9punkt - Die Debattenrundschau

Daten auf Zettel schreiben

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.04.2021. In der SZ protestiert ein Quartett der deutschen Rock- und Popmusik gegen die geplante Urheberrechtsnovelle. In der taz fragt Georg Diez, welche Verwüstungen die Pandemie in der öffentlichen Debatten hinterlassen wird. In der Welt untersucht Ahmed Mansour die modische Rhetorik des politischen Islams. Die NZZ rät Adolf Muschg in seinen Attacken auf die Cancel Culture zu weniger Krassheit und mehr Präzision. Und die Krautreporter feiern das Aus der geplanten Presseförderung.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.04.2021 finden Sie hier

Urheberrecht

Mit einem Brief an die Bundestagsabgeordneten ("Das Entsetzen hat keine Ende") haben 1145 deutsche Musikerinnen, Musiker und Bands gegen die geplante Änderung des Urheberrechtsgesetzes protestiert. Abweichend von der EU-Richtlinie möchte Deutschland unterhalb einer TikTok-freundlichen 15-Sekunden-Schranke die Verwertung von Musiktiteln erlauben. Im SZ-Interview schäumen Balbina, Sarah Lesch, Peter Maffay und Rocko Schamoni vor Wut. Balbina: "Wenn in der Werbepause von ProSieben irgendein Song von mir läuft, werde ich ja schließlich auch gefragt. Und wenn ein Influencer bei TikTok seine 'Oceans Apart'-Klamotten innerhalb von 15 Sekunden vorzeigt, dazu tanzt und dann gleichzeitig meine Musik läuft, heißt es, naja, das ist ja User-generated Content und auch nichtkommerziell, weil der sagt ja die Marke nicht. Sorry, aber dann muss er mich erstens fragen, ob er das darf. Und zweitens, wenn er das darf, muss er mir auch Geld davon abgeben. Ganz einfach." Rocko Schamoni glaubt: "Sie haben Angst vor Netzaktivisten. Die SPD geht in die Knie, weil sie so einen Schiss vor dem Hashtag 'Nie wieder SPD' haben."
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Stichwörter: Urheberrecht

Gesellschaft

In der Schweiz schlagen die Wellen hoch, nachdem sich der 86-jährigen Schriftsteller Adolf Muschg zu der Äußerung hat hinreißen lassen, die Cancel-Culture, die Menschen nach einem falschen Wort abschreibe, sei "im Grunde eine Form von Auschwitz". In der NZZ hält Manuel Müller das schon für recht unbedacht, nimmt den mittlerweile zerknirschten Muschg aber auch in Schutz: "Der Schriftsteller kritisiert das Inhumane, das darin zum Ausdruck komme, dem Gegenüber nicht mehr zuzuhören, es stillstellen zu wollen. 'Man stempelt Leute ab, und von da an kommen sie als Gesprächspartner nicht mehr infrage.' Der Andere erscheine so nur noch als Feind, schreibt er in einer Stellungnahme. Richtig ist, dass das Phänomen der Cancel-Culture nach genauer Analyse und präziser Kritik verlangt. Mit Dämonisierung ist jedoch niemandem geholfen. Vor allem aber: Der Vergleich von Cancel-Culture und Auschwitz bleibt ein krasser Missgriff." Auf Vox lästert James Carville, einst einflussreicher Manager der Demokraten in Washington, über Wokeness, Cancel Culture und akademischen Jargon.

Haben wir schon automatisch recht, weil die anderen so komplett daneben liegen? In der taz begutachtet Georg Diez den Schaden, den Corona bisher angerichtet hat: die vernichteten Existenzen einerseits, die brutalen Debatten andererseits: "Menschen brechen. Und das erzeugt scheinbar irrationale Reaktionen. Es erzeugt eine Wut, die sich ihr Gegenüber sucht. Es erzeugt ein toxisches gesellschaftliches Klima, wenn das alles im Schema von Freund und Feind gesehen wird... Der Punkt ist: Das ist erst der Anfang. Wenn der Schock nachlässt und damit die Anspannung, die bislang verhindert hat, dass das Ausmaß der individuellen Verwüstungen deutlich wird, dann wird sich das alles wiederholen, tausendfach, hunderttausendfach. Und ich frage mich: Sind wir dafür bereit? Haben wir die Zeit, die Aufmerksamkeit, haben wir die Strukturen und die Ressourcen, um diesen gesellschaftlichen Totalschaden erst einmal zu sehen, wahrzunehmen, anzunehmen - und dann miteinander ins Gespräch kommen über das, was da passiert ist."
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Stichwörter: Muschg, Adolf, Corona, Wokeness

Kulturmarkt

Die New York Times berichtet, dass der Verlag W.W. Norton Blake Baileys Philip-Roth-Biografie aus dem Programm nimmt. Mehrere Frauen werfen dem Autor vor, ihnen gegenüber sexuell übergriffig geworden zu sein, als er ihr Lehrer in der achten Klasse war: "Die Verlegerin Julia Reidhead erklärte außerdem, dass Norton an Organisationen gegen sexualisierte Gewalt und zum Schutz betroffener Opfer spenden wird, und zwar in der Höhe des Vorschusses, der an Bailey gezahlt wurde und der sich im mittleren sechsstelligen Bereich bewegen soll."
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Europa

Der Philosoph Otfried Höffe kann in der Welt auch weiterhin nichts Positives an der EU sehen. Die Entwicklung der Impfstoffe könne sie sich nicht auf die Fahnen schreiben, verantwortlich dafür sei Entdeckergeist, aber die schleppende Beschaffung gehe voll auf ihre Kosten: "Sowohl der Union als auch den einzelnen Ländern fehlt es an dem, was man in der neueren Organisations- und Unternehmens-, auch der Behördentheorie 'Agilität' nennt. Es mangelt an Gewandtheit, Wendigkeit und Beweglichkeit, also an jener Fähigkeit, 'proaktiv' zu handeln, die sich dank differenzierter Vorausplanung von einem Geschehen nicht überrollen lässt, um in erheblichem Maß selbstbestimmt tätig zu werden."
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Überwachung

Die Luca-App würde sich Datenschutzexperte Malte Engeler nur unter Gewaltandrohung auf sein Smartphone laden, wie er im taz-Interview mit Svenja Bergt erklärt. Er setzt auf ein Denken jenseits technischer Lösungen: "Die Luca-App löst das Problem, dass wir unsere Daten auf Zettel schreiben müssen. Ich glaube aber nicht, dass es das Problem ist, das wir lösen müssen. Denn eigentlich sollte es darum gehen: Wie können wir möglichst viele Ansteckungen verhindern? Es geht also darum, Teilnehmende einer Veranstaltung zu warnen, bei der es einen Infektionsfall gab. Damit die nicht ihrerseits weitere Menschen anstecken. Und wenn man da eine technische Lösung will, ist zum Beispiel die Check-in-Funktion der Corona-Warn-App besser."
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Ideen

In der Welt nimmt der Psychologe und Islamismus-Experte Ahmed Mansour die Methodik des politischen Islams in den Blick, der seine religiösen Vorschriften in modische Rhetorik verpacke. So werde das Verbot von Kinderehen flugs umdefiniert in einen rassistischen Akt, der die Sexualität junger Muslime einschränke: "Die Vertreter des politischen Islam präsentieren sich als die Vernünftigen, die an Lösungen interessiert sind und die Gesellschaft einen wollen. Dabei versuchen sie aber, die Deutungshoheit für bestimmte Begriffe zu bekommen, um ihr Ziel, die Errichtung islamistischer Herrschaftsordnungen auf der Grundlage von Koran und Sunna, zu erreichen. Ihre Gegner schalten sie durch den Vorwurf der Islamophobie oder des antimuslimischen Rassismus aus. Es geht ihnen darum zu spalten, es geht um das Wir und das Ihr, um den angeblichen Kampf der Gesellschaft gegen den Islam und gegen die Muslime. Es geht um die Instrumentalisierung der Opferrolle, um für sich mehr Freiräume zu bekommen und um Kritiker einzuschüchtern."
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Medien

Einen "guten Tag für die Pressefreiheit" feiern die Krautreporter - und die Nachricht, dass die Bundesregierung die geplante Presseförderung gekippt hat: "Die Bundesregierung wollte Druckverlage noch vor der Bundestagswahl mit insgesamt 220 Millionen Euro fördern. Digitale, unabhängige Medien wie Krautreporter sollten nichts bekommen. Dagegen sind wir vor etwa drei Wochen rechtlich vorgegangen, weil die geplante Presseförderung nach unserer Auffassung eklatant verfassungswidrig gewesen wäre... Wir waren nach Beratung durch unsere Anwälte sicher, dass es der im Grundgesetz garantierten Pressefreiheit widersprechen würde, einige Medien zu fördern, andere dagegen nicht."

Weiteres: Auf SpiegelOnline berichtet Max Hoppenstedt, wie und warum Renate Künast weiter rechtlich gegen Facebook vorgeht.
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Stichwörter: Presseförderung