenstrafen."

Corona ist unser Erdbeben von Lissabon! Es gibt keine Lektion, die uns das Virus erteilt - das Virus ist dumm, schreibt Bernard-Henri Lévy in La Règle du Jeu und wendet sich gegen "Profiteure" unter linken und rechten Intellektuellen, die die Krise für ihre Denkmuster ausbeuten. "Ich habe mein ganzes Leben gegen die Obszönität einer solchen säkularisierten Religion gekämpft. Seit meinen Anfängen, seit der Zeit der 'Barbarei mit menschlichem Antlitz' und meiner Lektüre Jacques Lacans verfechte ich die Idee, dass der Versuch, einer Sache Sinn zu geben, die keinen hat und dieses Sinnlose, das das Unsagbare am Bösen ist, sprechen zu lassen, eine der Quellen von Psychosen oder schlimmer noch des Totalitarismus ist."

Einen eher düsteren Blick in die Zukunft wirft der serbisch-amerikanische Ökonom Branko Milanović im Interview mit Zeit online. Er hofft, dass wir aber etwas daraus lernen: "Diese Pandemie zeigt, dass wir mehr internationale Koordinierung brauchen, nicht weniger. Die Welt wäre besser davongekommen, wenn die Weltgesundheitsorganisation stärker gewesen wäre, wenn es mehr internationale Absprachen gegeben hätte. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg hat die Weltgemeinschaft genau das verstanden: Dass wir effektive internationale Organisationen brauchen. Ich weiß, ich klinge vielleicht idealistisch. Aber wir könnten da einige Dinge sehr viel besser machen."

Michael Wolffsohn reicht es nicht, über Achille Mbembes Äußerungen zu Israel nachzudenken, er will in seiner NZZ-Kolumne gleich erklären, "weshalb manche Li-Libs (sowie über diese hinaus weite Teile der pazifistisch und bis zur Corona-Epidemie universalistisch programmierten westlichen Nachkriegsgesellschaften) sich selbst subjektiv durchaus nicht als Antisemiten/Antizionisten wahrnehmen, es jedoch objektiv - genauer: de facto - sind". Mbembe sieht Wolffsohn im Grunde nur als Prototypen dieses allgemein grassierenden Linksliberalismus: "Mbembes philosophische Kost ist ziemlich dünne Suppe. Im Kern ist sie ein postkolonialistischer Um- und Aufguss Frantz Fanons. Wilde Vergleiche von Israel und Nazis oder südafrikanischer Apartheid, wobei Israel, versteht sich, schlimmer sei. Dazu die aggressive, nicht selten dem NS-Kronjuristen Carl Schmitt entlehnte Gedanken- und Sprachführung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2020 - Ideen

Der Ökonom Niko Paech, eine Art Öko-Stalinist, der neulich auch schon mal die Freiheit einschränken wollte, um das Klima zu retten (unser Resümee) fordert im Interview mit Jost Maurin aus der taz, dass aus der Corona-Krise nun endlich eine "Degrowth"-Politik folgt. Auf die Frage, ob man nicht gerade die Probleme einer schrumpfenden Wirtschaft sehe, antwortet er: "Auch für einen Bankräuber ist es schädlich, ihm die Beute zu entreißen. Unser Wohlstand resultiert nicht aus eigener Arbeit, sondern technologisch verstärkter Plünderung, bedürfte also ohnehin einer Korrektur. Arbeitslosigkeit kann durch eine verringerte Erwerbsarbeitszeit vermieden werden, sagen wir: 20 Stunden pro Woche. Daran ließe sich die wichtigste Maßnahme knüpfen, um soziale Verwerfungen zu vermeiden: nämlich Menschen unabhängiger von Konsumbedürfnissen werden zu lassen."

Es sei denn, wir leben bereits im Stalinismus, wie Internetkritiker Adrian Lobe meint, der in der taz die Idee einer Corona-Tracing-App kritisiert: "Der Einzelne verhält sich nur solidarisch, wenn er einen Teil seines Datenkörpers, gewissermaßen in einem quasireligiösen Akt, an die Gemeinschaft gibt. Die Vermassung der Körper durch Big Data, das Gerede von der 'Herdenimmunität', die Entindividualisierung durch Atemschutzmasken, all das lässt erahnen, wie sich westliche Gesellschaften unter epidemiologischem Druck auf ein kollektivistisches Modell zubewegen..."

Besonders die Großintellektuellen sollen mal das Schwadronieren lassen, rät Julia Encke in der FAS, mit Blick auf Agamben und Sloterdijk, denen sie vorwirft, nur ihre üblichen Schablonen auf eine nie dagewesene Situation zu applizieren: "In ihren Stellungnahmen interessieren sich weder Agamben noch Sloterdijk für jene an Covid-19 Erkrankten, die sterben oder schon gestorben sind. Sie zeigen auch kein Mitgefühl. Sie argumentieren aus der 'Schiffbruch mit Zuschauer'-Perspektive heraus, und vielleicht ist es dieser Standpunkt, der den Effekt der Leblosigkeit mit sich bringt: Mit dem, was sie bezeichnen sollen, stehen ihre Begriffe in keinerlei Austausch, und ihre Autoren legen Wert darauf, zumindest den Anschein zu erwecken, nicht involviert zu sein."

"Ein Vergleich mit dem Teufel, der automatisch als Provokation gedacht oder bewertet wird, ist außerordentlich effektiv", meinen Shimon Stein und Moshe Zimmermann im Tagesspiegel und vergleichen den Umgang und die Diskussion über die "Hochrisikogruppen" der Pandemie mit der Politik der Nazis gegenüber "unwertem Leben": "Im Unterbewusstsein eines Teils der Bevölkerung zeichnet sich eine Sichtweise ab, die die Angehörigen der Risikogruppe im Endeffekt als 'Ballastexistenzen' wahrnimmt. Auch das Wort Risikogruppe durchläuft eine Mutation: Gemeint ist weniger das Risiko für diese Gruppe, sondern eher das Risiko, das von dieser Gruppe für die Gesellschaft ausgeht. Darf der Preis für den Schutz dieser Gruppe Massenarbeitslosigkeit, eine schwere Wirtschaftskrise und die Gefährdung der Lebensqualität der Mehrheit sein? Ja, nach der Phase der Solidarität kommt vielerorts der soziale Darwinismus in Fahrt, der Wunsch nach dem Prinzip des Überleben des Stärkeren. Vor allem dort, wo die nichtsoziale, neoliberale Marktwirtschaft herrscht, in Amerika, England, Israel."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2020 - Ideen

Achille Mbembe ist nur ein Symptom für jene "postcolonial studies", die die Welt einzig auf das Gut-Böse-Schema des Antirassismus reduzieren und den Antisemiismus überhaupt nicht denken können. Allenfalls reihen sie ihn als Unterform in ihre Theorie des Rassismus ein, schreiben Meron Mendel und Saba-Nur Cheema vom Frankfurter Anne-Frank-Zentrum in der taz. Die Verabsolutierung der Opferperspektive aber führt diese "intersektionale" Linke selbst in die Nähe des Antisemitismus, so die Autoren, denn "der Antisemit sieht sich gerade selbst als Opfer, nämlich einer Unterdrückung durch Juden... In einem Milieu, in dem es gute Sitte geworden ist, zunächst einmal Betroffenen Glauben zu schenken, alle Vorwürfe von Diskriminierung zunächst einmal ernst zu nehmen, wird oft mit aberwitziger Schnelle der 'Antisemitismusvorwurf' als 'Vorwand' beiseitegewischt."

Ok, Donald Trump empfiehlt die Injektion von Desinfektionsmitteln gegen Covid-19. Aber jeder hat so seine eigene Art, in der Krise intellektuell durchzudrehen. Für Giorgio Agamben, der heute mal wieder in der NZZ (leider nicht online) schreibt, ist Corona dagegen trotz der Zehntausenden Toten in Italien nach wie vor ein "nicht näher zu bestimmendes Risiko", das nur als Vorwand für die strengen Maßnahmen gilt. Und dann attackiert der linke Denker die katholische Kirche: "Die Kirche unter einem Papst, der sich Franziskus nennt, hat vergessen, dass Franziskus die Leprakranken umarmte. Sie hat vergessen, dass eines der Werke der Barmherzigkeit darin besteht, die Kranken zu besuchen. Sie hat vergessen, dass die Martyrien die Bereitschaft lehren, eher das Leben als den Glauben zu opfern, und dass auf den eigenen Nächsten zu verzichten bedeutet, auf den Glauben zu verzichten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2020 - Ideen

Die Ethnologin Susanne Schröter nimmt in der FAZ (schon am Mittwoch, wir reichen nach) das Feindbild des "alten weißen Mannes" auseinander, der auch in der Coronakrise prima funktioniert, indem sie es in seine Bestandteile zerlegt. Unter anderem entlarvt sie damit heutige Diskursstrategien: "Der Gestus der Anklage wird zusätzlich durch ein Subjektivitätsgebot verstärkt, das äußere Attribute zum Zugangskriterium einer Teilnahme an Debatten erhebt. Schon in der frühen Frauenbewegung vertraten einige Wissenschaftlerinnen die Ansicht, dass weibliche Erfahrung eine notwendige methodische Bedingung für die gerade entstehende Frauenforschung sei. Wer das 'falsche' Geschlecht besaß, war von vorneherein aus der Diskursgemeinschaft ausgeschlossen."

Im Welt-Interview mit Tomasz Kurianowicz spricht der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl über die derzeitige "Diskursexplosion", antike Seuchenbekämpfung, befürwortet Corona-Bonds und warnt vor dem Eingriff in die Grundrechte in Osteuropa: "So hat die politische Schäbigkeit hier und dort, in Ungarn oder Polen, schon die Grundfesten für dauerhafte Ausnahmeregimes und Diktaturen gelegt. ... Und von Brüssel oder Berlin aus schaut man sorgenvoll zu."

Außerdem: Dass Achille Mbembe die Israelboykott-Bewegung BDS unterstützt, liegt für Patrick Bahners in der FAZ auf der Hand: Das zeige schon ein Aufsatzband "der gemäß dem Vorwort der Herausgeber den Zweck verfolgte, die akademische Welt für die Sache des BDS zu gewinnen", und für den Mbembe immerhin den ersten Text schrieb (unser Resümee). Philip Schwarz legt in 54books dar, warum er beansprucht, Kunst auch moralisch zu beurteilen. In der NZZ beklagt sich Leopold Federmair darüber, dass er nicht mehr "Zigeuner" oder "Tschechei" sagen darf, sich dafür aber "schnäuzen" muss.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2020 - Ideen

Die Ruhrtriennale ist inzwischen wegen Corona abgesagt, aber die Diskussion über Achille Mbembe, der die Eröffnungsrede halten sollte, geht weiter (unsere Resümees).Die Zeit bringt eine Erwiderung Mbembes auf seine Kritiker, namentlich den FDP-Politiker Lorenz Deutsch und den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung Felix Klein. Mbembe legt ausführlich dar, dass er den Holocaust als eine Art Verlängerung zuvor verübter kolonialer Verbrechen sieht. In Bezug auf Israel und die Palästinenser beschreibt er Israel wieder als einzigen Akteur: "In Hinblick auf den Kolonialismus im Allgemeinen ist meine politische und philosophische Position einfach. Ich bin gegen jede Form von Kolonialismus. Die israelische Politik in den besetzten Gebieten unterstütze ich daher nicht und möchte in keiner Form mit ihr in Verbindung gebracht werden. Wenn aber die Tatsache, dass man den Kolonialismus nicht unterstützt, ein Verbrechen oder ein Beweis für Antisemitismus wäre, dann würden zweifellos viele Israelis selbst diesen Test nicht bestehen." Am Ende seines Textes geht er zum Gegenangriff über: "Wenn Denken oder Glauben nicht mehr frei ausgeführte Handlungen des Subjekts sind, sondern ein Nachbeten von Katechismusartikeln ohne Überzeugung, und wenn Dissens ein Vorwand für Repression sein kann, dann gibt es keine Gewissensfreiheit mehr."

Der Aufsichtsrat der Ruhrtriennale, dem auch Norbert Lammert angehört, muss sich dringend positionieren, fordert Alan Posener gemeinsam mit Christiane Hoffmanns in der Welt: "Es ist bereits das dritte Mal, dass Carp radikale 'Israelkritiker' eingeladen hat." Stefanie Carp sei als Chefin der Ruhrtriennale untragbar.

Weitere Artikel: Angeregt blättert Arno Widmann in der FR im Katalog zur derzeit noch geschlossenen Berliner Ausstellung "Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert". Mit Blick auf die zunehmenden Entgleisungen im Netz sorgt sich der Philosoph Gernot Böhme in der NZZ um den gesellschaftlichen Zustand der Zivilisiertheit: "Was anderes als Disziplinierung wird uns übrig bleiben, wenn der progressive Verfall unserer Zivilisiertheit sich fortsetzt?" Ebenfalls in der NZZ geht die Ethnologin Brigitta Häuser-Schäublin dem Verhältnis von Klopapierkäufen und Kontrollverlust nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2020 - Ideen

Mit einigen erstaunlichen Auslassungen registriert Zeit-Redakteur Thomas Assheuer Diskurse, die auch in der täglichen Presseschau immer wieder zitiert wurden und die - stark vergröbert - fragen, ob man die Alten nicht für das Wohl der Gemeinschaft stärker isolieren oder gar opfern solle. Assheuer ordnet diesen Zynismus allein einem irrationalen Kult des Marktes zu: "Das Leben der Alten gegen das 'Leben' des globalen Kapitalismus? Solche Zynismen kann nur unterbreiten, wer ernsthaft glaubt, die Wirtschaft sei ein herrischer Willkürgott, der immer wieder und zu Recht tragische Entscheidungen verlangt - man muss ihm opfern, damit er den Endverbrauchern des irdischen Lebens gewogen bleibt. Im Up and Down der Konjunkturen und Börsenkurse tritt der Gott der Ökonomie aus dem Dunkel seiner Unerkennbarkeit ins Licht der Welt." Dass es bei der Linken genau die gleichen Diskurse gibt: Die Alten sind am Klimawandel schuld, nun sollen sie Opfer bringen, notiert Assheuer nicht. Aber im Perlentaucher kann er es etwa hier nachlesen.

Der Soziologe Heinz Bude freut sich im Gespräch mit Christian Schröder vom Tagesspiegel, dass auch Soziologen nun als Experten gelten, die zusammen mit Virologen die Politik über den Ausgang aus der Krise beraten dürfen. Und er freut sich, dass der Staat zurück ist: "nicht als autoritärer Staat, den man fürchten müsste, auch nicht als patrimonialer Staat, der uns vorgibt, wie wir zu leben hätten. Sondern ein Staat, der auf solidarischer Einsicht beruht. In unserem Bemühen, gemeinsam durch die Krise durchzukommen, merken wir, dass wir auf eine Instanz angewiesen sind, die sanktionsbeschwert ist, Vorgaben für alle machen kann. Die allermeisten finden das gut." Wir müssten nun allerdings auch alle gemeinsam einsehen, dass "nicht mehr Freiheit die große Formel sein kann. Die Formel lautet nun: Schutz. Freiheit und Schutz zusammenzudenken, das wird uns die kommenden 20 Jahre beschäftigen."

Das Coronavirus und das Internet schweißen uns zum ersten Mal zu einer Art Weltgesellschaft zusammen, behauptet die russisch-tatarische Schriftstellerin Gusel Jachina in der Berliner Zeitung: "Soeben wurde die Welt noch vom Fieber der Aggression geschüttelt. Sie erlebte Handelskriege, Ölkriege, Sanktionen, Propagandakriege und mancherorts ganz reale Waffengänge. Im Moment ist das - nahezu alles - als unwichtig in den Hintergrund getreten. Aggression wurde auf Pausenmodus geschaltet. Etwas Unvorstellbares ist geschehen: Die Pandemie wirkt wie eine Impfung gegen Aggression."

Ganz pragmatische Vorschläge macht dagegen der Philosoph Richard David Precht im Gespräch mit Joachim Frank von der FR: "Für die Stützung des Einzelhandels könnte man eine Online-Steuer für die großen, globalen Marktteilnehmer erheben. Amazon und die anderen Online-Handelsriesen sind die großen Gewinner der Corona-Krise. Wenn man deren Umsätze mit 25 Prozent besteuern würde, käme ein gigantischer Fonds zusammen, aus dem man den qualifizierten stationären Einzelhandel stützen und den Gastronomen unter die Arme greifen könnte."

In der NZZ warnt der Diplomat Paul Widmer, die Bekämpfung des Coronavirus als Krieg zu beschreiben: "Warum gefällt den Regierenden die Kriegsmetaphorik? Das hängt eben mit den Mitteln zusammen, die im Krieg erlaubt sind, im Frieden jedoch nicht. Das Notrecht gibt ihnen mehr Macht, als die reguläre Gewaltenteilung vorsieht. Kommt noch hinzu, dass sich mehr Macht auch politisch auszahlt. Mit gutem Krisenmanagement winkt der Lorbeerkranz."

Außerdem: The Nation bringt ein großes Gespräch mit Thomas Piketty über sein neues Buch "Kapital und Ideologie". Bei Dlf Kultur unterhalten sich Andrea Gerk und René Aguigah mit dem Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung Felix Klein über die Antisemitismusvorwürfe gegen Achille Mbembe (unsere Resümees), mehr auch hier.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2020 - Ideen

Achille Mbembes Aussagen zu Israel sind noch drastischer als bisher bekannt. Stefan Laurin von den Ruhrbaronen hat in dem Buch "Apartheid Israel - The Politics of an Analogy", zu dem Mbembe das Vorwort verfasst hat, nachgelesen. Dort schreibt Mbembe: "Die Besetzung Palästinas ist der größte moralische Skandal unserer Zeit, eine der entmenschlichendsten Torturen des Jahrhunderts, in das wir gerade eingetreten sind, und der größte Akt der Feigheit des letzten halben Jahrhunderts." Und "da alles, was sie zu bieten bereit sind, ein Kampf bis zum Ende ist, da sie bereit sind, den ganzen Weg zu gehen - Gemetzel, Zerstörung, schrittweise Ausrottung - ist die Zeit gekommen für globale Isolation."

Die Diskussion entstand, weil Mbembe die Eröffnungsrede für die Ruhrtriennale halten soll (unsere Resümees). Was Mbembe in seinen Texten zu Israel vergisst zu erwähnen, so Laurin: "Die Menschen in Gaza leben in der Situation, in der sie leben, weil die Hamas Krieg gegen Israel führt, weil von Gaza aus Raketen abgeschossen werden, Terroristen durch Tunnel versuchen auf das Territorium des Nachbarlandes zu kommen, um Anschläge zu verüben. Israel hat an einer Blockade Gazas kein Interesse  - sie ist ein Mittel in einem Krieg, den Israel nicht begonnen hat, aber nicht verlieren will."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2020 - Ideen

Schwerpunkt: Debatte um Achille Mbembe und die Ruhrtriennale

Viel Streit um Achille Mbembe, der den Eröffnungsvortrag bei der nächsten Ruhrtriennale halten soll und nun antisemitischer Äußerungen bezichtigt wird. Er habe einen akademischen Boykott israelischer Wissenschaftler gefordert und in einem Aufsatz Israels Politik mit der Apartheid in Südafrika verglichen, hieß in einem Artikel der Welt, in der Jüdischen Allgemeinen und im Blog Mena-Watch (unser Resümee). Nun verteidigt ihn Patrick Bahners in der FAZ (hier, mit Hinweis auf den mit 100.000 dotierten Gerda-Henkel-Preis, den Mbembe erhalten hat). Etwas ausführlicher lässt sich Bahners hier nachlesen.

Und auch Jörg Häntzschel nimmt Mbembe in der SZ gegen die Vorwürfe in Schutz, auch gegen Äußerungen des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung Felix Klein, der laut Jüdischer Allgemeiner Mbembe scharf kritisierte:  "Mbembe ist angesichts der Vorwürfe fassungslos. 'Ich bin kein Mitglied oder Unterstützer des BDS oder sonst einer Organisation, die im israelisch-palästinensischen Konflikt involviert ist', schreibt er. Und ergänzt: 'Ich halte nichts von einem allgemeinen Boykott israelischer Akademiker.' Er kenne, so Mbembe weiter, 'keinen ernsthaften Wissenschaftler, der das Apartheidsystem in Südafrika mit dem Holocaust vergleichen' würde." Schon die Jerusalem Post hatte Mbembe mit diesen Äußerungen zitiert.

Mbembes Zitate zu Israel finden sich vor allem in einem Artikel der Zeitschrift Radical Philosophy, den man hier nachlesen kann. Unter Bezug auf diesen Artikel bleibt Alan Posener in der Welt bei den Vorwürfen gegen Mbembe: "Für Mbembe sind 'das Apartheidsystem in Südafrika und die Vernichtung der Juden in Europa'... emblematische Manifestationen der Fantasie der Ausgrenzung'. (...) Schlimmer jedoch als das Apartheidsystem ist Israels heutige Politik gegenüber den Arabern: '(D)ie Auswirkungen des israelischen Projekts (sic) auf den palästinensischen Körper sind viel einschneidender als die relativ primitiven Operationen des Apartheidregimes in Südafrika zwischen 1948 und den frühen 1980er Jahren. (...) Das zeigt sich in seiner fanatischen Politik der Zerstörung.'"

Und für FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube, der sich die Mühe gemacht hat, etwas ausführlicher bei Mbembe nachzulsen, gibt es überhaupt keinen Zweifel daran, dass Mbembe zumindest "Nanoantisemit" sei (womit Kaube eine Wortprägung Mbembes variiert): "Oder wie ist es zu verstehen, wenn er nach einer Ausführung zur Fatalität einer über Blut und Boden definierten Gruppe die Bemerkung anschließt: 'Die Juden bezahlten bekanntlich den Preis dafür mitten in Europa.' Sie bezahlten ihn, den Preis, bekanntlich wofür genau, Herr Mbembe? Für Endogamie? Die Vernichtung war also eine obzwar schlimme Reaktion auf ihr Sosein? Zuletzt hatte der späte Ernst Nolte so argumentiert." Eine Suche nach Mbembe bei Twitter liefert weitere Beiträge zu Debatte.

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Drei Degrowth-Aktivisten, denen die taz ihren Leitartikelplatz überlässt, wittern angesichts der Corona-Krise Morgenluft: "Diese Krise zeigt erneut, dass nur ein Rückgang des BIP zu einem ausreichend schnellen Absinken der Umweltbelastungen und des CO2-Austoßes führt, um dem Klimawandel wirksam zu begegnen. Eine ausreichende Entkopplung von CO2-Verbrauch und BIP-Wachstum ist unmöglich. Deshalb fordert Degrowth einen umfassenden sozialökologischen Umbau der Wirtschaft, der auch mit einem Rückgang des BIP in den Ländern des globalen Nordens einhergeht. Wir dürfen nach der Krise nicht zur sozial ungerechten und ökologisch zerstörerischen Wachstumswirtschaft zurückkehren."

In der NZZ überlegt der Kulturwissenschaftler Roberto Simanowski, ob wir nach der Coronakrise wirklich unser Verhalten ändern werden. So recht glauben mag er es nicht, aber träumen kann man ja mal: "Die von Covid-19 erzwungene Medialisierung des menschlichen Kontakts ist eigentlich das Beste, was der Umwelt passieren konnte, sofern sie auch künftig die Anzahl gefahrener und geflogener Kilometer reduziert. Und wie wäre es damit, das Verbot der Gruppenbildung und die Abstandsregel von 2 Metern für Passanten aufzugreifen: als Abstandsregel von 200 Metern für Autos, die nur noch bewegt werden dürfen, wenn sich Fahrgemeinschaften bilden? Dann würde der Kampf gegen die Klima-Krise von der Corona-Krise sogar profitieren."

Einschränkungen in einem Ausnahmezustand sind wichtig und richtig. Aber irgendwann müssen sie aufgehoben werden, warnt dagegen die Philosophin Christine Abbt in der NZZ alle, die jetzt hoffen, im Zuge der Coronakrise die Gesellschaft umbauen zu können: "Die gegenwärtige Notsituation ist eine Notsituation. Sie positiv aufzuladen und daraus erstrebenswerte Modifikationen für das Leben in der Zukunft nach der Pandemie abzuleiten, mag manche emotional über die Krise hinwegtrösten, politisch zukunftsträchtig ist es nicht. Nichts spricht dagegen, die Erfahrungen, die heute gemacht werden, ebenso ernst zu nehmen wie frühere Erfahrungen und sie auf positive und negative Aspekte hin zu analysieren. Es ist sinnvoll und wichtig, aus Erfahrungen zu lernen. Doch das darf auf keinen Fall heißen, die Ausnahmesituation sukzessiv in einen Normalzustand zu überführen oder sich den Ausnahmezustand für immer zu wünschen."