Im Kino

Dann lieber Zölibat

Die Filmkolumne. Von Michael Kienzl
20.08.2025. Sara verdient gutes Geld damit, anspruchsvolle New Yorker Singles zu verkuppeln. Sie selber möchte sich lieber nicht verlieben, tut es aber selbstverständlich doch. Zu einer waschechten romantischen Komödie wird Celine Songs "Was ist Liebe wert - Materialists" freilich dennoch nie so recht; dazu werden hier schlichtweg zu viele Probleme gewälzt.

Lucy (Dakota Johnson) ist eine perfekte Verkäuferin. Für die gehobene Agentur "Adore" verkuppelt sie als Matchmaker anspruchsvolle New Yorker Singles. Dabei weiß sie nicht nur, was ihre Kunden hören wollen, sondern schafft es auch, ihnen dies mit insistierendem Blick und schwesterlich vertrautem Tonfall glaubhaft zu vermitteln. Einer Braut, die vor der Hochzeit kalte Füße bekommt, legt sie auf fast schon teuflisch subtile Weise so lange die Worte in den Mund, bis sie sich doch noch vor den Altar traut. Der vermeintliche Freundschaftsdienst ist für Lucy auch ein profitables Geschäft, denn mit jeder geschlossenen Ehe steigt ihr Standing in der Firma.

"Was ist Liebe wert?" fragt der erklärende deutsche Verleihtitel von Celine Songs "Materialists" und meint das nicht nur im übertragenen, nämlich emotionalen Sinn, sondern auch ganz buchstäblich hinsichtlich einer auf knallharte Konkurrenz und eisernen Optimierungsdrang getrimmten Gesellschaft, in der ein Mensch zuallererst eine Ware ist. Mit 39 Jahren zählt man da bereits als 40 und ein paar Zentimeter Größenunterschied können einen Mann in der Hierarchie nach oben katapultieren; oder auch in die entgegengesetzte Richtung.

Lucys langjährige Kundin Sophie (Zoe Winters) ist in diesem Sinne ein wahrer Ladenhüter. Sympathisch und liebenswert ist sie, bekommt aber in jedem Lebensbereich nur eine lahme Durchschnittsnote anstatt mit einer hervorgehobenen Stärke - Aussehen, Einkommen, Humor etc. - ihren Marktwert zu steigern. Ein "Einhorn", also eine äußerst seltene 10 von 10 Punkten ist dagegen der stilvolle und wohlhabende Harry (Perdro Pascal), der Lucy auf einer Hochzeit umschwärmt. Schon befinden wir uns, zumindest theoretisch, mitten in einer klassischen Romantic Comedy. Denn Lucy will sich zunächst gar nicht verlieben und muss sich doch bald zwischen dem scheinbaren "Mr. Right" Harry und ihrem Ex-Freund John - einem, wie sie einst auch selbst, aus ärmlichen Verhältnissen stammenden erfolglosen Schauspieler - entscheiden.


Song seziert zunächst mit grausamer Präzision das mal von freudlos rationalen, mal von weltfremd idealisierten Erwartungen geprägte Datingverhalten moderner Großstädter. Immer wieder werden wir mit Kunden der Agentur konfrontiert, die sich mit ihren so festgefahrenen wie unrealistischen Vorstellungen selbst im Weg stehen. Lucys Talent speist sich aus der Erkenntnis, dass eine Beziehung ein zutiefst pragmatischer Akt ist, der vor allem einem selbst nützen soll. Adrett und geschmeidig inszeniert Song eine luxuriöse, in coolen Lokalen und schick reduzierten Apartments angesiedelte Welt der verführerischen Oberflächen. Wie ein Kunstwerk sieht schon Dakota Johnsons Frisur aus, deren geschwungener Pony das Gesicht wie ein schicker Helm rahmt, bevor die Haare nach unten etwas verwegener ausfransen.

Dem Film geht es jedoch eher um das kalte Kalkül, das hinter diesem Glanz schlummert und so bleibt die RomCom, die "Materialists" erwarten lässt, Andeutung. Song gelangt selten über die Beobachtung hinaus, dass Menschen hoffnungslos überdeteminiert sind. In ihrer Selbstwahrnehmung wie auch in ihrem Begehren sind die Figuren derart von weltfremdem Idealismus und Selbstzweifeln getrieben, dass sie kaum noch Luft zum Atmen, geschweige denn Kraft zum Lieben haben.

Das Dilemma des Films ist, dass er aus diesem analytischen Modus nicht mehr herausfindet - auch nicht, wenn "Materialists" schließlich doch noch Anstalten macht, eine RomKom zu werden. Selbst wenn man Roger Michells Klassiker "Notting Hill" nicht kennt, kann man die vermutlich an ihn angelehnten, komisch gemeinten Szenen mit Johns nervigem Mitbewohner fast nur tragisch verunglückt finden. Noch verheerender wird es, wenn Song versucht, zu vermitteln, was sie sich unter der reinen, archaischen und spontan aufflammenden Liebe versteht, von der sich der moderne Mensch entfremdet hat. Gerahmt wird die Geschichte von der unschuldigen Zuneigung zweier Höhlenmenschen. Was deren wechselseitige Anziehung und ihre besondere Magie ausmacht, interessiert den Film jedoch kaum.

Stattdessen kommen die Figuren in der Gegenwart kaum noch aus dem Problemgewälze heraus. Selbst wenn es doch einmal romantisch wird, fühlt man sich wie in einem Verhandlungsgespräch oder beim Psychologen, wo unaufhaltsam persönliche Komplexe und ökonomische Zwänge durchdiskutiert werden. Dabei geht "Materialists" freilich nicht so weit, die Situation, in die sich die Großstädter von heute manövriert haben, als eine komplett ausweglose zu beschreiben. Die Liebe möchte Song irgendwie doch noch heraufbeschwören, nur eben nicht wie im Märchen, sondern realistisch geerdet. Romantik ist im Film allerdings nichts, was zwischen den Menschen passiert, sondern ein geschmackvoll kitschiges Stilmittel, das sich in fließenden Schärfeverlagerungen und schmusigen Songs niederschlägt. Nach seiner vielversprechenden ersten Hälfte erweist sich "Materialist" lediglich als hübsch fotografierter Ernüchterungsfilm, der einen am Ende an die Liebe glauben lassen will, mit seinen gequälten Figuren und ihrer konsequenten Trübseligkeit aber doch eher ein gutes Argument fürs ewige Zölibat liefert.

Michael Kienzl

Was ist Liebe wert - Materialists - USA 2025 - OT: Materialists - Regie: Celine Song - Darsteller: Dakota Johnson, Chris Evans, Pedro Pascal, Zoe Winters, Marin Ireland, Dasha Nekrasova - Laufzeit: 116 Minuten.