Im Kino

Schweigen, Stammeln und Schweiß

Die Filmkolumne. Von Robert Wagner
08.04.2025. In Schrittgeschwindigkeit bewegt sich Jannis Alexander Kiefers "Another German Tank Story" durch ein mit allerlei unglamourösen Figuren bevölkertes filmisches Herbarium. Lässt man sich auf das gedämpfte Energielevel des Films ein, kann man hier und da schöne Entdeckungen machen.

Der 20-jährige Tobias (Johannes Scheidweiler) wurde als Fahrer für einen großen Hollywood-Filmdreh in seinem verschlafenen, ostdeutschen Heimatdorf engagiert. Folglich kutschiert er im Laufe von "Another German Tank Story" wiederholt Teile der Filmcrew zwischen Set und Hotel hin und her. Nur hat Tobias panische Angst davor, dass er jemanden an- oder überfahren könnte. Nie fährt er mehr als bessere Schrittgeschwindigkeit. Das taugt zur Pointe in einer lakonischen Komödie - etwa, wenn in einer Panoramaaufnahme ein Fahrrad am schwarzen Edelvehikel vorbeirauscht.

Meist sitzen wir mitten in der Spannung zwischen Fahrer und Fahrgast. Einmal befindet sich hinter ihm eine schimpfende Frau, die nicht versteht, wieso er nicht einfach Gas gibt. Was stimme mit ihm nicht, fragt sie. Er hat dem nur bedröppeltes Schweigen, Stammeln und Schweiß entgegenzusetzen. Ein anderes Mal säuft der Wagen gleich beim Anfahren ab, das Stuntdouble Jojo (Philipp Karner) bleibt ruhig und lässt dem sichtlich fahrigen Jungen erstmal Zeit, runterzukommen. Im Laufe des Films versucht Jojo Tobias während der beschaulichen Fahrten kennenzulernen und den gehemmten jungen Mann aus seinem Schneckenhaus zu locken.

Auf gewisse Weise reflektiert das Langfilmdebüt von Regisseur Jannis Alexander Kiefer in diesen Szenen sein Verhältnis zum eigenen Publikum. Stil und Dramaturgie des Films sind nämlich dazu prädestiniert, den ein oder anderen Zuschauer an die Grenzen seiner Geduld gelangen zu lassen. Kiefer zeigt unglamouröser Figuren vor trostlosen Landschaften und in heruntergekommenen Räumen in langen, distanzierten, streng geordneten Einstellungen, meist ohne Kamerabewegung. Dieses filmische Herbarium ist nicht auf Lebhaftigkeit aus, sondern möchte das letzte Glimmen der Lebenskräfte seiner Figuren dingfest machen, was den Eindruck von Absurdität evozieren soll.


Tobias ist bei weitem nicht das Zentrum der Anordnung. Wir bekommen eine Handvoll Dorfbewohner in Short Cuts gezeigt, deren Leben durch den Katalysator des Filmdrehs durcheinandergewirbelt wird. Auch hier versucht sich Kiefers Film nicht an Reichtum. Vielmehr lässt sich jeder Bestandteil des Figurenensembles jeweils auf einen Satz, auf eine Pointe herunterbrechen: Tobias rast in Computerspielen mit Autos durch die Gegend, in der Realität ist er aber völlig blockiert. Während ihm nichts gelingen will, funktionieren bei seinem besten Freund Wolfs (Alexander Schuster) noch die unmöglichsten Dinge, seit er einmal einen Funken Anerkennung bekommen hat. Heike (Meike Droste) sitzt, weil sie es allen recht machen möchte, neben einem zu bewachenden Panzer fest, statt tatsächlich etwas als Bürgermeisterin zu erreichen. Bert (Roland Bonjour) muss erfahren, dass seine Luftschlösser doch nur Lügen bleiben, egal, wer sie alles glaubt. Und Rosi möchte im hohen Alter noch schnell die Memorabilien eines Lebens in Deutschland loswerden - die DDR-Fahne hängt im Keller noch offen an der Wand, die Hakenkreuzwimpel sind wenigstens schon in einen Karton geräumt.

Diese Porträts simpler Typen im heutigen Ost-Deutschland erschöpfen sich fast völlig in ihrem symbolischen Gehalt. Wie auch der Ort sichtlich mehr Symbol als komplexe Wirklichkeit ist. Die Luft ist durchgängig diesig. Die Tapeten viele Jahrzehnte alt - wenn sie nicht gleich für brüchige Wände Platz gemacht haben. Das Dorf ist ein einziges Feststecken in einem Sumpf, aus dem sich niemand herausziehen kann. Wie auch der Film im Film verschlossen hinter schweren Mauern entsteht und sichtlich nur wieder das finden und zeigen möchte, was über Deutschland halt bekannt ist: Nazis und Zweiter Weltkrieg. Die eigene und die nationale Vergangenheit sind Klauen, die einen nicht loslassen wollen. Alle warten auf das Wunder der Erlösung - wie ein zentraler Komponist des Barock, Telemann, der vor Ort wundersam Heilung erfuhr.

Alles schmort eindimensional im eigenen Saft. Nur wenige Areale der Tableaus lassen die Tristesse völlig ins Absurde kippen - das einzige Paar Unterwäsche Berts beispielsweise, das zum Trocknen über die Geweihe von Hirschtrophäen eines Wirtshauses gespannt wird. Nur einzelne Momente brechen die beklommene Stimmung auf - so wie ein plötzliches Granatenfeuer und eine Kampflichtshow am Himmel.

Vieles erinnert an die Filme Roy Anderssons, nur liegt der entscheidende Unterschied darin, dass Roy Andersson sein Publikum viel brutaler und nachdrücklicher festsetzt und auch die Absurdität durchgängig betont. "Another German Tank Story" ist versöhnlicher, nachgiebiger und schlicht belangloser.

Gleichzeitig müssen wir uns aber auch nicht ins Kino setzen und energisch verlangen, schnell irgendwohin gebracht zu werden. Wir könnten ebenso auf Kennedys ewige Worte hören: "Frage nicht, was der Film für dich tun kann - frage, was du für den Film tun kannst." Neben seinem eher wenig aufregenden aktiven Angebot wird uns genug geboten, was wir näher kennenlernen können. Gerade da das Figurenensemble nicht allzu sehr durchstrukturiert ist, bieten sich Freiräume, Optionen, auf Schauplätze und Biografien zu schauen. Am Ende fährt ein Panzer durchs Dorf, der eben dadurch, dass eine Erklärung für ihn ausbleibt, schalkhaft auf das deutet, was im toten Winkel der Geschehnisse passiert sein könnte. Überhaupt finden sich genug faszinierende Strukturen an den Wänden und auf den Tapeten, die fettigen Frisuren sind ziemlich charaktervoll, und die Musik Telemanns lässt den Film hier und da tänzerisch erscheinen.

So könnten wir während der etwas mehr als 90 Minuten Laufzeit einen netten, gehemmten Film kennenlernen, der diverse Potenziale hat. Am Ende ist es aber kaum mehr als ein ganz nettes Kennenlernen, es bleibt nicht viel mehr hängen als von einer ottonormalen Taxifahrt.

Robert Wagner

Another German Tank Story - Deutschland 2024 - Regie: Jannis Alexander Kiefer - Darsteller: Meike Droste, Johannes Scheidweiler, Monika Lennartz, Alexander Schuster, Roland Bonjour - Laufzeit: 96 Minuten.