Im Kino
Eine Herzensarbeit
Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
26.08.2025. Einst konnte Hank den Baseballschläger härter als alle anderen schwingen. Doch statt zum Profisportler schafft es die Hauptfigur in Darren Aronofskys mühelos kinetischem "Caught Stealing" nur zum Kellner und Kleinganoven.
Er hätte ein Anwärter sein können, aber auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn als verheißungsvolles Highschool-Baseball-Ass lenkte Hank einst ein Auto angetrunken gegen einen Strommast, tötete einen auf dem Beifahrersitz hockenden Mitspieler und zertrümmerte sich bei dem Unfall dermaßen irreparabel seine Kniescheibe, dass selbst seine Begabung, den Schläger härter als alle anderen schwingen zu können, nicht mehr für eine professionelle Sportkarriere ausreichte. Vor rund 20 Jahren war Hank Thompson die Hauptfigur in Charlies Hustons erfolgreichem Hard-boiled-Romandebüt "Caught Stealing", einem Buch, um dessen Filmadaption sich seitdem lange Jahre der Regisseur Darren Aronofsky bemühte.
Zu Beginn von Aronofskys Verfilmung, in der die Handlung aus den Nullern zurückdatiert wird auf das Jahr 1998, verdingt sich Hank (Austin Butler) Jahre nach dem Crash als schlurfiger Barkellner im New Yorker East Village. Sein Leben vagabundiert ereignislos zwischen einer Arbeitsstelle, in der er sein eigener bester Kunde ist, und der Wohnung seiner neuen Freundin, der Rettungssanitäterin Yvonne (Zoë Kravitz). Als sein altpunkiger Nachbar Russ (Matt Smith) für einige Tage die Stadt verlassen muss, erklärt sich Hank bereit, dessen Katze Tonic zu übernehmen. Nicht ahnend, dass Russ im Katzenstreu einen Schlüssel versteckt hat, hinter dem nun eine bunte Ansammlung von russischen Mafiosi, einem puertoricanischen Möchtegern-Mobster (der wunderbare Musiker Bad Bunny) und einem chassidischen Brüderpaar (Vincent D'Onofrio und Liev Schreiber) her ist.
Das Ineinanderschalten von einstigem Sportler und angehendem urbanen Kleinkriminellen, die Huston in seiner Buchreihe immer wieder in langen Passagen zurechtkonstruieren musste, gelingt Aronofsky mühelos kinetisch. Eine furiose, von Kameramann Matthew Libatique mit schwebender Kamera vorangetriebene Verfolgungsjagd durch East Broadway inszeniert er wie einen siegreichen Lauf über alle Bases zur Homeplate beim Baseball, den Butler athletisch damit abschließt, dass er, aus einem verwinkelten Supermarkt herausrennend, unter einem fahrenden Gabelstapler hindurch gleitet und seine Schergen so elegant abhängt.

Der federleichte, gleichwohl nicht immer ganz stilsicher humorvolle Tonfall, den Aronofsky anschlägt, setzt "Caught Stealing" ab von den überzüchteten Ideen seiner bisherigen Filme. Quer durch Genres und Rahmungen, sei es die alttestamentarisch zürnende Bibelfilmgigantomanie von "Noah" oder die Höllenfahrt spätadoleszenter Großstadtsuchtler in seinem Indie-Durchbruchsfilm "Requiem For A Dream", ist seine Filmografie beseelt von einer aufrichtigen Anfälligkeit für Melodramatik, die immer wieder aufs Neue überfrachtet wurde durch klotzende Konzepte und formale Überspanntheit: eine Welt voller kosmologischer Allegorien und gedrechselter Passionsgeschichten.
Klein und mikrokosmisch ist "Caught Stealing" insbesondere in einem topografischen Sinne. Als Szenerie wählt Aronofsky die mythenumrankte Avenue A im östlichen Manhattan. Dessen längst nicht mehr existierende Märkte und Restaurants, Kneipen und Videotheken wie das legendäre Kim's Video ließ er mit erschöpfender Detailtreue als Filmset wiederauferstehen; eine sentimentale Herzensarbeit, die nicht von ungefähr an andere aktuelle Großprojekte des nostalgischen Vergangenheitstaumels wie Paul Thomas Andersons "Liquorice Pizza" und Quentin Tarantinos "Once Upon A Time In Hollywood" erinnert. Aronofsky folgt außerdem einer momentanen Tendenz in der amerikanischen Populärkultur, die Y2K-Jahre als ein letztes eskapistisches Refugium vor den längst unaufhaltsam scheinenden Umwälzungen des 21. Jahrhunderts zu verklären. Immer wieder ziehen die Zwillingstürme des World Trade Centers als digital rekreierte Hintergrundkulisse vorbei: ein augenfälliges Symbol für ein untergegangenes modernes Atlantis, das nur wenige Jahre zurückliegt.
Diese bedingungslose Versenkung in die Kultur der späten 90er-Jahre kommt gleichwohl nicht ohne gelegentliche Rückgriffe auf ein Kino jener Zeit zurück, das längst überwunden schien. Die farbenfrohe Gangsterwelt Charlie Hustons, die sich aus dessen Vorliebe für Comicfiguren speist (seit vielen Jahren schreibt er auch Geschichten für Marvel), übersetzt Aronofsky bisweilen in einen manierierten, postpubertären Macho-Ton, der unglückselig an Guy Ritchies postmodernen Schmalspurganoven-Grotesken erinnert. Stärker ist der Film immer dann, wenn er ganz an der einnehmenden Slacker-Präsenz seines Hauptdarstellers Austin Butler hängen bleibt - dem wohl schönsten und talentiertesten aller momentanen Anwärter auf eine Hollywood-Star-Karriere, die mit "Caught Stealing" nun hoffentlich noch etwas näher gerückt ist.
Kamil Moll
Caught Stealing - Wikipedia - USA 2025 - Regie: Darren Aronofsky - Darsteller: Austin Butler, Liev Schreiber, Zoë Kravitz, Griffin Dunne, Vincent D'Onofrio - Laufzeit: 109 Minuten.
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