Im Kino
Etwas Monströses ist auf der Jagd
Die Filmkolumne. Von Benjamin Moldenhauer
27.08.2024. In der ersten Hälfte ist Tilman Singers Alpen-Horrorfilm "Cuckoo" eine Wucht: Einzelne traumartig schöne Sequenzen, getragen von Hauptdarstellerin Hunter Schafer, schaffen ein Universum sich undefinierbar anfühlender Uneindeutigkeit.
Es sind nicht die schlechtesten Filme, die so anfangen. Eine gleich auf den ersten Blick als mindestens mittelschwer dysfunktional erkennbare Familie checkt in einem entlegenen Ferienresort in den Alpen ein. Mehr als ein Resort, eine Klinik, in der Unheimliches passiert, keiner weiß Genaues. Der erste Eindruck sind heftige "Zauberberg"-Vibes, die übrige Welt ist ganz woanders, das hier ist ein kleines Paralleluniversum, und dadurch korrespondiert der Ort der Handlung in Tilman Singers Horrorfilm "Cuckoo" mit den Filmen des Regisseurs selbst. Die nämlich entfalten sich wie Universen mit einer eigenen Struktur und Bewandtnis. Ihr hervorstechendes Merkmal ist, dass sie sich nicht entlang der etablierten Genreregeln bewegen.
Zum Beispiel Singers Debüt "Luz" (unsere Kritik), ein Film, in dem die Figuren selbst sehr viel erzählen. Und sich immer wieder darüber beschweren, dass sie bei ihren Berichten unterbrochen werden. "Das Narrative heilt durch Struktur", schreibt der Soziologe Richard Sennett. Es schafft Konstanz und Ordnung. In "Luz" ging es vornehmlich ums Erzählen, nicht primär ums Erzählte, und um Krankheit sowie um Störung der Konstanten.
Krankheit ist auch ein Zentrum und Ausgangspunkt in "Cuckoo". Die Familie ist erkranktes Gebilde. Eine konsistente Erzählung lässt sich nicht mehr herstellen. Gretchen ist Scheidungskind und vermisst ihre verstorbene Mutter, auch weil sie in die neu strukturierte Familieneinheit als pubertierender Störfall nicht aufgenommen wird. Die ganze Aufmerksamkeit von Vater und Stiefmutter gilt der kleinen Schwester.

Gretchen hört laute Musik, raucht und interessiert sich für Frauen. Gespielt wird sie von Hunter Schafer, die mit ihrer Hauptrolle in der HBO-Serie "Euphoria" bekannt wurde. Es wird auch der Cast sein, der dazu geführt hat, dass "Cuckoo" in den USA in der für einen Film von einem deutschen Regisseur, der nicht Roland Emmerich heißt, unglaublich hohen Zahl von landesweit 1.500 Kino gezeigt wird.
Schafer spielt den adoleszenten Störfall mit großer Intensität und ohne klischierte Gesten. Aus der Perspektive der verletzlichen und verletzbaren, zugleich aber in ihrem Eigensinn unverwundbar ungeheuer stark wirkenden Außenseiterin, die sich von der Hoffnung auf die Liebe der Welt oder wenigstens der eigenen Familie bis auf Weiteres verabschiedet hat, sieht man mehr als andere. Sie ermöglicht stärkeres Misstrauen. Natürlich geht es im Resort nicht mit rechten Dingen zu. Vom Leiter, dem Arzt Herr König (gespielt von Dan Stevens, zuletzt zu sehen in "Godzilla × Kong: The New Empire") strahlen, trotz aller Glattheit, unterschwellige, aber heftige Mad-Scientist-Vibes ab. Gäste kotzen in der Empfangshalle des Hotels eruptiv auf den Teppichboden, und ein Kommissar ermittelt solitär in der Gegend herum. Bevor Gretchen entschlüsseln kann, was genau los ist, muss sie das Fürchten lernen.
In dieser ersten Hälfte ist "Cuckoo" ein richtig guter Film. Einzelne traumartig schöne Sequenzen greifen wie schon bei "Luz" ineinander, ohne dass sie auf ein in sich stimmiges, eben konsistentes Gesamtbild zulaufen würden. Singers erster Film und die erste Hälfte seines zweiten beziehen ihre Strahlkraft aus einer sich undefinierbar anfühlenden Uneindeutigkeit, die die Möglichkeiten vermehrt und Plot und Bilder jenseits der etablierten Genrestandards entlang laufen lässt, ohne dass die Verbindung zu ihnen gekappt würde.
Der klarste Moment in dieser Hinsicht ist eine sagenhaft gruselige Verfolgungsjagd. Schon tausendmal gesehen, aber so noch nicht: Etwas Monströses ist auf der Jagd nach Gretchen, die auf dem Fahrrad fährt und nix mitbekommt, wegen der brüllend lauten Musik auf ihren Ohren. Das Sichtfeld ist eingeschränkt, das einzige Licht kommt von der Fahrradlampe, die kaum etwas erhellt. Das Grauen schiebt sich als Schatten in den Nahbereich Gretchens und damit auch den der Zuschauerin und des Zuschauers, erst langsam und dann schnell, und der Schrecken ist wirklich groß. Wie Singer auch in der zweiten, vergleichsweise schwachen Hälfte von "Cuckoo" immer wieder Momente gelingen, die das inszenatorisch Übliche im Horrorfilm mittels konzeptueller Klarheit und bildgestalterischem Mut hinter sich lassen: auch darin ähneln diese Filme den frühen Filmen David Cronenbergs.
In der zweiten Hälfte allerdings beeilt sich "Cuckoo", das Undeutliche, das den Plot in verschiedene Richtungen öffnende, wieder einzufangen. Alles Überschießende verschwindet weitgehend (die eruptive Romanze zwischen Gretchen und einer Hotelgästin zum Beispiel spielt mit einem Mal keine Rolle mehr), und mit großer Eile läuft alles auf eine doch recht genretypische, konventionelle Auflösung zu. Das ist schade. Einerseits ist es schön, dass gerade der seltsamste Vertreter der deutschsprachigen filmischen Fantastik international reüssiert. Aber die Hoffnung, dass Singer noch einmal einen Film mit einer ganz eigenen Ordnung und Struktur machen kann, die nimmt man aus "Cuckoo" mit, eben weil sie, andererseits, von diesem Film nur zur Hälfte eingelöst wird.
Benjamin Moldenhauer
Cuckoo - Deutschland, USA 2024 - Regie: Tilman Singer - Darsteller: Hunter Schafer, Dan Stevens, Jessica Henwick, Jan Bluthardt, Marton Csokas - Laufzeit: 103 Minuten.
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