9punkt - Die Debattenrundschau

In diesem Konjunktiv liegen die Engel versteckt

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.09.2021. Die SZ besucht das 9/11 Museum in New York. Klima ist das wichtigste Thema für die jüngeren Politiker in Europa, für Afghanistan interessieren sie sich kaum, lernt Politico. Auch Belarus haben die meisten längst abgeschrieben, fürchtet die taz. Aber das Pflänzchen der Opposition wächst - zumindest in Russland, versichert Nawalnyjs Pressesprecherin Kira Jarmysch in der FAZ. Afghanistan als Grabstätte der Weltmächte zu feiern, hilft keinem Afghanen, meint der Autor Taqi Akhlaqi in der NZZ. Und: Netzpolitik stellt das Projekt Dynamicland vor.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.09.2021 finden Sie hier

Ideen

Christian Zaschke besucht für die SZ das 9/11-Museum in New York und findet die Kritik daran - vor allem den Vorwurf es unterstelle allen Muslimen "irgendwie auch islamistische Terroristen" zu sein - unfair: "Man muss schon engstirnig durch die Räume laufen", um das zu glauben. Und: Spricht aus der Forderung, die Ausstellung entsprechend umzuarbeiten, "nicht eine kolossale Unterschätzung des Publikums? Es ist in den großen Städten an den Küsten der USA eine gängige Haltung, die Leute aus der Mitte des Landes für Provinzler zu halten, für Idioten. Das ist ohnehin ein riesiges Problem. Aber kann es nicht sein, dass diese Menschen genau verstehen, was Schuld ist? Was Ursache ist, was Wirkung? Und sind es nicht zuletzt die Familien aus der Mitte des Landes, die in den auf 9/11 folgenden Kriegen die meisten Angehörigen verloren haben?"

In einem nebenstehenden Artikel in der SZ sieht Sonja Zekri das ganz anders: Nach 9/11 habe der Westen "den Muslim" erschaffen, um alle Menschen islamischen Glaubens über einen Kamm zu scheren, glaubt sie: "Städte, Länder, Kontinente verschwinden im schwarzen Loch der 'islamischen Welt'. Inzwischen müssen sich sich selbst jene Muslime, die sich um Distinktion bemühen und diese Einsortierung ablehnen, erst einmal als Muslim identifizieren." Bei den Salonkolumnisten erinnert sich Hannes Stein an seine Reaktion auf die Anschläge, die ihn für kurze Zeit "islamophob" gemacht hätten. Davon kuriert hätten ihn Amerikaner: "Präsident George W. Bush hat gleich nach dem Anschlag eine Rede gehalten, in der er vor der Islamophobie warnte. Er sagte, es sei unamerikanisch, seine Wut jetzt an x-beliebigen Muslimen auszulassen. Das erste, was Bush nach dem 11. September tat: Er zog seine Schuhe aus und besuchte eine Moschee. Das fand ich damals doof und naiv. Heute nicht mehr."

Der afghanische Autor Taqi Akhlaqi, selbst im Exil in Delhi festsitzend, sucht nach Anzeichen dafür, dass sich die Taliban geändert haben. Aber vielleicht, denkt er sich in der NZZ, zeigt sich darin auch nur ein Stockholm-Syndrom. Dass die USA abgezogen sind, ist ihm jedenfalls kein Trost: "Afghanistan gilt als Grabstätte der Weltmächte. Großbritannien und die Sowjetunion sind hier gescheitert, nun folgen die USA. Sollen wir darauf stolz sein? Ich habe große Zweifel. Denn in dieser Erzählung gibt es keinen Platz für die afghanischen Frauen, Männer, Mädchen, Kinder, denen das normale Leben auf grausame Weise genommen wurde. In erster Linie ist Afghanistan die Grabstätte seiner Bewohner, vieler begabter Leute. Die Geschichte der scheiternden Supermächte ist für uns Afghanen ohne Bedeutung, und sie hilft auch keinem, unsere sozialen, kulturellen und historischen Bedingungen und Schwierigkeiten zu verstehen."

Weitere Artikel: Jan Pfaff erzählt in der taz von seiner Suche nach Angehörigen der Menschen, die den Anschlägen vom 11. September zum Opfer fielen. "Die Welt lässt mehr Möglichkeiten zu, als Wirklichkeit werden können": Einfach großartig findet Alexander Kluge im Gespräch mit der taz diesen Satz von Niklas Luhmann. "In diesem Konjunktiv, dem Überschuss an Möglichkeiten, liegen die Engel versteckt", meint er. Außerdem geht es um Phantasie, Fluchtwege, Viren und das Urvertrauen der Menschen.
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Europa

Mit dem Abgang von Angela Merkel betritt eine neue Generation von europäischen Politikern die Bühne, fast alle unter 40, schreibt Bruce Stokes, Director der German Marshall Fund's Transatlantic Task Force, in politico, der sich mit vielen über ihre Einstellung zu den den USA unterhalten hat. Der Rückzug aus Afghanistan, die gebrochenen Versprechen dort, kümmert sie wenig, lernt er. Für die jüngere Generation ist der Klimawandel das Hauptthema: "Für viele wird der wichtigste Test für die Zuverlässigkeit der USA sein, was Washington in Bezug auf den Klimawandel tut und was Biden auf der UN-Klimakonferenz im November in Glasgow, Schottland, leisten kann. 'Wenn es ein einziges Thema gibt, das das Vertrauen der Öffentlichkeit in die USA verändern könnte, dann ist es die Art und Weise, wie die Regierung Biden mit dem Klimawandel umgeht', sagte ein Christdemokrat im Riksdag. 'Wenn es um Themen wie das Klima und die internationale Zusammenarbeit geht, muss Amerika das Vertrauen erst wieder aufbauen'. Die jungen Staats- und Regierungschefs bezeichneten die Bekämpfung des Klimawandels als ein bestimmendes Thema, das eine enge Zusammenarbeit mit den USA erfordert. ... Wer also nach Zeichen für eine gesunde transatlantische Beziehung in der Zukunft sucht, sollte nicht auf Kabul blicken, sondern auf Glasgow."

Auch für Belarus interessiert sich in Europa kaum jemand, notiert Barbara Oertel in der taz. Sanktionen nützen nichts, und was soll man sonst tun? "Parallel dazu vollzieht sich eine Entwicklung, die scheinbar kaum noch aufzuhalten ist und die Belaruss*innen zu 'Gefangenen zwischen zwei Diktaturen' macht, wie die britische Times anmerkte. Gemeint ist die schleichende 'Eingemeindung' von Belarus durch Russland, die in ukrainischen und kritischen belarussischen Medien mit dem deutschen Wort 'Anschluss' beschrieben wird. Das Treffen zwischen Lukaschenko und Russlands Präsidenten Wladimir Putin am Donnerstag dieser Woche in Moskau, bei dem eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit vereinbart wurde, diente auch diesem Ziel."

Olaf Kühl unterhält sich für die FAZ mit Kira Jarmysch, der inzwischen in Deutschland lebenden Pressesprecherin von Alexej Nawalnyj, über ihren Roman "DAFUQ", den er übersetzt hat, und über die Situation in Russland. Dass Putin gerade versucht, jedes noch so kleine Pflänzchen der Opposition zu zertreten, stimmt sie überraschend optimistisch: "Das Regime ist tatsächlich in Panik vor den Wahlen. Was wir sehen, zeugt davon, dass alles wackelt, zu zerfallen droht, der Kreml versucht verzweifelt, das bestehende System zu erhalten, indem er die Schrauben anzieht. Das war voraussehbar. Unsere Arbeit bestand immer darin, möglichst großen Druck auf die Machthaber auszuüben. Was man jetzt beobachtet, kann man deshalb auch als Anerkennung unserer Arbeit verstehen. ... Der Protest wächst. Und das erfüllt mich natürlich mit Optimismus, das gibt mir viel Kraft."
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Gesellschaft

In München hat es bei den Demonstrationen gegen die IAA, die Internationale Automobil-Ausstellung, die sich jetzt "IAA Mobility" nennt, heftig geknallt, berichtet der Bayerische Rundfunk. "Den Klimaschützer*innen reicht die Neuausrichtung der Messe nicht, 'Autokonzerne entmachten' ist ihr Motto", erklärt Katharina Schipkowski in der taz. "Sie fordern eine radikale Abkehr von der auf das Auto zentrierten Verkehrspolitik. 'Klimaschutz ist nur gegen, nicht mit der Autoindustrie zu machen', sagt Lou Winters, die Sprecherin des Bündnisses 'Sand im Getriebe'. Das neue Messekonzept ist in ihren Augen reines Greenwashing."

In der SZ sieht Max Hägler das ähnlich: "Es braucht eine Internationale Mobilitäts-Ausstellung, veranstaltet nicht nur von Autolobbyisten, sondern auch von Menschen, die erkennen, dass dieses Jahr mitnichten Tausende Autonome über die Stadt hergefallen sind. Da sind harte Systemkritiker dabei, das muss man aushalten, aber genauso etliche Menschen, die das Auto schon noch als notwendig erachten; die aber der Industrie einen zu langsamen Ausstieg aus der Verbrennertechnik vorwerfen, und eine übergroße Orientierung aufs Automobil. Dem kann man widersprechen, ebenfalls mit Recht. Aber die Polizei die Arbeit erledigen zu lassen, ist keine Lösung."

Ist die IAA überhaupt noch der Gegner, fragt sich in der taz Malte Kreutzfeldt: Die Autokonzerne bewegen sich ja in Richtung Elektroautos. Es geht nur alles viel zu langsam. "Der richtige Ansprechpartner für die Kritik sind darum inzwischen weniger der Hersteller als die Politik. Denn dort geht das Umdenken deutlich langsamer vonstatten. Während die meisten Konzerne längst verstanden haben, dass die Zukunft des Pkws rein elektrisch sein wird, redet man vor allem in Union und FDP weiter von 'Technologieoffenheit' und synthetischen Kraftstoffen, um am Verbrennungsmotor festzuhalten. Und während Tempolimit und weniger Autos in den Innenstädten in der Politik teils noch auf heftigen Widerstand stoßen, erklärt der VW-Chef in München, mit beidem kein Problem zu haben."

Weitere Artikel: Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen in der Sprache ist wichtig, Dogmatismus ist es nicht, meint in der taz Waltraud Schwab mit Blick auf den Streit ums Gendern: "Wenn so ein genderfluides Laissez-faire in die Debatte ums Gendern zurückkäme, wenn alle genderten, aber so, wie sie es wollen, nicht so, wie sie denken, es tun zu müssen, könnten Genderverbote als das entlarvt werden, was sie sind: obsolet und unwichtig."
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Archiv: Gesellschaft

Internet

Inspiriert von Neal Stephensons SF-Roman "Snow Crash" bastelt Facebook derzeit an einem Augmented-Reality-Projekt namens Metaversum, das gewissermaßen ein neuer Höhepunkt kapitalistischer Wirtschaft wäre, berichtet Rahel Lang in netzpolitik: "Ein zentraler Aspekt" von Zuckerbergs Vision "ist es, eine eigene Wirtschaft mit digitalen Zahlungsprozessen und Blockchain-Technologien zu schaffen. So wie Menschen auf Fortnite ihren Charakter ausstatten können, soll das Metaversum einen ganz eigenen Markt von digitalen Produkten geben. Das Metaversum setzt damit nicht nur das Internet, sondern auch den Kapitalismus auf die nächste Ebene - und mit ihm, die Spaltung in Klassen." Doch dazu gibt es bereits einen antikapitalistischen Gegenentwurf, den das Projekt Dynamicland kreiert hat, so Lang, die das recht detailliert beschreibt. Aber ob es sich durchsetzen wird? "Nach der Vision der Arbeitsgruppe soll die Infrastruktur des Dynamiclands im Jahr 2060 überall sein. Mark Zuckerberg peilt für die Anfänge des Metaversums das Jahr 2030 an. Bisher können diese Utopien parallel zueinander bestehen, ihre Konzepte sind aber unvereinbar."
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