Im Kino
Kein Sandwich für Simon
Die Filmkolumne. Von Stefanie Diekmann
09.07.2025. Der Horror, der in der Welt wohnt und wartet, ist in wenigen Filmen so behutsam kartiert worden wie in "Der Fleck". Willy Hans gelingt ein außergewöhnliches, neugierig machendes Debüt.
Im Französischen, das bei allem Reglement erstaunlich reich an suggestiven Formeln und Formulierungen ist, existiert die Wendung "faire tache". Wörtlich: "einen Fleck darstellen"; und in übertragener Lesart: nicht reinpassen, irritieren, ein Störfaktor sein. In dem Film "Der Fleck" (DE/CH 2024) wird an keiner Stelle versucht, eine Verbindung zu dieser Wendung herzustellen. Zugleich scheint er wie gemacht, um sie zu illustrieren, oder umgekehrt: "faire tache" erscheint als das Prinzip, von dem die Erzählung und die Bilder eines langen Nachmittags im Hochsommer bestimmt sind.
Etwas stimmt nicht. Etwas passt nicht rein. Zu dem, was nicht reinpasst, gehört, wie in den meisten Ankündigungen betont wird, der jugendliche Protagonist, auch wenn der sich nicht besonders auffällig verhält. Dass er nicht viel spricht, nicht schwimmen gehen will (später schwimmt er doch), und dass ihn die meisten in der Gruppe am Flussufer nicht kennen, macht aus Simon (Leo-Konrad Kuhn) noch keine Ausnahme. Auch nicht, dass er sich zu Beginn des Films aus dem Sportunterricht und dem Umfeld einer Schule entfernt, dass er dann irgendeinen Zug nimmt und in ein offenbar vertrautes Haus einsteigt, in dem sich die Hauskatze nicht blicken lässt. Der Fleck wird nicht durch Handlungen oder Äußerungen der Figuren markiert, sondern durch den Blick, der sich auf sie richtet, sowie durch die Blickbewegung, die aus der Reise durch den Nachmittag eine beklemmende Erfahrung macht.
Etwas irritiert. Dabei tun die Figuren nur, was Filmfiguren eben tun, wenn sie als jung, verpeilt, gelangweilt, sehnsüchtig vorgestellt werden. Sie wechseln kurze Blicke und Sätze, sie hängen ab; manchmal küssen sich zwei, einer erzählt eine komische Geschichten ohne Pointe; und wo sie eine Verabredung treffen, ist dies entweder eine einfache oder eine sehr komplizierte Angelegenheit. Der Sommer bedeutet Zwischenzeit, Aufschub. Was sie danach vorhaben, wissen die meisten nicht. Aber falls sie deshalb beunruhigt sein sollten, ist davon die meiste Zeit nicht viel zu sehen. Der Ball am Kopf war nicht so gemeint, die körperlichen Übergriffe gestalten sich moderat, und wo sie stattfindet, bleibt die Ausgrenzung verhalten und auf ein paar Unterlassungen beschränkt (kein Sandwich für Simon).

Dafür wächst das Gefühl der Beklemmung. Nicht auf Seiten der Figuren, von denen sich zwei irgendwann in Bewegung setzen und von da an im Terrain vague zwischen Autobahnbrücke und Flussufer unterwegs sind. Sondern auf Seiten derjenigen, deren Blick an den der Kamera (spektakulär: Paul Spengemann) angeschlossen ist, und denen durch diese Kamera vermittelt wird, dass etwas zurückblickt: aus dem Wald, dem Dickicht, von der anderen Seite des Flusses, aus der Tiefe der Höhlen, aus der Distanz und gelegentlich aus der Nähe. Die Gruppe am Flussufer ist nicht allein, so viel steht fest. Unklar hingegen ist, ob der Blick, der in einzelnen Einstellungen beinahe personalisiert wirkt (Augenhöhe etc.), um in anderen wie losgelöst durch die bukolische Kulisse zu wandern, mit einer Instanz kurzgeschlossen werden könnte, und was er bereithält. (Auch die Figuren haben Augen, und manchmal richten sie den Blick direkt in die Kamera.)
Der Horror, der in der Welt wohnt und wartet, ist in wenigen Filmen so behutsam kartiert worden wie in "Der Fleck". Im Kino hat er noch die meisten Jugendlichen eingeholt, in diesem besonderen Debüt hingegen bleibt er suspendiert, in die andere Zeit und den anderen Raum eingelassen, die sich über den Nachmittag hinweg entfalten. Von Peter Weirs "Picknick at Hanging Rock" (AUS 1975) über David R. Mitchells "The Myth of the American Sleepover" (USA 2010) und Fabrice Goberts "Simon Werner a disparu" (FR 2010) bis zu den Bühnen-Inszenierungen von Gisèle Vienne ließen sich verschiedene Szenarien nennen, zu denen die Welt am Flussufer eine Beziehung unterhält. Interessanter indes ist die Kontinuität, die zwischen ihr und dem Kurzfilm "Das satanische Dickicht - Eins" besteht, den Willy Hans und Paul Spengemann bereits 2013 fertiggestellt haben, und der, mit einer Werbeunterbrechung, auf Amazon gesehen werden kann.
Das Unheil, die Bedrohung sind in beiden Filmen gegenwärtig. Ebenso die Aufladung der Dinge, Orte, Perspektiven, in denen etwas arbeitet, das sich nicht konkret machen lässt, aber die Wahrnehmung des Geschehens affiziert. In beiden Filmen spielen Gruppen eine Rolle, in beiden bleiben sie überschaubar; die Kamera hat ihre Interaktionen im Blick, ohne an ihnen zu kleben, und immer wieder befasst sie sich stattdessen mit der Umgebung, dem Wasser, dem Wald, einem seltsamen Gebilde aus Ästen ("Blair Witch") oder dem abgestellten Sofa auf einer Böschung, das allem Anschein nach noch in Gebrauch ist. Wer diese Filme sieht, will lieber nicht wissen, wie es mit den Figuren weiter geht: Das sollte als ein Kompliment verstanden werden, zumal die Neugier auf alles, was dieser Regisseur zwischen 2013 und 2024 gedreht hat, umso größer ist.
Stefanie Diekmann
Der Fleck - Schweiz, Deutschland 2025 - Regie: Willy Hans - Darsteller: Leo-Konrad Kuhn, Alva Schäfer, Shadi Eck, Darja Mahotkin, Charlotte Hovenbitzer - Laufzeit: 94 Minuten.
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